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Der Mythos des verwöhnten ­Kindes (Buchbesprechung)

von Johanna Leinen , erschienen in 33/2015

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Zahlreiche Erziehungsbücher hat Alfie Kohn bereits veröffentlicht. Nun hat er es sich zur Aufgabe gemacht, der in fast allen Medien präsenten Forderung nach mehr Disziplin und weniger Kuschelkurs in der Erziehung auf den Zahn zu fühlen – und sie aufs Korn zu nehmen. Humorvoll durchforstet er vergangene Zeiten, um festzustellen, dass die Kritik an unserer Jugend sich seit der Antike nicht verändert hat, und entkräftet sie geschickt.
In jedem seiner Kapitel stellt er jeweils einen Stein des Anstoßes an der heutigen Kinder-Eltern-Kultur auf den Prüfstand und legt im letzten Teil des Buchs sein Idealkonzept einer gelungenen Erziehung dar.
Mit seinem Ansatz, Begriffe zu definieren, bemerkt Kohn nicht ohne Spott, dass die tonangebende Menge der Kritiker Wendungen falsch verwendet – etwa wenn Selbstwertgefühl mit Egoismus gleichgesetzt wird. Er belegt, dass sich weder eine Überfürsorglichkeit noch die so verrufene bedingungslose Verherrlichung unserer Kinder in Studien als schädlich erwiesen hätten. Nach einiger Zeit schwirrt einem beim Lesen der Kopf vor lauter Studienzitiererei – und das, obwohl Kohn sich wiederholt in der Anklage ergeht, es gäbe zu diesem Thema keine wissenschaftlichen Untersuchungen. Dieselben Studien zu konventionellen Erziehungsansätzen, die er als nicht repräsentativ darstellt, zieht er heran, um seine Ansichten zu stützen – das verwirrt. Dennoch macht es Freude, seinen Text zu lesen, denn er beschreibt eindrucksvoll, wie wenig der traditionelle Ansatz darauf ausgelegt ist, Kinder so zu begleiten, dass sie sich als offene, glückliche, kritische und sozial kompetente Menschen entfalten können. Interessant ist auch, wie der Autor auf gesellschaftliche Zusammenhänge eingeht, in denen sich unsere Kinder bewegen. Dem Wettbewerbsmodell erteilt er ebenso entschlossen eine Abfuhr wie dem Preis-Lohn-System, das der Menschlichkeit entgegenwirkt. 
Kohn schließt sein Buch mit dem Vorschlag, unsere Kinder zu reflektierten Rebellen ­auszubilden. Eine prosoziale Orientierung, Selbstvertrauen und den Wert der Skepsis zu vermitteln, sei seiner Meinung nach besonders wichtig. Wer einen bedürfnisorientierten, bedingungslos zugewandten und respektvollen Erziehungsstil verfolgt, wird in diesem Buch Bestätigung finden, doch nicht viel Neues. Sein größtes Geschenk macht uns der Autor mit der nachdrücklichen Aufforderung, Konzepte und Meinungen beständig zu überprüfen und den Status quo zu ­hinterfragen. ◆ ­

Der Mythos des verwöhnten ­Kindes
Erziehungslügen unter die Lupe ­genommen.
Alfie Kohn
Beltz, 2015
259 Seiten
ISBN 978-3407857576
22,95 Euro

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