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Geborgenheit in Freiheit

Vorbedingungen für Selbstermächtigung aus Sicht der Entwicklungspsychologie

erschienen in 04/2010

Kinder sollten schon so fertig wie möglich auf die Welt kommen und als Zweijährige in der Krippe »funktionieren«, fordert die Gesellschaft. Gefährlich, meint Dagmar Neubronner. Ein gesunder, selbstbewusster Mensch braucht am Anfang vor allem Geborgenheit.

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Selbstermächtigung bedeutet für mich, dass ich als Mensch mein ganzes Potenzial, das heißt all das, was in mir angelegt ist, körperlich, geistig und seelisch, entwickle. Sie kann immer nur von jedem und jeder Einzelnen, eben von jedem »selbst« verwirklicht werden. Was also ist zu tun, dass Kinder sich zur Entfaltung ihrer Potenziale weiterhin selbst ermächtigen können? Und es stellt sich die Frage: Was ist die höchste Potenz des Menschen, und was ist Voraussetzung für ihre Entfaltung?
Die übliche verhaltensorientierte Soziologie fragt nicht nach dem Potenzial eines Menschen, sondern danach, was gegenwärtig als Norm verstanden wird. Der statistische Wert beschreibt das »Normale«. Ob dieses Normale auch das Optimale, das Wünschenswerte beinhaltet oder das vorhandene Potenzial voll ausschöpft, scheint unbedeutend. Wenn also beispielsweise in Schulen die ­Regel ist, dass nur ein sehr mäßiges Interesse am Lehrstoff besteht, so wird dies zum »Normalzustand« erklärt. Schule hat hierauf mit motivationssteigernden Bemühungen und Sanktionen zu reagieren, ohne das Desinteresse der Kinder als Signal zu hinterfragen.
Ein historisches Beispiel für solche Verdrehungen ist das in den USA im 19. Jahrhundert formulierte psychiatrische Krank­heitsbild der Drapetomanie (Wanderzwang). Mit diesem »Leiden« etikettierte man den »krankhaften« Drang schwarzer Sklaven, ihren Besitzern wegzulaufen. Das passive Erdulden der Sklaverei war die (selbst­gerechte) Norm. Der aus heutiger Sicht ­gesunde und wünschenswerte Drang Einzelner zur Selbstermächtigung und Freiheit wurde kurzerhand pathologisiert. Analog dazu wird heute bei Kindern das ebenso fragwürdige Krankheitsbild der »Schul­phobie« diagnostiziert, die medikamentös, durch Psychiatrisierung oder mit Sanktionen gegen Eltern, die bei der Erzwingung des Schulbesuchs versagen, behandelt wird.
Bei diesem behavioristischen Ansatz wird der Mensch ausschließlich anhand seines erwünschten bzw. unerwünschten Verhaltens beurteilt, ohne dass nach seiner Motivation, Absicht, seinem Potenzial gefragt würde. Uns interessiert jedoch die Frage, was ein selbstermächtigter, vollständig selbstverwirklichter Mensch ist und ­unter welchen Bedingungen unsere Kinder so werden können.
Über den entwicklungspsychologischen Ansatz in der Beziehungs- und Erziehungsforschung wurden die Bedingungen für Selbstermächtigung erstmals unter Bezug­nahme auf Physiologie, Psychologie und Soziologie untersucht. Vorangetrieben wurde diese Forschung maßgeblich durch den ­kanadischen Psychologen Gordon Neufeld.

Die Werkzeuge zur Selbstermächtigung
Diesem Ansatz zufolge kommt der Mensch mit dem Potenzial zur vollständigen, umfassenden Selbstermächtigung zur Welt. Dieses Potenzial entfaltet sich aber nicht automatisch, sondern braucht bestimmte Bedingungen, um sich entwickeln zu können. Reife zur Selbstermächtigung ist also weder ein Ergebnis der genetischen Ausstattung, noch kann sie im herkömmlichen Sinn erlernt werden. Neufeld vergleicht dies mit dem Wachstum eines Baums. Die Gestalt des Baums, die Art seiner Früchte usw. sind festgelegt, aber ob und in welchem Maß der Baum sein Potenzial verwirklicht, hängt von den Bedingungen ab, die er vorfindet. Wir können sein Wachstum, das Entstehen und Reifen von Früchten usw. nicht »machen«, aber wir können geeignete Bedingungen schaffen, so dass der Rest »von selbst« geschieht.

1. Emergenz – ich lasse mich in der Welt auftauchen
»Emergenz« beschreibt das forschende, kreative, ­tätige und im weitesten Sinn schöpferische Verhalten, das Grundlage unserer Weiterentwicklung ist. Ein krabbelnd die Umgebung erkundendes Baby, ein in sein Spiel versunkenes Kleinkind, ein experimentierender Zehnjähriger, ein seine Selbständigkeit erprobender Jugendlicher – sie alle sind in ihrer Emergenz tätig. Jeder Mensch, der sich in ­seinem Lebensumfeld schöpferisch verwirklicht, der forscht, übt, entdeckt, erfindet, organisiert, vernetzt usw., braucht dafür die ihm als Potenzial zur Verfügung stehende emergente Energie.
Emergenz ist jedoch ein Luxusprogramm, das nur aktiviert wird, wenn grundlegende Bedürfnisse erfüllt sind, neben Nahrung und Wärme vor allem das nach Geborgenheit. Der reife, selbstermächtigte Mensch hat eine reflektierende Beziehung zu sich selbst, sein »innerer Beobachter« ist im Kontakt mit seinen verschiedenen Wesensanteilen und fühlt sich auch im Alleinsein nicht verloren. Er kann zumindest eine Zeitlang ohne (anwesende) Bezugspersonen emergent tätig sein. Kinder und unreife Menschen brauchen, um ihre Emergenz entfalten zu können, zunächst die Präsenz stabiler, verlässlicher Bezugspersonen. Nur in der Geborgenheit solcher tief verwurzelter, zuverlässiger Bindungen kann die emergente Schöpferkraft auftreten und wachsen.
Im derzeitigen Schulsystem wird Emergenz einerseits vorausgesetzt und andererseits streng begrenzt und kanalisiert, denn die Kinder sollen dem Lehrplan folgen und ihrer schöpferischen Kraft nur im Rahmen detaillierter zeitlicher, formaler und inhaltlicher Vorgaben »freien Lauf« lassen. Die hierfür notwendige Emergenz ist jedoch bei immer weniger Kindern vorhanden, da die Anonymität und Beziehungslosigkeit moderner sozialer Zusammenhänge sowie die immer frühere Trennung von den primären Hauptbezugspersonen (im Idealfall den Eltern) die notwendige Geborgenheit oft nicht mehr ausreichend entstehen lässt. Der stattdessen empfundene, Emergenz verhindernde Stress ist ablesbar am Cortisolspiegel im Speichel, der bei Kindern, wenn sie sich nicht »zu Hause« fühlen, sehr deutlich ansteigt und in Krippen und Schulen Höhen erreichen kann, die physiologisch nachweisbar die Gehirnentwicklung beeinträchtigen. Bei schulfrei lernenden »Unschoolern«, die in geborgener Umgebung sich selbst bilden dürfen, ist ein hohes Maß an Emergenz die Regel, was dazu geführt hat, dass viele Elitehochschulen sie bevorzugt als Studenten aufnehmen.

2. Adaption – ich akzeptiere das Unabänderliche
Während wir emergent vorwärtsstreben, um uns selbst zu verwirklichen, werden wir von klein auf im Labyrinth des Lebens ständig mit Frustrationen aller Art und Intensität konfrontiert: Der Bauklotz fällt um, wir stürzen mit dem Roller, jemand, den wir gern zum Freund hätten, weist uns zurück, die Oma stirbt, die Eltern trennen sich, ein Projekt misslingt, wir irren uns, geraten in Streit, machen Fehler, erleiden Misserfolge und Verluste aller Arten. Die Fähigkeit, aus diesen Frustrationen zu lernen, mit ihnen fertig zu werden, im Labyrinth den eigenen Standort als Sackgasse zu erkennen, uns umzudrehen und weiterzugehen, anstatt blindlings immer wieder gegen dieselbe Wand anzurennen, wird als Adaption bezeichnet.
Adaption ist nur möglich, wenn wir in Kontakt mit unseren Gefühlen sind, den Schmerz fühlen, die Trauer des »Hier geht es nicht weiter, das ist zu Ende, so klappt es nicht, das bekomme ich nicht.« Solange wir noch glauben, das Ziel erreichen, etwas ändern zu können, versucht unser sympathisches Nervensystem »volle Kraft voraus«, die Situation zu ändern. Wenn das nicht möglich ist, muss irgendwann der Umkehrpunkt kommen, wo unser Gehirn die Vergeblichkeit unserer Bemühungen registriert und auf das parasympathische Nervensystem umschalten kann, auf Entspannung und Loslassen. Die Kampf-Botenstoffe werden dann über Tränen ausgeschieden, das ist die physiologische Funktion des »Ausweinens«. Ohne diese Akzeptanz des Unabänderlichen kommen wir nicht weiter, und die angestaute Frustrationsenergie macht sich in Form von Aggression, nach außen oder nach innen, Raum.
Interessanterweise brauchen wir auch für die Adaption als zweite entscheidende Grundlage der Selbstermächtigung eine Geborgenheit: jemanden, bei dem wir uns ausweinen können, bei dem wir uns trauen, unsere Schwäche, Mutlosigkeit, Verzagtheit, Trauer, Angst, Verzweiflung zu zeigen. Das gilt sogar, wenn wir eigentlich starke Persönlichkeiten sind, an denen sich viele andere orientieren. Für die Entfaltung von Kindern ist es absolut unerlässlich. Eine großangelegte Studie an 90 000 Jugendlichen in den USA hat gezeigt, dass der entscheidende Einzelfaktor für die Frage, ob ein Jugendlicher kriminell wird oder nicht, das Vorhandensein oder das Fehlen einer tiefen, stabilen Bindung zu mindestens einem anteilnehmenden Erwachsenen ist. Fehlt ein solcher Mensch im Leben eines Kindes, erscheint es dem Gehirn als zu riskant, all die Verletzungen und Frustrationen zu fühlen. »Verletzende« Emotionen werden ausgeblendet und betäubt, statt Adaption erfolgt Aggression. Damit fehlt dem Kind die Möglichkeit, an seinen Schicksalsschlägen zu reifen und sich in Richtung Selbstermächtigung weiterzuentwickeln. Unsere Schulen setzen Adaptionsfähigkeit voraus. Sie verlassen sich darauf, dass Kinder aus Versuch und Irrtum, aus rot angestrichenen Fehlerkorrekturen und aus strafenden »Konsequenzen« lernen können. Wenn den Kindern die Adaptionsfähigkeit jedoch fehlt, was aufgrund fehlender Geborgenheit immer häufiger der Fall ist, ist diese Pädagogik Gift für sie. Ein Teufelskreis aus Frustration und Aggression, die mit weiterer Frustration bestraft wird, entsteht.

3. Integration – Gemeinsamkeit ohne Verlust der Eigenständigkeit
Die Fähigkeit, gegensätzliche Wahrnehmungen, Gedanken und Gefühle gleichzeitig zuzulassen und miteinander auszubalancieren, entsteht durch Reifungsprozesse in der Großhirnrinde und muss wie ein Muskel trainiert werden. Die Integration unterschiedlicher Signale erfolgt zunächst auf der sensorischen Ebene. Grundlegendstes Beispiel ist das perspektivische Sehen durch gleichzeitige Verarbeitung unterschiedlicher (scheinbar widersprüchlicher) optischer Signale. Die Leistung, gegensätzliche Ideen, Konzepte und Interessen gleichzeitig gelten zu lassen, erfordert schon eine deutlich höhere Reifestufe, ist aber eine entscheidende Voraussetzung für funktionierende Gemeinschaftsstrukturen. Denn nur wo gegensätzliche Interessen berücksichtigt und in Einklang gebracht werden, ist ein Gemeinwesen denkbar, das ein friedliches Miteinander ohne Verlust von Eigenständigkeit und Individualität ermöglicht.
Das Schwierigste sind die gegensätzlichen Gefühle: Selbst reife Erwachsene verlieren manchmal die Fähigkeit, sehr intensive Gefühle zum »Sowohl-als-Auch« zu integrieren. Der Zustand »gemischte Gefühle« ist also eigentlich ein Merkmal hoher Reife. Vielleicht aufgrund der mit »gemischten Gefühlen« verbundenen Zögerlichkeit im Handeln versuchen gerade Politiker, statt bunter Vielfalt und Ambivalenz (lateinisch; »Beidwertigkeit«) lieber aktionsfreudiges, entschlossenes Schwarzweiß zu vermitteln. Aber nur von reifen Erwachsenen mit gemischten Gefühlen können Kinder vorgelebt bekommen, was sich in ihrer eigenen Großhirnrinde erst nach und nach an »Einerseits-Andererseits« entwickeln wird. Voraussetzung ist auch hier wieder die Geborgenheit, denn nur wenn ich meine Gefühle fühle, kann ich ein Verhältnis zu ihnen entwickeln und lernen, mich nicht mehr von ihnen überwältigen zu lassen. Bevor ich nicht die Gegensätze in meinem Inneren integrieren kann, bin ich auch nicht in der Lage, sie im Sozialen auszugleichen.
Unsere Gesellschaft erwartet jedoch (letztlich aus ökonomischen Gründen, beide Eltern sollen ganztags arbeiten) schon von Zweijährigen Integrationsleistungen und Wohlverhalten in großen Gruppen, die eigentlich erst am Ende eines langen Reifungswegs stehen können. Wir fordern Früchte, bevor sich die Wurzeln richtig gebildet haben. Unser Herzenswunsch, dass unsere Kinder eines Tages unabhängige, sich selbstermächtigende Erwachsene sein mögen, macht uns blind für die Tatsache, dass sie dafür hier und heute auf unseren Schutz und unsere individuelle Zuwendung angewiesen sind. Geben wir ihnen die nötige Geborgenheit, damit sie ihre Selbstentfaltung im Tempo ihrer eigenen Entwicklung vorantreiben können, oder versuchen wir, sie durch ein komplexes System von Strafen und Belohnung so aussehen und handeln zu lassen, als seien sie bereits »fertig«?

Selbstbestimmung erwächst aus Geborgenheit
Selbstermächtigung ist ein Prozess, der nicht zwangsläufig abläuft und weder veranlasst noch unterrichtet werden kann. In unserer Verantwortung für Kinder können wir lediglich die ­entwicklungspsychologischen Voraussetzungen für ihre Selbstermächtigung schaffen. Das geschieht, indem wir dafür die entscheidende Grundlage zur Verfügung stellen: Geborgenheit in der stabilen, tiefen Beziehung zu mindestens einem verantwortlichen, anteilnehmenden Erwachsenen.
Selbstbestimmtes Lernen in geborgenem Zusammenhang, ­wie es beispielsweise typisch ist für schulfreies Lernen, bietet gute Bedingungen für Selbstermächtigung. Ich sehe das an meinen ­Kindern, die seit fünf Jahren selbstbestimmt lernen und leben. Die Fähigkeit, uns auch unter widrigen Umständen geborgen zu fühlen, mit Verlust und Schmerz umgehen und daraus Neues lernen zu können und die Kraft, die Widersprüchlichkeit unserer Emotionen auszubalancieren, sind grundlegend für unser aller Selbstermächtigung in Zeiten des Umbruchs. 

Stoff zum Weiterdenken:
Zur Vertiefung des Thema gibt es im Genius Verlag aufschlussreiche Bücher:
»Unsere Kinder brauchen uns!« von Gordon Neufeld und Gabor Maté,
»Die Freilerner – unser Leben ohne Schule« von Dagmar Neubronner,
»Das Teenager Befreiungs Handbuch« von Grace Llewellyn.
Wer lieber Filme schaut, als zu lesen: »Adoleszenz verstehen« ist ein Video­seminar von Gordon Neufeld aus dem Genius Verlag.

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