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Am Anfang war Gemeinschaft

Das Leben mit und in der Natur kann unsere heutigen Gemeinschaften stärken

von Judith Wilhelm , erschienen in 05/2010

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Kann das Wissen über indigene Jäger-Sammlerinnen-Gemeinschaften zur ­Bildung heutiger, zeitgemäßer Gemeinschaften in der westlichen Welt ­etwas beitragen? Wie gelingt eine lebensförderliche Kommunikation in Gruppen? ­Warum ähneln sich die ursprünglichen Gemeinschaftsformen auf allen Kontinenten? Welche Muster sozialen Aufbaus konnten sich über Jahrtausende durchsetzen? Die Wildnispädagogin Judith Wilhelm versucht, Antworten auf diese Fragen zu geben.

Ein Funke, den mein Feuerschlageisen am Feuerstein sprüht, bringt den Zunder, der bearbeitet und vorbereitet sein will, zum Glühen und entzündet dann ein Nest aus Heu, feinen Samen und Birkenrinde, die ich gesammelt und getrocknet habe. Das Feuer erhitzt die Milch, aus der ich Käse machen möchte. Zuvor sammle ich Vogelbeeren, die ich stampfe und auspresse. Ihr Saft dient als Gerinnungsmittel. So viele kleine Schritte draußen in der Natur und am Feuer sind nötig, bis ein Käse auf dem Tisch steht! Er ist viel leckerer als der aus dem Supermarkt. Ein Laden und moderne Tauschmittel wie Geld fühlen sich nach einigen Tagen in der essbaren Wildnis erstaunlich schnell absurd an. So geht es mir und den Teilnehmerinnen und Teilnehmern meiner Wildniskurse oft.
Nach nur drei Tagen in der norddeutschen vermeintlichen »Wildnis« – sie besteht aus Wald, einem bezaubernden Bach und offenen Sandflächen, ist aber keineswegs einsam oder verwildert – scheint alles anders. Warum?
Diese Frage bringt uns an die Ursprünge unseres Seins, als wir noch von dem lebten, was es zu Sammeln und zu Jagen gab. Wir Menschen haben Hunderttausende von Jahren als Jäger und Sammler gelebt. Die ersten von Menschenhand gefertigten Steinwerkzeuge tauchten vor rund 2,3 Millionen Jahren auf, und die frühesten Spuren eines bewusst genutzten Feuers (in Cesowanya, Kenia) sind rund 1,4 Millionen Jahre alt. Erst 9000 Jahre vor unserer Zeitrechnung kam im »fruchtbaren Halbmond« der Ackerbau auf. Das brachte den Menschen ein völlig neues Weltbild. Ab jetzt hieß es, Arbeitsschritte wie Aussaat- und Erntezeiten zu planen. Der Begriff der Zeit veränderte sich. Ackerbau und Sesshaftwerdung bringen die Idee von Grenzen und Besitz auf. Dominanz und Macht, auch über die Natur, sind neue Errungenschaften.
Seitdem gibt es immer wieder Strömungen, sich mit der Natur rückzuverbinden. Die frühesten sind vielleicht die megalithischen Kultstätten der Jungsteinzeit, die sich überall in Europa finden und deren Architektur und Symbolsprache die Verehrung von Erde und Sternenzelt als weibliche Gottheit nahelegt. In der Neuzeit ist es die europäische Romantik, die vor 200 Jahren die Wiederverzauberung der Welt gegen die beginnende Industriegesellschaft setzen wollte – ein Impuls, den die »Lebensreform« um die vorige Jahrhundertwende oder die Hippie-Bewegung seit den 60er Jahren weitergetragen hat. Heute sind es viele soziale Bewegungen, die verstanden haben, dass ein »vorwärts zur Natur« überlebenswichtig ist, und dabei treffen sich die Wildnis- und die Gemeinschaftsbewegung auf einem gemeinsamen Nenner: »Die wichtigste Überlebensfertigkeit in der Wildnis ist unsere Kommunikation.« Das meinte kürzlich ein Teilnehmer meines Kurses, der bereits ein ganzes Jahr in einer kleinen Gemeinschaft in völliger Wildnis gelebt hatte. Die Fähigkeit zur Verbindung mit der Natur und zur Verbindung mit anderen Menschen ist ein und dasselbe.

Kommunikation – unser erstes Überlebenswergzeug
Auf der Suche nach Vorbildern für ein Gesellschaft, die sich der Gemeinschaft von Mensch und Natur verschrieben hat, findet man den Völkerbund der Irokesen, der über eintausend Jahre lang im Frieden leben konnte, nachdem ein Friedensstifter die feindlichen Stämme geeint hatte (siehe auch den Beitrag von Claus Biegert auf Seite 44). Dass die Gründerväter der USA in engem Kontakt mit den Häuptlingen der Friedensstifter-Tradition standen, wird in den Geschichtsbüchern meist verschwiegen. Dabei sind die Grundmuster der amerikanischen Verfassung von den Ureinwohnern des Landes übernommen. Allerdings haben die Gründerväter ein paar Eier aus dem alten Rezept für den Friedens-Kuchen weggelassen: Das Prinzip, demzufolge Entscheidungen in Einheit, also im Konsens getroffen werden müssen, wurde in ein Zweidrittel-Mehrheitssystem verwandelt, so dass bis zu einem Drittel der Bevölkerung unzufrieden bleibt. Und anstelle des Rats der weisen, ältesten Frauen als wichtigste Stimme für das Wohl der Gemeinschaft setzten die europäischen Neuankömmlinge ein Gesetz, das Frauen vom Wahlrecht ausschloss.
Der Wildnislehrer Jon Young brachte im Jahr 2004 die Lehren des Völkerbunds der Irokesen nach Deutschland. Er hatte sie mündlich von Mitgliedern der Tree of Peace Society, vor allem von dem erst vor kurzem verstorbenen Mohawk-Häuptling Jake Swamp, vermittelt bekommen. Die Tree of Peace Society wurde 1984 gegründet, um die Friedensstifter-Prinzipien weiter in der Welt zugänglich zu machen. Den Mitgliedern ist es wichtig, dass die Menschen anderer Kulturen nicht versuchen, die nordamerikanischen Inidaner zu imitieren, sondern die Prinzipien angemessen für unsere moderne Welt zu formulieren und zu leben. Ich gebe sie hier in meinen Worten wieder.
Das erste Prinzip, das die Basis für Gemeinschaft bildet, fordert, sich selbst immer wieder in einen inneren Frieden zu bringen. Wenn ich in mir uneins bin, ist es sehr schwer, Entscheidungen zum Wohl der ganzen Gemeinschaft zu finden. Es geht hier um die innere Spurensuche, aus welcher Motivation heraus mein Beitrag gerade kommt. Sage ich etwas aus einer Verletzung heraus, weil ich gesehen oder gehört werden will, Anerkennung brauche, oder weil ich wirklich spüre, dass dies etwas ist, was für alle wichtig ist?
Im zweiten Prinzip geht es darum, sich von Herzen, also authen­tisch mitzuteilen, die eigene Wahrheit auszusprechen – und zwar in den besten, respektvollsten, »edelsten« Worten, die ich anzubieten habe.
Das dritte Friedensstifter-Prinzip bezieht sich auf gemeinschaftliche Entscheidungen. Es ruft dazu auf, sich so lange Zeit für Entscheidungen zu nehmen, bis wirklich alle Beteiligten einverstanden sind. Der Lohn für den manchmal mühsamen Weg zur Entscheidungsfindung ist dabei der fruchtbare, gemeinschaftsstiftende Prozess. Und der Konsens soll nicht nur für alle Anwesenden annehmbar sein, sondern auch für die nachfolgenden sieben Generationen. So ist garantiert, dass Entscheidungen, die in diesem Geist gefällt sind, sich nie gegen das Leben richten können.
Wenn ich Hilfe brauche, weil mich diese Lebensregeln überfordern, suche ich sie mir, zum Beispiel bei einer Ältesten oder einem Ältesten, die oder der mir hilft, meine Wunden zu heilen und wieder in den inneren Frieden zu kommen.
Bei all dem geht es keineswegs darum, perfekt oder gar heilig zu sein. Die Friedensstifter-Prinzipien sind lediglich Richt­linien, die bei dem Versuch, etwas zu verändern, Orientierung geben können. Diese Veränderung konnte ich in Gruppen, die den neuen – jahrhundertealten – Versuch machen, nach den Friedensstifter-Prinzipien zu leben, beobachten. Wie groß ist die Entspannung, wenn jemand bei der Klärung von Konflikten die Verantwortung für die eigenen Handlungen übernimmt und erkennt, dass der Ursprung einer gefühlten Unstimmigkeit in der eigenen Geschichte liegt. Und als wie stark und nachhaltig entpuppen sich Entscheidungen, wenn sich keiner überstimmt und ausgeschlossen fühlt!

Alte und Junge lernen gemeinsam
Was hält nun eine Gemeinschaft zusammen? Es gibt in ganz Europa seit Jahren stabile intentionale Gemeinschaften, aber viele werden auch mit viel Elan und Kraft begonnen und fallen bald wieder auseinander.
Vom Leben der alten Wildbeuterkulturen können wir einiges für die heutigen Gemeinschaften lernen, zum Beispiel die Bedeutung der Altersmischung. Ältere und Älteste hatten für Jäger-und-Sammlerinnen-Gemeinschaften die Rolle des Zuhörens und Bestätigens, sie konnten beraten und hatten Zeit und Ruhe, um sich den Fragen der Gemeinschaft aus einem anderen Blickwinkel zu widmen. So waren sie unter anderem dafür zuständig, die Übergänge der Lebensphasen zu begleiten. Die Erwachsenen versorgten die Alten und Schwachen, Kinder und Jugendliche hatten Raum, ihre Gaben zu finden und zu entwickeln (siehe Seite 56).
Wenn wir heute – mal freiwillig, mal unfreiwillig – in unseren altershomogenen »Peer Groups« zusammen sind, entsteht nicht selten ein vorhersehbarer Kampf um den Platz in der Gemeinschaft. Das findet in unseren Regelschulklassen genauso statt wie in selbstgewählten Gemeinschaften, die oft nicht über eine Altersspanne von mehr oder weniger zehn Jahren hinauskommen. Heutige Schulklassen sind Zwangsgemeinschaften von 20 bis 30 Kindern gleichen Alters, in der alle mehr oder weniger die gleichen Fähigkeiten der jeweiligen Lebensphase besitzen. Das schafft ganz automatisch eine Atmosphäre von Konkurrenz: Jedes Kind versucht, sich zu profilieren und seinen Platz im Gefüge zu finden. Allmählich erst gehen einige Schulen wieder dazu über, mehrere Jahrgänge in einer Klasse zu unterrichten. Auch in unserer Wildnisschule Wildeshausen und in den Lerngruppen der Freien Schule unseres Vereins in PrinzHöfte arbeiten wir bewusst in altersgemischten Gruppen. Das Lern- und Möglichkeitenfeld erweitert sich sofort enorm. Kinder schlichten ihre Konflikte in Eigenregie, indem die Älteren mit den Jüngeren zusammensitzen und gemeinsam eine Lösung finden. Versammlungen werden von den »Großen« geleitet, so dass die Jüngeren den Ehrgeiz haben, es irgendwann genauso gut zu können, und die Fragen der Kleinen an die Großen bieten immer eine Gelegenheit, das Gelernte zu wiederholen und weiterzugeben.

In der Wildnis zählt das Gemeinsame
Die San-Buschleute in Botswana, eines der letzten ursprünglich lebenden Jäger-und-Sammlerinnen-Völker, sagen, dass Spezia­lisierung der Tod für eine Gemeinschaft ist. Wenn du etwas sehr gut kannst, vielleicht der Beste im Herstellen von Jagdbogen bist, wird es Zeit, dich aus dieser Aufgabe zurückzuziehen, dein Wissen an Jüngere weiterzugeben, damit diese lebenswichtige Fähigkeit in der Gruppe bleibt, wenn du gestorben bist. Es geht nicht darum »gut« oder gar der oder die »Beste« zu sein. Wichtig ist einzig das Fortbestehen des Clans – und doch weiß auch der Clan bzw. die Sippe um die überlebensnotwendige Bedeutung jedes Individuums mit seinen je speziellen natürlichen Fähigkeiten.
Das unbedingte Angewiesensein auf den Kreis der engsten Mitmenschen hat den Vorteil, dass auf dieser Grundlage die Bedingungen für wirklich enge Beziehungen viel besser sind. Man achtet mehr auf den Anderen – und das gilt nicht nur für die Beziehungen zu den übrigen Sippenmitgliedern, sondern gleichermaßen für alle umgebenden Dingen und Wesen, deren Anwesenheit das eigene Überleben garantieren und angenehm machen: Feuerholz, essbare Pflanzen, Vogelgesang und jagbare Tiere …
Spezialisierung und Profilierung sind nun wichtige Bestandteile der westlichen Kultur. In unserem Weltbild stehen der Mensch und seine modernen Errungenschaften im Mittelpunkt; im Zentrum ist hier das Ich, das kontrolliert und lenkt – und dann stellt man sich an einem bestimmten Punkt im Leben die Frage: »Aber wohin, und wofür das Ganze?«
Mit der Natur als Lehrerin können wir den notwendigen Übergang vom Ego-Menschen zum Kreis-Menschen tun. Wenn wir das alte Wissen in unseren Zellen wieder aktivieren, das uns versichert, dass wir in einem großen Organismus leben, dann wird klar: Die Verbindungen in der Natur als Spiegel für unsere menschlichen Verbindungen immer tiefer zu erkennen, das ist nicht nur ein Entspannungshobby, sondern ist die Basis für ein Leben in Gemeinschaft. Dann wird klar, dass ­Demut und Dienen keine antiquierten Begriffe darstellen, sondern gemeinschaftserhaltende Fähigkeiten, die ein lustvoller und lebendiger Teil unseres Lebenskreises sind. In der Natur erfahren wir, welchen Teil wir in dem großen Ganzen einnehmen, wie unsere Vision aussieht. Der nächste Schritt nach der Lebensphase der ­Visionsfindung ist – so lehrt der Odawa-Indianer Paul Raphael – nicht die Erleuchtung, sondern das Dienen. Hier soll die eigene ­Vision für die ganze Gemeinschaft praktisch werden.
Was uns die Verbindung mit der Natur lehrt, ist das Wissen um den Kreis, das die Basis für nachhaltige, lebendige Gemeinschaften ist: dass wir alle ein Teil des Ganzen sind oder das Ganze ein Teil von uns, dass wir alle in unserer Verschiedenheit ein wertvolles Stück zur Gemeinschaft beitragen, dass wir vor allem in Gemeinschaft – und da gibt es in unserer modernen Welt vielfältige Formen – gut leben und uns entfalten können. Sie lehrt uns auch, den eigenen Lebenskreis ernstzunehmen und die Übergänge von einer inneren Jahreszeit in die nächste bewusst zu durchschreiten. 


Judith Wilhelm (39), Biologin, Wildnispädagogin und -mentorin, Visions­sucheleiterin und Coach, leitet seit elf Jahren in einem Dreierteam die Wildnisschule Wildeshausen. Ihre langjährigen Gemeinschaftserfahrungen verbinden sich mit der Naturarbeit in Weiterbildungen, Visionssuche und Wildniskursen. www.wildnisschule.de 

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