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Bühne der unterschätzten Wahrheiten

Das »Forum« kann die Vertrauensbildung in Gemeinschaften unterstützen.

von Dolores Richter , erschienen in 28/2014

Seit vielen Jahren gibt es ein großes Interesse in Gemeinschaften und Gruppen, das »Forum« zu nutzen, um eine menschlich tragfähige Gemeinschaft aufzubauen. Das Forum ist aus Anfängen im »Friedrichshof« und in der »Bauhütte« im Wesentlichen in der »ZEGG«-Gemeinschaft zu seiner heutigen Form entwickelt worden.

 

Seit wir vor mehr als 30 Jahren mit der Forumsarbeit anfingen, hat sich der Ansatz immer weiterentwickelt und verfeinert. Einflüsse und Haltungen – wie zum Beispiel die empathische Weltsicht der gewaltfreien Kommunikation (Marshall Rosenberg), die repräsentative Arbeit des Familienstellens und die spirituelle Gegenwärtigkeit (Thomas Hübl) – fließen ein. Im Forum geht es darum, Bewusstheit, essenzielle Kommunikation und Vertrauen in Gruppen zu fördern. Es bietet den einzelnen eine ganzheitliche und kreative Möglichkeit, um sich auszudrücken. Es bietet Raum für jene Fragen und inneren Bewegungen, die in der Alltagskommunikation meist unsichtbar bleiben: unsere wirklichen Handlungsmotive, tieferliegenden Gefühle, auch Körperempfindungen und unsere Intuition. Durch die Anteilnahme der Gruppe werden die hier gestellten Fragen zu Katalysatoren für das individuelle und kollektive Wachstum. Das Forum ist für Menschen konzipiert, die zusammen leben oder arbeiten, die eine gemeinsame Vision teilen und Werte wie Selbstverantwortung, gegenseitige Unterstützung und Wahrhaftigkeit lebendig umsetzen wollen.
 

Ein gesellschaftliches Transformationswerkzeug
Der geistige Kontext des Forums ist, zu erforschen, wie wir eine von Dominanz und Verstellung geprägte Kultur in eine lebensdienende transformieren können: eine Kultur der Koope­ration, der Wahrnehmung und des Kontakts zu sich selbst, zueinander und dem Leben um uns. Damit sich dieser Transformationsprozess gleichzeitig im Individuum und auf sozialer Ebene vollziehen kann, wurde das Forum entwickelt. Im besten Fall wirkt es so, dass es im einzelnen Menschen mehr Bewusstsein und Mut zur Entwicklung anregt. Durch die persönliche Arbeit im Forum und das Feedback, das jemand erhält, lernt sich eine Gemeinschaft kennen, entdeckt ihre Werte, reflektiert ihre Handlungsweise, entwickelt und verfeinert ihre Vision.
Wesentlich am Forum sind das Bewusstsein und der geistige Kontext, in dem es angewendet wird. Insofern handelt es sich nicht um eine Methode, die man einfach so anwenden kann, sondern es setzt Grundlagenwissen und eigenes Training voraus.
Im Forum geht es um Präsenz, Energie, Erkenntnis und radikale Ehrlichkeit. Letzteres bedeutet, ein Anliegen oder ein Ereignis so zu erkunden, dass man seinen Eigenanteil an der Verursachung erkennen kann und somit seine Gestaltungskraft erfährt. Das Forum ist eine ritualisierte Form der Kommunikation, die aufgebaut wird, um Transparenz, persönliches Wachstum und Vertrauen in Gemeinschaft zu fördern. Auf künstlerische Weise kann eine Gruppe damit einen geschützten Raum schaffen, in dem der Bewusstseinsstand der einzelnen und der Gruppe steigt. In einer Atmosphäre der Zuwendung und Akzeptanz lösen sich feste Bilder, die man voneinander und auch von sich selbst hat. Dadurch entstehen eine vertiefte gegenseitige Wahrnehmung sowie tieferes Vertrauen.
Das Vertrauensniveau in einer Gruppe ist meiner Erfahrung nach umso höher, je mehr ihre Mitglieder sich in einem je eigenen geistigen Training befinden, das sie in eine selbstverantwortliche und präsente Selbstkenntnis hineinwachsen lässt.
Konkrete Fragen für das Forum können sein: Wie lernen wir uns selbst und einander besser kennen? Was ist unsere persönliche, unsere gemeinsame Vision? Wie wollen wir unsere Werte ganz konkret in unser Leben und Handeln umsetzen? Wer bin ich noch? Wie komme ich in Kontakt zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen? Welche individuellen Gefühle liegen Entscheidungen zugrunde, die wir in der Gruppe treffen? Welche Potenziale schlummern noch in uns? Bin ich beruflich am richtigen Platz? Wie unterstützen wir uns in der Liebe, in Beziehungen, in der Begleitung unserer Kinder?
 

Wie funktioniert es praktisch?
Im Forum gibt es drei wichtige Rollen: den Darsteller, die Forumsleitung und das Feedback. Die Gruppe versammelt sich im Kreis. Die Darstellerin geht in die Mitte und teilt mit, was ihr Anliegen ist oder was sie bewegt. Sie kann den gesamten Raum in der Mitte nutzen, sich bewegen, sprechen, körperlich ausdrücken und sich mit ihren Gefühlen verbinden. Dieses Setting erlaubt den Umsitzenden, auf allen Ebenen »zuzuhören« – nicht nur verbal-intellektuell, sondern auch die Bewegungen, den Klang der Stimme und die Ausstrahlung einer Person wahrnehmend. Der Kreis unterstützt die Darstellerin mit seiner konzentrierten, wohlwollenden ­Präsenz. Seine Rolle ist es, wahrzunehmen und den Prozess als Zeuge zu ­begleiten. Oft berühren vermeintlich individuelle Themen den ganzen Kreis, viele fühlen Parallelen zu sich selbst. Wir erkennen, dass das, was in der Mitte passiert, oftmals Beispielcharakter hat und womöglich für alle ein Gewinn an Entdeckung und Erkenntnis sein kann.
Die Forumsleitung spielt eine wichtige Rolle und setzt eine gründliche Ausbildung, Gemeinschafts- und Praxiserfahrung voraus. Sie leitet auf Augenhöhe: Der Darsteller entscheidet selbst, ob und wie er Anregungen aufgreift. Die Leiter sollen »Geburtshelfer« sein, die den authentischen Prozess im Kreis unterstützen. Idealerweise gibt es zwei Leiter, und nur diese interagieren mit dem Darsteller in der Mitte.
Die Leitung hält den Fokus und führt die Darstellung so, dass ein tieferes Sehen und Verstehen möglich wird. Sie muss bereit sein, ganz im Dienst der Gruppe und des Darstellers zu stehen. Leiter brauchen ein Gespür dafür, wie sie einen Raum für die Magie des Augenblicks eröffnen – denn darin liegt die eigentliche Kraft der Transformation. Die Leitung stellt vertiefende oder aufweckende Fragen, schlägt je nach Intution und Thema vielleicht Bilder der Umsetzung vor, lässt verschiedene Teile sprechen oder im Raum verkörpern. Auf diese Weise kann sie die Darstellerin unterstützen, verschiedene Aspekte zu sortieren und zu klären, Anhaftung an eine Emotion oder eine Vorstellung zu lösen und neue Perspektiven zu erfahren. Wenn Menschen ein Forum ­leiten, die sich selbst mit ihren Mustern und Schatten nicht kennen, besteht die Gefahr, dass sie manipulativ agieren, statt das Anliegen des Darstellers zu unterstützen. Dann entsteht kein Vertrauen, das Forum bleibt oberflächlich, und oft verläuft es dann mit der Zeit im Sande. Daher ist es auch wichtig, dass das Forum in eine gemeinsame Bewusstseinspraxis eingebettet ist; auch sollte es mit anderen Kommunikationsformen verknüpft werden.
 

Menschheitliche Bühne
Oft werden auch künstlerisch-theatralische Elemente genutzt, denn Verfremdung und bewusste Gestaltung heben die Themen von der persönlichen in die universelle Perspektive. Der Forumsleiter Francois Wiesmann erklärt: »Wir gestalten uns selbst, wir ­machen Kunst aus uns. Das hilft uns, die Identifikation mit dem, was wir ›Ich‹ nennen, zu lockern. Viele ursprüngliche Kulturen hatten ­Rituale für das Unsagbare, das Böse, Hässliche, das Erotische, das Heilige. Wir haben die Chance, das auf eine moderne und konkrete Art neu zu gestalten – mit einer guten Prise Humor!«
Wenn wir unsere Sichtweise erweitern, können wir eine Meta- Ebene finden, die verschiedene Perspektiven zu integrieren vermag. Wenn ein Mensch sich gesehen fühlt, entspannt er sich und wird echt. Er fühlt, dass er nicht nach Äußerlichkeiten, momentanen Erfolgen oder Misserfolgen bewertet wird, sondern in seinem Wesen jenseits der Stimmungen des Alltags.
Wir mögen nach einer Darstellung noch dieselbe Frage, denselben Konflikt haben – aber er »hat« uns nicht länger. Der Geist ist nicht belagert, er stellt seine Frage voller Interesse und ist gespannt auf die Antworten, die auf ihn zukommen werden.
Alle Beteiligten eines Forums sind aufgefordert, eine innere Forscherhaltung einzunehmen: Wachheit, Interesse, Anteilnahme. In gewisser Weise ist das Forum eine gemeinschaftliche Form der Meditation: Alle versuchen, innerlich zentriert einen inneren Zeugenstand aufzusuchen, von wo aus sie mögliche Reaktionen, Betroffenheiten oder Beurteilungen wahrnehmen können, ohne dass sie das eigene Verhalten bestimmen.
Das Feedback gibt den verschiedenen Perspektiven konkreten Ausdruck: Nachdem die Darstellerin ihren »Auftritt« beendet hat, gehen Menschen aus dem Publikum in die Mitte und teilen mit, was sie gesehen, gefühlt, gedacht haben. Die Feedbacks sind assoziative Ergänzungen zum in der Mitte behandelten Thema. Da sie aus verschiedenen Blickwinkeln formuliert werden, kommt ein großes Spektrum an Sichtweisen zusammen.
Das Forum ist nicht vorrangig auf die Lösung eines Themas ausgerichtet; vielmehr geht es ums Sichtbarmachen, oft um ein Sortieren der verschiedenen Faktoren und Gefühle, die auf eine Situation einwirken. Die Lösung findet sich dann oft in einer Loslösung – im Verstehen und Loslassen von Verhaftungen. Das geschieht nie geradlinig, sondern auf spielerischen Umwegen, die manchmal scheinbar vom Thema wegführen. Durch Energiesteigerung, Lebendigkeit, Lebensausdruck ereignet sich körperlich und seelisch ein Perspektivwechsel – eine neue Ausgangsposition, von wo aus sich dann eine Lösung des Themas vollziehen kann oder nächste Schritte spürbar werden.•


Dolores Richter (55), Mitbegründerin der ZEGG-Gemeinschaft in Bad Belzig, arbeitet als Coach für Gemeinschaftsprojekte und als Forums-­Trainerin. www.doloresrichter.com

Mehr über das Forum erfahren:
www.zegg-forum.org