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Zusammenspiel der Strategien

Dagmar Embshoff, Silke Helfrich, Nina Treu, Thomas Deterding, ­Thomas Dönnebrink und Ingo Frost ­stehen für alternativ-ökonomische Konzepte ein. Johannes Heimrath und Lara Mallien ­sprachen mit ­ihnen über das Zusammenwirken ihrer unterschiedlichen Strategien.

von Dagmar Embshoff , Ingo Frost , Johannes Heimrath , Lara Mallien , Nina Treu , Silke Helfrich , Thomas Deterding , Thomas Dönnebrink , erschienen in 34/2015

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© Foto: Ines Lindenau

Johannes Heimrath In letzter Zeit beobachte ich einen wachsenden Dialog zwischen verschiedenen Bewegungen im Bereich alternativer Ökonomien. Ihr alle vertretet solche Richtungen und habt euch im »Nürnberg-Netz« zusammengefunden, um zu erforschen, ­welches Potenzial im Austausch und in der Kooperation über die Grenzen eurer Szenen hinweg liegt. Was sind eure Motive, das zu tun? Was sind eure unterschiedlichen Stand- und Ausgangspunkte?

Nina Treu Mich treibt seit vier Jahren das Thema Postwachstum um. Gemeinsam mit anderen habe ich das »Konzeptwerk neue Ökonomie« gegründet, einen Verein, der versucht, Ansätze für eine soziale, ökologische und demokratische Wirtschaft greifbar und für viele Leute interessant zu machen. Mir ist es auch sehr wichtig, wie Menschen wohnen und ihren Alltag bestreiten. Gerade sitzen wir in dem Haus, in dem ich wohne. Der Ladenbereich im Erdgeschoss heißt »Handstand und Moral«. Hier finden Veranstaltungen und Partys statt.

Silke Helfrich Ich war sehr lange in der Entwicklungszusammenarbeit in Mittelamerika unterwegs und bin dort auf Begriffe wie »Biopiraterie« und »Enclosure« bzw. »Einhegung« gestoßen, also die systematische Trennung der Menschen von Ressourcen durch beides: Markt und Staat. Mit der Zeit ist mir bewusst geworden, dass es weit über die Kritik an der Privatisierung hinausgeht, wenn die Überwindung des Prinzips »Einhegung« auf der Tagesordnung steht. So bin ich zu den Commons gekommen, und mir wurde klar: Das ist etwas Uraltes, das ist interkulturell, es geht dabei nicht nur um eine andere Ökonomie, sondern auch um eine andere Lebensform, um die Tiefe sozialer Beziehungen – um das Ganze des Lebens.

Thomas Deterding Ich bin seit meiner Jugend politisch aktiv, zunächst habe ich mich für direkte Demokratie engagiert. Auch bei der ­Gemeinwohl-Ökonomie wird dieser Ansatz stark vertreten. Hier geht es darum, gemeinsam mit den ­Bürgerinnen und Bürgern ein neues Wirtschaftssystem aufzubauen und die beiden Sphären »Wirtschaft« und »Gesellschaft« wieder zusammenzubringen, also die Unternehmen so in die Gesellschaft zurückzuführen, dass deren Verantwortung dort deutlich gespiegelt wird.

Dagmar Embshoff Mich hat als Jugendliche das selbstbestimmte Entwickeln von Projekten in der Umweltbewegung fasziniert. Dieses basisdemokratische Miteinander gleichberechtigter Menschen nach dem Prinzip »Kooperation statt Konkurrenz« spiegelt sich auch in meinen heutigen Vorstellungen über eine solidarische Ökonomie. Der zweite wesentliche Aspekt ist für mich »Sinn statt Gewinn« – also nachzufragen, was Menschen wirklich brauchen und wie es auf naturschonende Weise hergestellt werden kann. Im Bereich Lebensmittel passiert schon sehr viel, aber wie lassen sich auch für komplexere Geräte solidarische, regionale Produktions­ketten aufbauen? Solche Fragen möchte ich auf dem Kongress »­Solikon«, den ich mitorganisiere, voranbringen.

Ingo Frost Ich war ebenfalls lange in der Umweltbewegung aktiv. Wir haben es tatsächlich geschafft, ein Kohlekraftwerk zu verhindern, aber in mir war immer die Frage, was mit den Hunderten ­anderen ist, die in den nächsten Jahren weltweit gebaut werden. Wer sich ernsthaft mit der globalen Entwicklung befasst, kann fast nur ­depressiv werden. Mir ist das zum Glück nicht passiert, denn ich bin auf die Transition-Town-Bewegung gestoßen. Ich habe mir in England verschiedene Projekte dieser Bewegung angeschaut und in Eberswalde eine Gruppe mit aufgebaut. Mich fasziniert, was sich vor Ort bewegen lässt, aber gleichzeitig sehe ich auch, dass sich die globalen Rahmenbedingungen ändern müssen.

Thomas Dönnebrink Ich bin vor drei Jahren auf das Thema »kollaborativer Konsum« – »Collaborative Consumption« – gestoßen und hatte das Gefühl, dass darin eine Menge Veränderungspotenzial steckt. Seitdem engagiere ich mich im Netzwerk »OuiShare«. Über den Konsum hinaus zum kollaborativen Wirtschaften zu kommen, wird für OuiShare immer wichtiger; es geht inzwischen auch um kollaborative Produktion und Finanzierung, um frei verfügbare Software, Hardware und Bildung, um Partizipation und Transparenz in Politik und vielen Bereichen. Aber wenn ich das System wirklich verändern will, muss ich bei der Geschichte, die wir erzählen, ansetzen. Wir brauchen einen anderen Mythos. Deshalb finde ich es sehr spannend, dass solche Kreise, wie wir im Nürnberg-Netz es sind, oder solche Veranstaltungen wie Solikon auf so vielen ­Ebenen ansetzen und zusammendenken, was früher getrennt war – das ist eine ganz neue Qualität.

JH In dieser »neuen« Qualität sind offenbar Austausch und gemeinsames Zusammenwirken trotz unterschied­licher Ansichten in viel stärkerem Maß möglich, als ihr es früher erlebt habt. Warum ist das so? Welche Prozesse müssten weiter verstärkt werden, damit dieser Ansatz der Diversität als Plus erkannt wird und nicht als etwas, das uns zersplittert?

SH Dazu möchte ich etwas Warnendes sagen: Diversität und Vielfalt sind gut und schön – aber müssen wir uns nicht vergewissern, dass wir uns paradigmatisch auf einer gleichen Ebene befinden, wenn wir mit anderen wirkungsvoll zusammenarbeiten möchten? Dass wir zum Beispiel Menschenbilder teilen oder die Frage, was Ökonomie eigentlich ist, ähnlich beantworten?

DE Alternative Ökonomie in Deutschland gibt es ja schon mindestens seit den 1970er Jahren. Mir scheint, dass damals vieles gleichzeitig gewollt, aber oft nicht gelebt werden konnte. – Dieses »wir wollen eigentlich hierarchiefrei arbeiten« oder »wir wollen selbstbestimmter sein« war schwierig für eine Gesellschaft, die noch die Gewalterfahrung des Kriegs im Nacken sitzen hatte. Heute gibt es zwar auch Konflikte, aber viel mehr Instrumente, mit ihnen umzugehen, seien es gewaltfreie Kommunikation, Methoden aus der Mediation oder Moderation. Vor allem scheint mir über die Jahre eine andere Kultur des Zuhörens gewachsen zu sein.

IF Mir scheint aber nicht, dass das eine neue Tendenz ist, die vor allem von jungen Leuten vorangetrieben wird. Gerade auf der lokalen Ebene ist es spannend, genau hinzugucken, welche solidarökonomischen Betriebe und Projekte es seit Jahrzehnten vor Ort gibt.

NT Wichtig finde ich, in der Kommunikation zu differenzieren, wenn wir Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, ganz unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. Man kann nicht mit den gleichen Worten Leute aus verschiedenen Milieus und verschiedenen Altersgruppen erreichen.

JH Wenn wir schon bei den Wörtern sind, sollten wir auch das Wort »Zielgruppe« hinterfragen. Mir ist bewusst, dass du es nicht so meinst, aber oft wird es ja in diesem Sinn verwendet: Auf wen muss ich zielen, um eine Nachfrage zu schaffen, die mir Profit beschert?

SH Ja, Sprache geht sehr tief in der Wirkung. Deswegen wird in der Commons-Szene auch viel um Sprache gerungen, schließlich kommen wir allein in dieser Szene aus unterschiedlichen politischen Denktraditionen. Da gibt es das Konservative im erhaltenden, nachhaltigen Sinn zusammen mit der sozialen Gerechtigkeitsfrage und sogar der liberalen Tradition, aus der der Peer-to-Peer-Ansatz kommt. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir uns in dieser Vielfalt politisch auf etwas einigen können, aber ich glaube, wir müssen so eine Art »Zielkorridor« abstecken, in dem klar wird: Es geht um das Zusammenfallen der sozialen, der ökologischen und der Freiheitsfrage. Das gilt auch für das, was wir hier provisorisch »Nürnberg-Netz« nennen.

JH Auch du verwendest einen Begriff mit »Ziel«, den »Zielkorridor«. Ich möchte lieber von einem Gravitationszentrum sprechen, zu dem etwas hinströmt, in dem ein »seltsamer Attraktor« lockt. Das ist etwas anderes als eine Zielgruppe oder ein Zielkorridor, die letztlich im mechanistischen Denken bleiben. Was ich als Impuls aus den heutigen Bewegungen rund um alternatives Wirtschaften aufnehme, ist der Wunsch, wirklich miteinander zu kommunizieren, indem man Tiefe sucht. Ich meine damit nichts Romantisches, sondern vielleicht das Bild, so viel »Gewicht« zu erzeugen, dass etwas in die Tiefe rutscht und wichtige Gedanken nicht mehr davongeweht werden können. Ihr habt bisher immer betont, wie gut ihr euch versteht, deshalb interessiert mich: Wo sind die eigentlichen Knackpunkte? Welche Positionen erregen Protest bei der einen oder dem anderen von euch?

NT Dadurch, dass es uns von Anfang an ­darum ging, solidarisch das Positive suchend mit den anderen in Kontakt zu kommen, ist das eben gar nicht unser Zugang. Aber als Übung finde ich es super, dort mal hinzuschauen.

Lara Mallien Ein »Knackpunkt«, der mir in Diskussionen öfter begegnet, ist die Frage, ob ich mich mit meiner Strategie innerhalb oder außerhalb des Markts, der marktwirtschaftlichen Logik, bewege. Wie geht ihr mit diesem Unterschied um?

NT Wenn wir an die kapitalistisch organisierten Märkte denken, die Finanzmärkte, sind wir uns in einem Kreis wie diesem in unserer Kritik relativ einig, aber wenn es um die Frage geht, ob mensch überhaupt in Kategorien wie Geld und Waren denken soll, gibt es schon Unterschiede, zum Beispiel, wenn diskutiert wird: »Sollten wir Gemüse nur kooperativ anbauen – mit direkter Abnahme – oder es auch über den Markt verkaufen?« Ich denke, dass ein Gemüsemarkt kein Problem für eine solidarische Welt wäre. Wichtiger scheint mir zu sein, Vermögensungleichheiten zu beseitigen.

TDE Der Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie ist, für den Markt andere Bedingungen zu schaffen. Wie kann ein Marktplatz so organisiert werden, dass eine sozial-ökologische Transformation stattfindet?

SH Hm, »Markt« und »Marktplatz« – das sind für mich zwei verschiedene Dinge. Ich mache diesen Unterschied gern. Marktplätze wird es wohl immer geben. Aber die Ökonomien, die ich mir vorstelle und in denen es auch noch gemeinschaftlich kontrolliertes Geld geben wird, müssen von den anonymen Märkten, den »Marktmechanismen«, die sich hinter unseren Rücken vollziehen, getrennt sein. Ich halte es schon für eine zentrale Frage, ob du dich damit auseinandersetzen möchtest, diesen heutigen Markt, der das Produzieren von Waren quasi aus der Gesellschaft herausnimmt, menschlicher zu machen, oder ob du nach grundsätzlich anderen Wegen suchst. Die Gemeinwohlökonomie stellt ja die Warenproduktion für den Markt nicht in Frage, aber sie will eine kulturelle Transformation anstreben, indem sie Unternehmen bei ihrer Umgestaltung berät. Vielleicht ist das eine sinnvolle Transformationsstrategie …

JH Was ich jetzt unter euch beobachte – nämlich dass ihr trotz unserer Fragen bezüglich der Knackpunkte weiter nach dem Zusammenspiel eurer Strategien sucht –, ist für mich ein Beweis dafür, dass sich inzwischen tatsächlich etwas in der Art, wie Menschen die Realität betrachten, geändert hat: Es geht nicht mehr darum, ob A oder B falsch oder richtig sind. Es geht auch nicht mehr lediglich um ein Sowohl-als-Auch, sondern um Beziehung: A ist A und B ist B, und bedeutsam ist, wie beides miteinander in Verbindung, in Interaktion gerät. Das finde ich wunderbar, doch ich mache mir Sorgen, dass dabei der erste Schritt, der für das Entstehen von Beziehung wichtig ist, vernachlässigt wird: A und B genau anzuschauen. Wenn wir die Dinge nicht in ihrer Schärfe sehen, tappen wir wieder in eine Falle.

SH Na gut, dann schärfer: Die Gemeinwohlökonomie tut mit ihren Gemeinwohl-Bilanzen ja etwas, das heutigen Ökonomen sehr entspricht – sie misst und zählt andauernd irgendetwas. Für alles gibt es Punkte. So etwas trennt dich eher von dem, was wichtig ist, denn wenn es darum geht, wieder in Beziehung zu sein, gerade im Verhältnis von Mensch und Natur, dann ist das nicht messbar. Wenn wir also das alte Paradigma verlassen wollen, müssten wir dann nicht auch aufhören, zu messen und zu zählen?

TDE Gerade dadurch, dass sie Werte benennt und als bemessenswert darstellt, bringt die Gemeinwohlökonomie sie überhaupt erst ins Spiel. So wird der Diskurs darüber angeregt. Uns geht es darum, dass sich eine Gesellschaft erst einmal darüber verständigt, was für sie wesentlich ist, und dann eben entsprechende Rahmenbedingungen findet. Auch in unseren Diskussionen finde ich die Frage wichtig, welche Werte es sind, auf die wir uns hinbewegen.

NT Es ist ein großer Unterschied, ob sich eine Diskussion um das Paradigma oder das realpolitische Vorgehen dreht. Es ist realpolitisch sinnvoll, zu sagen: Wir ziehen Vermögensobergrenzen ein und sagen nicht gleich, Vermögen sollte es gar nicht geben. Oder: Wir hegen den Markt ein, damit es nicht so eine ungeheure Abschöpfung gibt, statt ihn komplett abschaffen zu wollen. Wenn wir hingegen über einen Idealzustand sprechen, ist es interessant, auch Marktwirtschaft an sich in Frage zu stellen. Ich denke, dass Eigentumsverhältnisse ein Punkt sind, zu dem wir ganz unterschiedliche Positionen haben. Oder zur Frage nach der Gewinnabschöpfung – soll das möglich sein, und wenn ja, in welchem Rahmen?

TDÖ Wir arbeiten doch alle an verschiedenen Baustellen der Transformation. Für mich ist die Commons-Bewegung schon sehr nahe am Ziel, vielleicht gefolgt von der solidarischen Ökonomie und diversen Degrowth-Strategien. Am Anfang, sozusagen als Trittsteine, sehe ich Gemeinwohl- und Share-Ökonomie. Gemeinwohl – daran kann ich mich auch orientieren, wenn ich mich noch nicht in eine Welt, die sich nach Commons-Prinzipien organisiert und gemeinschaftlich alle wichtigen Dinge zum Leben durch freiwilliges Beitragen oder Schenken organisiert, hineindenken kann. Das Ganze ist ein Fluss mit vielen Steinen darin.

SH Ich denke nicht, dass wir vor allem eine Wertedebatte führen müssen. Wenn es so ist, dass eine andere Ökonomie eine andere soziale Praxis bedeutet, muss vor allem praktiziert und dieses dann von allen Beteiligten oder Betroffenen diskutiert werden. »Diejeni­gen, die etwas angeht, sollen es entscheiden« – das ist ja ein sehr alter Gedanke. Erst in dieser Praxis und in diesem Diskussionsprozess entstehen überhaupt Werte. Da kann nicht eine unserer Bewegungen kommen und sagen, wonach mensch sich zu richten hätte. Es geht eher darum, Prozesse zu stärken, die dazu führen, dass Menschen sich nicht gegenseitig über den Tisch gezogen fühlen und den Umgang mit natürlichen Ressourcen nachhaltig gestalten.

TDE Aber genau das ist ja der Ansatz der Gemeinwohl-Ökonomie!

IF Diese Vorstellung, dass wir erstmal gemeinsame Werte oder Ziele festlegen müssen, hatte ich früher auch, aber nach dem ersten Vortrag des englischen Transition-Netzwerks über Reconomy habe ich sie abgelegt. Die deutschen Zuhörer wurden nach einiger Zeit, in der erzählt wurde, wie alles anfing mit dem Vernetzen verschiedener alternativer Betriebe und Projekte, total kribbelig: »Wo war dabei euer Kriterienkatalog? Was, den gab es nicht?«, haben sie gefragt. Ja, die Leute in England haben einfach losglegt, und am Ende kam etwas Sinnvolles dabei heraus. Bei Transition-Town Eberswalde zeigt uns die Praxis, was wichtig ist und was diskutiert werden muss. Wenn der letzte Laden in einem Dorf wegfällt, kommt sofort die Frage nach Eigentum und solidarischen Finanzierungsmöglichkeiten auf, und von dieser konkreten Frage bewegen sich dann alle zu den grundsätzlichen Fragen hin.

SH Ich bin zwar die erste, die sagt, alles ist Prozess, alles ist Beziehung, aber mir fällt noch einmal das Wort »Korridor« ein. Es ist mir nicht egal, in welche Richtung all diese Prozesse laufen. Dass bei manchen Bewegungen wenig über ihre Ziele reflektiert wurde, hat zum Beispiel dazu geführt, dass Share-Economy heute ein absolut diskreditierter Begriff ist, weil er mit Kommerzialisierung und dem Unterlaufen von Sozialstandards in Verbindung gebracht wird.

JH Einfach anzufangen, das haben die alternativen Bewegungen über 40 Jahre lang praktiziert, und das ist auch gut so. Aber parallel zum praktischen Tun ist auch Theoriebildung wichtig, damit die Substanz beim Experimentieren deutlich wird. Das hilft auch dabei, sich darüber klar zu werden, wo es wichtig ist, »Nein« zu sagen. Ein klares Nein brauchen wir vielleicht weniger unter Menschen wie uns, als gegenüber denjenigen Tendenzen und Kräften, die die Welt irgendwo hinführen, wo wir sie definitiv nicht haben wollen.

NT Ein Grundprinzip von politischer Diskussion ist es, eine Werte­debatte zu führen. Ich finde es allerdings gar nicht so schlimm, dass die Share-Economy das zuerst nicht gemacht hat und jetzt erst die Fallstricke deutlich werden. Wichtig ist, dass die Auseinandersetzung mit Profiten und Marktmacht überhaupt stattfindet. Es ist auch etwas Positives, dass es diese Bewegung in die großen Medien geschafft hat – wir konnten ihre Schwachstellen kennenlernen. Bei der Degrowth-Bewegung kennen wir das noch nicht!

SH Das ist eine interessante Perspektive!

JH Angenommen, eine Zauberfee käme jetzt herein und sagte: »In fünf Jahren wird eine Welt entstanden sein, in der alle eure ökonomischen Modelle existieren!« – Wie würde diese Welt aussehen?

DE Wie für Silke ist für mich die generelle Richtung, in die die Entwicklung gehen soll, klar und entscheidend. Die Ressourcen sind begrenzt, letztlich muss sich das Soziale im Rahmen der Natur bewegen. Deshalb würden wir in meiner Zukunftswelt auf jeden Fall mit der Natur wirtschaften, nicht gegen sie.

JH Wie würde in dieser Welt ein Maschinenbauer mit der Natur arbeiten? Ich denke an unseren Nachbarn, der Frachtschiffe baut.

DE Die Maschinen müssten so konstruiert sein, dass sie entweder aus erneuerbaren Ressourcen bestehen oder recycelbar sind.

SH ... und dass sie nicht mit fossilen Brennstoffen umherfahren. Aber wenn wir so denken, dann bräuchten wir eine Welt, in der niemand mehr Interesse daran hat, neue Schiffe zu verkaufen.

DE … und damit Gewinn zu machen.

SH Um den Punkt »Gewinn« geht es mir dabei gar nicht. Solange ich meinen Lebensunterhalt aus dem Lohn bestreite, den ich für den Bau von Schiffen bekomme, wird es schwierig in einer Welt, die nur noch repariert. Die Beharrungskräfte dieses Interesses, Schiffe zu verkaufen, sind sehr groß. Ich glaube inzwischen, dass eigentlich schon alles falsch läuft, sobald du anfängst, die Frage »Was lässt sich verkaufen?« zu stellen – »Korridor verfehlt!« sozusagen. Du fragst dann nicht mehr, wie reale Bedürfnisse befriedigt werden können, sondern wie abstrakte Geldsummen zustande kommen. Es ist megawichtig, immer über eine Vielzahl von Möglichkeiten nachzudenken, wie Lebensmittel und andere Güter von ihrer Herstellung bis zum Ver- oder Gebrauch vermittelt werden könnten.

DE In meiner Zukunftswelt würden wir auf jeden Fall die Erwerbsarbeit reduzieren. Schon das ist ein Prozess, der viel auslösen wird.

NT Wenn ich an die Zukunft denke, dann hoffe ich, dass in zwei Jahren auch Deutschland die Krise abbekommt und hoffentlich Fragen, die heute hier ausgeblendet werden, aber den Rest Europas und der Welt akut betreffen, politisch diskutiert werden. Ideell wünsche ich mir, dass mehr Menschen sich Fragen stellen: Was macht mich glücklich? Wozu will ich eigentlich leben?

TDE Eine andere Welt macht mehr Spaß, weil sie mehr Sinn ergibt. Ich glaube, dass die Menschen das mehr und mehr erkennen. Wir zeigen, dass es schon heute ganz viele Ansätze gibt, die sich in meinem Zukunftsbild mehr und mehr aufeinander zu bewegen.

TDÖ Mir kommt auch vor, dass vieles schon in die richtige Richtung läuft. Die wirklich enkeltauglichen Ansätze müssen jetzt in alle möglichen Medienkanäle übersetzt werden, damit mehr Menschen zum Mitmachen angeregt werden. Ich weiß nicht, ob dieser Wandel, den wir spüren, ein schneller Prozess ist, aber ich nehme seine Dynamik sehr deutlich wahr.

IF Mein Wunsch ist, dass wir auch bereit sind, zu scheitern. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir vieles pragmatisch ausprobieren müssen. Es sollte in Ordnung sein, wenn wir in drei Jahren feststellen, dass dieser oder jener Ansatz in einem lokalen Zusammenhang doch nicht passt oder nicht mehr passt – und vielleicht kommen in drei Jahren noch einmal ganz neue Ideen hinzu.

SH Ich möchte mit Leo Tolstoi sprechen, mit seiner schönen Erzählung »Wovon die Menschen leben«. Ich wünsche mir, dass in wenigen Jahren, wenn man auf diese Zeit zurückblickt – auf die Griechenlandkrise zum Beispiel –, während Markt und Staat zusammenbrechen, deutlich geworden ist, wovon die Menschen eigentlich leben: Davon, dass sie sich einander zuwenden. Ich wünsche mir, dass Selbstorganisation und Selbstbestimmung nicht nur Modelle von Ökonomie sind, sondern weithin praktizierte Lebensformen. Und dass es die erste Commons-Professur geben wird und viele Professuren für solidarische Ökonomien, so dass sich diese denkerische Tradition weiterentwickelt und verbreiten kann.

JH »… und eine Feuersäule spaltete das ganze Haus. Und der Engel rührte seine Flügel, und fuhr in den Himmel.« – So geht der Schluss der Geschichte. »Und als Ssemjon wieder zu sich kam, stand das Haus wie zuvor. In der Stube aber war niemand außer ihm und den Seinen.« Das Stück habe ich vor vielen Jahren zu einer langen Performance vertont. Es ist Tolstois großartige Parabel über eine Ökonomie der Liebe – und der Frage, wovon die Menschen leben, hatten wir schon die allererste Ausgabe von Oya gewidmet. Ob wir jemals dahin kommen, das verwirklicht zu sehen? Es tut jedenfalls gut, zu spüren, dass ein tiefer Wunsch danach unser Gespräch getragen hat. Vielen Dank euch allen! •



Dagmar Embshoff     hat das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft und das Forum Solidarische Ökonomie mit auf den Weg gebracht. Das »Forum *SÖ« initiiert den internationalen Kongress »Solikon« Anfang September in Berlin. Es möchte einer Ökonomie zum Durchbruch verhelfen, die auf »Sinn statt Gewinn« und »Kooperation statt Konkurrenz« setzt. Ende 2013 hat Dagmar Embshoff ein erstes Treffen der – in diesem Gespräch diskutierten – Strömungen alternativer Ökonomien in Nürnberg mit angestoßen.

Thomas Dönnebrink  ist als OuiShare-Connector Deutschland und als Freiberufler rund um das Thema kollaborative Ökonomie und Gesellschaft tätig. OuiShare.net hat sich in vier Jahren von einem Pariser Blog zu einem globalen Netzwerk entwickelt. Inzwischen gilt es als Zusammenschluss kompetenter Expertinnen und Experten kollaborativer Modelle des Lebens und Handelns. Weltweit hat es über 200 Veranstaltungen initiiert und richtet mit dem dem »OuiShareFest.com« jährlich die größte Konferenz zum Thema aus.

Nina Treu  hat 2011 das Konzeptwerk Neue Ökonomie mitgegründet, das Konzepte für eine soziale, ökologische und demokratische Wirtschaft entwickelt und verbreitet. Postwachstum bzw. Degrowth ist dabei ein wichtiges Thema. Es eröffnet einen guten Zugang zum komplexen Gebiet des Wirtschaftens. Mit vielen weiteren Organisationen und Einzelpersonen hat das Konzeptwerk 2014 die Degrowth-Konferenz in Leipzig und 2015 die Degrowth-Sommerschule auf dem Klimacamp im Rheinland organisiert.

Thomas Deterding  hat die Gemeinwohl-Ökonomie Berlin-Brandenburg mit aufgebaut, ist Vorstandsmitglied des dortigen Vereins und treibt ein Förderprojekt mit Unternehmen aus der Region zum Thema voran. Mehr als 250 Unternehmen haben in Europa bereits eine Gemeinwohl-Bilanz vorgelegt und stellen sich damit ihrer gesellschaftlichen Verantwortung. Die Kriterien, an denen sie sich messen müssen, sollen zukünftig in einem gesellschaft­lichen Diskurs erarbeitet und direktdemokratisch legitimiert werden.

Silke Helfrich  ist Autorin und Commons-Aktivistin, manchmal in Jena, meistens auf Reisen. Sie ist Gründungsmitglied des Commons Institut e. V. und der Commons Strategies Group. Mehrere Jahre lang war sie für die Heinrich Böll Stiftung in Mexiko, Zentralamerika und Kuba unterwegs. Sie ist Herausgeberin und Co-Autorin von »Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat« (2012) und freut sich gerade auf das Erscheinen von »Die Welt der Commons: Muster gemeinsamen Handelns«.

Ingo Frost  ist Mitbegründer der lokalen Transition-Bewegung »wandelBar« in Eberswalde. Im Rahmen der regionalen und überregionalen Netzwerkarbeit hat er die Reconomy-Initiative kennengelernt, die Transition-Unternehmen fördert. So wurden zum Beispiel lokale Unternehmen ausgezeichnet, die echte Bedürfnisse ab­decken, das Gemeinwohl stärken und den Ressourcenverbrauch reduzieren. Dabei geht es nicht nur um Lebensmittel, sondern auch um Themen wie Energie, Transport oder Wohnraum.

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