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Räume des Nichtwissens

Oya-Herausgeber Johannes Heimrath sprach im ZEGG mit Barbara Stützel, ­Andreas Duda und Simon Schramm über die gemein­schaftsstiftende Kraft der Künste.

erschienen in 32/2015

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Johannes Heimrath Habt Dank für das herzliche Willkommen hier in der Gemeinschaft »ZEGG«. Kaum zu glauben, aber ich bin tatsächlich zum ersten Mal körperlich hier – nach den vielen Jahren gedanklichen Austauschs! Sowohl hier wie auch bei uns in Klein Jasedow spielt die Arbeit mit künstlerischen Medien eine große Rolle, und das ist heute unser gemeinsames Thema. In Klein Jasedow, dem Ort, an dem auch Oya entsteht, bietet die »Europäische Akademie der Heilenden Künste« in ihrem Klanghaus unter anderem den Studiengang »Musikalische Prozessbegleitung« an, bei dem ich mitwirke. Gestern war ich zusammen mit drei weiteren Teammitgliedern im Berliner »Impuls«-Büro eingeladen, den Studiengang vorzustellen. Anhand von ein paar kleinen Aktionen haben wir dort gefragt: Was macht Musik mit uns? Wie können wir sie in den unterschiedlichen Zusammenhängen einsetzen? Wie groß ist der Spalt zwischen einer Diskussionsrunde am Tisch und dem musikalischen Erleben? Wie hebt mich Musik aus dem Bewerten und Vergleichen heraus und führt zu einer Verbundenheit mit den Menschen, mit denen ich die Erfahrung einer Improvisation teile? Immer wieder frage ich mich zudem, ob in diesem Erleben auch eine Gefahr liege: Wie leicht lassen sich Gruppen manipulieren, wenn sie so geöffnet sind?
Barbara Stützel Gemeinsames Singen ist ein wichtiges Element in unserer Gemeinschaft hier im ZEGG. Wenn ein Festival stattfindet und 300 Menschen in einem Zelt zusammen singen, findet so etwas wie ein Quantensprung statt – als ob durch das Singen ein Organismus mit einer eigenen Intelligenz entstünde. Spannend dabei ist, wenn nicht ein einzelner Mensch etwas vorgibt, sondern sich ein Kanal für die Frage bildet: Was will aus der Gruppe heraus entstehen, was will sich aus dem Ganzen heraus erzeugen? Wenn das die Intention aller Beteiligten ist, scheint mir die Gefahr der Manipulation gebannt zu sein.
Andreas Duda Ich beobachte, dass über wichtige gesellschaftliche Themen – zum Beispiel die Entwicklung einer postkapitalistischen Ökonomie – fast ausschließlich auf eine kognitiv-lineare Weise gesprochen wird. Die meisten sind sich dessen kaum bewusst, welch ungenutztes Potenzial darin liegt, Gesprächsräume mit Musik, Malerei, Tanz oder anderen kreativen Medien zu ergänzen und somit »menschengerechter« zu gestalten. Manche Leute folgen gerne einen ganzen Vormittag lang Vorträgen, andere können das nicht – sie wollen sich lieber dabei bewegen oder das Thema beispielhaft erfahren. Deshalb scheint es mir wichtig, Kongresse oder Konferenzen so zu gestalten, dass viele unterschiedliche Ebenen angesprochen werden. Bei unseren Festivals im ZEGG ist der Beginn dem gemeinsamen Kennenlernen gewidmet, wobei die Gäste spielerisch miteinander in Kontakt kommen. Danach wirkt es, als sei der Raum »aufgewärmt«, und die Inhalte können viel tiefer und umfassender bei den Menschen landen.
BS Wir ändern oft die Formen im Raum – mal beginnt es mit einer frontalen Situation und endet im Kreis, mal führt eine interaktive Performance zu Arbeit in kleinen Runden. Ein wichtiges Moment ist immer die Stille, in der ein intensiver Kontakt mit einem selbst entstehen kann, der ja die Basis dafür ist, anderen zuhören zu können.
Simon Schramm  Bei unserem letzten ZEGG-Sommercamp ging es um Gemeinwohlökonomie. So ein Thema kannst du mit einer Powerpoint-Präsentation vorstellen, aber auch mit einem Theaterstück. Wenn du gleichermaßen kognitive wie assoziative Zugänge eröffnest, können die Menschen intensiv an ein Thema andocken, zum Beispiel, indem man mit ­Poesie, einem Musikstück oder einer Szene die Fragestellung kreativ umsetzt und erst ­danach wieder in die Diskussion geht.
JH »Unsere« – ohne damit vereinnahmend wirken zu wollen! – kreative Subkultur erwartet inzwischen ja fast, dass so vorgegangen wird. Gerade ins ZEGG kommen die Menschen doch auch wegen des Experiments, oder nicht? Welche Erfahrungen habt ihr bei der Arbeit mit Menschen gemacht, die solchen Ansätzen eher skeptisch gegenüberstehen?
BS Hier in der Region habe ich viele Jahre lang eine Künstlergruppe mit aufgebaut. In diesem Rahmen haben wir verschiedenste Veranstaltungen gestaltet, zu denen »ganz normale« Menschen gekommen sind. Auch dort haben wir ungewöhnliche Elemente eingebracht. Einmal, als es um das Thema »Sinne« ging, haben wir die Menschen aufgefordert, die Augen zu schließen und sie auf eine Erfahrungsreise mit Gerüchen, Klängen und Berührungen geschickt. Das hatten sie hier auf dem Dorf wohl nicht erwartet, aber es gab eine sehr gute Resonanz.
SiS Ich veranstalte regelmäßig Workshops zu experimenteller Musik mit Abiturienten, die ein Freiwilliges Soziales Jahr im Kulturbereich absolvieren. Wir arbeiten jeweils zu einem Thema wie »Identität«. Diese jungen Leute kennen den ZEGG-Kontext nicht. Anfangs finden sie alles ziemlich »abgespaced«. Wenn ich sie einlade, auf eine Traumreise zu gehen und die Bilder, die dabei in ihnen hochkommen, zu malen und sie später in einer Musikimprovisation umzusetzen, sind sie zuerst erstaunt. Doch es funktio­niert immer. Am dritten Tag heißt es: »Ich dachte, ich sei unmusikalisch, aber wir haben so tolle Musik gemacht! Ich habe das Thema Identität noch nie unter dem Aspekt ›Wie klinge ich?‹ angeschaut.«
AD Der Frage, wie sich künstlerische und gemeinschaftsfördernde Herangehensweisen in verschiedenste Kontexte einbringen lassen, widmet sich im ZEGG seit letztem Jahr eine von mir mitbegründete, neue Gruppe, die sich »Imaginal« nennt – angelehnt an die Imagozellen, die im Verwandlungsprozess der Raupe zum Schmetterling eine Rolle spielen. Wir wollen unsere Erfahrungen Veranstaltern von Themen rund um gesellschaftlichen Wandel anbieten und sie beraten, wie sie ihre Inhalte auf vielfältige Weise transportieren und weiterentwickeln können.
Kürzlich haben wir zum Beispiel damit experimentiert, dass zwei Improvisationsmusiker einen Vortrag begleiten. Sie hatten die Aufgabe, mitzuschwingen und an einem spannenden Punkt des Vortrags von sich aus einen klanglichen Impuls zu geben. Mal haben sie etwas verstärkt, mal etwas konterkariert. Bei Vorträgen finde ich es oft schade, wenn nach einem weitreichenden Gedanken einfach weitergesprochen wird. Als Musiker einen Nachklangraum für das Gesagte zu schaffen, finde ich wunderbar.
JH In letzter Zeit erzählen zunehmend Menschen fasziniert davon, wie sie ein solches Wechselspiel zwischen Vortrag und Musik erlebt haben. Die Musik ist darin kein Beiwerk, sondern Teil der inhaltlichen Auseinandersetzung. Auf solche Weise werden wir mit unseren Studierenden den nächsten Kongress von »fairventure« in Stuttgart mitgestalten.
AD Die Ebene des Ausdrucks zu wechseln, hat eine starke Wirkung. Dafür gibt es viele Formen, zum Beispiel nach einem Vortrag das Gesagte als Tanztheater in fünf Minuten noch einmal wiederzugeben oder parallel durch assoziatives Malen ein »Protokoll« entstehen zu lassen – so wie es Alexandra, die dieses Gespräch neben uns mit Kreide in ein Bild übersetzt, gerade manifestiert.
JH Aus der Musikimprovisation lassen sich einige gute Schlüsse ziehen, inwiefern sich solche Kommunikation vom normalen Sprechen unterscheidet. Musikalisch können alle gleichzeitig etwas sagen und dabei als Gruppe eine gemeinsame, auch für andere erfassbare Aussage in den Raum stellen – wenn alle gleichzeitig sprechen, ist das nicht möglich. Einen klingenden Beitrag zu leisten geht damit einher, auf die jeweils anderen zu lauschen. Wie kann ich wahrnehmen, was ich selbst ausdrücken möchte, und dabei den anderen Raum geben, ihre Impulse zu äußern? Interessant wird es, wenn Formen entstehen, zum Beispiel, wenn eine dynamische Steigerung einsetzt oder alle synchron ein Stück ausklingen lassen. Ein gemeinsamer Schluss gelingt fast immer, auch wenn eine Gruppe so etwas zum ersten Mal probiert. Dann frage ich: Wie habt ihr das so gut geschafft, ohne dass ihr musikalisch ausgebildet seid? Könnt ihr diese Intuition für das Gestalten eines gemeinsamen Bogens auch in eure Art des Sprechens hineinnehmen?
Ich bin sicher, dass man auch mit dem Medium Farbe zu solchen Fragen finden kann. Wie arbeitet ihr in diesem Bereich?
AD Wir experimentieren derzeit mit dem »assoziativen Malprotokoll«. Dabei geht es nicht darum, den Inhalt über Wörter wiederzugeben, sondern den Stiften zu folgen. Daraus entwickelt sich sofort eine Magie: Du fertigst einen Abdruck der Situation als Ganzer, bist mittendrin. Auf unserem Empathie-Festival haben wir während eines Vortrags allen Zuhörenden Unterlagen, Papier und Stifte zur Verfügung gestellt. Die Frage ist ja nicht nur »Wie vermittle ich etwas?«, sondern auch »Wie nehme ich etwas auf?«.
SiS Es geht nicht darum, dass ich ein Bild male, sondern ich trete in einen assoziativen, absichtslosen Raum ein. Das kann ich durch Malen, Bewegung, Kneten, Tanzen oder Musikmachen tun. Wichtig ist, in jenen »Flow« zu kommen, in ein Fließen, ins Bildhafte. So ein Prozess wird eher der rechten Gehirnhälfte zugeordnet, das analytische Denken der linken Gehirnhälfte. Aber kann nicht auch aus einem ganzheitlichen Erleben heraus gesprochen werden? Wie lässt sich fließend zwischen all diesen Schichten wechseln?
JH Solche Ebenenwechsel nennen wir »intermodale Prozesse«. Das Malen spiegelt etwas aus dem Gesprochenen zurück, daraus entsteht eine Improvisation – all das lässt sich auseinander herausfalten oder ineinander umstülpen. Unsere Studiengänge führen uns dazu, solches Arbeiten in einer gewissen Weise zu systematisieren. Entwickelt ihr auch Formen, in denen ihr euer Wissen weitergebt?
SiS Wir haben viel ausprobiert und geben es untereinander weiter, aber es gibt noch keine Form, das systematisch zu unterrichten. Auf unseren Veranstaltungen vermitteln wir die Lust am Ausprobieren, so dass die Menschen es wagen, von sich aus einen Schritt weiterzugehen.
JH Ich sehe da eine Aufgabe: Wenn wir wissen, dass sich Erfahrungen unter bestimmten Rahmenbedingungen reproduzieren lassen, dass ein kulturschöpferisches Erlebnis nicht nur ein einmaliger Effekt war, sondern sein Zustandekommen Prinzipien folgt, haben wir eine Verpflichtung, das für viele verfügbar zu machen. Dabei spüre ich überhaupt keinen pädagogischen Impuls, sondern folge der Einsicht, wie wichtig Katalysatoren sind, damit solche Prozesse in Gang kommen können. Zukünftig werden wir mehr denn je kommunikative Fähigkeiten benötigen, die ganz anders sind als diejenigen, die uns die Wettbewerbsgesellschaft vermittelt. Gewiss sind wir Menschen kooperative Wesen – aber haben wir unsere kooperativen Fähigkeiten schon enkeltauglich entwickelt?
AD Mir scheint, dass sich in diesem Bereich gerade viel Neues entfaltet – wie im Frühling, wenn die Knospen aufspringen. Als Teil dieses Zeitgeists sehe ich unsere Gruppe Imaginal. Wir wollen in verschiedenste Bewegungen, die für einen Wandel hin zu einer lebensfördernden Gesellschaft arbeiten, hineingehen, dort mitgestalten und beraten. Eine schöne thematische Brücke, um mit anderen Gruppen in Kontakt zu kommen, scheint mir das Thema der kollektiven Intelligenz zu sein. Die Herausforderungen unserer Zeit werfen so viele ungelöste Fragen auf, dass wir sie durch lineares Denken allein nicht lösen werden. Vielmehr ist es notwendig, sich gemeinsam in einen Raum des Nichtwissens hin­einzustrecken. Dort finden sich vielleicht Antworten oder weiterführende Fragen.
JH Wie kann ich mich in diesen Nichtwissensraum hineinstrecken? Kann ich mich mit Wissen in diesen Raum begeben?
BS Es gibt einige Prinzipien, die den Weg dorthin ermöglichen. Ich erlebe sie auch in gemeinschaftlichen Situationen, in denen nicht künstlerisch gearbeitet wird. Dabei geht es um ganz grundlegende Dinge, wie das Lauschen, das Entstehenlassen oder um die Fähigkeit, eine Frage zu stellen, ohne vorher schon die Richtung der Antwort zu wissen. So eine Frage entspricht vielleicht dem Thema, das sich eine Künstlerin für ein Werk wählt. Sie lauscht in sich hin­ein auf das, was entstehen will, und eine Gruppe, die sich einer Frage widmet, lauscht gemeinsam in einen kollektiven Raum hinein. So entstehen Öffnung, Leere – und Neues.
JH Das Lauschen ist etwas anderes als das Hören, so wie Schauen etwas anderes ist als das Sehen. Offenbar verfügen wir über eine Art »Rückraum«, aus dem heraus die Wahrnehmung sich ganz anders gestaltet, als wenn wir nur auf der Vorderfläche unserer Sinnesorgane präsent sind.
AD Auf solche Weise kann ich auch etwas Undefiniertes, sich noch im Nebel Befindendes an mich heranlassen und herausfinden, was für eine Qualität da kommen oder sich aus der Unklarheit herauskristallisieren will. Die Qualität des Chaos ist ja meist sehr angstbesetzt, aber sie birgt viel Lebendigkeit und Veränderungspotenzial. Sich zu trauen, das Chaos zu tanzen – wohin führt das?
BS Es ist so wichtig, einen Konflikt nicht gleich nivellieren zu wollen, sondern erst einmal wahrzunehmen: Aha, du denkst anders? Indem ich die Dissonanz ohne innere Ablehnung anhöre, kann etwas Fruchtbares entstehen. Wir müssen dahin kommen, Komplexität aushalten zu können. Mein Ziel ist eine Gemeinschaft, die Dissonanz als kreative Qualität erfahren kann, die Vielfalt in der Einheit lebt und nicht einen harmonischen Brei anrührt.
JH Dissonanz will sich irgendwann von selbst auflösen, und dann kommt es zu ganz unterschiedlichen Qualitäten von »Sonanz«. Können wir mit den unterschiedlichen Qualitäten der Klänge leben? Wenn sich alle einig sind, entspricht das vielleicht einem Dreiklang oder einer klaren Farbe. Da mag man es in der Regel nicht, wenn jemand plötzlich einen schmutzigen Ton hineinmischt, denn da ist immer die Sehnsucht nach entspannter Form und Harmonie. Aber das Leben atmet zwischen gespannten und entspannten Phasen – Ästhetik entspringt aus diesen Spannungen.
BS Ja, es geht darum, die verschiedenen Aspekte gleichzeitig zu spüren, auch wenn sie sich widersprechen.
AD Ich beobachte immer wieder fasziniert, was geschieht, wenn viele Menschen gleichzeitig an einem Bild malen. Zuerst fängt jeder an seinem Eckchen an, dann werden die ersten mutiger und gehen über Grenzen. Plötzlich übermalt jemand etwas, das ich vorher aufs Papier gebracht habe, und die Stelle bekommt genau dadurch eine eigentümliche Schönheit. Wenn ich das annehmen kann, beginnt ein freudiges Spiel, in dem viel Lebendigkeit entsteht.
JH Sind solche Erfahrungen aber über den Moment hinaus wirksam? Bleiben sie Anekdoten, oder finden diese Qualitäten Eingang ins Alltagsleben? Wirksamkeit lässt sich hier nur schwierig erforschen. Vielleicht begegnet dir nach zehn Jahren ein Mensch, der sagt: Dieses Erlebnis hat mich auf eine Bahn gebracht, die ich nie wieder verlassen habe und die mein Leben stark geändert hat.
AD Man kann nicht voraussagen, ob ein kreativer Prozess diese oder jene Wirkung haben wird. Es ist eher so, als würden Samen ­gelegt, die je nach Person zu ganz verschiedenen Zeiten keimen und unterschiedlichste Formen ausprägen.
SiS Vom Stammpublikum unserer Festivals bekommen wir allerdings Feedback. Sie sagen, dass sich in ihrem Leben dadurch etwas verändert, dass sie immer wieder in diese Räume des gemeinschaftlichen schöpferischen Erlebens gehen.
JH Heute Vormittag haben wir Ateliers verschiedener Berliner Kunstprojekte besucht. Wenn du mit der Lupe darauf schaust, was sie tun, ist das umwerfend großartig! Dann steigst du aufs Fahrrad, fährst 15 Häuserblocks weiter, und hast die nächste schöne Begegnung mit engagierten Menschen. So entsteht schnell das Gefühl: Es tut sich unglaublich viel! Aber von Block zu Block sind wir an Hunderten von Eingängen vorbeigefahren, hinter denen Menschen wohnen, die nichts von alledem mitbekommen. Da bohrt es dann in mir: Ist das, was wir tun, in irgendeiner Form relevant?
BS Wenn ich linear denke, bedroht mich diese Frage – ich meine dann, dass es relevant ist, aber nicht genug. Dann steht der Resignation die Tür offen. Ich kann nur auf die Hoffnung setzen, dass die Entwicklung sich nicht-linear vollzieht, dass qualitative Quantensprünge kommen werden.
SiS Die hundert Türen dazwischen – ich kann die Menschen dahinter ja nicht zwingen, etwas »Gutes« von mir anzunehmen. Aber vielleicht kann ich sie durch öffentliche Aktionen neugierig machen. Vielleicht lassen sie sich einladen und brauchen eine gewisse Zeit, der Einladung zu folgen. Ich kann der Welt nicht mit einem Lehrplan begegnen – das wäre manipulativ, da wollen wir nicht hin.
JH  Ja, weder Pädagogik noch Manipulation werden weiterführen. Aber wie werden Menschen neugierig?
BS In zwei Wochen mache ich ein Theaterprojekt für bildungsbenachteiligte Kinder. Dort werden die Kinder beim Erfinden ihrer Rollen Selbstwirksamkeit erfahren. Mir ist es wichtig, nicht nur Seminare hier in der Gemeinschaft zu geben, sondern immer wieder auch an ganz andere Orte zu gehen. Die Dissonanz, die sich daraus ergibt, dass wir nicht wissen, wie nachhaltig das wirkt, was wir tun, müssen wir aushalten.
JH Sie ist eben auch eine Färbung des Klangs der Zeit. Lasst uns dem nachhorchen und unsere Arbeit weiter intensivieren. Habt herzlichen Dank für das schöne Gespräch! •

 

Andreas Duda (47) ist Künstler, Kaufmann und Vater sowie Mitinitiator des Projekts »Imaginal«. Er stellt gerne kreative Räume zur Verfügung und erfreut sich an den Wundern des Lebens und am Zustand des Nichtwissens.
www.imaginal.at

Simon Schramm (39)  ist Kulturwissenschaftler und Musikpädagoge. In seinen Musikseminaren und bei der Leitung des ZEGG-Sommercamps »ClanKultur2015« geht er der Frage nach, wie ein Leben in Lebendigkeit aussieht.
www.sommercamp.zegg.de

Barbara Stützel (49)  ist Psychologin, Schauspielerin und Sängerin. Sie liebt Momente, in denen aus präsentem Kontakt mit sich selbst und anderen Neues entsteht. Beruflich erschafft sie diese in Workshops und Festivals.
www.pfingsten.zegg.de


Hier leben und wirken die Gesprächspartnerinnen:
www.zegg.de
www.eaha.org