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Transition Towns: Geht es ohne Erdöl?

Energiewende selbermachen

von Monika Frank , erschienen in 04/2010

Die junge Pflanze der Transition-Town-Bewegung schlägt langsam aber sicher auch in Deutschland Wurzeln. Monika Frank, Mitbegründerin einer der ersten Transition-Gruppen in Berlin, erklärt, wie »Städte im Übergang« in die Zukunft weisen.

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Manchmal wird aus einer kleinen Idee eine weltumspannende Bewegung. Das Konzept der Transition Towns (Energie- und Kulturwendestädte) ist auf dem besten Weg dazu. Was dazu noch notwendig ist, sind viele Sprecherinnen und Sprecher, Praktiker und Visionärinnen in der Bevölkerung und unter den Entscheidungsträgern. Wir alle sind gefordert, den Übergang in ein erdölfreies Zeitalter vorzubereiten.


Ein Blick zurück
Im Jahr 2005 entwickelten die Studenten des Kinsale College of Further Education in Irland den ersten »Energy Decent ­Action Plan« (Aktionsplan zur Energiesenkung). Sie untersuchten alle Bereiche ihrer Gemeinde auf ihre Abhängigkeit von externen Energiequellen hin – in den meisten Fällen: Öl –, und stellten einen Aktionsplan auf, wie innerhalb der nächsten zwanzig Jahre die Gemeinde sich so weit mit Energie, Nahrung und Produkten des täglichen Bedarfs selbst versorgen könnte, ohne auf Importe von Energieträgern angewiesen zu sein. Der Studiengang, in dem diese Übung stattfand, hieß »Permaculture Design«, und der Lehrer dieser Studenten war Rob Hopkins. Der zog 2006 ins südenglische Städtchen Totnes. Mit wachsender Bestürzung ließ Hopkins in dieser Zeit Berichte über die kommende Erdölverknappung auf sich wirken, wie sie unter anderen der Film »The End of Suburbia« eindringlich beschreibt. Ihm wurde klar: Es muss etwas getan werden, um sich auf die Zeit nach Erreichen des Erdölfördermaximums (Peak Oil) vorzubereiten.
Hopkins erkannte auch den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Klimawandel und Peak Oil: Das eine Problem war ohne das andere nicht zu lösen. Er wollte nach einer beidseitigen Lösung suchen, nicht theoretisch, sondern ganz praktisch in seiner Stadt. Totnes sollte »Transition Town« werden, eine »Stadt im Übergang«. Hopkins und sein Umkreis begannen mit einfachen Schritten: Sie überredeten Menschen, die Gärten besaßen, aber keine Zeit hatten, sie zu bestellen, ihre Flächen anderen für den Gemüse- und Obst­anbau zur Verfügung zu stellen. Sie machten öffentliche Parkflächen zu Kleingärten, stellten dem öffentlichen Nahverkehr zwei pflanzenölgetriebende Motor-Rikschas aus Indien zur Seite und gründeten die Totnes Renewable Energy Supply Company.
Der Impuls für weitreichende Veränderung unserer Lebensweise und des globalen Wirtschaftssystems kann nur von innerhalb der Gesellschaft kommen, erkannte Hopkins. Dieser Impuls muss alle Schichten und Milieus ergreifen. Kein drohender Zeigefinger, kein Abschieben der Verantwortung auf die Konsumentinnen und Konsumenten oder den Staat, auch kein Druck von oben durch Gesetze und Vorschriften wie im herkömmlichen Top-Down-Ansatz können den Wandel bringen. Die Energiewende muss von Gemeinden oder Stadtteilen ausgehen, zu denen die Bürgerinnen und Bürger einen direkten Bezug haben. Sie nehmen die Zukunft ihrer Versorgung mit Lebensmitteln, Energie, Transport, Kultur, ­Bildung, kurz: alle Bereichen der Daseinsvorsorge selbst in die Hand und stehen als fachkundige Sprecherinnen und Sprecher ihren Gemeinderäten zur Verfügung.


Die neue große Erzählung erfinden
Eine Stadt im Übergang entwerfen, Menschen aufklären über Peak Oil, Klimawandel und die Dringlichkeit, diese Probleme zu lösen – nichts leichter als das? Leider nein! Wieso ist diese Dringlichkeit so schwierig zu kommunizieren? Warum kommen bei großen Teilen der Bevölkerung eher Verlustängste und Erinnerung an Krieg und Notstand auf als positive Visionen?
Ich glaube, was viele gute Ideen davon abhält, die Mehrheit der Menschen hinter sich zu vereinen, sind die Geschichten und Paradigmen, die uns umgeben, und die uns vor allem von den Medien vermittelt werden. Da heißt es, dass die Wirtschaft wachsen muss, sonst gibt es Arbeitslosigkeit und Armut. Das Paradigma des ewigen Wachstums wird uns vom ersten Atemzug an eingeflößt.
»Deshalb kann man noch so viele ›Grenzen des Wachstums‹ schreiben und sich wundern, dass die Entwicklung moderner Gesellschaften ihre Richtung nicht wechselt: Weil wir uns in einer Geschichte befinden, die uns in Begriffen von Fortschritt, Wettbewerb und Wachstum konstruiert«, schreibt Harald Welzer in einem Artikel in der »ZEIT« vom 5./6. Dezember 2009.
Allein mit individuellem Handeln, Bildungsarbeit, der Aufforderung »Tu was« bzw. dem Appell an das Gewissen – sei es mit dem Generationen-Argument, sei es mit dem Gerechtigkeitsargument des Nord-Süd-Konflikts – passiert zu wenig. Meist werden nur die Überzeugten im alternativen Spektrum aktiv, wie aus mittlerweile dreißig Jahren Abrüstungs- und Umweltbewegung bekannt.
Alles Wissen und alle Handlungsvorschläge wirken also nicht, solange wir von den üblichen »Geschichten« umgeben sind. Shaun Chamberlin sagt in seinem Buch »The Transition Timeline«, dass Bewusstseinswandel ohne neue Stories nicht funktionieren wird. Was könnte nun eine solche Geschichte sein? Sie muss ein Mehr an Lebensqualität versprechen, damit die Menschen Sehnsucht danach entwickeln, in ihr leben zu wollen. Vielleicht ist es eine Erzählung über Gemeinden, Nachbarschaften und Gemeinschaften, in denen Menschen mit Spaß an der Sache und Sachverstand die Dinge, die sie zum Leben brauchen, in ihren Regionen auf ökologische Weise selbst erzeugen. In dieser Geschichte könnten die Paradigmen unserer Zeit – Wachstum und Fortschritt – mit anderen Werten hinterlegt werden und als solche durchaus weiter bestehen:
Wachstum von Gerechtigkeit, Frieden, Bildung und Selbstermächtigung der Bürger statt Wachstum von Konzerngewinnen und Wirtschaftskennzahlen, die wenig über Lebensqualität und gerechte Verteilung von Wohlstand und Sicherheit aussagen.
Fortschreiten von geld-, macht- und genderdominierten Hierarchien hin zu wahrlich demokratischen Strukturen und gerechterem Zugang zu Nahrung und Agrarland.
Aber diese Geschichten müssen noch geschrieben werden. Es reicht nicht, wenn Gesetze geändert werden. Es reicht nicht, wenn eine Handvoll Überzeugter autark und glücklich lebt. Es reicht nicht, wenn ich die Glühbirnen auswechsle und weniger verreise. Ansätze auf verschiedenen Ebenen – politisch-normativ, gemeinschaftlich, individuell – und das Schreiben einer neuen großen Erzählung müssen zusammenwirken.


Give peas a chance
Genau hier setzt das Konzept der Transition Towns an. Es verängstigt nicht mit Verboten und Negativszenarien, sondern entwirft ein positives Bild der Zukunft und lädt jede und jeden zum Handeln ein. Die Zukunft ohne Abhängigkeit von Erdöl und seinen Derivaten könnte so viel schöner und lebensfreundlicher sein als unsere Gegenwart. Schließen Sie einmal die Augen, und versuchen Sie, sich diese Welt vorzustellen …
Der Rasenmähermotor des Nachbarn ist ein Geräusch aus der Vergangenheit, man hört die Vögel wieder in den Gärten. Auf den Straßen ist kaum noch motorisierter Schwerlast- und Individualverkehr unterwegs, überall finden sich Grünflächen und Bäume. Viele Bürger fahren Lastenfahrräder oder E-Bikes. Der Himmel bleibt weitgehend kondensstreifenfrei. Ich treffe meine Nachbarn im Hinterhof beim Jäten im Gemüsegarten oder beim Füttern der Hühner. Selbstversorgung und ökologischer Landbau sind die Norm, seit es keine Düngemittel aus Erdgas mehr gibt. Die stressige 1,5-Tages-Geschäftsreise nach Barcelona erledigt sich per Videokonferenz. Ich brauche nicht mehr so viel zu reisen, denn Freunde findet man auch nebenan …


Vom Traum zum Handlungsplan
Es ist wichtig, zu träumen. Dann kann man gestärkt wieder aufwachen und kritische Fragen stellen: Die Videokonferenz braucht zum Beispiel Internetserver. Können wir für sie ausreichend Energie ohne Uran, Erdöl oder Kohle erzeugen? Wenn ja, wie und wo? Wann ist der »Peak Lithium« erreicht, bzw. wie können wir unsere hochgerüsteten Geräte länger nutzen und recyceln?
Auch in Totnes stand am Anfang das Träumen und das gemeinsame Nachdenken. Erst nach über einem Jahr des Diskutierens, Aufklärens, Organisierens von öffentlichkeitswirksamen Aktionen und der Vernetzung mit anderen Gruppen wurde der offizielle Startschuss zur Transition Town Totnes gegeben. Zur Gründungsveranstaltung kamen über 400 Leute. Die Feierlichkeit hat bei den Teilnehmenden Feuer für die Idee entfacht, und mit dem Feuer kam die Fantasie: »Give peas a chance« – Gib Erbsen eine Chance – war beispielsweise das Motto, mit dem die Stadt überzeugt wurde, Park­flächen für den Gemüseanbau freizugeben. Mit den beteiligten Menschen gemeinsam an der Umsetzung zu arbeiten, ist ein wesentlicher Faktor für erfolgreiche Transition-Town-Initiativen. Es bildeten sich Themengruppen zu Ernährung, Energie und Verkehr. Inzwischen existieren Studien zur Selbstversorgung der Stadt und detailreiche Handlungspläne. Im Mai 2010 präsentierte der Regionalentwickler Jacqi Hodgson mit Rob Hopkins einen Handlungsplan für Nahrungs- und Energieautarkie der Stadt, an dem 500 Menschen mitgewirkt haben – Wissenschaftler wie die Menschen vor Ort. Er beschreibt unter anderem konkrete Schritte, wie Totnes seinen Energieverbrauch um 50 Prozent senken und die verbleibenden 50 Prozent aus erneuerbaren Quellen bestreiten kann. Gemeinsam mit dem Stadtparlament werden jetzt Schritte zur Umsetzung entwickelt.
Ein Paradebeispiel für eine Energiewende-Stadt in Deutschland ist die Gemeinde Schönau, wo die Bürger, lange bevor es den Begriff Transition Town gab, die Energieversorgung in die eigenen Hände nahmen. Aus den »Stromrebellen« von Schönau ist ein national tätiger Energieversorger für grünen Strom geworden. Der Dokumentarfilm über diese Geschichte, »Das Schönauer Gefühl«, ist herzerfrischend, teilweise urkomisch und macht vor allem eines klar: Fast alle Bürger einer Gemeinde können von einem solch radikalen Schritt überzeugt werden – man muss sich nur etwas einfallen lassen und ihre Sprache sprechen. In Schönau waren es Volksmusikabende, unzählige Gespräche und Geschenke in Form von selbstgemachter Marmelade …


Die Transition-Town-Initiative Friedrichshain-Kreuzberg
Seit ich im Oktober 2008 Rob Hopkins’ Buch »Energiewende – das Handbuch. Anleitung für zukunftsfähige Lebensweisen« an einem Wochenende verschlungen hatte, berühren mich die Themen Energie, Ressourcenverteilung und Klimawandel nicht mehr nur beiläufig. Das Gefühl, großen Problemen ohnmächtig gegenüberzustehen, ist der Freude an der Mitgestaltung einer lebenswerteren Welt gewichen. Aus dem »Kampf gegen« ist ein »Tanz für« geworden. Die »TT-Idee« ist zudem eng verknüpft mit Gebieten, die mich besonders interessieren: Permakultur und nachhaltige Methoden für Gruppenprozesse.
Schon im Sommer 2008 war ich an der Gründung der Transition-Town-Initiative Friedrichshain-Kreuzberg durch Mitglieder des entwicklungspolitischen Vereins SONED (Southern Networks for Environment and Development) und Designern und Studenten der Permakultur Akademie beteiligt. Seitdem haben viele öffentliche Veranstaltungen zu Themen wie Peak Oil, Ernährung, Mobilität, Klimawandel oder Energie in Bürgerhand stattgefunden. Wir haben uns bei anderen berlinweiten Netzwerken und Vereinen vorgestellt, eine Zukunftswerkstatt und ein großes Fest organisiert, Infostände auf Kiezfesten und Festivals betrieben, unsere »Wiki« mit Inhalten gefüllt und erste Projekte begonnen, wie die Umgestaltung einer Brachfläche zu einem Bürgerpark, Eingaben in den Bürgerhaushalt zur Anschaffung von Lastenfahrrädern, das Aufstöbern von Dachflächen und Hausbesitzern zur Errichtung einer Bürgersolaranlage, Saatgut- und Pflanzentausch, Permakulturkurse. Der gruppendynamische Prozess der bis zu 25 Personen starken Gruppe nahm im ersten Jahr einen großen, aber wichtigen Raum ein. Schließlich können wir nur etwas verändern, wenn wir anderen zuhören und ihre Wünsche kennen. Leider konnten wir bisher keine Themengruppen zu Energie, Ernährung, Mobilität etc. realisieren. In einer Großstadt ist es schwierig, Menschen für ein Thema bei der Stange zu halten. Trotzdem haben wir die Idee der Transition Town in viele Netzwerke hineingetragen und Samen gelegt. In Friedrichshain finden regelmäßige offene Abende für Austausch und Vernetzung statt. Seit September 2009 existiert eine Gruppe in Kreuzberg. Rahel Schweikert berichtet davon auf den folgenden Seiten. 

Das Buch, das viele begeistert:
Rob Hobkins: Energiewende. Das Handbuch: Anleitung für
zukunftsfähige Lebensweisen. Zweitausendeins, 2008

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