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Gebt den Kühen die Wiese zurück!

Vivien Beer besuchte die ­Stiftung Fintan in der Schweiz, um mit Martin Ott über das Wesen der
Kühe und deren Essgewohnheiten zu sprechen.

von Vivien Beer , erschienen in 29/2014

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© Foto: Philipp Rohner

Der heilige Fintan lebte im achten Jahrhundert als Eremit im Kloster Rheinau. Nach ihm nennt sich eine Stiftung, die an der Doppelschleife des Rheins ökologische und soziale Projekte stützt und weitere gründet, darunter die größte Demeter-Landwirtschaft der Schweiz, eine sozialtherapeutische Einrichtung und eine Kunstwerkstatt. All diese Projekte greifen ineinander und befruchten sich gegenseitig.

»Wir stehen in Beziehung zur Welt«, wiederholt Martin Ott, während einer Führung über das Gelände. 1998 hat der Landwirt gemeinsam mit fünf anderen Familien die Stiftung gegründet. »Aber nicht nur wir Menschen stehen in Beziehung zur Welt, zu Tieren, Pflanzen, Steinen, dem Boden. Die Pflanzen selbst und die Tiere finden sich genauso in Beziehungen eingebettet wieder. Nur sind diese für den Menschen nicht unbedingt leicht sichtbar. Andere Wesen können eine andere Kommunikation führen«, so Martin Ott. Er hat sich sein Leben lang tief ins Gespräch mit Kühen vertieft.
Als wir an der Kuhweide ankommen, sehe ich sie, all die Rinder, die in langer Reihe an ihren Platz in der Melkstation ziehen. Wieder einmal wird mir bewusst, wie sehr diese Tiere in der Ernährung der Menschen und unserer Landwirtschaft verankert sind. Weiß ich, wie sie mit der Welt in Beziehung stehen und was sie satt und glücklich macht? Sie geben nicht nur Milch, sondern auch Dünger für die Böden. Martin Otts Buch »Kühe verstehen, eine neue Partnerschaft beginnt« plädiert für ein Aufwachen gegenüber Tieren. Es gilt, Verwandtschaft zu verstehen, aber auch Andersartigkeit.
Kühe essen und verdauen wie wir, aber diese Vorgänge sind nicht ansatzweise mit menschlichen Essgewohnheiten gleichzusetzen! Ganze acht Stunden frisst eine Kuh am Tag, vorausgesetzt, sie darf auf der Weide stehen. Die ersten frisch gerupften Grasbüschel landen nach dem Kauen im vordersten Magen, dem Pansen, in dem es heftig zugeht. Gase entwickeln sich, und ein- bis zweimal pro Minute finden Umwälzungen statt. Sie klingen wie Gewitter, findet Martin Ott, wenn man sein Ohr an den Bauch einer Kuh legt. Bei Verdauungsproblemen könne der Pansen platzen – so sei das rhythmisch-andauernde Wiederkäuen der Kuh eine Art Tanz auf dem Vulkan, erklärt er: Es beugt einer Gasexplosion vor.
Im besten Fall frisst eine Kuh das, was vor ihrem Maul wächst. Kraftfutter zerstört langfristig die Eigenregulierungskraft im Verdauungssystem der Kuh. Ist es nicht widersinnig, für die Ernährung von Rindern Ackerbau zu betreiben, wenn es Weiden gibt? Was eine in Massentierhaltungsbetrieben gezüchtete Kuh in einem Jahr an Kraftfutter frisst, könnte fünf Menschen ernähren. Im Tageslauf einer Kuh kommen zum achtstündigen Fressen weitere acht Stunden für das ­Wiederkäuen hinzu. Durch eine Art Würgen bringt die Kuh das anverdaute Gras aus dem Pansen wieder ins Maul zurück – wobei wir nicht vom Menschen aufs Tier schließen sollten: Das Würgen bereitet der Kuh keine Mühe, sondern weckt in ihr tiefe Zufriedenheit. »Wir können richtig neidisch werden auf die Kuh. Sie kann ihre feinen Bissen hinauf- und zurückschlucken. Ein menschlicher Feinschmecker würde unter Umständen viel dafür bezahlen, um dieses geschmackliche Dauererlebnis während Stunden zu erleben«, scherzt Martin Ott.
Prächtig sehen diese Kühe aus, von langen Hörnern königlich gekrönt. Gemächlich trotten sie den Pfad zum Melkstand hoch. In ihrer sozialen Ordnung nimmt jede ihren Platz ein. Jede einzelne hat ihren eigenen Charakter, der sich auch in der Art ihrer Verdauung ausdrückt. Martin Ott hat seine Kühe so lange und eingehend beobachtet, dass er ihre Kaubewegungen wie eine Sprache interpretieren kann.
Während er mir nach der Führung seine Philosphie des guten Lebens mit Tieren erklärt, entsteht in mir ein Eindruck davon, wie sich ein würdevolles Zusammenleben mit Kühen anfühlt – es heißt, den Eigenwert eines jeden Tiers zu erkennen. Das verlangt nach der Bereitschaft, sich empathisch auf Beziehungsgeflechte zwischen unterschiedlichsten Lebewesen einzulassen.• Vivien Beer

www.fintan.ch

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