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Wir sind Natur

Wildniswissen, Naturverbindung und Permakultur

von Elke Loepthin , erschienen in 05/2010

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Permakultur ist eine Art der Landnutzung, die nicht die wilde Natur verdrängen, sondern mit ihr gemeinsam arbeiten möchte. Elke Loepthien reiste auf der Suche nach der Verwandschaft von Wildniswissen und Permakultur nach Nordamerika und in die Karibik.

Vor gut 30 Jahren fragten sich die Australier Bill Mollison und David Holmgren, warum eigentlich über Landnutzung und Naturschutz nur getrennt geredet wird. Unter dem Sammelwort »Permakultur« führten sie beide Disziplinen zusammen. Der neue Ansatz verbreitete sich in der ganzen Welt. In den USA war eine der ersten Praktikerinnen Penny Livingston, die heute als Permakulturdesignerin international bekannt ist. »Permakultur ist ein Ausdruck unserer Verbindung mit Natur«, meint Penny. »Wir gestalten dabei menschliche Siedlungen mit der Stabilität und Resilienz eines natürlichen Ökosystems. Eines der Design-Prinzipien lautet ›Arbeite mit der Natur‹. Ich habe es in ›Wir sind Natur, die arbeitet‹ umbenannt, weil dadurch klarer ausgedrückt wird, dass es keine Trennung zwischen Menschen und der natürlichen Welt gibt.«
In dem Naturverbindungspionier Jon Young und seiner Methode »Mentoring for Nature Connection« (in Deutschland bekannt als Wildnispädagogik, siehe Seite 60) fanden Penny und ihr Mann und Projektpartner James Stark die ideale Ergänzung für ihre Arbeit. Gemeinsam mit Jon Young und seiner Frau Nicole gründeten sie im Jahr 2003 das Regenerative Design Institute in Bolinas, etwa eine Stunde nördlich von San Francisco. Dort kann man Permakultur in der Kombination mit Naturverbindung lernen, unter anderem im neunmonatigen Intensivkurs »Regenerative Design and Nature Awareness«. Das Kürzel lautet »RDNA« und steht auch für Ribosomale Desoxyribonukleinsäure – die Trägerin der Erbinformation in allen lebenden Zellen.


Regeneration statt Nachhaltigkeit
Die Vision des Instituts ist Regeneration, nicht Nachhaltigkeit.
Es geht nicht um die Konservierung unseres Zustands und der noch übriggebliebenen Ressourcen, sondern um Erholung, Erneuerung, Verjüngung – für Mensch und Natur. Im RDNA-Programm dreht sich drei Tage pro Woche alles darum, dies praktisch umzusetzen. Ich bin dabei, und mit mir fast vierzig Teilnehmer. Stundenlang lauschen wir den Vögeln. Wir senken den Blick tief in die Risse und Winkel von Tierspuren; sie werden unser Guckrohr in eine andere Welt. Immer wieder schließen wir die Augen – wie viel wir spüren, hören, riechen! Dann schreiben wir auf und analysieren, was wir beobachtet haben. Wir setzen Ziele und planen, greifen in natürliches Geschehen ein und gestalten. Wir sind Natur, die arbeitet. Und wir erleben, wie in uns Energie frei wird. Wir feiern und singen. Wir denken weniger – und besser. Nicht nur Permakulturdesigner, die sich mit der Natur verbinden, gewinnen etwas: Es entsteht neuer Raum jenseits des Denkens, der es erleichtert, zuzuhören, hinzuschauen und einem Stück Land Zeit zu geben, sich zu zeigen. Es wächst die Ahnung von der Rolle, die wir Menschen seit Anbeginn der Zeiten in der Natur spielen. Der Garten unserer Urahnen war die Wildnis, wo sie Pflanzen kultivierten, Tierpopulationen managten und natürliche Vielfalt förderten. So beschreibt es Kat Anderson in ihrem Buch »Tending the Wild« (etwa: Die Wildnis hegen). Sie untersuchte den Einfluss der Urbevölkerung auf die kalifornische Natur und fand, dass die einheimischen Indianerstämme als »Schlüsselart« die Wildnis maßgeblich gestaltet hatten. Es war nicht nur der Nutzungsdruck durch einwandernde Europäer, sondern auch das Fehlen ihrer Eingriffe, das später zur Verarmung von Pflanzen- und Tierwelt führte.
Gefühle als Grundlage
Die Natur braucht uns, und wir brauchen sie, um ganz wir selbst zu sein. Der Biologe Andreas Weber (siehe Seite 32) schreibt in seinem Buch »Alles fühlt«, das Ich-Bewusstsein entstehe durch Kommunikation zwischen uns selbst und anderen Menschen. Ebenso könnten wir unsere Rolle in der Natur finden, wenn wir mit ihr kommunizieren. Das ist der Grund dafür, warum Wildnispädagogen mit allen Wesen und Objekten sprechen, als wären sie menschlich. Wir danken Mutter Erde, Großmutter Mond, den Vögeln und dem Wasser – und meinen es auch so. Der Ethnologe Richard Nelson und der Psychologe Ulrich Gebhard bestätigen, dass diese Vermenschlichung hilft, die emotionale Bindung zur Natur aufzubauen. Kinder dürfen das bei uns heute noch, aber Erwachsene wurden lange Zeit belächelt, wenn sie Natur als beseelt und mit Gefühlen begabt ansahen. Heute, schreibt Weber, vermuten auch Biologen, dass Entstehung und Verhalten von Tieren und Pflanzen sich nur erklären lassen, wenn man Gefühle und Werte als Grundlage aller Lebensprozesse betrachtet, sogar auf Zellebene.
Das Schlammloch ist durchlöchert wie ein Maasdamer Käse. Fünf Leute starren in die graubraune Masse und zählen die Spuren. Nach einer halben Stunde springen uns immer noch neue ins Auge. Hier! Und hier! Je mehr Zeit wir uns zur Betrachtung einer Sache nehmen, desto mehr Muster und Details kann unser Gehirn erkennen – und wird sie zukünftig immer schneller bemerken. Die Fähigkeit, Muster und Details in der Natur wahrzunehmen, ist bei uns Menschen heute unterschiedlich ausgebildet. Die »grüne Wand« kann nur dann zu einer Fülle bestimmter Pflanzen, Tiere und Zeichen werden, wenn wir sie aufmerksam betrachten.
Naturblindheit heilt umso schneller, je mehr Wichtigkeit man den Beobachtungen beimisst. Begeisterung, Erzählen und Fragen sind der Schlüssel dazu: Wo, wann, wie, warum und wozu habe ich was gesehen, gehört, gerochen? Beim RDNA-Programm passiert dieses Abfragen laufend – draußen, miteinander und im Tagebuch. Der Neurobiologe Gerald Hüther sagt, dass in unserem Gehirn umso mehr neue Verknüpfungen gebildet werden, je komplexer eine Umgebung ist – und nichts ist so komplex wie Natur! Hier einzutauchen, ist also genau das richtige Training für die Lösung unserer globalen Probleme.

In Gemeinschaft feiern
Feuerholz, Räucherkräuter, heilige Speisen – Menschenfeste
brauchen Natur. Traditionell drehen sie sich auch um Jahreszeiten, natürliche Lebewesen und deren Einfluss auf unser Dasein. Wir kommen zusammen, um zu feiern, was uns alle betrifft, und verbinden uns dabei mit dem »Genius Loci«, dem Geist eines Orts.
Der österreichische Verhaltensforscher und Begründer der ­Humanethnologie Irinäus Eibl-Eibesfeldt, Schüler von Konrad Lorenz, fand heraus, dass in allen Kulturen Rituale gemeinsamen Tuns und gegenseitigen Bewirtens wichtig für die Bindung zwischen den Menschen sind. Wozu das nützt, lehrt im RDNA-Programm der hawaiianische Älteste Kalani Souza. Er arbeitet für die Pacific Risk Management Ohana, ein Zusammenschluss aus Behörden und Verbänden, dessen Hauptaufgabe die Katastrophennachsorge ist. Auf die Frage, wie man die Widerstandsfähigkeit und Flexibilität einer Region vorbeugend stärkt, antwortet er schlicht: »Feiert mehr Feste!«

Ein Kreis schließt sich
Nur zwei Autostunden östlich von Bolinas liegt das Land der
D-Q Universität, der einzigen Universität amerikanischer Ureinwohner außerhalb eines Reservats. Im Frühling 2010 wurde die 1971 gegründete und dann lange geschlossene Universität wiedereröffnet, und zwar in Kooperation mit dem Regenerative Design Institute, das nun Inhalte, Methoden und Lehrpläne mitgestaltet. So kehren die lange von Weißen gehüteten indigenen Methoden der Naturverbindung verbunden mit den regenerativen Techniken der Permakultur zu den Ureinwohnern zurück – ein Kreis schließt sich. Den Auftakt für die Kooperation bildete ein vierzehntägiger Permakulturdesign-Kurs im September 2010, den Weiße und Indigene gemeinsam leiteten.
Das Virgin Islands Sustainable Farm Institute auf der Karibikinsel Saint Croix ist meine nächste Station. Auch hier geht es um Naturverbindung als Grundlage für permakulturelle Landnutzung. Für seine Bildungsprogramme erntet es internationale Anerkennung, denn es fördert damit Gemeinschaftskultur vor Ort, die die gesamte Region befruchtet.
Es ist heiß. Aus Nacht und Trommeln stampft ein Riese in karierten Kleidern. Schwarze Augen starren, das Gesicht vermummt, die Holzbeine drei Meter hoch. Er tanzt auf der Wiese zwischen Haus, Waldgarten und Hühnerstall und verschwindet dann wieder im Dunst. Am nächsten Morgen erzählt eine Älteste der indigenen Bevölkerung von Saint Croix die Geschichte der Naturgeister und ihrer menschlichen Verkörperungen, der stelzenden Moko-Jumbies. Ihr Publikum ist eine Gruppe aus weißen Urlaubern und schwarzen Einheimischen. Wir befinden uns in einem der laut National Geographic Society zehn weltweit besten Geotourismus-Projekte. Unter zweitausend nominierten Initiativen wurde das Natural Mentors Programm des Virgin Islands Sustainable Farm Institutes gewählt, weil es den von ihren eigenen Traditionen entfremdeten Einheimischen der Insel und internationalen Touristen die Chance bietet, gemeinsam das Land und die Rolle des Menschen darauf neu zu entdecken. »Wir alle sind Erdlinge, und unser Garten Eden ist genau hier, direkt vor unseren Augen«, sagt Nate Olive, Programmdirektor des Instituts. »Das müssen wir erkennen, wenn wir ihn nicht für immer verlieren wollen. Unser Planet ist unser Paradies.«
Die Verbindung mit der Natur ist essenziell notwendig, um den Traum von Gesundheit, Fülle und Vielfalt für die Erde und alle ihre Wesen zu verwirklichen. Wenn wir uns auf Natur einlassen, können wir spüren, dass sie uns trägt und uns gleichzeitig Raum bietet, in dem sich unsere Kreativität im Einklang mit der Schöpfung entfalten kann. Das gilt nicht nur für die Gestaltung unserer Landnutzung, sondern für alle Lebensbereiche und Arbeitsfelder. Naturverbindung kann in jedem Alter neu erlernt oder wiedergefunden werden. 

 

Elke Loepthien (30) entwickelt Lern- und Gemeinschaftserfahrungen in, mit und durch Natur, unter anderem in ihrer bevorstehenden Diplomarbeit im Studiengang »Landschaftsnutzung und Naturschutz« an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde.

Links zu Wildnis und Permakultur:
www.wildnisschulenportal-europa.de
www.regenerativedesign.org, www.visfi.org
http://dqu.college-lnfo.net, www.earthactionmentor.org