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Beständig frei im Sattel

Maria König porträtiert den Sattler André Metzel.

von Maria König , erschienen in 33/2015

André Maetzel ist Sattler, Seiler, Tüftler und Lebenskünstler. Seit frühester Kindheit begleiten ihn die Pferde und die Kunst, das Leben – der eigenen Triebkraft folgend – frei und selbstbestimmt zu gestalten. Auf seine eigene Art eignete er sich das ­Sattler- und das Seilerhandwerk an und trug viele Jahre mit einem Handwerksstand zur Inszenierung von Mittelaltermärkten bei. Heute ermöglicht der 41-Jährige interessierten Menschen eine authentische ­Begegnung mit seiner Handwerkskunst ohne Verkleidung und Verklärung.

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© Foto: www.jonasginter.de

Handwerk und Landwirtschaft hängen eng zusammen. Viele Landwirte übten früher auch ein kleines Handwerk aus, und die meisten Handwerker betrieben eine kleine Landwirtschaft«, sagt André Maetzel. Ich besuche ihn auf seinem Stück Land. Seine Sattlerwerkstatt ist in einem Zirkuswagen untergebracht; eine Seite ist ganz mit Plexiglas verkleidet und erlaubt den Blick auf einen idyllischen Garten mit Feldküche, Gemüsebeeten, Feuerstelle, Brunnen und akkurat gemähter Wiese. Seit zehn Jahren gestaltet André das ehemalige Ackerland zu einem vielfältigen, lebenswerten Fleckchen um. Den Brunnen baute er mit einem Brunnenbauer, selbst grub er die Entwässerung und einen Teich, pflanzte Bäume, legte einen kleinen Gewölbekeller an und bewirtschaftet den angrenzenden Wald. Ich bin beeindruckt von so viel Selbstermächtigung und lausche abends am Feuer Andrés Lebensgeschichte.

1974 geboren, wächst André in Dresden auf. Als er sechs ist, suchen die Eltern nach einer Freizeitbeschäftigung für ihren Sohn, der nicht Fußball spielen will, und so beginnt er mit dem Reiten. Ein Pferdehof wird sein zweites Zuhause. »Schulaufgaben habe ich immer schnell erledigt, damit ich so schnell wie möglich nach draußen zum Hof gehen konnte«, erzählt André. Er wächst in das Leben auf dem Pferdehof hinein, übernimmt verschiedene Posten. Die Arbeit ist vielfältig – manchmal geht es ans Elbufer, um Heu zu sensen und mit dem Pferdefuhrwerk nach Hause zu bringen. Neben einer älteren Russischlehrerin, die den Hof mit viel Herzblut führt, prägen ihn drei ehemalige Kavalleristen, die auch im Alter nicht von den Pferden lassen können. Von ihnen erhält André eine Reitausbildung nach militärischer Art: Er lernt, sich mit Papier zwischen den Knien und zu großen Holzschuhen an den Füßen auf dem Pferd festzuhalten.
Der Pferdenarr beginnt früh, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Da Reitzubehör in der DDR rar war, fängt er an, Halfter herzustellen, nimmt Sättel auseinander, eignet sich an, wie sie sich reparieren lassen, und verdient bereits mit zwölf Jahren etwas Geld, indem er seine Erzeugnisse und Reparaturen auf Pferdehöfen in und um Dresden anbietet. Er ist glücklich, hat seinen Freundeskreis, ein kleines Einkommen und ein zufriedenes Leben.
Als seine Eltern 1989 in den Schwarzwald übersiedeln dürfen, plant der 15-Jährige mit einem jüngeren Freund die Flucht nach Ungarn. Er näht sich Sattelzeug, beschafft sich Vorräte und organisiert sich zwei Pferde. In der Sächsischen Schweiz an der tschechischen Grenze werden sie aufgegriffen, die Flucht scheitert, und so verlässt er mit seiner Familie und nur einem Schuhkarton voller Werkzeuge die Heimat. Vom Hotel in Schönwald aus, in dem zahlreiche Flüchtlinge aus der DDR einquartiert sind, erkundet er die Gegend. Auf einem alten Schwarzwald­bauernhof findet er Anschluss und richtet eine kleine Werkstatt ein. »Es war eine herrliche Zeit, ich habe auf dem Hof mitgeholfen und hatte alles, was ich brauchte.« Leider zieht die Familie schon nach einigen Monaten weiter nach Donaueschingen.

Beginn eines bunten Lebens
Auf der Suche nach einem geeigneten Ausbildungsberuf entscheidet André sich für eine Lehre in einem kleinen Familien­betrieb als Raumausstatter – ein Handwerk, das der Sattlerei sehr ähnlich ist. »Fritz Cron, mein Lehrmeister, hat großen Wert darauf gelegt, mir Techniken zu zeigen, die am Aussterben sind. So habe ich zum Beispiel gelernt, eine Rosshaarmatratze vom Anfang bis zum Ende herzustellen.« Noch heute ist er in Freundschaft mit seinem Meister verbunden.
Während seines Zivildiensts lernt er beim »Spielmobil Freiburg«, einem dezentralen Spielangebot für Kinder, viel über den Umgang mit Holz sowie anderen Materialien und baut selbst Spielgeräte. So entsteht unter anderem mit Hilfe von John Seymours Buchklassiker »Vergessene Künste« eine Seilmaschine. André arbeitet sich in die Materie ein, besucht alte Seiler und fertigt schließlich später als eigenständiger Mitarbeiter der Gruppe »Spiel und Raum« mit Kindern Seile für Spielplatzkonstruktionen an.
Während ich Andrés Geschichte lausche, breitet sich die Nacht über uns aus. Aus den geplanten zwei Stunden für das Interview werden vier, fünf. Wir legen Holz nach und setzen uns auf Schaffelle, denn es wird kälter. André fährt fort.

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© Foto: www.jonasginter.de

Nach Abschluss seiner Ausbildung macht er sich selbständig. Er zieht mit zwei Pferden und der einjährigen Tochter Lea auf einen Wagenplatz, wo er vier Jahre lang lebt und eine Werkstatt für Sättel und Sofas aufbaut. Das Wohnen auf dem Wagenplatz erlaubt ihm ein freies Leben, wenngleich ihn die häufigen Plenen und das viele Reden, auf das wenig Taten folgen, irritieren. Als er sich mit dem Besitzer des Platzes überwirft, wird klar, dass er sich nach etwas Neuem umsehen muss. »Druck erzeugt Leistung. Ich habe mein Ziel klar fokussiert und dann das Notwendige durchgezogen.« André arbeitet drei Monate lang als freier Mitarbeiter bei vier Raumausstatterbetrieben gleichzeitig und verdient das Geld für den Absprung in ein neues Leben mit Wohnung, Werkstatt und Unterstellplatz für die Pferde in der Kleinstadt Kenzingen bei Freiburg.
1998 findet dort ein erster Mittelaltermarkt statt. Zusammen mit Freunden beschließt André, daran teilzunehmen. »Kein Mensch wusste damals, was ein Mittelaltermarkt sein sollte.« Sie improvisieren. André hat keine Ware, fertigt aber vor Ort Gürtel und anderes auf Anfrage an. Die Atmosphäre fasziniert ihn; er engagiert sich in den folgenden Jahren bei vielen solcher Märkte. Enge Freundeskreise entstehen. Auf den Märkten in Roßlau, Esslingen und Kaltenberg wird gemeinschaftlich mit bis zu einer Woche Vorarbeit liebevoll das Umfeld aus Bühne, Zäunen und Spielplätzen gestaltet, und es werden individuell ansprechende Handwerksstände aufgebaut, in denen die verschiedenen Gewerke ihre Kunst einem interessierten Publikum vorstellen. André selbst präsentiert sich mit einer mittelalterlich eingerichteten Sattlerwerkstatt, nimmt Aufträge entgegen, bietet Gürtel, Taschen und Lederschmuck an und fertigt zudem Seile. Über den Zusammenhalt der Handwerker untereinander freut er sich ebenso wie über den Kontakt mit Besuchern, die sich für sein Handwerk interessieren.
Privat reihen sich nun verschiedene Stationen von Beziehungen und Gemeinschaften aneinander: In Ihringen im Breisgau bewirtschaftet er mit Freunden einen Winzerhof; er lebt mit Freundin und Schwiegereltern in einer Art Großfamilienstruktur auf einem fränkischen Bauernhof und anschließend in Neuhausen im Steigerwald in einer kleinen Dorfgemeinschaft von 70 Menschen, bis es ihn im Jahr 2005 nach Asendorf bei Bremen verschlägt. Diesen letzten Umzug empfindet André als Wendepunkt in seinem Leben. Erstmals erwirbt er einen festen eigenen Platz, den er für sich selbst gestaltet. Hier baut er das Sattlerhandwerk aus und will seine Fähigkeiten erweitern.

Das Handwerk vertiefen
In Asendorf beginnt er, wieder für Reitställe zu arbeiten, und fertigt erneut Sättel in Maßarbeit an. »Einen Sattel herzustellen bedeutet, die Anatomie zweier Lebewesen sach- und fachgerecht zusammenzubringen«, erklärt André. Ihn ärgert, dass die ­meisten heute erhältlichen Standardsättel falsch konzipiert sind und die Pferde mit ihnen über kurz oder lang Schmerzen und Langzeitschäden bekommen. Auch die Lehre in großen Sattlereien sieht er kritisch. Hier würde jungen Menschen eher Fließbandarbeit vermittelt als die Fachkenntnisse dafür, auf individuelle Tiere und Menschen einzugehen. André besucht Fachmessen und lernt Menschen kennen, von denen er lernen kann, zum Beispiel die Sattlerin Natascha aus Nordfriesland, die seine Arbeit neu inspiriert. Er genießt den Austausch mit ihr und schaut sich neue Tricks und Kniffe ab.
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Der Begriff »altes Handwerk« ist für ihn eine Seifenblase, »eine Illusion der guten, alten Zeit, die es nie gegeben hat. Eine Nostalgiewelt. Handwerk bedeutet harte Arbeit und unterliegt ständig Neuerungen.« Er ist einerseits dankbar für Maschinen, die ihn unterstützen; andererseits ist ihm wichtig, eine Tätigkeit auszuüben, die nie vollständig von Maschinen übernommen werden kann und die er in ihrer Vielschichtigkeit durchdringen kann. Im Lauf der Jahre haben verschiedene Menschen über kürzere oder längere Zeiträume mit ihm gelebt, sich an der Arbeit in seiner Werkstatt beteiligt und von ihm gelernt. Auch seiner Tochter Lea und ihrer Freundin Anna vermittelte er handwerkliche Fähigkeiten, um ihnen eine Basis im Leben zu ermöglichen.
Mittelaltermärkte betrachtet André heute kritisch und nimmt nur noch an wenigen ausgewählten Veranstaltungen teil. Auf die Frage, ob solche Märkte alte Handwerkskunst vor dem Vergessen bewahren können, antwortet er mit einem klaren Nein. In den Anfangsjahren sei es tatsächlich darum gegangen, eine authentische Illusion zu schaffen und das Handwerk fundiert zu präsentieren. Inzwischen seien Mittelaltermärkte zu einem knallharten Geschäft geworden und hätten Volksfestcharakter angenommen. Die Veranstalter böten – anders als früher – den Handwerkerinnen und Handwerkern nur noch kleine bis gar keine Gagen mehr an. Infolgedessen blieben die fähigen Leute solchen Märkten zunehmend fern; das Niveau sinkt. Viele zeigten nur noch pro forma ein bisschen Handwerk und verkauften Waren, die sie aus Billiglohnländern bezögen. Diese Entwicklung wirke sich auch auf das Publikum aus, das nicht mehr bereit sei, für aufwendige Handarbeit zu zahlen.
Von seiner Sattlerei kann André leben, doch seit die Mittelaltermärkte an Attraktivität verloren haben, fehlt ihm als Ausgleich ein Grund, mit seinem Handwerk auf Reisen zu gehen. Mit Freunden entwickelt er derzeit eine neue Idee dafür: »In diesem Sommer wollen wir ohne Veranstalter und ohne feste Schauplätze umherziehen und in Städten und Dörfern, wo es gerade passt, die Türen unserer Wagenwerkstätten öffnen.« Sie wollen die Menschen einladen und sehen, was passiert. Seine geliebten Pferde werden selbstverständlich mitreisen. Ich erhasche einen Blick in den eigens dafür umgebauten Pferdeturnierwagen, der Wohnung, Werkstatt und Stall zugleich sein wird. André liebt die Abwechslung und beschreitet gern neue Wege. Wieder bin ich beeindruckt von der unbändigen Willenskraft des einfallsreichen Sattlers und Seilers – und ich wünsche ihm, dass seine Arbeit auf Reisen interessiert wahrgenommen wird und dass gutes Handwerk wieder stärker in das Bewusstsein und die Herzen der Menschen kommt.
An seinem festen Wohnsitz fehlt André der Austausch mit Gleichgesinnten. Menschen, die an seiner Arbeit und Lebensart interessiert sind oder auf dem Hof und in der Werkstatt mithelfen möchten, sind ihm willkommen.
Der Morgen graut bereits, als wir unser Gespräch beenden, und mit dem ersten Hahnenschrei erheben wir uns von den glimmenden Feuerresten. Später beim Frühstück nehme ich langsam Abschied von Andrés zauberhaftem Ort und erfahre noch das Geheimnis seiner vorbildlich kurz gehaltenen Wiese: Es sind die Pferde, die während unserer Mahlzeit gelassen um uns herumstromern und die Mäh­arbeit übernehmen. •

 

Maria König (29) lebt in Berlin-Karlshorst. Die Lehramtsstudentin für Deutsch und Biologie ist dem Wandel in allen Lebensbereichen auf der Spur. gemeinschaft-karlshorstÄTposteo.de

Mit Sattler André Kontakt aufnehmen?
Telefon (01 60) 4 04 93 31

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