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Weg des Kreises

Einander mit dem Herzen zuhören.

von Barbara Strauch , erschienen in 30/2015

Zuhören, nicht debattieren, nicht urteilen – das ist die Grundlage des aus der indigenen nordamerikanischen Kultur inspirierten Redekreises.

Bild

© Foto: www.nahopra.at

Der Redekreis dürfte eines der ältesten Kommunikationswerkzeuge der Menschheit sein. Vor allem durch die Arbeit von Francis Talbot, Mitbegründer der Rainbow-Bewegung und Initiator der Circleway-Camps, auch bekannt unter seinem indianischen Namen Manitonquat Medicine Story –, ist der Redekreis als gemeinschaftsbildende Methode bekanntgeworden. Der Kreis hat seine Regeln. Wo auch immer Menschen über Wege des Mitein­ander nachgedacht haben – ob in den indigenen Stämmen, in den Therapie-Richtungen des 20. Jahrhunderts oder in heutigen philosophischen Strömungen –, sind folgende drei Bausteine zu Tage getreten: Respekt, Authentizität und Empathie. Diese drei bilden die Basis jeglicher gelingenden Kommunikationskultur, von Virginia Satir und Carl Rogers bis zu Marshall Rosenberg und Joanna Macy.
Respekt hat in indigenen Kulturen eine große Bedeutung. Man versteht darunter die grundlegende Gewissheit, dass jeder Mensch Teil des Ganzen ist, Teil des Stamms, Teil der Familie. Im gegensei­tigen Respekt helfen alle ihren Freunden, Angehörigen, Nachbarn oder auch Fremden, das gemeinsame Ziel zu erreichen, das im Großen und Ganzen immer ein gutes Miteinander sein wird.
Die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir nannte »Kongruenz« als wichtige Bedingung für das Gelingen von Kommunikation. Dies entspricht der Redekreisregel der Authentizität. »Sprich von Herzen, und halte dich kurz«, so einfach wird dies Neuankömmlingen im Kreis erklärt. Nicht immer fällt es uns leicht, die eigene Wahrheit gut auszudrücken. Im Redekreis versuchen wir, respektvoll und authentisch zugleich zu sprechen, so gut wir eben können.
Carl Rogers, der Begründer der Personenzentrierten Gesprächstherapie, hat das aufmerksame, empathische Zuhören als den Schlüssel zu den Selbstheilungskräften bezeichnet. Es ist auch der Schlüssel im Redekreis. Wer sprechend die volle Aufmerksamkeit aller Kreismitglieder bekommt, findet in der Regel rasch zum Kern der ­Sache, fühlt sich angenommen und gehört – und kann den Rede­stab zufrieden und erfüllt von der Interaktion zwischen ihm und den anderen weitergeben.
 

Die Circleway-Camps
Ein Redekreis hat eine sehr einfache Struktur. Man nimmt ein Stück Holz, einen geschnitzten Stab oder einen handlichen Stein und lässt ihn reihum gehen. Wer den Redestab in der Hand hält, spricht. Die anderen hören aufmerksam zu, bis die Sprecherin zu einem Ende gefunden hat. Dann gibt sie den Stab im Uhrzeigersinn weiter, und der nächste spricht.
Wenn Menschen aus Europa beginnen, ritualisiert zu kommunizieren, brauchen sie meist eine Einführung. Es genügt nicht, den Redestab zu nehmen und zu reden – dies verpflichtet, respektvoll und aus dem Herzen zu sprechen. »Ich sage meine Wahrheit, ohne jemanden zu verletzen«, gilt als Grundsatz. Das ist nicht einfach – besonders, wenn jemand noch kaum die Gelegenheit hatte, in einer Runde von allen angehört zu werden. So mancher Mitteleuropäer ist im Sprechen ungeübt, ufert aus oder hat Angst, sich überhaupt zu äußern. Alle im Kreis haben gleich viel Zeit. Jemand schaut auf die Uhr und lässt es nach 3 bis 10 Minuten klingeln, je nachdem, was vereinbart wurde. Es empfiehlt sich, dass ein mit der Methode vertrauter Mensch die Runde leitet. Diese ­Person übernimmt jeweils die Verantwortung dafür, dass die Regel des Respekts eingehalten wird. Notfalls unterbricht diese Person Sprechende, die einen Vorwurf oder etwas Ähnliches äußern. Alle vereinbaren eingangs auch, dass sie einander mit viel Empathie und Offenheit zuhören werden. Es soll nicht geantwortet oder ­Bezug genommen werden, auch dann nicht, wenn jemand eine Frage stellt. Die Person, die spricht, erzählt immer von sich selbst, von dem, was in ihr lebendig ist, und sie teilt mit dem Kreis, was ihr wichtig ist, was sie im Moment wirklich bewegt.
Um mit einer guten Energie zu starten, gibt es am Beginn eine »Neu-und-gut–Runde«: Alle erzählen, was sie in letzter Zeit Erfreu­liches erfahren haben. Das hebt die Stimmung, so dass danach auch über schwierigere Themen gesprochen werden kann, ohne die grundsätzlich positive Haltung zu verlieren.
Schon nach wenigen Tagen der Redekreis-Praxis beginnen die meisten, sich wirklich zu zeigen. In der Gewissheit der eigenen ­Redezeit hören Menschen zu und kommentieren nicht, was gesagt wird, aber sie fühlen und sehen den Sprechenden. Das ist wohltuend; es wird möglich, im Herzen der anderen anzukommen.
Diese Praxis, die sich auf jeden gemeinschaftlichen Zusammenhang übertragen lässt, kann auf sogenannten Circleway-Camps ausprobiert werden. Schon am ersten Abend eines Camps werden alle Teilnehmenden in »Clans« von sechs bis acht erwachsenen Personen und den dazugehörigen Kindern zusammengewürfelt. Jeder Clan beginnt den Tag mit eineinhalb Stunden Redekreis nach dem Frühstück. Die Kinder sind mit dabei oder spielen einstweilen miteinander. Parallel zu den täglichen Redekreisen im Clan lernt man auf den Camps auch die Methode des »Co-Counseling«. Dabei sitzen sich zwei Menschen gegenüber und vereinbaren eine gleichwertige Redezeit miteinander. Einer beginnt, und wenn die Redezeit um ist, wird gewechselt. Auch hier wird die Rede des Gegenübers nicht kommentiert. Selbst wenn die eigenen Impulse von der anderen Person ausgelöst wurden, berichtet jeder nur von den eigenen Gefühlen, von der eigenen inneren Bewegtheit. Es geht ­darum, das Hin-und-her-Sprechen ganz wegzulassen und auch nach dem Gespräch das Gehörte nicht neu aufzurollen. Dieser Mini-Redekreis ist ein sehr vielfältig verwendbares Werkzeug.
 

Grundstock für Beziehungspflege
Gemeinsam angewendet, bilden beide Werkzeuge einen sicheren Grundstock für die Beziehungspflege in einer Gemeinschaft. Im Jahr 2010 habe ich mich einer Circleway-Gemeinschaft im oberösterreichischen Innviertel angeschlossen. Im Mai 2010 haben wir unseren Hof gekauft, den wir im Oktober desselben Jahres besiedeln konnten. Unsere Gruppe war sehr heterogen, die persönlichen Ziele waren teilweise noch unklar. Die regelmäßigen Redekreise haben uns sehr verbunden und es ermöglicht, dass wir rasch herausfinden konnten, was jede und jeder von uns wirklich, wirklich will. Einige hatten viel Redekreis-Erfahrung, so dass es bald zum Alltag gehörte, sich zum Co-Counseling zu verabreden.
In dieser Zeit habe ich erfahren, wie wichtig es ist, dass das Aussprechen meiner manchmal auch negativen Gefühle keine Seilschaften innerhalb der Gemeinschaft erzeugt. Das, worüber zu zweit gesprochen wird, verschwindet hinter den Ohren der zuhörenden Person im »Nirwana«, wo es sich wandeln, sich auflösen oder heilen darf. Sollten sich trotzdem Seilschaften bilden, können die anderen darauf achten, dass alle für Gespräche offen bleiben und gemeinsame Lösungen finden. •

 

Barbara Strauch (58) hat in Österreich das »Austrotopia-Netzwerk für gemeinschaftliche Lebensformen« mit aufgebaut und ist seit 2009 Gemeinschaftsberaterin. Zuletzt lebte sie drei Jahre auf dem Naturhof Pramtal.
www.barbarastrauch.at, www.soziokratie.at


Der schöpferischen Wirkung des Redekreises nachspüren:
www.circleway.org