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Der ökonomische Wandel greift um sich

Geseko von Lüpke sprach mit Ute Scheub, Co-Autorin des Buchs »Glücksökonomie«, über alternative Wirtschaftsmodelle.

von Geseko von Lüpke , Ute Scheub , erschienen in 34/2015

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© Foto: privat

Ute, in deinem gemeinsam mit Annette Jensen verfassten Buch sprichst du von »Glücksökonomie«. Das klingt mehr nach Bhutan im Himalaya, wo versucht wird, das Brutto-Nationalglück zu erreichen. Was ­bedeutet Glücksökonomie hierzulande?

Im Bauch des alten Kapitalismus wächst eine neue Ökonomie heran, die viele Gestalten hat. Wir haben sie »Glücksökonomie« getauft, weil alle Formen von kooperativem und ökosozialem Wirtschaften Menschen nachweislich glücklicher machen. Angst­getriebene Konkurrenz macht sie gemäß vielen Studien hingegen unglücklicher.

Die Glücksforschung fragt seit Jahren: Was ist das Glück, wonach wir alle streben? Sind die Wege und Methoden unserer westlichen Welt dafür erfolgreich?

Die Ergebnisse der repräsentativen Glücksumfragen weltweit zeigen, dass materieller Besitz nur extrem Arme glücklicher macht. Ab einer bestimmten Einkommensschwelle von etwa 25 000 Dollar im Jahr sinken Lebenszufriedenheit und das Glück sogar. In den USA und Deutschland hat sich in den letzten 50 Jahren das Bruttoinlandsprodukt vervielfacht, während die Lebenszufriedenheit zunehmend sinkt. Ein Grund dafür ist, dass Menschen immer einsamer werden. Es ist nicht mal ein Nullsummenspiel, es ist ein Minusspiel für alle: Auch Superreiche sind kaum glücklicher; sie verbunkern sich in schwerbewachten Villen und haben Angst, dass ihre Kinder entführt werden. Ständiges Wirtschaftswachstum ist nicht nur ökologischer Wahnsinn, es befeuert auch die Ungleichheit, die wie ein Schadstoff ist, der ganze Gesellschaften durchdringt.

In der westlichen Welt ist heute der Verkauf von Antidepressiva einer der wenigen fortschreitenden Wachstumsmärkte. Ist das die Konsequenz daraus, dass wir hier in punkto Glück eine Rezession erleben und neue Konzepte überlegen müssen, die vielleicht aus den Ländern des Südens kommen?

Ich sehe etliche neue Impulse tatsächlich aus dem Süden kommen, etwa aus Bhutan, Südafrika oder Lateinamerika. In Bolivien und Ecuador wurde das indigene Konzept des »Buen Vivir« als politisches Ziel in der Verfassung verankert. Üblicherweise wird es mit »Das gute Leben« übersetzt, aber das Konzept ist umfassender. Es beinhaltet die Vorstellung von einem Leben in Einklang mit der Natur und der Gemeinschaft. Die linken Regierungen von Bolivien und ­Ecuador finanzieren ihre Sozialprogramme jedoch ebenfalls durch Natur- und Ressourcenausbeutung, was viele indigene Gesellschaften erbost. Dies widerspricht dem Grundgedanken des Buen Vivir, wo die Natur eigene Rechte besitzt – ähnlich wie Menschen die Menschenrechte –, wo »Fortschritt« und »Entwicklung« als westliche Vorstellungen eines linearen Zeit­modells abgelehnt werden, und wo es um ein gutes Leben für alle Lebewesen geht.

Ist das ein weiterer Appell zu mehr Genügsamkeit und Verzicht, den niemand hören will?

Bloß nicht, das wäre ein großes Missverständnis! Die Initiativen, die wir für unser Buch besucht haben, leben von der Fülle und müssen auf nichts verzichten. Lebensgemeinschaften, Ökodörfer – all diese Projekte, die mehr oder weniger ganzheitlich wirtschaften – merken schnell, wie viel Fülle zusammenkommt, wenn Menschen ihre Fähigkeiten entfalten. Nur der Kapitalismus predigt, dass an allem Mangel herrscht. Damit wird der Konsum der Waren angeheizt, die verkauft werden sollen. In meinen Augen ist das eine große Lüge.

Ist eine zentrale Achse der Wechsel von ­Lebensstandard zu Lebensqualität?

In vielen Ökodörfern sinken der materielle Lebensstandard und der ökologische Fußabdruck, während die Lebensqualität gleichzeitig steigt – weil die Menschen soziale Sicherheit empfinden und viel mehr Optionen haben. Natürlich müssen die Leute ­balancieren, weil sie oft mit einem Bein in der alten Wirtschaft stehen, mit dem anderen Bein aber schon in der neuen – sie bauen etwa ein Unternehmen auf, das sich den Werten der Gemeinwohlökonomie verpflichtet, oder praktizieren Commons-Wirtschaft, wo es nicht mehr um das Tauschen von Waren gegen Geld geht, sondern um gemeinschaftliches Beitragen und Teilen.

Welche Modelle für eine Wirtschaft jenseits des Tauschens gibt es denn? Funktioniert das nicht vor allem im Bereich Software?

Ein schönes Beispiel, das zwar auch Software nutzt, aber in die reale Welt hineinreicht, ist »Open Source Ecology«. Da hat jemand gesagt: »Wir brauchen, um ein Dorf aufzubauen, insgesamt 50 Maschinen – ­modular, reparaturfreundlich und energieeffizient. Lasst uns die weltweit zusammen entwickeln und die Pläne für alle zugänglich ins Internet stellen.« Es sind jetzt gut ein Dutzend Maschinen fertig: Ein Traktor zum Beispiel, der einen Motor hat, den man in alle anderen Maschinen auch einsetzen kann. Die ganze Sache kostet etwa ein Achtel von Markengeräten.

Ein Kapitel von »Glücksökonomie« heißt »Vom Homo oeconomicus zum Homo cooperativus«. Was für eine Spezies ist das?

Das ist der uralte Mensch, der in der afrikanischen Savanne entstand und genau weiß, dass er nicht ohne alle anderen überleben kann. Kooperation ist ein universelles Prinzip: Die Natur hat sich von Einzellern zu Mehrzellern entwickelt, die sich zu immer größeren Verbünden zusammenschlossen. Viele heutige Naturforscher und Naturphilosophinnen sagen: Kooperation ist das prägende Prinzip in der ganzen Evolution, nicht Konkurrenz. Selbstverständlich gibt es Konkurrenz, aber sie ist untergeordnet.

Das klingt wie eine andere Weltsicht, die noch im Embryonalzustand ist. Welchen Stand nimmt sie ein in einer Realität, die von Globalisierung, Ausbeutung, von allgegenwärtigem Wettbewerb geprägt ist?

Wenn ich wüsste, wann dieses Kind zur Welt kommt, wäre ich glücklich! Ich glaube, dass das von schwer kalkulierbaren Prozessen abhängt. Arundhati Roy sagt das so schön: »Eine andere Welt ist möglich. Sie ist bereits im Entstehen. An stillen Tagen kann ich sie atmen hören!« Sie wächst im Bauch des alten Systems heran – aber wir wissen nicht, wann sie sichtbar geboren wird. Wir geraten im alten System von einer Krise in die andere. Der nächste finanzielle Kollaps wird kommen, der Umweltkollaps, der soziale Kollaps. Das System wird immer weniger steuerbar, immer chaotischer. Die Systemtheorie weiß: Manchmal bedarf es nur des Flatterns eines Schmetterlings, und das System kippt – ins Negative oder Positive.

Heute stecken angebliche Menschenfreunde riesige Summen in Wirtschaftsprojekte, von denen sie glauben, dass sie die Menschheit voranbringen und alle glück­licher machen – Larry Page, Bill Gates, Mark Zuckerberg, Jack Dorsey und Konsorten. Ingenieure schrauben an Genen, Atomen und Frackingtechniken – sie alle wollen das Beste für die Zukunft und sind aufs Engste mit den politischen Mächten verbunden. Glaubst du, dass wir sie erreichen können?

Nein, natürlich nicht, denen geht es um zwanghafte Kontrolle. Sie wollen die Herrschaft über eine aus den Fugen geratene Welt behalten, aber es wird ihnen nicht gelingen! Ihre Supertechnik, ihr Superreichtum bringt nur immer neue Krisen hervor, weil sie die Krisenursachen nicht beseitigen, sondern verstärken. Beliebiges Beispiel: Die Stiftung von Bill Gates fördert Gentech-Anbau in Afrika. Banken, Pensionsfonds, Versicherungsgesellschaften rauben kleinbäuerlichen Familien dafür das letzte Land und lassen dort pestizidresistenten Genmais anbauen. Menschen, die ihr Auskommen hatten, hungern nun, flüchten in städtische Slums oder nach Europa. Ohne Beschneidung der Macht westlicher Agrokonzerne, ohne neue Zukunft für Kleinbauern wird es kein Ende der Flüchtlingswellen geben. Irgendwann werden das selbst die politischen Eliten Europas merken.

Die derzeit dominanten Systeme sind hier­archisch und zentralistisch. In der Glücks­ökonomie scheint es jedoch eher um Dezentrales, Egalitäres zu gehen. Reiben sich diese neuen Formen nicht massiv am Bestehenden, vor allen an den weltweit verbreiteten ­totalitären Systemen?

Wie sich Gesellschaften in Nordkorea oder China verändern lassen, können nur die dort lebenden Menschen beantworten. Aber auch China stößt nun massiv an die Grenzen des kapitalistischen Wachstums: Die Börse stürzt ab, die Leute in Peking können nicht mehr atmen, Land, Wasser und Lebensmittel sind breitflächig vergiftet. Selbst dort entstehen nun Initiativen der solidarischen Landwirtschaft: Bauern und Stadt­bewohnerinnen tun sich unter Ausschaltung von Staat und Markt zusammen und planen gemeinsam, was angepflanzt werden soll. Diese neuen Formen können den alten Kapitalismus so durchwuchern, dass sie ihn irgendwann obsolet machen.

Wie soll das deiner Meinung nach konkret geschehen?

Eine wichtige Strategie scheint mir, dass sich Produzierende und Konsumierende zu Prosumierenden zusammentun – dass sie ­gemeinschaftlich herstellen, was zum Leben wichtig ist. Das ist ein neuer Weg jenseits von Kapitalismus und Staatssozialismus. Auch eine Mischwirtschaft halte ich für gut, ein neues Bündnis von kapitalistischen Privatbetrieben mit ­Genossenschaften, Sozialunternehmen und unkommerziellen Projekten. Die kapitalistische Realwirtschaft hat nämlich – im Gegensatz zur Finanzindustrie – Interesse an stabilen Verhältnissen. Hauptsache, die monokulturelle Macht der ­Finanzindustrie und der transnationalen Konzerne wird gebrochen – und die Macht der Patente zugunsten des Prinzips »Copyleft«. Ein anderes Wirtschaften ist heute möglich und macht uns glücklicher, weil es uns mit Sinn erfüllt. Das Wort »Sinn« entstammt dem althochdeutschen »sinnen«. Das bedeutet »eine Reise machen«, »eine Fährte suchen«, »eine Richtung einschlagen«.

Wenn eine neue Ökonomie mit ihren Graswurzeln die Welt schon durchzieht – ist das eine Wende, die schon längst stattfindet, während wir in einem Kollaps leben, der auch schon längst begonnen hat?

Wir werden die nächsten Jahre und Jahrzehnte nur »Krise, Krise, Krise, Krise, Krise« hören. Die alten Eliten wissen nicht mehr, wie man die Schulden- oder Klima- oder Ressourcen- oder Flüchtlingskrisen lösen kann, besonders, wenn diese sich überlagern. Der Kollaps ist schon im Gange, aber die neue Welt entsteht. Wir alle können sie voranbringen, indem wir das Neue sichtbar machen. Teilen, tauschen, gemeinsam nutzen statt einsam zu kaufen – das greift um sich. In jeder beliebigen Stadt steht heute eine Bücherbox, wo man Bücher hinbringt, die man ausgelesen hat, und sich andere her­ausnehmen kann. Das sind Anzeichen des Wandels. Die Frage ist, ob das Neue im richtigen Maß rechtzeitig kommt. Diese Frage kann ich auch nicht beantworten.

Vielen Dank, Ute, für das Gespräch!•


 

Ute Scheub (60), Journalistin, Politologin und Autorin. Sie ist Mitbegründerin der Tageszeitung taz, für die sie viele Jahre als Redakteurin tätig war. www.utescheub.de

Geseko von Lüpke (56), Politologe und Ethnologe, Journalist und Autor zahlreicher Bücher über Nachhaltigkeit und Bewusstseinswandel, Visionssuche-Leiter.

Mehr von Ute Scheub lesen:
Annette Jensen, Ute Scheub: Glücksökonomie. Wer teilt, hat mehr vom Leben. oekom, 2014 • Ute Scheub: Ackergifte? Nein danke! thinkOya, 2014 • Ute Scheub, et al.: Terra Preta. Die schwarze Revolution aus dem Regenwald. oekom, 2013

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