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Es gibt keine Trennung

Die Natur als Ganze ist bereits das Paradigma eines Haushalts der Gemeingüter. Nichts in ihr ist Monopol, alles ist Open Source.

von Andreas Weber , erschienen in 01/2010

Das Streben nach Freiheit scheint die einzige Maxime der Menschen zu sein, nichts darf die Freiheit in Frage stellen. Der Philosoph und Biologe Andreas Weber zeigt, dass Freiheit von kurzer Dauer ist, wenn sie nicht der Verbundenheit mit dem mehr-als-menschlichen Leben entspringt. Die Idee der Gemeingüter, ein von allen geteiltes Leben, fordert uns heraus, das Paradox von Freiheit und Verbundenheit zu integrieren.

Ein Satz bildet den Gravitationspunkt unserer Epoche des haltlosen Fortschritts. Er lautet: »Im Zweifel für den Menschen.« Diese Grundüberzeugung eint bis heute alle Lager. Sie leitet die Post-Kapitalisten, in deren Augen die gesamte Biogeosphäre eine Ressource für den Markt ist. Sie inspiriert die Neo-Marxisten, denen es um die technische Verbesserung und massenhafte Anhebung der Lebensumstände geht. Sie erfüllt auch die Grünen, die mit Öko-Effizienz Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen wollen.

Um das Problem des Mangels zu lösen, das die Menschheit seit jeher begleitet, haben wir unsere Welt in zwei Wirklichkeiten aufgeteilt: Hier die Menschen, ihre Wirtschaft, ihre Kultur – und dort der Rest der belebten und unbelebten Welt. Uns leitet ein Denken, das einzig das Humane zum sinnvollen Projekt erklärt, alles andere aber zur bloßen Ressource herabwürdigt. Schon lange haben wir die Gemeinschaft mit dem Leben auf der Erde aufgekündigt und das siamesische Band der Loyalität zwischen allem Lebendigen durchschnitten. Gerade die Klimadebatte, die das beispiellose Artenschwinden völlig aus den Augen verloren hat, zeigt: Es geht allein um unsere Rettung.

Was aber, wenn unsere Rettung ohne die aller anderen Wesen nicht möglich wäre? Was, wenn es den Menschen allein gar nicht gäbe, sondern er nur als Teil einer Gemeinschaft lebendiger Bezüge, Sinn- und Nahrungsflüsse existierte? Was, wenn wir die Gemeinschaft der Menschen schädigten, indem wir das Band zum übrigen Leben zerfasern lassen?

Eines sollte hellhörig machen: Der neuzeitliche Fortschrittsweg hat, trotz aller Beteuerungen, nicht nur den Abstand zur Natur, sondern auch die Spaltung zwischen den Menschen immer nur tiefer gemacht. Nie zuvor, nicht zur Zeit des Sonnenkönigs und nicht zur Zeit der Pyramiden, standen einer so großen Zahl von Zerlumpten und Hungernden so wenige unermesslich Reiche gegenüber wie jetzt. Die Trennung der Natur und der Menschen, vorgenommen zum Wohle der Menschlichkeit, bewirkt, dass immer mehr Menschen alles hergeben müssen, was sie von Natur aus besitzen: ihren Körper, das Recht auf Unversehrtheit, ihre biologische Ganzheit. Die Versklavung der Natur brachte damit nicht die verheißene Befreiung mit sich, sondern im Gegenteil eine nie dagewesene Unterwerfung der Menschen.

Dabei sehen die Bilanzen nach dem herkömmlichen Modell der Trennung – hier die Wirtschaft, dort deren Ressource – blendend aus. Hat sich nicht das Welt-Bruttoinlandsprodukt seit 1945 bald verfünffacht? Wächst nicht die Wirtschaft und damit ihre Kraft, Erfindungen durchschlagen zu lassen und Lebensstile zu verbessern, in der Zeit der elektronischen Revolution grosso modo rasanter denn je?

All diese Erfolgsmeldungen folgen freilich der alten Logik der Separation. Wer aber atemlos durch leergeräumte Fluren jagt, wer in den Auen des Frühlings keine Stimme mehr vernimmt, wer im Anflug auf tropische Metropolen über kahlgebrannte Hänge gleitet, wo einst Wälder standen, wer an Stränden wenig mehr findet als bunte Plastiktrümmer, begreift, dass die Trennung Illusion ist. Was säuberlich aus unserem, der Gewinner, Augenkreis verbannt wurde, lässt sich nicht länger ausblenden. Es lauert uns auf.

Diese Konfrontation gibt uns freilich die Möglichkeit, unseren bisherigen Irrtum hinsichtlich der Wirklichkeit zu erkennen. Wir sind nicht draußen, sondern drinnen. Das gilt besonders für die Wirtschaft. Der Markt mit seinem Wachstum steht der Natur nicht gegenüber, sondern ist ihr Teil. Die gesamte Weltwirtschaft ist ein Unterkapitel der Stoffflüsse der Geobiosphäre. Der Markt beruht allein auf Leistungen der Natur: auf Sauerstoff, den Pflanzen produzieren, auf Klimastabilität, die von heilen Ökosystemen garantiert wird, auf Schadstoffabbau, den gesunde Flüsse und Böden übernehmen, auf Bestäubung, die wilde Insekten leisten.

Diese Stoffflüsse lassen sich auch ökonomisch bilan­zieren. Schon 1997 kamen Wissenschaftler auf den Jahreswert von über 30 Billionen Dollar an »Ökosystemdienstleistungen«, die von der Natur jedes Jahr kostenlos an den Markt transferiert werden. Dies ist das Kapital der Erde AG, deren Aktionäre wir sind. Denn von Mikroben bis zu Menschen haben wir an einer gewaltigen Allmende teil. Alles Leben wirkt an diesem Gemeingut mit, das allen Wesen auch wieder zugute kommt, nämlich in Form der Vielfalt und Lebendigkeit selbst. Dieses Gemeingut ist als Poesie und Vitalität zu erleben, wo es floriert – aber es ist auch ökonomisch bezifferbar. So erwirtschaften etwa Mangrovenwälder an südostasiatischen Küsten das Fünffache der Summe, die herausspringt, wenn Firmen die Bäume fällen und in den verbleibenden Lagunen die beliebten Tiger Prawns züchten. Feuchtgebiete, undräniert, werfen summa summarum ein Vielfaches dessen ab, was sie als trockengelegtes Ackerland einbringen. Doch diese Beiträge tauchen in keiner Bilanz auf. Gleichwohl zeigen sie, dass das Kalkül, nach dem nur ein allem Irdischen enthobener Markt die Wirtschaft antreibt, ökonomischer Irrsinn ist.

Dazu kommt: Die Summen, die die Natur kostenlos zur Verfügung stellt, fließen bei ihrer Zerstörung entschädigungslos in die Taschen weniger. Die Trennung der Wirklichkeit in eine Wahrheit der Menschen und eine Wahrheit der Natur führt somit zu einer Spaltung zwischen den Menschen – zu einem System privater Bereicherung der einen zu Lasten der anderen. Der Konzern, der Mangroven in Shrimpsfarmen umwandelt, zerstört nicht nur Vielfalt, sondern führt eine kalte Enteignung durch. So wie es einst die europäischen Großgrundbesitzer taten, die die Bauern von den Allmendeweiden vertrieben, diese einzäunten und die nun Heimatlosen als Arbeitsproletariat in die Slums von Manchester und Berlin schickten. So wie es heute die parteitreuen Herren der chinesischen Fabrikparks tun, die auf die gleiche Weise hunderte Millionen Kleinbauern enteignen und zu wanderndem Arbeitsproletariat degradieren.

Es zeigen sich somit zwei eng zusammenhängende Dinge: Heile Natur ist immer das wirtschaftlichste Unternehmen, rechnet man ihre Ökosystemdienstleistungen ein. Zugleich aber heben naturbelassene Landschaften die herkömmliche Trennung in die Sphäre des Menschlichen und die alles Übrigen auf. Die Lebensleistungen einer Landschaft, die Dienste einer freiheitlich belassenen Natur, kommen allen zugute, die darin existieren. Sie garantieren Autonomie und Unversehrtheit der in ihnen lebenden Menschen. Das aber heißt: Das Ökologische ist das eigentlich Soziale.

Diesen Satz müssen wir verstehen, um für die Kämpfe der nächsten Jahre gerüstet zu sein, für die verschärfte Post-Kopenhagen-Epoche, seit sich die Welt für jeden sichtbar den Sachzwängen der Trennung und des Eigennutzes gebeugt hat. Ihre gemeinsame Erklärung finden beide Dimensionen, das Ökologische und das Soziale, im Begriff der natürlichen Gemeingüter – der Leistungen, die Ökosysteme bereitstellen und so die Biosphäre mit all ihren Beteiligten weiter gedeihen lassen. Wer diese eigenmächtig nutzt und damit beeinträchtigt, nimmt anderen, die ebenso in diese Welt geboren sind und das Recht haben, deren Luft zu atmen und deren Schönheit zu sehen, ihren Besitz.

Wenige Landschaften vermögen heute noch ihre natürliche Grazie zu bewahren, weil eine Gemeinschaft gleichberechtigter Nutzer sie für die Zukunft schont. Gerade diese Landschaften zeigen aber, dass Natur durch partizipative, gemeinschaftliche Nutzung weiter zur Fülle gesteigert werden kann. So haben Dorfgemeinschaften in Indien, Afghanistan und anderswo im trockenen Asien mit ausgeklügelten Bewässerungsbauten einst ganze Landschaften fruchtbar gemacht – bis diese, nach dem Zerfall solcher Gemeinschaften, wieder verdorrten.

Wer heute wie einige enttäuschte Klimaforscher – unter ihnen etwa der Gaia-Theoretiker James Lovelock – nach einer Diktatur im Namen der Ökologie ruft, hat den Zusammenhang zwischen Lebendigkeit als Naturgeschichte der Freiheit und freiheitlicher Selbstbeschränkung in ihrer Nutzung nicht verstanden. Denn nicht weniger, sondern mehr Freiheit tut Not. Diktatur droht ganz von selbst – als Abwehr der Bestandswahrer gegen die, die nichts mehr zu verlieren haben, ­gegen die Armee von zerlumpten Hungernden, gebeugten Tieren und verdorrenden Bäumchen, gegen die, die mit ihrer Sprache an die Poesie einer schöpferischen Fülle zu erinnern wagen.

Die Ökologiedebatte, die heute gescheitert scheint, ist somit in Wahrheit eine Gerechtigkeitsdebatte. Die Gerechtigkeitsfrage aber ist ein ökologisches Problem. Vielleicht lassen beide sich erst dann neu denken, wenn wir begreifen, dass beide um die Frage kreisen, was uns als Menschen zusteht: gegenüber der Natur, gegenüber den anderen Menschen, gegenüber uns selbst. Wer überhaupt sind wir nach dem Scheitern unserer bisherigen Identität als Mehrwert-Nutzenmaximierer? Welchen Teil der lebendigen Biosphäre bewohnen wir? Was ist unser Verhältnis zu allem übrigen Leben?

Jahrhundertelang hat die Wirtschaftstheorie sich an der Biologie und ihrer vermeintlichen Wahrheit von der Natur als Überlebens- und Optimierungszusammenhang orientiert. Es ist an der Zeit, eine neue Metaphysik des Haushaltens einzuführen, die sich nach der Wirklichkeit der Lebensvollzüge richtet und nicht einer Chimäre der Beherrschbarkeit gehorcht, die allenfalls in ihr Gegenteil umschlägt. Die Idee der Gemeingüter ist die Idee des in der Natur von allen geteilten Lebens, in dem der einzelne eine Position hat, die aus Freiheit und Verbundenheit zugleich resultiert: aus der Integration dieses Paradoxes, die zu größerer Tiefe führt.

Die Natur als Ganze ist bereits das Paradigma eines Haushalts der Gemeingüter. Nichts ist in ihr Monopol, alles ist Open Source. Die DNA konnte sich nur darum in so viele verschiedene Spezies verästeln, weil alle ihren Code nutzen dürfen, weil jeder das Beste daraus basteln kann. Es ist diese gemeinschaftlich erreichte Tiefe, die sowohl ein altes Ökosystem wie ein Korallenriff als auch das Werk einer komplexen Kultur wie eine Bach-Kantate reich und voll machen und dazu gleichermaßen zum Besitz aller, die damit verbunden sind – zu einem Besitz, der eine Bereicherung als Vertiefung ist, auf die sich kein Patent anmelden lässt.

Erst ein solches Denken hat die Kraft zu einer neuen politischen Metaphysik. Ich nenne sie eine »Politik des Lebens«. Einzig sie wird eine adäquate Politik für das kommende Zeitalter nach der Fülle sein, auf das wir uns zubewegen, das »knöcherne Zeitalter«, wenn wir aus den abgenagten Gebeinen der Biosphäre unsere Lebenskraft und die Bilder einer künftigen Poesie des Schwindens saugen werden. In dieser Zeit der vollendeten Knappheit, in der die Vehikel des Herrschens dem Menschen geschwunden sein werden, all das Öl, das Kupfer, das Coltan, die im Boden steckenden Halbleiterherrlichkeiten, in der wir wieder beginnen werden, mit der Kraft unserer Hände und der Hilfe einer heißer gewordenen Sonne unseren Platz zwischen allen Wesen hier unten zu verankern, wird eine neue Politik der Gemeingüter beginnen.

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