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Der freie Geist bewegt sich selbst

In einer Kleinstadt an der Mosel wird die Zukunft akademischen Lernens ­geprobt. Alex Capistran besuchte die neugegründete, malerisch gelegene »Cusanus Hochschule« – und blieb am Ende gleich zum Studieren da.

von Alex Capistran , erschienen in 34/2015

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© Foto: Lukas Bäuerle

Bernkastel-Kues schläft noch an diesem Morgen, eigent­lich schläft es – verglichen mit wohl jeder anderen Uni-Stadt – fast immer. Die Glocken der mittelalterlichen Kirche läuten die zahlreichen Winzer und Touristen aus dem Schlaf, und seit neuestem auch eine Handvoll Studierender. Ich wollte nur zum Schnuppern hier sein. Seit mir jemand vor zwei Jahren von diesem neuen Uni-Projekt erzählte, zieht es mich an. Jetzt, wo ich da bin, merke ich, dass der Ort mir kaum eine Wahl lässt: Die Begegnungen, der Geist, die Umgebung lassen mich im Nu vom Schnuppern zum beherzten Aufsaugen übergehen.
In einer stillgelegten Jugendherberge hoch über dem Moseltal kommen Lukas, Theresa, Sarah, Manu, und wie sie alle heißen bei zünftigem Bio-Müsli-Frühstück in den Tag hinein. Dann, nach und nach, setzen sich kleine Gruppen von Studenten Richtung Tal in Bewegung. Als Langschläfer haste ich mit meiner Kaffeetasse hinterher. Der Weg an Weinstöcken vorbei führt zum Marktplatz, wo die »Cusanus Hochschule« im Rathaus eine Etage zur Verfügung hat. Eine Tür tiefer kann man beim »TÜV Rheinland« abbiegen. Wer im ­Niveau steigt, wird von einem Banner empfangen, auf dem ein Spruch des Mittelalterphilosophen Nikolaus von Cues (oder auch Cusanus) zu lesen ist: »Der freie Geist bewegt sich selbst.« Nikolaus wurde 1401 in dem Moselstädtchen geboren – die Hochschule versteht sich als Projekt in seinem Geist: Er war ein Mensch, der die pragmatische Realität mit Geist und Bewusstsein in beeindruckender Weise zusammengebracht hat. Geistig anspruchsvoll sind auch die Uni-Tage hier, denn da alle Studiengänge in Blöcken von zumeist fünf Tagen unterrichtet werden, wird von morgens um neun bis abends um sieben gelernt. Dafür gondeln die wissbegierigen Cusaner etwa alle vier Wochen aus allen Richtungen zur Hochschule – außer denjenigen, die gleich hier wohnengeblieben sind. Morgens vor dem Seminar kann, wer lustig ist, eine halbe Stunde mit Chorleiter und Student Jakob Lieder singen. Im Seminar sitzen alle  um einen Tisch, rund wie der Erdkreis, und sprechen über die Geschichte der Ökonomie oder büffeln Philosophie. Es wird viel gelacht, es geht sehr herzlich zu, der Studiengangsleiter des Philosophie-Studiums, Harald Schwaetzer, erklärt »die synthetische Vorgängigkeit des Dackels« – was auch immer das sein mag. Irgendwann ist Mittagessen, alle Studierenden und Dozenten finden sich zusammen, jede Seminargruppe ist mal mit Kochen dran. Es ist Juli und unvorstellbar heiß, also gehen wir, bevor der Nachmittagsblock beginnt, in der Mosel schwimmen. Ich bin erstaunt, wie allein die Umgebung Lust auf Lernen macht und ich mich fast schon frühlingsgefühlshaft wie von selbst in die Inhalte und Begegnungen vertiefe. An der »Freien« Universität Berlin, der ich meinen Bachelor abgerungen habe, fühlte ich mich eher wie ein Spargel im Weltraum.

Der idealistische Funke und der Zunder
Die Cusanus Hochschule entstand aus einem Mangel heraus. »Mit meinem Bachelor-Studium war ich ziemlich unzufrieden«, sagt die Ökonomie-Studentin Tanja, und nicht nur ihr geht es so. Es ist ein Tenor, der bei nahezu allen Studierenden mitschwingt. Professor Harald Schwaetzer, der die Uni mitgegründet hat, stellt fest: »Wenn ich mir konventionelle Modul­handbücher anschaue, kommen Studenten und sogar Dozenten darin nur als eine Art Handlanger des Wissens vor.« Auch Dozenten können mit so einem System unzufrieden sein: »Für mich war es unzumutbar, als Lehrender letztlich austauschbar zu sein: Wie bei einer Maschine muss immer jemand dastehen und schauen, dass der Laden läuft.« Das habe sich mit den Bologna-Reformen noch verschlimmert. Ich selbst habe genau unter dieser Austauschbarkeit und gehetzten Empathielosigkeit meines Massen-Uni-Bache­lorstudiums in Berlin gelitten. In Bernkastel-Kues soll es nun anders gehen. Doch wie sieht das konkret aus?
»Bei uns ist der gesamte Prozess wichtig«, erklärt Harald Schwaetzer. »Es geht nicht so sehr um die Fähigkeiten, die jemand hat, sondern um die Person, die jemand wird, und darum, sich selbst als verantwortlich Handelnden herauszubilden und gesellschaftlich relevante Dinge anzustoßen.« Dabei werden Fragen wichtig, die an anderen Hochschulen gar nicht gestellt werden: Wie können wir Freiräume fürs Querdenken und kreatives Tätigsein schaffen? Wie können wir Bildung als einen ergebnisoffenen (Selbst-)Veränderungsprozess fördern? Welche Gemeinschaftlichkeit ist dafür notwendig? Den Cusanus-Studenten nehme ich diese Fragen wirklich ab – an den Unis in Berlin und Leipzig hingegen habe ich zwar fachlich virtuose Studierende und Lehrende gesehen, aber jede und jeder kochte ihr und sein Karriere-Süppchen, ohne wirklich Raum für Begegnung oder für die Entwicklung zukunftsfähiger gesellschaftlicher Perspektiven zu haben. Tanja bringt diesen Unterschied auf den Punkt, wenn sie ihr vorheriges Studium resümiert: »Im Prinzip waren das fast die gleichen Inhalte wie hier, nur dass sie überhaupt nicht in persönliche und gesellschaftliche Fragen eingebettet wurden.«
Die Cusanus Hochschule ist wahrscheinlich die einzige Universität im deutschsprachigen Raum, die explizit an einer ökologisch-sozialen Gesellschaftstransformation ausgerichtet ist und dafür reflektierte, wissenschaftliche Wege finden möchte. Das ist in meinen Augen ihr entscheidendes Merkmal. Die Gemeinschaftlichkeit und die Wertschätzung des Individuellen gibt es vermutlich auch an irgendeiner Elite-Privatschule. Mich fasziniert, wie Arbeitsweise und Inhalte durchaus denen konventioneller Studiengänge ähneln und doch durch ein paar sinnvolle Einbettungen und Strukturänderungen ein komplett anderer Lerngeist entsteht.

Hochschule neu denken
»Die letzten zwei Jahre waren enorm strapaziös«, sagt Harald Schwaetzer, als ich mehr über die Entstehungsgeschichte der Universität erfahren möchte. »Alle Beteiligten, von Studierenden bis zu Verwaltungsangestellten, waren so erleichtert, als endlich diesen Mai der Bescheid vom Kultusministerium ­hereingeflattert kam: ›Staatlich anerkannte Hochschule in freier Trägerschaft‹ darf sich die Cusanus-Uni nun nennen.« Schon ein paar Monate vorher waren ihre Bachelor- und Masterstudiengänge offiziell bestätigt worden. Erstaunlicherweise hatte der Ökonomie-Studiengang bereits Anfang 2014 – vor der Anerkennung – begonnen. Die Lernenden waren intrinsisch so motiviert, dass sie sich bereiterklärten, im Rahmen eines »Zertifikatsstudiums« anzufangen. In dieser Zeit wuchsen sie zu einer Gemeinschaft zusammen: »Wir sind wahrscheinlich die erste Hochschule, die einen Studierenden­verein hatte, bevor sie überhaupt eine Hochschule wurde«, lacht Harald Schwaetzer. Eine wesentliche Hürde im Anerkennungsprozess war es, die Prinzipien der Hochschule im pädagogischen, partizipativen und administrativen Bereich mit denen des Landeshochschulgesetzes in Einklang zu bringen. »Was in unseren Modulhandbüchern steht, darf man nicht eins zu eins nehmen,« höre ich von einer Studentin. »Alle Lerninhalte genau zu quantifizieren, ist mit einem wirklichen Bildungsprozess nicht vereinbar.« So verhält es sich in vielen Belangen. Es war im Sinn der Partizipation ein Anliegen der Gründer, dem Hochschulrektorat nicht wie üblich weitgehend unbeschränkte Befugnisse zuzugestehen. Also griff man zu einem Trick: Durch eine komplizierte Verschachtelung der ­Rechtsformen, eine gemeinnützige GmbH, eine unselbständige Stiftung und einen Treuhänder, die sich mehr oder weniger gegenseitig aushebeln können, kann kein Machtgefälle zwischen den Institutionen entstehen. Harald Schwaetzer fasst zusammen: »Da die meisten Hochschulen staatlich, die anderen eher privatwirtschaftlich orientiert sind, gab es keine Vorbilder für uns; wir mussten auch die Rechtsform Hochschule neu denken.« Die Studiengänge selbst sind ebenfalls eigenwillig konzipiert: Momentan lässt sich ein Masterstudium in Ökonomie und eines in Philosophie absolvieren. Ab 2016 starten auch entsprechende Bachelor-Studiengänge. Was die Studiengänge ausmacht, ist ihre hohe Praxiskomponente und ihre humanistische Orientierung: Das reguläre Fachstudium umfasst nur etwa die Hälfte der Studienzeit, der Rest verteilt sich auf eigene Praxisprojekte, Reflexionsmodule und die »Studia huma­nitatis«. Letztere, das Herzstück des Studiums, sind Seminare, in denen sich die Beteiligten intensiv mit der Bedeutung von Bildung und der eigenen Biografie auseinandersetzen. Diese Themen werden an normalen Unis in die Zeit abends in der Studentenkneipe verdrängt. Hier jedoch ist es unwahrscheinlich, dass ein Ökonomie-Master-Absolvent darum herumkommt, sich mit Schillers Freiheitsbegriff und dessen Auswirkungen auf das eigene Leben auseinanderzusetzen. Ich unterhalte mich mit einigen Ökonomiestudenten und bin verblüfft, wie viel sie über die Geistesgeschichte wissen. Nur bei der Finanzierung bekomme ich Sorgenfalten: Finanziell bewegt sich hier ein Studium im Bereich einer Privatuni, 600 Euro Studiengebühren im Monat sind es offiziell. Allerdings sind die Studiengänge Bafög-bezugsfähig, und die Hochschule kann fast allen Masterstudierenden, die in diesem Herbst anfangen, ein Halbstipendium zur Verfügung stellen. Zusätzlich ermöglicht der Studierendenverein durch Einwerbung von Spenden Zuschüsse an bedürftige Studierende. So müssen die am Ende nur 300 oder 100 Euro im Monat selbst aufbringen. »Niemals sollen finanzielle Gründe Studierende hindern, bei uns anzufangen. Es finden sich immer Lösungen«, weiß Harald Schwaetzer, und betont, dass Menschen, die größere Spenden geben, keinen wirtschaftlichen oder inhaltlichen Einfluss nehmen können: »Wir wollen keinen Großsponsor«, macht er klar. »Die Cusanus Hochschule ist eher ein moderner Bettelorden.«

»Da gibt’s noch viel Musik«
Ein passendes Gerüst zu bauen, ist schon viel. Seinen Sinn erhält das ganze Unternehmen aber erst durch die Menschen, die es mit Leben füllen. In den Seminarpausen lerne ich die vielfältigen Hintergründe der Studierenden kennen: Es gibt Landwirtinnen, Chorleiter, Bildhauer, ehemalige Teilnehmer des freien Uni-Experiments Stuttgart, einige Volks- und Betriebswirte. Elisabeth hat –
anders als so mancher Cusaner – keine Waldorfschule oder anthroposophisch orientierte Hochschule besucht, sondern nach ihrem »Food-Management«-Studium in einer Steuerkanzlei gearbeitet. »Ich hatte immer viele Gedanken, mit denen ich mich in Studium und Arbeit nicht beschäftigen konnte. Aber seitdem ich hier bin, floriert die Kreativität, und ich habe neue Lebenslust.«
Die Glocken haben inzwischen den Seminartag ausgeläutet, und wir sind allesamt wieder hinauf zur Jugendherberge gegangen. Einige haben noch an einem nahen Wasserfall Halt gemacht und sich erfrischt. »So ein Studentenleben ist fast kitschig«, denke ich, blinzle die untergehende Sonne über dem Tal an und gieße mir ein erstes Glas Roséwein ein. Ob die Cusanus Hochschule für jeden etwas sein könnte? Laut Elisabeth verlangt dieser Ort schon »jemanden, die oder der am eigenen Menschenbild arbeiten möchte, sich also auch wirklich selbst verändern will.« Die anderen wollen das Ganze bedingungsloser darstellen, aber Elisabeth besteht darauf: »Es fordert Mut, ich musste mich zum Beispiel vor meinen alten Arbeitskollegen rechtfertigen, warum ich die Sicherheit eines guten Jobs aufgebe. Vielleicht ist ›einmütig‹ ein gutes Wort, das heißt, dass alle, die hier studieren, eine Art Mut vereint.« Obwohl ich noch nicht weiß, wie ich die Finanzierung aufbringen soll, fasse auch ich in diesen Augenblicken beim Abendwein den Mut, bei ­diesem quirlig-lebendigen Projekt dabeizusein.
Wohin kann die Cusanus Hochschule sich noch entwickeln? Ich bitte Harald Schwaetzer zum Abschluss um eine realistische und eine etwas utopische Wunschprognose. Er sagt: »Was schon viel wäre: Wir gelten in fünf Jahren als anerkannte Institution, und das Ganze lebt auch wirklich, wir machen öffentliche Veranstaltungen, es gibt viele Bürgerstudenten. Und etwas weiter geträumt: In zehn Jahren ist Bologna weg, und der Wissenschaftsbegriff hat sich verändert. Aber bei dieser Frage gibt es noch viel Musik.«
Für Johanna aus dem Philosophiestudiengang sind »die Menschen, die hier vorbeigekommen sein werden«, am bedeutungsvollsten. Am Ende der Tage bin auch ich mir sicher: Ich möchte noch oft zum Studieren vorbeikommen! •

 

Alex Capistran (24) lebt in Leipzig und interessiert sich für alternative Bildungsformen, Theater und Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens. Er studiert »Philosophie und Spiritualität« an der Cusanus Hochschule.

Bei der Pionier-Hochschule mitdenken:
www.cusanus-hochschule.de
www.cusanus-studierende.de
Zur Zukunft menschenfreundlicher Hochschulgestaltung organisiert die Cusanus Hochschule eine Herbstakademie: www.kurzlink.de/Cusanus-Einladung

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