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Maximale Selbstbestimmung?

Mit einigen frischen Ideen: Jochen Schilk stellt Michael Alberts Utopie einer partizipatorischen Wirtschaft vor

von Jochen Schilk , erschienen in 04/2010

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»Der Kapitalismus ist kein Erfolg. Er ist weder intelligent noch schön, er ist weder gerecht noch tugendhaft – und außerdem funktioniert er nicht. Kurz gesagt, wir mögen ihn nicht und fangen an, ihn zu verachten. Wenn wir allerdings darüber nachdenken, was wir an seine Stelle setzen sollen, sind wir völlig ratlos« (John Maynard Keynes 1883–1946)

Wenn es um die Frage nach einem selbstbestimmten Leben geht, muss einmal mehr der Anarchismus Erwähnung finden. Schließlich hat er Selbstermächtigung immer als Mittel und Ziel ins Zentrum seines Denkens und Handelns gestellt. Anarchische Ideen gelten als randständig, exotisch oder »radikal«, dabei haben sie inzwischen Eingang in verschiedenste gesellschaftliche Diskurse gefunden. Ich war erstaunt, zu erfahren, dass die englische Originalfassung der anarchistisch inspirierten Utopie »Parecon« von Michael Albert es bald nach ihrer Veröffentlichung im Jahr 2002 auf Platz 13 der Amazon.com-Buchverkaufs-Rangliste gebracht hatte und inzwischen in mindestens fünfzehn Sprachen übersetzt vorliegt. Ziemlich eindrucksvoll für ein trockenes Sachbuch. Für den weltbekannten Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, selbst ein bekennender Anarchist, gebührt der Parecon-Utopie »große Aufmerksamkeit, Diskussion und Wirkung«. Grund genug, die staubige Lektüre zu wagen.

Planwirtschaft, einmal anders gedacht
Sämtlichen anarchistischen Strömungen ist gemein, dass sie Machtkonzentrationen bei wenigen Menschen abschaffen und in einer neuen Gesellschaftsordnung die Entscheidungsmacht möglichst gerecht auf alle Schultern verteilen wollen. Entscheidungen sollen auf lebensnaher Ebene von allen Betroffenen getroffen und möglichst nicht delegiert werden.
Michael Albert entwirft die Utopie eines möglichst von allen beteiligten Produzentinnen und Konsumenten gleichermaßen beeinflussbaren, nicht-hierarchischen Wirtschaftssystems, das aus »Parecons« (participatory economics) besteht. Die Vision eines politischen Systems, das mehr Partizipation zulassen würde, oder die Frage nach der gesellschaftlichen Grundeinheit (etwa Gemeinschaften, s. S. 55) – interessiert Albert in diesem Buch nicht. Ihm geht es darum, die theoretische Überlegenheit der selbstorganisierten Parecon-Planwirtschaft gegenüber der (privatkapitalistischen oder sozialistischen) Marktwirtschaft sowie der zentralistischen (staatskapitalistischen) Planwirtschaft darzulegen, wenn es um die Werte Gerechtigkeit, Solidarität der Menschen untereinander, Vielfalt, den Grad an Selbstbestimmung, Erfüllung, Entwicklung, Klassenlosigkeit und nicht zuletzt um Effizienz und Ökologie geht.
Die partizipative Wirtschaft besteht bei Albert aus fünf Hauptbestandteilen. »Gemeineigentum statt Privateigentum« ist der erste Punkt: Land, Arbeitsstätten und Ressourcen sollen allen Menschen gleichermaßen – bzw. alternativ niemandem – gehören. Diese Forderung ist weit verbeitet, auch der Gedanke, sämtliche Entscheidungen basisdemokratisch in Räten von Arbeiterinnen und Arbeitern, Verbraucherinnen und Verbrauchern treffen zu lassen, ist aus der Theorie und auch Praxis zahlreicher sozialer Bewegungen und Kämpfe bekannt. Neu hingegen ist die Idee sogenannter ausgewogener Tätigkeitsbündel, die für die gerechte Verteilung von erfüllenden sowie langweiligen oder anstrengenden Arbeiten sorgen soll. Die dritte, ebenso recht revolutionäre Komponente lautet: »Entlohnung nach Einsatz anstatt, wie bislang, nach Eigentum, Machtposition oder Leistung«.
Die vierte Forderung »partizipatorische Planung statt Marktwirtschaft oder Zentralplanung« betrifft den komplexen Vorgang, wie eine Wirtschaft entscheidet, was und wieviel produziert wird, wie es verteilt und zu welchem Preis es verkauft wird. In der Marktwirtschaft werden diese Fragen dem Spiel der Kräfte überantwortet: Profitstreben und Konsumwünsche regeln hier alles mehr oder weniger gut. In den zentralistischen Planwirtschaften sollte es die Funktionärsklasse richten, die zuverlässig an den Bedürfnissen der Menschen vorbeiplante. Die Entwickler der »Parecon« (Albert ist offenbar nur einer von ihnen) haben hier nun ein mehrstufiges Verfahren ersonnen, wie die arbeitenden und verbrauchenden Menschen ihre Wünsche und Anregungen in einen demokratischen »Allokationsprozess« entsprechend dem Parecon-Hauptprinzip einbringen können, welches besagt, dass Entscheidungsbefugnisse (= Macht) davon abhängen, wie sehr die jeweilige Entscheidung den einzelnen (bzw. einen Betrieb, ein Wohngebiet, eine Region etc.) tangiert. Einfacher formuliert: Wer stärker betroffen ist, dessen Stimme erhält mehr Gewicht.
Alles in allem zielt das Konzept darauf, größtmögliche partizipatorische Selbstbestimmung an die Stelle der Herrschaft einer privilegierten, besitzenden gesellschaftlichen Klasse treten zu lassen. Sie sehen: eine ziemlich trockene Angelegenheit. Wenn Sie jedoch bis hierher durchgehalten haben, gehören Sie wahrscheinlich durchaus zur Zielgruppe des Buchs und können sich interessante neue Gedanken aus dem Stoff herauspicken.

Es kommt darauf an, was jeder einsetzt
Da ist etwa die Sache mit den »ausgewogenen Tätigkeitsbün-
deln«, die möglicherweise wirklich mehr Gerechtigkeit in das Arbeitsleben bringen könnte: Wer über einen Teil des Tags oder der Woche eine besonders unangenehme Tätigkeit erledigen muss, soll zu anderen Zeiten mit einer angenehmeren, erfüllenderen Aufgabe betraut werden – und umgekehrt. »Ausgewogene ­Tätigkeitsbündel bedeuten weder das Ende der Spezialisierung, noch machen sie Fachkenntnisse überflüssig«, schreibt Albert. »Wir wollen nicht die Arbeitsteilung als solche aufheben, sondern nur erreichen, dass jeder in die Lage versetzt wird, mittelfristig eine solche Reihe von Tätigkeiten zu verrichten, die niemanden unfair privilegieren oder mit dauernden Machtbefugnissen ausstatten.« Die Bündel werden so gebildet, dass jede und jeder sowohl konzeptionelle als auch ausführende Tätigkeiten übernehmen muss. Führung soll ebenfalls nur zeitweise von Einzelnen ausgeübt werden, damit sich kein Machtgefälle bildet.
Anders als heute sollen darüber hinaus die Menschen mit den schwersten und gefährlichsten Arbeiten am besten bezahlt werden. Im Kapitalismus, so heißt es, ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Doch wer in kein wohlhabendes Elternhaus oder ohne viel Talent für die guten Arbeitsplätze geboren wurde, hat von Beginn an schlechte Karten. Parecon schlägt aus diesen Gründen ein Entlohnungssystem vor, bei dem es nicht auf die fragwürdigen Parameter »Machtposition« bzw. »erbrachte Leistung« ankommt, sondern einzig darauf, was der oder die Einzelne an Anstrengung in seine Arbeit einsetzt. Man mag sich fragen, welche Instanz abschätzen soll, wieviel Anstrengung in eine Arbeit geflossen ist, oder wer bestimmt, wie sich die Tätigkeitsbündel zusammensetzen. Diese Entscheidungen werden entweder vom Einzelnen in Selbsteinschätzung oder/und in den damit befassten Räten getroffen – in denen auch wieder »du und ich« sitzen, also die einfachen Leute, die ihre Belange selbst organisieren.
Alle Forderungen des Buchs hat der Autor ausführlich ethisch begründet und auf praktische Durchführbarkeit abgeklopft. Das ganze Werk ist sichtlich auf Plausibilität, ideologische Unverfänglichkeit, einen überzeugenden Ton und (theoretische) Wasserfestigkeit angelegt. Am Ende geht der Autor in einem gesonderten Buchteil sogar noch auf häufig vorgebrachte Einwände und Vorbehalte gegen Parecon ein, etwa auf die Befürchtung, in dem von ihm propagierten System müsste man sein halbes Leben in irgendwelchen Ratssitzungen verbringen. Und dennoch bleibt das unbestimmte Gefühl, dass ein bisschen weniger Selbstbewusstsein der Sache nicht geschadet hätte – schließlich handelt es sich um eine Theorie, die bisher nur von der Belegschaft des von Michael Albert mitbegründeten Verlags »South End Press« sowie der eines vegetarischen Restaurants ausprobiert wird und mithin noch auf eine Bewährungsmöglichkeit im großen Stil wartet.

Und was ist mit dem Zins?
Irritiert hat mich zudem, dass in dieser ökonomischen Vision kein Wort
über die Art des verwendeten Zahlungsmittels verloren wird. Kann sich eine Gesellschaft, die keine Ausbeutung von Menschen durch Menschen will, etwa leisten, weiterhin das Zinsprinzip beizubehalten? Aus der Perspektive der Schenkökonomie könnte man Albert überdies Fantasielosigkeit vorwerfen, weil er offenbar nicht anders kann, als in Dimensionen von Geld und Entlohnung zu denken: An allen Ecken und Enden wird gemessen, beurteilt und belohnt.
Es liegt wohl an diesem allzu rational-technischen, auf die Ökonomie beschränkten Ansatz und auch an der verwendeten Sprache, dass sich der erfrischende libertäre Geist, wie ich ihn aus Horst Stowassers »Anarchie!« kenne, in »Parecon« nicht so recht einstellen will. Folglich entsteht gelegentlich der Eindruck eines weiteren grauen, sozialistischen »Systems«. Dem großen anarchophilen Streiter für alles Übersichtliche, Leopold Kohr (»Small is beautiful!«), hätte es sicher die Nackenhaare aufgestellt, wenn er den folgenden Buchsatz gelesen hätte: »Weder sind durchgängige Kleinteiligkeit und Autarkie notwendige oder hinreichende Bedingungen für eine gute Wirtschaftsordnung, noch sind sie überhaupt ökologisch wertvoll oder auch nur wünschenswert.«
Wie breit ist doch die Palette anarchistischer Ansichten. 


Parecon
Michael Albert, Trotzdem Verlag, 2006, 300 Seiten
ISBN 978-3931786335, 18,00 Euro

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