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Zehn Milliarden

von Günter Sölken , erschienen in 30/2015

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Die letzten Jahre des Anthropozäns?

Stephen Emmott wirft in »Zehn Milliarden« einen Blick auf die nächsten 80 Jahre des Anthropozäns, die zugleich die letzten dieses Zeitalters sein könnten.  Seine Aussage ist eindeutig: Bevölkerungswachstum und Wachstumswahn zusammengenommen werden dafür sorgen, dass der Ast, auf dem wir sitzen und an dem wir weiter sägen, bald brechen wird.
Mit dem Titel greift Emmott die – konservative – Schätzung eines anhaltenden Wachstums der Weltbevölkerung auf zehn Milliarden bis zum Jahr 2100 auf. Sie zu ernähren, wäre wohl möglich – wenn da nicht weitere Trends wären, die schier unaufhaltsam voranschreiten: der weltweit steigende Pro-Kopf-Energieverbrauch, einhergehend mit einem stetigen Wachstum des Wasser- und Landverbrauchs, sowie der weltweit wachsende Fleischkonsum. Hinzu kommt die furchterregende Erwärmung der Meere, die schon bald als Kühlaggregate gegen den Klimawandel ausfallen dürften, so dass die Polkappen dann wirklich dahinschmelzen und auch die grönländischen und sibirischen Permafrost-Regionen auftauen und den Klimakiller Methan freisetzen werden …
Ich kenne Aufsätze und Bücher, die diesen Themenbaum umfassender behandeln. Aber ich kenne kein Werk, das anschaulicher beschreibt, wie die Räder der Selbstvernichtungsmaschine ineinandergreifen. »Alle komplexen Systeme, und damit auch die Erde«, so Emmott, »haben eine wichtige Eigenschaft gemeinsam: Eine winzige Veränderung oder Störung kann so weitreichende Auswirkungen haben, dass das ganze System ›kippt‹, es sich also vollkommen verändert, ohne dass wir absehen können, in welche Richtung.«
Eine zweite Stärke des Buchs: Es hilft unserer Vorstellungskraft auf die Sprünge, die für gewöhnlich – wie etwa in der berühmten Reiskornparabel – die jedem exponentiellen Wachstum zugrundeliegende Formel ignoriert und unterschätzt, dass scheinbar harmlose Wachstumsprozesse aufgrund dieser Formel quasi über Nacht explodieren und mit mathematischer Sicherheit in absehbarer Zukunft die große Katastrophe auslösen werden. Solches drohe hinsichtlich der Bevölkerungsentwicklung, der Zunahme des Energie-, Rohstoff-, Nahrungsmittel-, Land- und Wasserverbrauchs und der Umweltzerstörung. Stephen Emmott vergleicht diese Gefahren mit einem drohenden Kometeneinschlag, gegen den Staaten und Mächte gewiss alle nur vorstellbaren Abwehrmöglichkeiten mobilisieren würden – bei den hausgemachten Problemen jedoch legen sie die Hände in den Schoß.
»Zehn Milliarden« hat einen Umfang von 206 Seiten, die allerdings aufgrund des großzügigen Layouts, vieler Bilder und Grafiken in gut einer Stunde gelesen sind. ◆

Zehn Milliarden
Stephen Emmott
Suhrkamp, 2013
206 Seiten
14,95 Euro

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