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Kein Zweck, kein Ziel

Julia Vitalis fing Feuer bei einem Workshop aus dem Feld der Playing Arts – über eine künstlerische Tradition, in der kreatives Kochen und Essen einen Schwerpunkt bilden.

von Julia Vitalis , erschienen in 29/2014

Bild

© Foto: Ulrike Laakmann

Sie brauchen: Mehrere Frauen, einen öffentlichen Raum – in ­diesem Fall einen Gemeindesaal – drei Woks, Küchenzubehör, Lebensmittel und die Künstlerin Gabi Erne. Dann lassen Sie sich überraschen, was geschieht …

Das waren die Zutaten für ein Ereignis zum Internationalen ­Frauentag am 8. März dieses Jahres im hessischen Bad Sooden-Allendorf. Zum Thema »Wertschätzung der Küchenarbeit« hatte Thekla ­Rotermund-Capar, die Gleichstellungsbeauftragte des Werra-Meißner-Kreises, interessierte Frauen eingeladen. In einer strukturschwachen ländlichen Gegend, in der ich im alltäglichen Umgang häufig viel Zurückhaltung wahrnehme, sollte gemeinsam gekocht und die Essensreste in künstlerische Objekte verwandelt werden. Wie von alleine bildeten sich die Gruppen – und los ging’s! Beim Schnippeln wurden angeregt Zuständigkeiten, Ablauf und Zubereitung diskutiert. Fasziniert beobachtete ich, wie sich im Lauf der Zeit die Stimmung im Raum veränderte. Während die einen kochten, spießten die nächsten den Abfall auf Drähte und befestigten diese an Holzbrettchen, die Gabi Erne vorbereitet hatte. So entstanden kreative Kunstwerke, fast an die japanische Blumensteckart erinnernd. Schönheit aus etwas ganz Einfachem enstehen lassen, ohne einen Gedanken an Sinn und Zweck frei spielen – ich geriet in einen fast ekstatischen Zustand: Ein Spielplatz für Erwachsene – noch dazu einer, den alle gleichermaßen begeistert und engagiert nutzten!
Hier wurde der »besondere Geist« spürbar, von dem der Initiator von »Playing Arts«, Christoph Riemer, spricht. Er entspringt aus der Unvorhersehbarkeit des Geschehens: »Du weißt nie, ob ein Essen oder Fest gelingen wird oder nicht. Das Muster von ›Küche‹ entsteht allerdings auch dann, wenn die Zubereitung von Essen an einem ungewöhnlichen Ort stattfindet, und das ist gekennzeichnet durch Nähe und Nahrung und nicht durch Distanz.«
Die künstlerische Richtung bildete sich in den 1970er Jahren aus der Spiel- und Theaterpädagogik; sie entwickelte sich unter anderem in der evangelischen Jugendarbeit und an diversen Hochschulen weiter. Als Ergebnis einer Tagung entstand ein Netzwerk von Engagierten, die – einmal von der Begeisterung des Prozesses erfasst – garnicht mehr aufhören konnten, sich experimentell-performativ in einem breiten Themenspektrum auszuprobieren. Es folgten Symposien, ein Preis für gelungene Projekte, das Archiv, Publikationen und eine Internetseite. Sowohl die Begriffe »Kunst« als auch »Spiel« erwiesen sich im deutschen Kontext allerdings als schwierig: der eine zu elitär, der andere zu unscharf. Mitte der 1990er Jahre entstand daher der englische Begriff »Playing Arts«.
»Transmediale Geschmacksproben« nennt es Christoph Riemer, wenn sich künstlerische Ausdrucksformen befruchten und Essen dabei eine selbstverständliche Rolle spielt: Kunst und Leben verbinden sich. So kommt seine an asiatischen Vorbildern ausgerichtete, mobile Garküche seit Jahren an verschiedenen Orten zum Einsatz. Beim Bildungskongress des Netzwerks »Archiv der Zukunft« Ende Oktober in Bregenz organisierte er ein »Brotlabor«, in dem die Kinder und Erwachsenen sinnliche Backerfahrung sammeln konnten.
Ähnlich vielfältig sind Gabi Ernes Aktionsfelder. Schon während ihres Studiums der Freien Kunst in Kassel war der spielerische Aspekt für sie immer maßgeblich. Als sie im Jahr 2000 während einer Fortbildung auf »Playing Arts« stieß, fand sie darin einen stimmigen Rahmen für ihr Schaffen. Da sie 16 Jahre mit einem Pfarrer verheiratet war, fand sie es besonders reizvoll, den kirchlichen Kontext mit ihren Aktionen zu erweitern. So bereitete sie beispielsweise vor zwei Jahren während eines Universitätsgottesdiensts in Marburg direkt auf dem Altar vor einem mit Brotscheiben beklebten Kreuz ein Mahl für die Studentengemeinde zu. Das sorgte durchaus für Kontroversen. Zur Aktion »Um 12 Uhr bin ich da« lud sie die Anwohner ihrer Straße im Jahr 2010 dazu ein, ihre Tische auf die Straße zu stellen, gemeinsam zu kochen und zu speisen. Die nachbarschaftlichen Kontakte hat das anhaltend verbessert. Gabi Erne ist überzeugt, dass die Erinnerungen an ein geselliges Essen noch lange nachwirken können. »Auf jeden Fall passiert dabei etwas, das ich nicht immer in der Hand habe«, sinniert sie. »Es geht weit über die reine Nahrungsaufnahme hinaus.«
Kreative Kochexperimente werden den beiden spielenden Künstlern auch in Zukunft wichtig bleiben. Das Netzwerk ist für alle Interessierten offen und bietet mit seinen Symposien und Workshops verschiedene Einstiegsmöglichkeiten. • 


www.playing-arts.dewww.adz-netzwerk.de

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