Oya braucht Mithilfe!

Alle Artikel der gedruckten Oya-Ausgaben sind auf dieser Website kostenlos zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit. Bitte helfen Sie mit, dass wir alle Texte weiterhin frei zur Verfügung stellen können:

• Nein, danke

• Ja, ich unterstütze Oya

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Der Olgashof macht weiter!

Ein junger Mensch besucht zum ersten Mal eine Gemeinschaft und erlebt Tatkraft, Ruhe, Durcheinander und Konsens.

von Wieland Lemke , erschienen in 30/2015

So viel Freiheit in einem Schülerpraktikum bei Oya! Mit 16 Jahren werde ich allein »auf Reportage« geschickt. Doch durch den Sprung ins kalte Wasser konnte ich die Kommune auf meine eigene Art verstehen.

Bild

Am Ende des langen Zuwegs sehe ich das buntbemalte Gutshaus vor mir. Fassadenwechsel. Ich denke an die Zeit, in der hier noch feudale Zustände geherrscht haben. Im Zweiten Weltkrieg floh die Gutsfamilie vor den sowjetischen Besatzern. Die Gemeinde Dorf Mecklenburg übernahm den Hof und übergab ihn der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Später wurde er als Jugendwerkhof genutzt – eine Institution der DDR, welche die Erzie­hung von Jugendlichen entsprechend dem sozialistischen Gesellschaftsbild zum Ziel hatte. Im Jahr 1997 erwarben es schließlich die beiden Gründer der Kommune, Barbara und Uwe.
Auf dem Weg mit dem kleinen Bus durch das hügelige Land schossen mir typische Vorurteile durch den Kopf: Leben in einer Gemeinschaft erfahren – das hört sich immer noch so hippie- und ökoreligiös an. Ein Abschotten vom »Rest der Welt«? Puristisches Leben in Wellblechhöhlen und selbstgezogener Hanf zum Frühstück? Ich weiß, ich bin naiv – aber das hat auch sein Gutes.
 

Oh ja, das sieht nach Arbeit aus
Stefan, ein alter Mann mit gelassener Stimme, begrüßt mich. Er hatte Kinderlähmung und braucht einen Rollstuhl. Er führt mich in sein offenstehendes Zimmer. Schon von draußen höre ich lange Bässe und sanfte Melodien herausströmen – Meditationsmusik? Während Stefan mir von der Geschichte des Hofs erzählt, mustere ich den Raum. Indische Decken liegen am Boden, es riecht nach Räucherstäbchen, und an der Wand hängt ein Bild von einem Inder. »Er nannte sich Osho«, erfahre ich von Stefan. »Für ihn war es wichtig, dass jeder sich selbst versteht und sich selbst lebt.« Zu solchen Botschaften fühlte sich Stefan in jungen Jahren hingezogen – zu den sektenartigen Strukturen, die sich in der Osho-Bewegung entwickelten, jedoch ganz und gar nicht. Aber die Bewegung brachte ihm das Thema »Gemeinschaft« nahe. Über Artabana, eine Solidargemeinschaft im Gesundheitswesen, lernte Stefan schließlich den Olgashof kennen.
In der Gemeinschaftsküche treffe ich auf Johanna, eine Tischlerin aus dem Lassaner Winkel. In den drei Jahren ihrer Walz kam sie auch beim »Holzkollektiv«, der Tischlerei des Olgashofs, vorbei. Zwetschge, die Tischlermeisterin, hat sie für ein aktuelles Projekt um Unterstützung gebeten. Die mir von Stefan als »groß« angepriesene Tischlerei entpuppt sich als kleine, aber feine Werkstatt, in der neben Johanna und Zwetschge auch Sven arbeitet. Er ist nebenher als Tontechniker mit Musikern, Schauspielern und Improvisationskünstlern aktiv. Zur Zeit bastelt er an Rezitationen von Gedichten aus dem ersten Weltkrieg, die er in einen filmischen Rahmen setzt. Die Tischlerei und das Studio wirken auf mich ein wenig chaotisch, doch das mag für eine kreative Atmosphäre, in der zum Beispiel selbstdesignte Möbel entstehen, notwendig sein.
Der Hof ist von einem stillen, konzentrierten Arbeitsklima erfüllt. Auch der Biomeiler lässt sich nicht aus der Fassung bringen – ruhig vor sich hindampfend, wärmt er die Pflanzen im Treibhaus. Versteckt hinter Bäumen und Sträuchern entdecke ich eine große Halle und dort den Bootsbauer Jan – unter einem Auto liegend. »Das hier ist eine von drei Hallen, die auf dem neugekauften Westgrundstück stehen; dort sind auch ein Sportplatz und eine Pferdekoppel«, erklärt er. »Unser Ziel ist die Weltherr­schaft«, sagt Jan lachend, »und der Olgashof ist unsere Welt«. Mit Hilfe von Nachbarn, Verwandten und Bekannten hat der Olgashof das Gelände erworben. Es drohte, zum kommerziellen Gewerbegebiet zu werden; auch eine Gruppe Neonazis war daran interessiert. Die Scheune ist jetzt ein Holzlager für die Werkstatt, die somit größere Chargen Material einkaufen kann, und im Winter mieten Bootsbesitzer hier Stellplätze. Jan hofft, dass sich daraus für ihn Bootsbau-Aufträge ergeben. Am Ende der dunklen Halle türmt sich das »gelbe Gold« der »Stroase«, die ein Drittel der Halle belegt. Diese Gruppe von Architekten und Ingenieuren arbeitet nach dem Konzept, zu fragen, wie viel jeder einzelne wirklich für ein Leben mit möglichst niedrigem ökologischen Fußabdruck braucht und wie sich dafür mit Strohballen umweltverträglich bauen lässt.
 

Konsens statt Hierarchie
Viel zu tun, viele Ideen und vor allem Arbeit – so scheint sich das Kommune-Leben anzufühlen. Jedenfalls befällt mich so eine Ahnung angesichts des Westgrundstücks.
Aber wie wird man mit so vielen unterschiedlichen Aufgaben und Meinungen fertig? Im Konsens! Ich habe Glück und darf am Abend der ersten Konsensfindung meines Lebens beiwohnen. Aus meinem Alltag, etwa in Teams in der Schule oder in einem Verein, habe ich bisher Entscheidungsfindung stets als sehr schwierig erlebt. Immer war jemand mit dem Ergebniss unzufrieden.
An diesem Abend auf dem Olgashof wird nicht gleich losdiskutiert, sondern wir erfahren erst einmal, wie es jedem Einzelnen geht. So lässt sich der Beitrag eines Sprechers besser in den Kontext setzen. Schon bei dieser Runde müssen zwischenmenschliche Pro­bleme gelöst werden. Danach werden einzelne Herausforderungen, die sich um finanzielle Angelegenheiten oder kaputte Türen drehen, in den Raum geworfen. Manchmal wird das Gespräch etwas wirr, alle reden mit, wie es ihnen gerade gefällt. Kleinigkeiten werden schnell gelöst, doch wichtige, grundlegende Probleme, so erfahre ich, wandern auch von Plenum zu Plenum, so dass sich eine Meinungsfindung über längere Zeit vorbereiten kann.
Ganz habe ich die Gemeinschaftsstruktur nicht verstanden und bitte Zwetschge um Aufklärung. Doch bei der Suche nach einer allgemeingültigen Formel laufe ich ins Leere: »Wirtschaftlich tragen wir das Haus, indem alle etwas in eine gemeinsame Kasse geben. Es gibt aber wenige Regeln, die das Zusammenleben bestimmen«, erklärt Zwetschge. »Wenn jemand versucht, Regeln einzuführen, ist das ein riesiges Trara.« Anführer hätten hier keine Chance, den vielen ebenbürtig respektierten Meinungen eine Regel entgegenzusetzen. Zwetschge hatte in einer Kleinfamilie gelebt, doch inzwischen kann sie sich gar nichts anderes mehr vorstellen als das Leben auf dem Hof. Sie gehört unter den etwa 20 Menschen, die hier leben, zur mittleren Generation.
Barbara ist eine der drei »Alten«. Sie sagt mir offen, dass es ihr durchaus auch manchmal zu viel wurde mit dem Gemeinschaftsleben. Sie gehört zu den Mitbegründerinnen des Hofs, für den sie ihre Familie verlassen hat. Später kamen zwei ihrer Kinder ebenfalls dazu. Lange hat sie in der Kommune gelebt, aber in Schwerin gearbeitet. Der Kontrast zwischen Berufsalltag und Kommune wurde irgendwann zur Überforderung. »Ich war voll berufstätig und jeden Tag in Schwerin, da ist mir alles zu viel geworden.« Fünfeinhalb Jahre blieb sie der Kommune fern, doch vor Kurzem zog es sie wieder zurück. Vielleicht liegt es auch am Miteinander der Generationen, dass die Menschen hier gerne leben. »Die Kinder sind mehr oder weniger Kinder von uns allen«, sagt Stefan glücklich. »Ich denke, wir haben hier untereinander so nahe Beziehung, weil keiner von uns der Chef ist. Es geht – man kann wirklich anarchisch leben.« Früher war der 80-Jährige Meeresbiologe und arbeitete häufig auf einem Forschungsschiff – »Auch so was wie eine Kommune«, meint er, »bloß hierarchisch organisiert«.
 

Alle für alles
Eines bringt immer alle zusammen: das gemeinsame Essen. Jeden Tag gibt es mindestens einen, der für das Abendbrot kocht. Der Olgashof backt auch Brot für sich und Freunde. Vieles, das die Kommunarden bekommen oder geben, beruht auf Tauschhandel, und so ist es auch mit dem Brot, denn einen Hofladen gibt es nicht. Anna, eigentlich Tischlerin, ist für die Bäckerei zuständig und bäckt heute mit Getreide von Bauern aus der Region. Es werden 90 Brote. »Zu ›Kunst:Offen‹, einem Tag, an dem Künstler hier in der Region ihre Pforten öffnen, machen wir den Hof auf und backen leckere Pizza«, erklärt sie, während sie die Asche aus dem Ofen holt. Annas besonderes Baby ist der Sauerteig. Die Bäckerei liegt ihr sehr am Herzen, das ist sofort spürbar. Der Ofen ist auf Temperatur, und die Brote müssen hinein – keine Zeit mehr zum Plaudern!
»Wir machen weiter!«, steht auf einem Plenumsplakat. Auf dem Olgashof leben Frühaufsteher, Arbeitstiere – ja, echte »Weiter­­­macher«, Menschen, die gemeinsam ein Zuhause bauen. Wo einst Jugendliche zu Konformität erzogen wurden, laufen heute lachende Kinder durch die Flure, einer gemeinsamen und nachhaltigen Zukunft entgegen. Ich freue mich darauf, irgendwann wiederzu­kom­men und zu sehen, wie das Experiment weitergegangen ist! Es gibt viel Arbeit, die Weitermacher hören nicht einmal damit auf, wenn Jungreporter naive Fragen stellen. Auf dem langen Weg zur Straße drehe mich um und habe noch einmal, entschlossener, die Wörter im Kopf: »Wir. Machen.Weiter.«•

 

Wieland Lemke (16) absolvierte diesen Sommer in der Oya-Redaktion ein Schülerpraktikum. Seine Familie lebt in Wolgast in der »Mühle am Paschenberg«, einem Ort für Kulturveranstaltungen.

Die Weitermacher besuchen:
www.gemeinschaft-olgashof.de
www.stroase.de

Zurück zur Startseite

Hintergrundinfos zu Oya auf Facebook

Oya gemeinsam ermöglichen!