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Herausforderung Vielfalt

Auf der Suche nach europäischer Identität jenseits nationalstaatlicher Grenzen.

von Katharina Moebus , erschienen in 30/2015

Was ist Europa: ein Kontinent? Ein politischer Zusammenschluss? Ein Lebensgefühl? Wer entscheidet, wer dazugehört?

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© Foto: Séverine Lenglet

»E-u-rooppa« sagt man im Finnischen, neben Deutsch meine zweite Muttersprache. Ausgesprochen klingt es wie eine Fusion der beiden Worte »EU« – die Europäische Union – und »Europa«: ein häufig genutzter Begriff, für den es kein eindeutiges Verständnis gibt. Was ist europäische Identität? Da ich in zwei Kulturen aufgewachsen bin, tauchten diese und andere Fragen oft in meinem Alltag auf. Womöglich hat mich dies dazu motiviert, in der transnatio­nalen Organisation »European Alternatives« (EA) mitzuwirken, in deren Berliner Gruppe ich seit Anfang 2014 aktives Mitglied bin. Die European Alternatives waren mir im Herbst zuvor durch ihr Transeuropa-Festival mit dem Leitgedanken »Demokratie, Gleichheit und Kultur über den Nationalstaat hinaus« aufgefallen. Politische Themen wurden hier durch künstlerische Ansätze zugänglich gemacht – ein schönes Prinzip, um alle Sinne anzusprechen, Interesse zu wecken und die Politik vom hohen Ross herunterzuholen.

European Alternatives wurde über einem Teller Pasta 2006 von dem Italiener Lorenzo Marsili und dem Briten Niccolo Milanese gegründet, als beide in London studierten, und startete als erste Aktivität mit dem »London Festival of Europe« 2007.  Seitdem hat sich die Organisation zu einem breiten Netzwerk lokaler Gruppen und Akteure entwickelt, die über Grenzen hinweg zusammenarbeiten. Das erste Projekt der EA, bei dem ich involviert war, nannte sich »Trans­europa Caravans«. Es fand im Rahmen der Aktion »Citizens Pact« statt: Über Monate hinweg wurden Bürgerinnen und Bürger zu Themen befragt, die ihrer Meinung nach in Europa bisher vernachlässigt wurden. Dar­aus entstand ein Manifest, das Ende 2013 publiziert und dem Europäischen Parlament vorgelegt wurde. »Graswurzelbewegung trifft Realpolitik« – das war auch das Leitmotiv der Transeuropa-Caravans-Tour. Im Spätfrühling 2014 sollten sechs Wohnwagen simultan aus den Städten Rom, Birmingham, Cluj-Napoca, Prag, Paris und Berlin auf unterschiedlichen Routen durch Europa fahren. Zuvor ausgesuchte lokale Initiativen wurden besucht, Interviews geführt und dabei das Bürgermanifest und die anstehenden Europawahlen beworben. Auf der Internetseite www.citizenspact.eu wurde regelmäßig gebloggt; bei fast allen Teams war ein Filme­macher oder ein Cartoonist dabei, um tagtäglich die Geschehnisse visuell zu dokumentieren.
Ich war Teil des fünfköpfigen Teams der nordöstlichen Route von Berlin bis Lublin in Polen. Ebenfalls an Bord: Kim und Lukas von »Democracy International«, die ihr Projekt »Democracy Now!« bekanntermachen wollten. Sie fuhren mit der von Lukas’ Oma geerbten Ente, wir mit einem gemieteten VW-Bulli, beide waren vor der Reise mit diversen Stickern geschmückt worden. Allein schon wegen der Autos blieben viele Leute interessiert stehen, was ein guter Ausgangspunkt für zahlreiche Gespräche war.
 

Fremder als gedacht
Unsere erste Station war Rohne, ein kleines Dorf in der Oberlausitz, das zunehmend vom Braunkohleabbau in der Gegend bedroht ist. An dem Tag gab es einen großen Ostermarsch zum Protest gegen die Pläne der vor Ort aktiven Energiefirmen. Die Resonanz auf unseren Besuch war positiv; wir merkten, wie wichtig es den Menschen war, ihre Meinung kundzutun, das Gefühl zu haben, gehört zu werden. Weiter ging es nach Leipzig, um das »Konzeptwerk Neue Ökonomie« zu besuchen – einigen Lesern durch die Oya-Ausgabe 28 (Seite 32) und die Leipziger Degrowth-Konferenz bekannt. Die nächste Station war das Kunstprojekt »Słubfurt« in Frankfurt an der Oder. Słubfurt ist die fiktive Hauptstadt des fiktiven Landes »Nowa Amerika«, das zur einen Hälfte in Deutschland und zur anderen in Polen liegt und dessen Staatsbürgerschaft jedem offensteht. Diese Utopie wurde vom Künstler Michael Kurzwelly 1999 als soziale Plastik ins Leben gerufen und besteht seitdem als kontroverses Kunstprojekt. Es hinterfragt Grenzen, Bürgerrechte, nationale Identitäten und das Recht auf Aufenthalt – Themen, auf die wir auf unserer Reise immer wieder stießen.
Unser erstes Ziel in Polen war Poznań, wo wir einer Roma-Organisation einen Besuch abstatteten. Wir wurden fürstlich aufgenommen und bewirtet, was bei uns gemischte Gefühle auslöste: Wir fühlten uns sehr willkommen, zweifelten aber an unseren Fähigkeiten, den Hoffnungen unserer Gastgeber auf Unterstützung gerecht werden zu können. Ähnlich erging es uns bei unseren nächsten Stationen: In Łód führten wir ein Interview mit einer jungen lesbischen Frau, die beklagte, dass Homosexualität in Polens Gesellschaft trotz früher Antidiskriminierungsgesetze nach wie vor weitgehend tabuiert wird. In einem Flüchtlingslager in Linin erzählten uns tschetschenische Flüchtlinge von ihren Problemen, in Polen oder anderen europäischen Ländern aufgenommen zu werden und Arbeit zu finden, abgeschottetet in diesem im Wald verborgenen Zwischenort. Bei einer Filmvorstellung in Lublin hörten wir von den Schwierigkeiten transsexueller Menschen, von der Gesellschaft in Polen anerkannt und gehört zu werden.
Trotz der geografischen Nähe kam uns das Land plötzlich sehr fremd und unbekannt vor – auch wenn es »bei uns« gewiss ähnliche Probleme gibt. Die Konfrontation mit Kämpfen dieser Art gab uns das Gefühl, sehr privilegiert zu sein. Das Recht auf Gleichheit, Aufenthalt, Arbeit, Mobilität – der falsche Pass, eine simple Staatsgrenze können einem all dies verwehren. Das Projekt »Europäische Union« erschien uns plötzlich wie in Kinderschuhen steckend.
 

Heimat und transnationale Identität
Nach unserer Rückkehr sah ich Berlin und Europa mit anderen Augen. Mir waren Grenzen bisher immer fremd und bedeutungslos erschienen – willkürlich gezogene Striche auf einer Landkarte. Durch meine Wurzeln in Deutschland und Finnland konnte ich mich nie mit nur einem Land identifizieren. Ausgiebige Reisen und das Studieren und Leben in verschiedenen Ländern verstärkten dieses Gefühl. Ich habe das Glück, dass mir meine beiden Pässe Aufenthalt und Arbeit fast überall problemlos ermöglichen. Als ich vor meinem Umzug nach Berlin fünf Jahre lang in Finnland lebte, fühlte ich mich dennoch fremd, als hätte ich den finnischen Pass nicht verdient. Ich spreche Finnisch mit deutschem Akzent, habe die finnische Kultur nur bruchstückhaft aufgenommen. Ich merkte, wie sehr Sprache, Kultur und Kindheitserlebnisse dazu beitragen, sich zugehörig zu fühlen. Mehr denn je fühlte ich mich als Deutsche, aber auch als Europäerin, was die Zerrissenheit zwischen den Identitäten wieder versöhnte. Auf der Reise durch Polen wurde mir deutlich, wie sehr »Vielfalt« die Idee eines geeinten Europa heraus-fordert: Was verbindet die europäischen Länder, was ist der gemeinsame Nenner, der in dieser Unterschiedlichkeit vereint?
Während eines viertägigen Herbstcampus, organisiert von EA in einem alten Schloss in der Uckermark, trafen um die 80 aktive Menschen aus ganz Europa zusammen, um über diese Frage und aktuelle lokale und transnationale Probleme nachzudenken. Wie können Bürgerbewegungen und Politik zusammenarbeiten, um gesellschaftlichen Wandel effizient voranzutreiben? Bei einigen Teilnehmenden und auch in meinem Kopf tauchte dabei wiederholt die Frage auf: Warum die Beschränkung auf Europa? Was ist mit den anderen Ländern, mit Themen, die eindeutig über europäische Grenzen hinausgehen, wie etwa die vieldiskutierte Flüchtlingspolitik? Der neu entflammte Konflikt zwischen Ost und West zeigt darüber hinaus, dass politische Zusammenschlüsse mehrerer Länder auch in Isolation und Machtkampf enden können. Sicherlich brauchen wir unsere lokalen Identitäten, eine Kultur, mit der wir uns identifizieren. Was aber ist das verbindende Element, das zu mehr Toleranz und Chancengleichheit führen könnte – über den Nationalstaat und auch Europa hinaus? 
Was also bedeutet Europa? Alle haben die Freiheit, dies für sich selbst zu definieren. Für mich steht Europa für das Potenzial einer transnationalen Identität, die Frieden schaffen kann. Doch der Weg dahin ist sicherlich noch weit. •

Katharina Moebus (30) studierte Kommunikation und Design in Bozen sowie angewandte Kunst in Helsinki. Sie forscht und arbeitet zu sozialpolitischen und ökologischen Themen sowie zu selbstorganisiertem Lernen.

Zwischen Graswurzelbewegung und Realpolitik vermitteln?
www.euroalter.com
www.citizenspact.eu
www.democracynow.org