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Essen ist zu einem Politikum geworden

Johannes Heimrath sprach mit dem ­Umweltschützer Thilo Bode über die ­Strategien der von ihm gegründeten Verbraucherschutzorganisation »Foodwatch«.

von Johannes Heimrath , Thilo Bode , erschienen in 29/2014

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© Foto: www.foodwatch.org

Wenn wir in Oya das Essen beleuchten, tun wir das nicht als Wohlfühl-Bio-Zeitschrift, sondern weil uns Hintergründe interessieren. Unser Blatt wird von gesellschafts­politisch aktiven Menschen gelesen, aber kaum eine oder einer ist in einer Position, um im klassischen Sinn politisch oder wirtschaftlich Macht ausüben zu können. Foodwatch wendet sich mit großen Kampagnen an die Öffentlichkeit. Wie sehen Sie die Chancen solcher Aktionen, wirksam Einfluss zu nehmen?

Das Thema Essen ist für mich ein Mittel zum Zweck. Daran lässt sich verdeutlichen, dass vieles in unserer Gesellschaft nicht so läuft, wie es laufen sollte, insbesondere in Bezug auf das Verhältnis von Macht und Ohnmacht. Essen müssen wir alle, und so haben auch alle einen Zugang zu diesem Thema. Mit Foodwatch versuchen wir, die grundsätzlichen Forderungen des Lebensmittelrechts, den Gesundheitsschutz und das Täuschungsverbot in die Praxis umzusetzen. Heute stellen die Menschen ihre Lebensmittel nicht mehr selbst her, aber sie wollen mehr und mehr wissen, wo sie herkommen. Wenn das moderne Leben schon aus verarbeiteten Nahrungsmitteln besteht, müssen diese bestimmte Anforderungen erfüllen. Das zu verlangen, ist ein politischer Anspruch, der auf den ersten Blick harmlos daherkommt, aber sehr wirksam ist, weil er wichtigen Interessen gegenübersteht.
Foodwatch arbeitet mit sehr einfachen Beispielen. Es ist wichtig, sofort verstanden zu werden. Die dreisteste Werbelüge mit dem »Goldenen Windbeutel« zu prämieren – das ist eine für die breite Öffentlichkeit wirksame Sprache.

Wie sind Sie denn persönlich mit dem Thema Nahrung verbunden?

Ich koche schon immer sehr gerne. Aber über gesunde Ernährung denkt man oft erst nach, wenn man älter wird. Über die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Foodwatch, die sich in Fachfragen zur Gesundheit besser auskennen, bin ich auf viele interessante Aspekte gestoßen. Aber das betrifft mich privat und ist nicht unbedingt für die Kampagnen relevant.
Die Frage nach der Qualität von Essen berührt viele Aspekte, alle haben ihre eigenen Vorstellungen von gut und schlecht. Mich interessiert es persönlich, ob es so etwas wie eine natürlich gute Ernährung für den Menschen gibt und ob man sie sich unter ökologisch-ethischen Kriterien leisten kann. Gerade lese ich das Buch »Eine kurze Geschichte der Menschheit« von Yuval Noah Harari. Das ist faszinierend. Ein Anthro­pologie-Professor zeigt, wie sich der Homo sapiens entwickelt hat, was er in der kognitiven Revolution durchgemacht und wie er sich ernährt hat. Durch das Kochen kam ja ein enormer Entwicklungssprung …


… und durch das Brauen von alkoholischen Getränken!
Interessant finde ich auch, dass sich die Jäger und Sammler sehr variantenreich ernährt haben müssen. Sobald die Landwirtschaft erfunden war, wurde die Nahrung einseitiger – durch zu viele Kohlenhydrate, und durch die Haltung von Haustieren kam es vermehrt zu Krankheiten.

An Skeletten aus der Jungsteinzeit finden sich erschreckende Zeichen von Mangel­ernährung, anders als bei Jägern und Sammlern. Es hat lange Zeit gebraucht, bis der Mensch zu einer ackerbaulich erzeugten, balancierten Diät gefunden hat. Wenn wir so weit zurückgreifen, können wir noch ein Phänomen ansprechen: Damals war das Land vermutlich ein großes Commons, das Gemeingut der jeweils ansässigen Clans.

Ja, offensichtlich.

Unsere Zeit hat einen negativen Eigentumsbegriff: Es geht um Aneignung und Ausschluss, und Essen existiert fast nur noch als Ware, als »Produkt«. Ihre Arbeit beobachtet vornehmlich, was mit diesen Produkten geschieht. Stellen Sie dabei auch das Warenparadigma in Bezug auf Essen in Frage?

Eigentlich nicht. Die kulturelle Definition des Essens ist bei Foodwatch kein Thema; darum kümmern sich eher Organisationen wie Slow Food. Wir gehen in die Konfliktpunkte rund um das individuelle Recht auf sicheres Essen. Wo ist Regulierung notwendig, so dass es einen Schutz gibt, der die individuelle Freiheit nicht gefährdet? Wenn sich jemand schlecht ernähren will, dann soll er das tun – aber sich darüber im Klaren sein. Es geht auch um soziale Gerechtigkeit und die Kontrolle von Macht. Essensrechte sind ein guter Aufhänger für die Frage: Wer bestimmt bei uns die Politik?

Diese Frage hat Sie ja auch als Geschäftsführer von Greenpeace umgetrieben …

Als ich 2001 bei Greenpeace aufgehört hatte, kam kurz darauf die BSE-Krise. Das war für mich ausschlaggebend. Wie konnte so ein Skandal passieren? Niemand wollte es gewesen sein. Damals habe ich angefangen, mich mit Verbraucherrechten zu befassen. Ich kam zu dem Ergebnis, dass im Lebensmittelmarkt nicht die Verbraucher – wie es sein sollte – das Sagen haben, sondern in extremer Weise die Agrar- und Lebensmittelindustrie. So fasste ich den Plan, eine Verbraucherorganisation aufzubauen, die von den Mitgliedern selbst finanziert wird. Durch den BSE-Skandal stand am Anfang die Frage nach dem Tierfutter im Vordergrund, aber das stieß kaum auf Interesse – Menschen essen keine Futtermittel. Für Kampagnen wirksam sind Themen, die unmittelbar die eigene Gesundheit oder das Gerechtigkeitsempfinden ansprechen.
Aber BSE war damals trotzdem ein großes Thema. BSE wurde zwar mit einer effektiven Seuchenbekämpfungspolitik erfolgreich zurückgedrängt, doch die wesentlichen Probleme in der Landwirtschaft bestehen bis heute fort.


Wollten Sie mit Foodwatch damals vor ­allem Einfluss auf die Futtermittelindustrie ausüben?
Nicht nur – unser Ziel war, am Beispiel BSE zu verdeutlichen, dass wir weder in der Wirtschaft noch in der Politik dem Demokratie-Prinzip Genüge tun. Das Problem ist, dass die Verbraucherrechte als Themen der individuellen Entscheidung verstanden werden und nicht als Gebiet, wo regulierend Macht begrenzt werden muss. Wenn Menschen die Wahl haben, dieses oder jenes Produkt zu kaufen, ändert das nichts daran, dass ein Produkt, das zum Beispiel Fleisch aus Massentierhaltung enthält, besser gar nicht erst hergestellt werden sollte.

Unter diesem Aspekt kritisieren Sie auch die Kennzeichnung »Regionalfenster«. Dieses Siegel soll garantieren, dass Lebensmittel tatsächlich aus der Region kommen, mit der auf der Verpackung geworben wird. Hersteller, bei denen das nicht der Fall ist, bleiben aber unbehelligt.

Ja, diejenigen, die bei der regionalen Herkunft schwindeln, werden das Kennzeichen nicht benutzen. Wenn es den Herstellern überlassen wird, ob sie bei einer Kennzeichnung mitmachen oder nicht, ergibt das keinen Sinn. Ein freiwilliges Siegel hat keine Lenkungswirkung. Auch der freiwillige Aufdruck »keine Gentechnik« hat keinen Lenkungseffekt. Denn freiwillige Kennzeichen werden nur diejenigen einsetzen, die es sich leisten können. Das sind aber genau diejenigen, die im Hinblick auf die regionale Kennzeichnung gerade nicht transparent sind. Damit verliert die Kennzeichnung ihren Sinn. Unser neuer Landwirtschaftsminister sagte, er stelle sich eine »verbindliche Freiwilligkeit« vor und begründete das mit der Mündigkeit der Verbraucher. Das ist lächerlich und belegt, dass es hier nur um Symbolpolitik geht. Die Agrarpolitik und die Lebensmittelpolitik in Deutschland und Europa machen sich mit solchen Strategien zum Dienstleister der Unternehmen – auf Kosten der Verbraucher. Das werden wir niemals akzeptieren.

Im Rahmen der von mir mitbegründeten ökologischen Kräuterteeproduktion, der Kräutergarten Pommerland eG, diskutieren wir immer wieder über Ökosiegel. Da gibt es stärkere und schwächere. Wenn man dar­an denkt, dass der neue »Living Planet Report« den Menschen in Deutschland – was die Ressourcen angeht – den jährlichen Verbrauch von 2,6 Erden attestiert, wünscht man sich strikte Vorgaben, und dann taucht in den Diskussionen schnell das Gespenst »Ökofaschismus« auf.

Foodwatch sieht die Biolandwirtschafts­verbände kritisch, weil sie vor allem ihre eigene Branche fördern wollen. Wenn aber eine Ökologisierung der Landwirtschaft erreicht werden soll, funktioniert das nicht, indem ich die Biolandwirtschaft subventioniere, sondern ich muss vor allem die konventionelle Landwirtschaft einhegen. Dafür bekommen wir die Bioverbände nicht mit ins Boot; sie wollen sich nicht mit ihren konventionellen Kollegen auseinandersetzen. Die Biolandwirtschaft an den Tropf von Subventionen zu hängen, war ein großer Fehler, der auch in Bezug auf die Energiewende gemacht wurde. Niemand hat sich getraut, die fossile Energie zu besteuern. Auch die moderne ökologische Massenproduktion ist nicht tiergerecht und auch ökologisch belastend. Was die Tragfähigkeit des Planeten anbelangt – wirklich wirksam in Bezug auf Nahrung wäre eine massive Reduktion des Fleischverbrauchs. Aber wie soll da argumentiert werden? Mit dem Veggie-Day sind die Grünen abgeblitzt. Ich denke, es müsste mit dem Tierwohl argumentiert werden. Eine tiergerechte Haltung ist teurer, mit ihr würde sich der Fleischkonsum deutlich verringern. Aber im Moment zielt die Politik darauf ab, Fleisch noch billiger zu machen.
Bei Foodwatch arbeiten sowohl Veganer wie auch Fleischesser, aber alle sind der Meinung, dass eine tiergerechte Haltung essenziell ist. Es lässt sich anschaulich ­darstellen, dass die Tierhaltung enorme ­externe Kosten erzeugt – angefangen bei den Flächen für den Futtermittelanbau bis zum Einsatz von Antibiotika, von Treibhauseffekten und dem Unglück der Tiere ganz abgesehen. Bemerkenswert ist, dass in der EU-Verfassung, im Lissabon-Vertrag, steht, dass Tiere mitfühlende Wesen sind. Wenn so etwas in der europäischen Verfassung steht, kann man unser schwaches Tierschutzgesetz über den Haufen werfen.

Welche Strategie wollen sie auf dieser Grundlage entwickeln?

Wenn sich die EU für konsequente Tiergerechtigkeit entscheidet, hätte das enorme Auswirkungen, sogar Auswirkungen auf das transatlantische Freihandelsabkommen. Wir könnten zum Beispiel keine Eier mehr importieren, die nicht aus konsequent tiergerechter Legehennen-Haltung kämen. Die Strategie wäre, handelspolitische Instru­mente zu finden, die WTO-konform sind. Das ist nicht utopisch, denn schon heute gibt es interessante Einschränkungen des internationalen Handels, wie das Importverbot von Babyrobbenfellen oder Holz aus illegal abgeholzten Wäldern. Das Urteil zu den Babyrobbenfellen bezieht sich auf die Weise, wie die Tiere getötet werden, fußt also auf einem Tierschutz-Argument. Wenn wir wirksame Verbraucher- und Umwelt­politik machen wollen, müssen wir den internationalen Handel im Blick haben.

Das ist ein europäisches Thema.

Für Tierschutz ist die EU zwar nicht zuständig, aber ihre Verfassung formuliert Grundsätze, die doch weiterhelfen können.

Glauben Sie, dass allein durch Reformen des bestehenden Systems fundamentale Änderungen erreicht werden können?

Nein, Veränderungen kommen nur durch Konflikte. Ohne Fukushima hätte die Energiewende damals nicht ihren Anfang genommen. Ob Konflikte durch eine Kampagne an die Oberfläche gelangen, so wie wir es versuchen, oder durch Unfälle – auf jeden Fall werden bestehende Probleme kaum durch Erkenntnis gelöst. Zum Beispiel liegt es nicht an mangelnder Bildung der Menschen, dass sich in der Klimapolitik nichts bewegt, sondern an der Macht der einen über die anderen. Macht verändert sich über Konflikte. Ob sie friedlich oder gewaltsam ausgetragen werden, hat damit zu tun, ob die Gesellschaft in eine Krise kommt.
Dieses Jahr habe ich in Griechenland erstmals mit Stacheldraht eingezäunte Strandabschnitte gesehen. Reiche Leute, die riesige Yachten in den Häfen liegen haben, hatten sie sich reserviert. In diesem Land ist deutlich zu sehen: Es zahlt nur eine Gruppe. In so einer Situation kann es auch unversehens zu einem blutigen Konflikt kommen. Ich sage nicht, wir müssten auf die Barrikaden, sondern ich bin optimistisch, dass friedlicher Protest Wirkung zeigt – aber letztlich schafft man eine Wende nicht ohne die Dynamik der Geschichte. Durch Kampagnen können wir Tendenzen verstärken. Die Themen müssen aber in der Bevölkerung zu gären anfangen.


Wie schätzen Sie den politischen Effekt von Foodwatch in den letzten Jahren ein?
Ehrlich gesagt, eher gering. Wir sind jetzt zwölf Jahre unterwegs – und was hat sich geändert? Selbstverständlich könnten wir sagen, ohne uns wäre alles schlimmer geworden, und vielleicht haben wir dazu beigetragen, dass Essen ein Politikum geworden ist, aber ich will uns nicht zu sehr auf die Schulter klopfen. Eines haben wir zumindest geschafft – die Unternehmen und die Politik machen sich jeweils Gedanken, wie Foodwatch reagieren wird, bevor sie etwas tun oder sagen. Letztlich müssen Dritte beurteilen, ob wir unser Geld wert sind. – Auf jeden Fall macht Foodwatch Spaß. Wir lernen enorm viel. Besonderes Vergnügen hatte ich an der Kampagne gegen Nahrungsmittelspekulation der Banken. Das war ein emotionales Thema, dennoch komplex. Es gab Gegner, von denen eine kompetente und heftige Gegenrede kam. In dem Protest gegen Spekulation mit Nahrung liegt ein großes Mobilisierungspotenzial, und da stellten sich auch Erfolge ein. Eine Reihe von Banken ist aus der Spekulation ausgestiegen. Die Menschen sagen schon aus der Intuition heraus: »Mit Essen spielt man nicht!« Wir wünschen uns aber auch, dass grundsätzlicher verstanden wird, was dahintersteckt.

Damit wünschen wir Ihnen auch in Zukunft viel Erfolg! Herzlichen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.


 

Thilo Bode (67) studierte in den 1970er Jahren Soziologie und Volkswirtschaft und war in der Entwicklungshilfe und in der Metallindustrie tätig. Von 1989 bis 2001 leitete er nacheinander Greenpeace Deutschland und Greenpeace International. 2002 gründete er die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. www.foodwatch.org

 

 

Das muss man erst verdauen:
Thilo Bodes Bücher »Die Essensfälscher: Was uns die Lebensmittelkonzerne auf die Teller lügen« und »Abgespeist: Wie wir beim Essen betrogen werden und was wir dagegen tun können« erschienen 2012 bzw. 2010 als Fischer-Taschenbücher.

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