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In der Tiefe der Zeit

Auf unserer Reise ins Ungewisse müssen wir in Beziehung bleiben

von Barbara & Gunter Hamberger , erschienen in 04/2010

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 Die Tiefenökologie fragt danach, wie wir mit der Ungewissheit leben können, ob es gelingen wird, unseren Nachfahren einen lebenswerten Planeten zu vererben. Wie finden wir Kraft und Mut, um für das Leben zu kämpfen? Barbara und Gunter Hamburger berichten von einer Konferenz mit der Tiefenökologin Joanna Macy.

»Ihr seid lebendig in uns, Lebewesen der Zukunft. Ihr seid lebendig in den Spiralen unserer Zellen. Oh ihr, die ihr nach uns kommt, erinnert uns daran, dass wir eure Ahnen sind. Erfüllt uns mit Freude für die Arbeit, die getan werden muss.« (Joanna Macy)

Der Blick vom Balkon des Konferenzorts im Allgäu zeigt: Wir feiern das Leben! Es ist Anfang Juni 2010, und fast 200 Menschen aus ganz Europa und den USA tanzen den Ulmentanz. Wir singen, wir lachen und weinen miteinander – der Ulmentanz ist in den letzten Tagen zu einem Symbol für unsere Verbundenheit geworden. Die Energie, die beim Tanzen entsteht, inspiriert uns, unsere ganze Kraft für eine lebenserhaltende Gemeinschaft einzusetzen.
Was uns zusammengeführt hat, ist die Sorge um den Zustand unserer Welt. »Gewährt uns die Erde noch einen weiteren ›Tanz‹, damit wir die Chance haben, eine künftige lebenswerte und nachhaltige Zukunft zu gestalten?« – so fragte der Einladungsflyer. Welche Möglichkeiten haben wir, unsere Hilflosigkeit zu überwinden, und wie finden wir zu den Quellen unserer Kraft und unseres Engagements?
»Es war kein Zufall, der uns hier zusammengebracht hat. Wir sind hier, weil wir uns sorgen – es ist gut, hier zu sein«, empfängt Joanna Macy, Professorin für Reli­gionswissenschaften und Systemtheorie aus Berkeley, uns Teilnehmende. Dann stellt sie uns mit dem Charisma einer weisen, ­alten Frau, hellwach und präsent, ihr Konzept »Die Arbeit, die wiederverbindet« vor, mit dem sie uns durch die kommende Woche leiten wird.
»Es geht um nichts Geringeres als die notwendige dritte Revolution der Menschheit«, führt sie uns in ihre Vorstellung des »großen Wandels« ein. Sie beschreibt ihn als einen spiralförmigen Prozess in vier Schritten, der mit Dankbarkeit beginnt. Damit sei nicht gemeint, alles hinzunehmen, was geschieht, oder sich auf dem Erreichten auszuruhen. Dankbarkeit im Sinne des großen Wandels bedeutet, sich der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zur Veränderung bewusst zu werden, dankbar zu sein für die Wunder des Lebens, dankbar zu sein dafür, dass wir Teil einer Bewegung sind, die damit begonnen hat, ihre Poten­ziale zum Gelingen dieser dritten Revolution mehr und mehr zu entfalten. »Das ist ganz und gar subversiv«, erläutert die Rednerin, weil »die industrielle Wachstumsgesellschaft darauf basiert, uns ein Lebensgefühl chronischer Unzufriedenheit zu vermitteln, das unsere Gier nach ›immer mehr‹ weckt.« So verstandene Dankbarkeit sei systemverändernd und verleihe uns jene Würde, die uns hilft, den Verlockungen der Konsumwelt zu widerstehen.

Wichtig: Den Weltschmerz ausdrücken!
Im zweiten Schritt der Spirale, in dem es darum geht, den Schmerz angesichts der Bedrohung des Lebens auszudrücken und zu würdigen, erkennen wir, dass es nicht um eine Suche nach persönlicher Glückseligkeit geht. »Wenn wir angesichts der zerstörerischen Prozesse in allen Lebensbereichen aussprechen, was wir fühlen, und unsere Bedürfnisse artikulieren, dann erkennen wir, dass wir mit diesen Gefühlen nicht alleine sind. Die Pharmaindustrie und viele der politischen Machthaber wollen uns weismachen, dass unsere Schmerzen angesichts des Zustands der Welt pathologisch oder Folgen unbewältigter Kindheitserlebnisse seien – wofür sie die nötigen Schmerzmittel und Psychopharmaka parat haben«, meint ­Joanna Macy, »Lassen wir es nicht zu, dass sie unseren Schmerz um die Welt zu einer ichbezogenen Problemsituation machen. Diese Gefühle auszudrücken und miteinander zu teilen, nimmt uns die Angst vor starken Emotionen, und wir erkennen, dass wir mit allen Lebewesen verbunden sind.«
Im Wahrheitsmandala, einer Übung, die uns befähigen soll, Gefühle wie Wut, Angst, Trauer und unsere Bedürfnisse auszudrücken, sagt eine 15-jährige Teilnehmerin: »Das erste Mal in meinem Leben kann ich hier richtig wütend und traurig sein, ohne Angst zu haben, dass mich andere für verrückt erklären oder auslachen.« Und eine Frau in ihren Siebzigern: »Meine Hilflosigkeit verändert sich gerade in große Freude, weil ich erlebe, wie kraftvoll und präsent all die jungen Menschen hier sind.«
Eine menschliche Gesellschaft, die nur auf Profit und Wachstum fokussiert ist und die Folgen ihres Handelns ausblendet, beraubt sich ihrer Möglichkeiten, Fehlentwicklungen zu korrigieren. In den letzten Jahrzehnten würden wir diese Tatsache realisieren, erklärt Joanna. Doch: »Das größte Problem ist die Verdrängung dessen, was wir wissen, erleben und fühlen – und nicht die Energiekrise oder das Artensterben!« Wenn wir keine Angst mehr haben müssen vor unseren eigenen starken Emotionen, so Joanna, dann könne uns nichts mehr davon abhalten, uns für die notwendigen, lebenserhaltenden Veränderungen zu engagieren.
»Mit neuen Augen sehen«, ist der dritte Schritt in der Spirale. Wir streiten hier nicht darüber, was richtig oder falsch ist; diese Dichotomie ist Teil des alten Paradigmas. Wir unterstützen uns in unserem Lebendigsein und erkennen, dass wir nicht »außerhalb« der Welt wie ein neutraler ­Beobachter zusehen, was geschieht, sondern Teil unserer Welt sind – von allem abhängig und mit allem verbunden. Wir erleben, wie unsere gewohnten ökologischen, sozialen und ökonomischen Systeme zerbröseln. Doch zugleich nehmen wir wahr, wie mehr und mehr zukunftsfähige und ­lebenserhaltende Initiativen entstehen.

Unsicherheit aushalten
»Dieser Wandel geschieht auf mehreren Ebenen«, führt Joanna aus: »Auf der Ebene politischer Aktionen, auf jener von Strukturen, wie z. B. dem Aufbau von regio­nalen Märkten oder dem Entstehen von Lebensgemeinschaften, sowie auf der Ebene unseres Bewusstseins, indem wir uns als Teil im Gewebe des Lebens erfahren. Diese Gleichzeitigkeit ist es, die uns wachrüttelt – einerseits das Auseinanderfallen alter Systeme und andererseits das Entstehen neuer Werte. Und weil beides zum gleichen Zeitpunkt geschieht, wissen wir nicht, wie die Geschichte ausgehen wird. Es gibt keinen einzigen Grund, diese Unsicherheit, in der wir alle leben, zu verschweigen.« Wir können eben nicht wissen, ob unsere Arbeit von Erfolg gekrönt sein wird, das heißt: ob wir zukünftigen Generationen eine lebenswerte Welt hinterlassen werden. Joanna Macy benutzt für diesen Teil der Spirale gerne den Begriff »Deep Time Work« (etwa: das Arbeiten in der Tiefe der Zeit). Denn wenn wir uns auf einer spirituellen Ebene mit den Generationen der Zukunft verbinden, mit ihren Bedürfnissen und Wünschen, und in ihrem Namen sprechen, sei es, als würden wir »außerhalb unserer linearen Zeitvorstellung« agieren.
»Ihr habt noch keine Gesichter, die wir sehen, habt noch keine Namen, die wir aussprechen können. Aber wenn wir euch in unserem Bewusstsein halten, werdet ihr uns Geduld lehren. Ihr weckt den Mut in uns, zu dem wir alleine nie fähig wären, und die Liebe, die größer ist als wir selbst.«
Wir befinden uns damit im vierten Schritt der Spirale, den Joanna Macy als »Handlungsebene« beschreibt: Wir wissen, dass wir die Erde nicht reparieren können wie eine Maschine. Doch weil wir untrennbar mit ihr verbunden sind, können wir mit unseren Aktionen ihre Selbstheilungskräfte stärken. Selbstheilung kennt viele unterschiedliche Wege und Möglichkeiten, so dass wir dabei nicht für unseren speziellen Weg werben müssen.

Komm Schätzchen, mach weiter
Diese Zuversicht und Leichtigkeit möchte Joanna Macy uns KonferenzteilnehmerInnen mit auf den Weg geben: »Wenn ich eines in den vielen Jahren dieser Arbeit erkannt habe, dann dies: Nichts ist wichtiger als eure stete Absicht, euch voll und ganz zum Wohl aller hinzugeben. Ihr werdet dabei Rückschläge erleiden und Fehler machen, aber das muss nicht eure Ausrichtung und eure Motive schmälern. Erinnert euch, dass ihr alle wie ein leuch­tendes Juwel, ein Knotenpunkt im großen Netz des Lebens seid; in jedem anderen Juwel spiegelt ihr euch wider. Keine noch so große Dummheit kann euch je aus diesem Netz herausfallen lassen. Es ist, als würde die Erde dann zu euch sagen: ›Komm Schätzchen, steh auf und mach weiter‹.« 

Barbara Hamburger (63), Psychologin, und Gunter Hamburger (59), Sozialtherapeut, leiten seit vielen Jahren tiefenökologische Seminare sowie Einzel- und Gruppensupervisionen. Sie ­betreiben das Holon-Institut in Neuhausen.

Infos und Bücher zur Tiefenökologie:
www.holoninstitut.de, www.metapuls.ch
www.joannamacy.net
Literatur:
Barbara und Gunter Hamburger: Ein Stern sei mein Wagen­lenker. edition octopus, 2008
Joanna Macy und Molly Young Brown: ­Die Reise ins lebendige Leben. Junfermann Verlag, 2003