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Andere Länder, freies Lernen …

Eine Kultur, in der Kinder und Eltern Bildung in selbst­organisierten Netzwerken verwirklichen? –
In Deutschland ist das strafbar! Ein junger Mensch mit Freilerner-Erfahrung fragte nach, wie sich diese Praxis in ­anderen ­Ländern Europas gestaltet.

von Julian Mohsennia , erschienen in 30/2015

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So alt wie die UN-Kinderrechtskonvention bin ich mit meinen 16 Jahren noch nicht, aber was es bedeuten kann, wenn Kinder ihr Recht auf Bildung selbstbestimmt ­leben dürfen, habe ich schon erfahren. Warum? Meine ersten »Schuljahre« verbrachte ich ganz legal frei lernend in Kanada. Zurück in Deutschland, musste ich in die Schule, und dabei wurde mir der Unterschied zum selbstbestimmten Lernen recht deutlich. Seitdem interessiert es mich, wie ­Freilernen in verschiedenen Ländern funktioniert. Die im Juli 2014 in der Schweiz abgehaltene »European Home Education Conference« gab mir die Gelegenheit, Kontakte zu Familien in Irland, Belgien, Italien, Ungarn und Norwegen, die ihre Bildung selbst organisieren, zu knüpfen. Um zusammenzutragen, wie sich das in der Praxis gestaltet, führte ich anschließend Gespräche per Skype.
 

Irland
Zuerst sprach ich mit Annette aus ­Irland. Ihre Tochter Maria ist zehn Jahre alt und seit zwei Jahren Freilernerin. In den irischen Lehrplan schaut Annette manchmal hinein, um zu vergleichen, ob ihre Tochter nicht zu weit »hinterher« ist. Das sei aber noch nie der Fall gewesen. Sie erzählt mir von ihrem Alltag:
»Für uns ist Freilernen wie normales Leben, nur dass Maria nicht jeden Morgen früh aufstehen muss, um in der Schule zu verschwinden. Viele denken, wir hätten ewig Sommerferien, aber das ist nicht so. Maria macht anstelle von Schule einfach ihr eigenes Ding – zum Beispiel lesen, was ihr gerade wichtig ist – und oft erledige ich nebenher meine eigenen Sachen. Darüber entstehen zwischen uns viele Gespräche, und wir entscheiden, was wir zusammen machen wollen. Vor ein paar Tagen lief es darauf hinaus, dass wir bei einer Schnecke, die sich in unser Haus geschlichen hatte, gemessen haben, wie schnell sie sich in der Zeit vorwärts bewegte, während wir in einem Naturkunde-Buch über Schnecken nachgelesen haben. Oft kommt Maria auch mit mir zur Arbeit. Letzte Woche waren wir mit einigen Eltern, die über das Freilernen nachdenken, in einem Kunst-Museum. Als Nächstes wollen wir einen Workshop über das Design von Spielen und einen über Meeresbiologie besuchen. So gibt es jede Woche mehrere Treffen.«
Annette und Maria finden ihr Freilerner-Leben spannend. Sie sind stolz darauf, dass die irische Verfassung ihren Bürgerinnen und Bürgern erlaubt, zu Hause zu lernen. Wer das will, lässt sich registrieren und steht dann unter der Aufsicht der Agentur für Kinder und Familien (Tusla).
»Die Leute von der Agentur sprechen mit den Familien und prüfen, ob das Kind den minimal erforderlichen Bildungsstandard erreicht hat«, erklärt Annette. Weitere Bedingungen gibt es nicht. Freilernen nimmt kräftig zu, gut 400 Familien sind inzwischen aktiv. Anders als in Deutschland werden sie nicht schräg angeschaut. »Meist finden andere es mutig«, meint Annette. »Manche meinen allerdings, Freilernen sei nur etwas für reiche Leute oder dass die sozialen Kontakte der Kinder zu kurz kämen.« Dazu Maria: »Um ehrlich zu sein, habe ich jetzt viel mehr Freunde als in der Schule, wo ich den ganzen Tag mit 30 Gleichaltrigen zusammen war. Das ist nicht der beste Weg, um Freunde zu finden.« Seit sie nicht mehr zur Schule geht, sei sie viel selbstbewusster und weniger schüchtern, meint ihre Mutter.
 

Belgien
Christina lebt im französischsprachigen Teil Belgiens. Hier werden Freilerner-Kinder alle zwei Jahre getestet, ob ihr Wissensstand dem Schulstandard entspricht. Sollten sie den Test zweimal nicht bestehen, müssen sie in die Schule gehen. Christina meint: »Am liebsten hätten wir unsere drei Kinder gar nicht eingeschult, weil wir ein solches Kon­trollsystem nicht gut finden. Wir hätten gerne vollständige Freiheit gehabt, aber wegen dieses Gesetzes haben wir uns in der Praxis zwischen Freilernen und Heimunterricht bewegen müssen.«
Christina respektiert die Entscheidungen ihrer Kinder. »Der Älteste, heute ist er 22 Jahre alt, wollte als Zwölfjähriger gerne die Schule kennenlernen. Zwei Jahre hat er dort seine Erfahrungen gemacht, dann wollte er lieber von zu Hause weiterlernen.
Meine Tochter wollte als fast 18-jährige Freilernerin in einer Erwachsenenbildungseinrichtung den Abschluss für die Hochschulreife erwerben. Aber sie fühlte sich dort nicht glücklich und merkte, dass sie eben ›einfach frei‹ sein wollte. Nachdem sie sich bei verschiedenen Menschen mit sehr unterschiedlichen Meinungen über ein Leben ohne Schulabschluss informiert hatte, entschied sie: ›Ich höre auf und traue mich, meinen eigenen Weg zu gehen.‹ Darüber habe ich mich gefreut.«
In den Büchern von John Holt und im Magazin »Growing with­out schooling« entdeckte Christina, dass sich Menschen im angelsächsischen Raum schon lange Gedanken über das konsequent selbstbestimmte Lernen von Kindern machen. Das bestärkte sie darin, ihre Kinder nicht mehr wegen der staatlichen Tests zu drängeln, sondern sie einfach lernen zu lassen, was ihnen wichtig ist. Mit 16 Jahren sind zum Glück keine Tests mehr notwendig. Von dieser Verpflichtung abgesehen, muss eine Familie in Belgien keine besonderen Voraussetzungen erfüllen, um ihre Kinder zu Hause ­bilden zu können. »Vor zehn Jahren hat das hier fast keiner getan; die Leute haben uns angeschaut wie Außerirdische«, erinnert sich Christina. »Sie fanden es sehr gefährlich, weil sie dachten, dass die Kinder dann keine richtige Bildung bekommen und keine Freunde haben.« Damals war das Freilerner-Netz noch klein, und sich untereinander zu treffen, war mit langen Fahrzeiten verbunden. Inzwischen ist es gewachsen. »Mein jüngerer Sohn, der immer zu Hause gelernt hat, hat jetzt zwar wenige, aber dafür wirklich gute Freunde«, erkärt Christina.
»Naja, das sind bestimmt Hochbegabte.« Diesen Kommentar hat Christina öfter gehört, wenn sich Freilerner-Kinder gut entwickelten. »Manche fragen sich aber selbst, wieso sie ihre eigenen Kinder noch in die Schule schicken, obwohl sie dort nicht glücklich sind. Und so interessieren sich immer mehr Menschen fürs Freilernen. Sie stellen interessierte Fragen – und das ist ein echter Fortschritt. Wir werden in Belgien immer mehr.«
 

Italien
Erika aus Italien besitzt die amerikanische und italienische Staatsbürgerschaft. Im Gespräch mit ihr fand ich es spannend, zu erfahren, weshalb sie und ihr Mann ihre vier zweisprachig aufwachsenden Kinder frei lernen lassen wollen. Erika meinte: »Wir glauben, dass Kinder zu ihren Familien gehören und nicht acht Stunden am Tag und fünf Tage die Woche in einem Gebäude sitzen sollen, wo sie bei allem, was sie unternehmen wollen, um Erlaubnis fragen müssen. Wir möchten, dass sie die Freiheit haben, das zu lernen, was sie interessiert – und dass sie in erster Linie ­Fragen stellen, nicht Lehrerfragen beantworten.«
Und wie steht es mit den sozialen Kontakten? »Meine Kinder haben einige gute Freundinnen und Freunde, Freilerner ebenso wie Schulkinder. Mehrmals in der Woche spielen oder unternehmen sie etwas zusammen.«
Über die Internetseite www.educazioneparentale.org organisiert Erikas Familie Treffen in Museen und auf Bauerhöfen sowie andere Unternehmungen zusammen mit weiteren Freilerner-familien. Die Kinder machen kleine Verkaufsstände auf und bietet selbstgemachte Kekse oder Trödel an. Alle lieben Sport. »Mein Neunjähriger zum Beispiel ist ein sehr guter Tänzer«, erzählt Erika.
Als leidenschaftliche Aktivistin für das Freilernen hat sie mit ihrem Buch »Homeschooling. L’Educazione Parentale in Italia« Tausende Eltern darüber informiert, dass Freilernen in ihrem Land legal ist. Sie ist überzeugt, dass sich die Gesellschaft ändern wird, wenn wir damit beginnen, Eltern und Kindern auf der ganzen Welt mehr Respekt, Frieden und Freiheit zu gewähren. Auch mit ihrem Blog www.controscuola.it will sie zeigen, dass Freilernen in Italien einfach und erlaubt ist. Tatsächlich entscheiden sich immer mehr Familien dafür. Freilerner-Kinder müssen jedes Jahr dem Schulamt gemeldet werden. Sehr selten will das Amt einen Nachweis dafür sehen, dass die Eltern hinreichend gebildet sind und die Bildung von zu Hause aus auch finanziell bewältigen können. Diese Nachweise können auch von Freunden, Bekannten oder Nachbarn angefertigt werden. Darüber hinaus existieren keine Kontrollen. Möchte ein Kind wieder in die Schule gehen oder dort eine Prüfung absolvieren, legt es einen persönlichen Antrag und einen Lebenslauf vor.
 

Ungarn
Als ich mit Eva aus Ungarn spreche, stellt sich heraus, dass auch sie sich über ihre eigene Familie hinaus für das Frei­lernen einsetzt. So organisierte sie vier Treffen, zu denen Familien aus ganz Ungarn angereist kamen. Eva hebt hervor, dass ihre drei Kinder im Alter von zwölf, zehn und acht Jahren doch schon von Geburt an frei lernen würden. »Jeder Tag sieht bei uns anders aus«, erzählt sie auf ihren Alltag angesprochen. »Mal gehen wir in die Natur, treffen Freunde oder unternehmen etwas in der Stadt. Wir verbringen selten ganze Tage daheim.« Ihr einziges Problem sei derzeit der Umgang mit dem Computer: »Mal versuche ich, dafür feste Zeiten einzuführen. Dann lasse ich die Kinder wieder frei entscheiden und bin dann verzweifelt, weil sie so lange am Rechner sitzen.«
Und die sozialen Kontakte? »Durch unsere Treffen entstehen freundschaftliche Beziehungen zwischen den Familien. Die Kinder spielen in der Nachbarschaft und gehen viel zum Sport und in andere Vereine. Viele Eltern denken, das soziale Leben würde sich in der Schule abspielen. Aber im wirklichen Leben ist das anders.«
Seit dem Ende der Diktatur 1989 gibt es in Ungarn keinen Schulanwesenheitszwang mehr. Homeschooling ist erlaubt, wenn die Kinder als Privatschüler an einer staatlichen Schule eingeschrieben sind und die Eltern sich an den Lehrplan halten. »Mit einigen anderen habe ich einen Gesetzestext ausgegraben, der besagt, dass ungarische Kinder ihre Bildungspflicht auch im Ausland erfüllen können«, erzählt Eva. »Das ist ein Schlupfloch, um am internationalen Bildungsprogramm ›Clonlara‹, das Freilerner unterstützt, teilzunehmen. Ich gründe jetzt eine ungarische Clonlara-Gruppe. Viele Familien erfahren von solchen Wegen durch unsere Treffen, Vernetzung im Internet und das Buch ›… und ich war nie in der Schule‹ von André Stern. Andere haben große Fragezeichen in den Augen und sind sehr skeptisch. Es gibt auch Widerstand seitens der Behörden – je nachdem, an wen man gerät.«
Eva freut sich über Besuch von Eltern, Kindern und Jugend­lichen, die Ungarn und das Freilernen kennenlernen möchten.
 

Norwegen
Als Marys Söhne sechs und zwölf Jahre alt waren, zog die Familie aus den USA nach Norwegen. Waren sie vorher eine Freilernerfamilie, gingen die beiden Kinder dort in die Schule – der ältere drei und der jüngere vier Jahre lang. Dann entschieden sie sich wieder für das Freilernen – ähnlich wie bei mir; das macht mich neugierig. Mary meint dazu: »Schule war für die beiden keine sonderliche Herausforderung. Es störte sie aber, dass sie zu wenig Zeit miteinander hatten.« Der Ältere hat jetzt mit 18 Jahren sein Abitur gemacht. Nach den ersten vier spielerischen Grundschuljahren konnte der Jüngere seinen wissenschaftlichen Wissensdurst an der Schule nicht mehr stillen und wollte lieber auf eigene Faust lernen. Derzeit interessiert er sich vor allem für das Programmieren und für Musik. Vor einer Weile waren seine Themen noch Dichter, UFOs und Mythen. Heute, mit 15 Jahren, bereitet er sich auf seine Abschlussarbeiten vor. Für die Freilerner-Genehmigung mussten beide schon regelmäßig Tests ablegen, auf die sie sich jeweils gezielt vorbereiteten.
Und wie läuft der Alltag? »Manchmal machen wir einen Ausflug, arbeiten am Haus oder im Garten, treffen Freunde, lesen mal den ganzen Tag oder gucken Filme, treiben sehr oft Sport und machen Musik. Dann sind da noch die Freilerner-Treffen in Oslo oder Besuche in Museen, Seminare, Konzerte, Kunstereignisse und immer wieder mal die Beteiligung an Wettbewerben. Außerdem finden im Jahr mehrere Freilerner-Camps statt.«
Es sei in Norwegen nicht schwierig, andere Freilerner zu treffen, findet Mary. Außerdem sei ihre Familie reisefreudig, weil sie viele Freunde im Ausland habe. »In unserem freilernerfreundlichen Land begreifen die Menschen langsam, dass ein interessiertes Kind etwas sehr Wichtiges für die Gesellschaft ist«, sagt Mary nachdenklich. »Die rechtliche Situation hier ist gut, auch wenn dies oft nicht bekannt ist. Sogar viele Schulämter glauben, dass ein Schulzwang existiere, aber das ist nicht der Fall. Manche Freilerner bekommen zuweilen Probleme mit Nachbarn oder alten Schulfreunden, die ihren Weg nicht verstehen wollen. Generell habe ich das Gefühl, dass viele Eltern Angst davor haben, dass ihre Kinder womöglich frei lernen wollen. Bei Licht betrachtet, ist das absurd – Angst davor zu haben, dass sich das eigene Kind eigenständig ­bildet!«
Warum ist Freilernen rund um Deutschland herum möglich, kann aber hierzulande Eltern ins Gefängnis bringen? Das ist mir schleierhaft. •

 

Julian Mohsennia (16) besuchte drei Jahre lang eine freie Schule, lebte eine Zeit lang in Kanada und engagiert sich im Organisationsteam des Schulfrei-­Festivals.


Mehr über Freilerner-Möglichkeiten erfahren:
Von Erika gibt es ein Video auf YouTube: http://bit.ly/1Aeb7pr
Das Clonlara-Bildungsprogramm: www.clonlara.org
Europäisches Freilerner-Forum: www.tenhe.eu

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