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Und macht nicht mehr so dolle!

Jochen Schilk fragt sich, wie in einer arbeitssüchtigen Gesellschaft Faulheit und Müßiggang rehabilitiert werden könnten

von Jochen Schilk , erschienen in 03/2010

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Neulich ging ich zu meinen alteingesessenen vorpommerschen Nachbarn, um mir einen Sack Zement auszuleihen. Das junge Pärchen führte mich stolz durch ihr neues Haus, das sie in diesen Tagen neben ihrer Berufstätigkeit – sie arbeitet bei McDonalds, er beim Militär – endlich bezugsfertig machen können. Und ich erzählte von dem kleinen Bauprojekt in meinem Garten, an dem ich mit meinem Vater werkelte. Als ich mich schließlich, den Sack schon auf den Schultern, dankend empfahl, antwortete der Nachbar mit dieser Verabschiedungsformel, die ich im Nordosten schon ein paarmal vernommen hatte: »Tschüß – und macht nich’ mehr so dolle, ne!«
Die zur Redewendung gewordene, wohlmeinende Aufforderung, es mit der Arbeitswut nicht zu übertreiben, gab mir diesmal einen kleinen Stich. Scheint der Spruch doch im offenen Widerspruch zur Religion der Arbeit zu stehen, die heute von sämtlichen Klassen, Schichten sowie von zahlreichen Völkern praktiziert und proklamiert wird. Die Begegnung zweier Menschen auf der Straße kann sich in meiner Wahlheimat nämlich ebenso gut so anhören: »Tach, wie geht’s?« – »Jau, gibb immer viel ssu tun!« Offenbar würde niemand – auch und gerade in einer Region mit hoher Arbeitslosigkeit und Hartz-Grundversorgung – gerne zugeben, keine Arbeit zu tun zu haben oder gar dem Müßiggang zu frönen. Hand aufs Herz: Wer von uns brächte schon den Mut auf, im Kreis von Verwandten, Nachbarn, Bekannten und Vorgesetzten nicht nur einzugestehen, dass ihm Arbeit oftmals gar nicht behagt, sondern gegebenenfalls das Folgende kundzutun: »Um ehrlich zu sein, liebe Leute, drücke ich mich mitunter um jeden Job. Es ist mir egal, was ihr denkt, aber nicht selten geht es mir am wohlsten, wenn ich richtig schön zwanglos-faul sein kann.« Unser Tätig-Sein scheint uns sozial stark zu definieren, und es ist uns eben leider nicht egal, was die anderen von uns denken. Nur wer etwas »schafft« – und sei es noch so sinnfrei oder gar lebensfeindlich –, der gilt etwas in dieser Gesellschaft.
Längst schon hat mich der Verdacht beschlichen, dass es diese seltsame Arbeitsmoral ist, die vielen notwendigen Veränderungen im Weg steht. Es ist kein Tabu mehr, festzustellen, dass viele Menschen süchtig sind nach immer mehr Konsum, und dass überhaupt heute der schönen, globalisierten Warenwelt gehuldigt wird wie einst dem goldenen Kalb. Viel seltener jedoch ist die Rede davon, dass dem Kaufrauschproblem und der Konsum-Religion die Volkskrankheit Arbeitswut sowie ein gruseliger Kult um die Arbeit entsprechen.

Schmerztablette Arbeit
Kann es sein, dass die Arbeitswut in Deutschland ein besonders verbreitetes Symptom ist? Die Deutschen haben sich von 1945 bis zur letzten Fußball-WM 2006 nicht getraut, besonderen Nationalstolz zu zeigen. Aber den Stolz auf ein vermeintlich besonders hohes Maß an »Fleiß, Disziplin und Pünktlichkeit« ließen sie sich auch in den Jahrzehnten nach dem Wirtschaftswunder nicht nehmen. Der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer meint, dass sich nach dem Krieg ein großer Teil der traumatisierten Deutschen in einen geradezu pathologischen Arbeitseifer flüchtete. Über die persönlichen Kriegserlebnisse sowie die nationale Schande von NS-Verbrechen und militärischer Niederlagen zu sprechen, habe lange Zeit kaum jemand die Kraft aufgebracht. Da sei der notwendige Wiederaufbau gerade recht gekommen: »Beobachtungen an schwer traumatisierten Menschen laufen darauf hinaus, dass rastlose Arbeit das beste Mittel ist, quälende Erinnerungen abzuwehren und Gefühle innerer Leere zu betäuben«, schrieb Schmidbauer kürzlich in der Süddeutschen Zeitung.
Wer schon einmal Gelegenheit hatte, eine systemische Familienaufstellung mitzuerleben, der mag einen Eindruck davon erhalten haben, wie sehr unaufgearbeitete Kriegstraumata bis heute in den Familien wirken, selbst über mehrere Generationen hinweg. Das damals kollektiv und individuell erlebte Grauen ist noch lebendig in uns, auch wenn die Zeugen des Weltkriegs allmählich rar werden. Und auch die unbewussten Strategien, irgendwie mit diesen nicht erlösten Schmerzen umzugehen, sind noch am Wirken – im weit verbreiteten Fall der Arbeitssucht als ein psychisches Muster, das zusätzliche Kraft über das kaum hinterfragbare moralische Gewicht erfährt, welches heute jeder Art Arbeit zugesprochen wird. Denn anders als der Alkoholiker oder Spielsüchtige kann der »Workoholic« darauf vertrauen, dass sein Kompensationsmittelchen bei den Mitmenschen nicht mitleidiges Kopfschütteln oder Abscheu bewirkt, sondern sogar Respekt auslöst: »Nein, was die Jasmin alles schafft! So fleißig, sie denkt an nix anderes als ihre Arbeit … «
In mir selbst finde ich zwei Aspekte, die fast ständig im Streit miteinander liegen: Da ist zum einen ein ungeheurer Antrieb, jene Dinge voranzutreiben, die ich mir zu tun vorgenommen habe. Und zum anderen ein großes Verlangen nach Ruhe, nach viel Raum ohne selbstgemachte und fremdgesteuerte Verpflichtungen. Wenn ich ehrlich bin, hat der zweite Aspekt oft genug das Nachsehen gegenüber dem ersten. Ich mache und mache – oftmals mehr, als mir guttut. Rastlos nehme ich mir immer noch mehr Projekte vor – obwohl ich doch ahne, dass es da etwa unangenehme innere Prozesse gibt, die meine Aufmerksamkeit bräuchten. Oh je, die Arbeits-Pandemie hat auch mich nicht verschont!

Nichtstun hilft
Nun ist es ja nicht bloß so, dass es in dieser Gesellschaft schon lange nicht mehr genug (Lohn-)Arbeit für alle gibt. Nachhaltigkeitsforscher sprechen darüber hinaus von der Notwendigkeit, Produktion und Konsum noch weiter auf ein vertretbares Maß herunterzufahren. Das bedeutet: Es gibt bzw. gäbe weniger Arbeit zu tun. Man sollte meinen, dass diese Entwicklung die gesellschaftliche Nachsicht gegenüber jenen wachsen ließe, die der allgemeinen Arbeitsnorm nicht genügen können oder wollen. Denn deren Nichts- bzw. Wenig-Tun trägt ja nun quasi zur Erfüllung des Plan-Solls bei. Faulheit könnte heute endlich den Ruch von Laster und Sünde verlieren, Müßiggang könnte im richtigen Maß zur Tugend werden – wäre da nicht die beschriebene kollektiv-unbewusste ­Arbeitssucht mit dem sie begleitenden ­sakrosankten Ethos. – Und wir wollen freilich auch nicht vergessen, dass die besitzende Klasse alles tun wird, den Kult um die Arbeit am Leben zu erhalten. Schon beschwört ein neoliberaler Politiker die Sorge vor einer neuen »spätrömischen Dekadenz«, die uns alle in den Niedergang zu reißen drohe. Und als kürzlich ein Hartz­-IV-Empfänger öffentlich zugab, eigentlich gar keine Arbeit zu suchen, hagelte es Morddrohungen auf Bild.de. Von Wertewandel kann keine Rede sein.
Oder doch? Da ist zunächst einmal die erstaunlich breit diskutierte Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, dessen utopische Forderung der nicht an Bedingungen geknüpften Zahlung ja eine empörende Her­ausforderung der tiefsitzenden, gängigen Arbeitsmoral darstellt. Bedarf es zuvor einer massenhaften Therapie von Arbeitssüchtigen, oder genügt die beharrliche öffentliche Aufwertung des Müßiggangs, damit irgendwann einmal angstfrei über die Frage nachgedacht werden kann: Haben weniger tüchtige Menschen in unserer Gesellschaft das Recht, mit gutem Gewissen sie selbst zu sein? In Würde? Ohne, dass wir sie mit Hartz-Gesetzen piesacken?
Ob es durch und durch faule Menschen tatsächlich gibt, wage ich übrigens zu bezweifeln. Kennen nicht alle Menschen den Wunsch, sich durch möglichst frei gewählte Tätigkeiten selbst zu verwirklichen und dabei auf die eine oder andere Weise zum Funktionieren einer Gemeinschaft beizutragen, mit der sie sich identifizieren können? Demnach wäre ständige Antriebslosigkeit eher das Gegenstück zum pathologischen Arbeitseifer; beide bedürfen der Heilung in einem sozialen Umfeld, das Heilung zulässt.
Ob alle Mitglieder einer Gesellschaft diese aktiv tragen möchten, kommt eben auf deren Grad an Humanität an. Das hat Karl Marx’ Schwiegersohn Paul Lafargue bereits 1880 in seiner Schrift »Das Recht auf Faulheit« herausgearbeitet, in der er das 1848 von den französischen Arbeitern eingeforderte »Recht auf Arbeit « verspottete. Lafargue ging es weniger um eine Rechtfertigung von Faulheit als um das Infragestellen der Arbeitsbedingungen in Industriegesellschaften. Schon zu seiner Zeit prangerte er die grassierende Arbeitssucht an und warf dem Proletariat vor, die bürgerliche Arbeitsmoral übernommen zu haben. Interessanterweise stellte der auf Kuba geborene Mulatte Lafargue dem Schreckensbild des sich an die Fabrik verkaufenden Arbeiters das Ideal der freien Menschen in traditionellen (auch nativen), nicht indus­trialisierten Gesellschaften gegenüber.
Die Psychotherapeutin Jean Liedloff berichtete 1977 in ihrem nach wie vor lesenswerten Buch »Auf der Suche nach dem verlorenen Glück« von der paradiesisch-entspannten Lebensweise des venezolanischen Regenwald-Volks der Yequana. Wie viele andere indigene Gruppen auch, kennen die Yequana weder eine Unterscheidung zwischen Arbeit und anderen Tätigkeiten noch ein Wort für das, was wir Arbeit nennen.

Im Trend: Anleitungen zum Müßiggang
Ein weiterer Anhaltspunkt dafür, dass vielleicht doch ein Wertewandel hin zu mehr Akzeptanz der Muße ­stattfindet, ist die Flut an Büchern zum Thema, die heute veröffentlicht werden, 75 Jahre nachdem Bertrand Russell sein berühmtes »Lob des Müßiggangs« schrieb. Eine kurze Web-­Recherche fördert folgende Titel zutage: »Vom Glück der Faulheit« (2002), »Enzyklopädie der Faulheit« (2003), »Vom Nichtstun« (2004), »Die Entdeckung der Faulheit« (2005), »Anleitung zum Müßiggang« (2005), »Wörterbuch des Müßiggängers« (2009) …
Eine kleine Initiative aus Bremen scheint überdies das Zeug zu besitzen, aus den zahlreichen Einzelansätzen eine regelrechte Bewegung zur Rehabiltierung von Faulheit und Müßiggang zu formen. Der Eindruck entsteht jedenfalls beim Besuch der Seite des Vereins »Otium« (lateinisch für »Muße«), die eindrucksvoll den Unterschied zwischen fremdbestimmter Arbeit und mußevoller Tätigkeit veranschaulicht: Die bienenfleißigen Otium-Mitglieder haben eine wunderbar umfangreiche Zitatesammlung rund um ihr Anliegen zusammengetragen, starke Worte, die Selbstbewusstsein im Kampf gegen die allgegenwärtige Idealisierung der Arbeit schaffen. Der Halbtagslehrer Felix Quadflieg war vor zehn Jahren bei der Gründung von Otium dabei, in seiner Freizeit hält er Vorträge, manchmal sogar vor großen Firmen. »Muße und Müßiggang sollten wieder als der Ausgangspunkt menschlichen Seins benannt werden«, fordert Quadflieg. »Heute hat man fast vergessen, dass es das Ziel allen menschlichen Trachtens war, mit technischen Erfindungen das Leben zu erleichtern, also sich von der Bürde der Arbeit zu befreien.« 

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