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U-Boot knapp unterm Himmel

Das »Sublab« sorgt für den Internet-Zugang von Leipziger Degrowth-Projekten.

von Alex Capistran , erschienen in 28/2014

Ein »Hackerspace« weckt oft düstere Assoziationen: bleiche Techniksüchtige, die sich nur in ihrer unverständlichen, digitalen Welt bewegen. Das Leipziger »Sublab« will hingegen ein einladender, offener Raum sein.

 

»Das Sublab ist kein Elfenbeinturm«, wird einer der Initiatoren später im Gespräch zu mir sagen – aber dass es ein Turm ist, lässt sich nicht leugnen. Oder besser: dass es in einem Turm zu Hause ist, denn wer den Leipziger »Hackerspace« in Augenschein nehmen möchte, muss – nachdem er einen unscheinbaren Seiteneingang passiert hat – viele, viele Stufen bis in die obersten Etagen eines alten Fabrikgebäudes im Leipziger Westen erklimmen. Früher sollen hier Armaturen für U-Boote hergestellt worden sein. Heute spielt dort die Musik. »Sublounge«, sagt ein Freund zu mir, »eine Mischung aus Abhängen, Tanzen und ­Hacken«. Schon sind wir drin. Vom Gang fällt mein Blick in verglaste Räume, in denen von Neonlicht überströmte Gruppen von Menschen an technischen Geräten hantieren. Obwohl es auf Mitternacht zugeht, herrscht eine (un)regelrechte Betriebsamkeit. Zehn Meter weiter das Gegenteil – eine Lounge, wie sie im Wiki steht! Wir kaufen uns ein Bier, die DJane legt ganz warme Musik auf, und dann philosophieren wir, den Blick stets auf die durch die riesigen Fenster heraufleuchtenden Lichter der Stadt gerichtet. Bis fünf Uhr morgens werden wir nicht gehen. Aber dazu später mehr.

Basar statt Kathedrale
Ein anderer Abend: »Es gibt eigentlich nur zwei verschiedene Programmierweisen: Basar und Kathedrale«, verrät mir Marvin, seit drei Jahren aktiv dabei, als ich ihn und Alexander, einen der Initiatoren, ­im Büro treffe. »Für die Kathedrale gibt es einen festgelegten Bauplan und einen Baumeister, der bestimmt, was wie gebaut wird. Auf diese Weise funktioniert die Mainstream-Programmierung. Open Source dagegen ist eher ein Basar, auf dem du alles bekommst, was du brauchst, und anbieten kannst, was du willst.« Ein Basar ist vor allem ein sozialer Ort: »Am Anfang kam ich auch mit einem Mac ins Sublab. Dann kamen Leute auf mich zu und zeigten mir, was ich alles damit nicht machen konnte, weil Apple das nicht will«, fügt Marvin hinzu. Das Vernetzen über die Weitergabe technischen Wissens ist ein Grundpfeiler des Sublabs.
Daneben versteht sich der Hacker-Turm vor allem als offener Raum für kreativen Umgang mit Technik sowie als Forum für digitale Kunst und politischen Aktivismus. Anknüpfungspunkte auch für »ganz normale Leipziger« gibt es viele: ob bei »Dr. Nerds Techniksprechstunde«, dem Freifunk-Treffen für freies Internet oder auf Verschlüsselungspartys, auf denen man lernt, was digitale Briefumschläge sind. So treffe ich eines Abends Klaus, der auch im echten Leben so heißt und der sich vom ­übrigen Publikum altersmäßig etwas abhebt. »Eigent­lich habe ich mit Technik wenig zu tun – aber hier gefällt mir die Gemeinschaft.« Die Nähe zu den Technik-Bastlern hinterlasse auch bei ihm Spuren: »Ich habe jetzt das Betriebssystem Ubuntu installiert, und E-Mails verschlüsseln möchte ich auch bald.« Dann endet unser Gespräch abrupt, weil er einen Anruf auf seinem steinalten Handy bekommt.

Gemeinschaft macht vieles mögllich
Alexander betont: »Wir definieren uns nicht über Projekte, sondern vor allem als Infrastruktur, die für jeden und alle offen ist.« Schon in Weimar an der Bauhaus-Uni gründete er einen kleinen Hackerspace. Als er nach Leipzig kam, wollte er ­daran anschließen. Viele aus der Technikszene dieser spannenden Stadt teilten damals, 2008, das Bedürfnis nach einem gemeinsamen Raum; das Spektrum reichte von Nutzergruppen des Betriebssystems Linux bis zu Mitgliedern des »Chaos Computer Clubs«. Als sich der Raum im Westwerk auftat, fand ein erstes großes Treffen mit 60 Menschen statt. »Der Raum war total verrottet, aber 20, 30 Leute blieben und wollten loslegen.« Wo ein gemeinsames Interesse beginnt, hören Tatkraft und Geld auf, problematische Faktoren zu sein: »Als es hieß, dass jeder, der kann, einen Fuffi auf den Tisch legt, um die ersten drei Monate zu überstehen, hatten wir im Nu das Geld zusammen.« Dann wurde renoviert und ein Verein gegründet, der bis heute durch Mitgliedsbeiträge sämtliche finan­ziellen Bedürfnisse abdeckt: »Wir haben nie große Sprünge machen können, haben alles Schritt für Schritt und in Eigenleistung gebaut.« Auf diese Weise wurde im Sublab eine Werkstatt eingerichtet, die zum Selberbasteln anregt, dann noch der Lounge-Raum mit Bar, ein Raum zum konzentrierten Arbeiten und Tagen und ein kleiner Büroraum. Über die Jahre hat sich aber vor allem eines aufgebaut: die Gemeinschaft derjenigen, die diese Räume »pflegnutzen«. Dass ein Verein Vorstände hat, ließ sich nicht umgehen; dennoch werden Entscheidungen innerhalb des Vereins maßgeblich durch die dort aktiven Menschen getroffen: Es gibt weder Plenen noch virtuelle Entscheidungswerkzeuge. Alles läuft über persönlichen Kontakt und eine Mailingliste. Obwohl es für die Technikfreaks oder »Techies«, wie Alexander sie liebevoll nennt, ein Leichtes wäre, ein digitales Kommunikationswerkzeug zu schaffen, habe sich die gute alte Mailingliste als das Sinnvollste bewährt.

Hacken als Lebensform
Zu viel vorgegebene Struktur würde nicht passen. Einfach loslegen und sensibel für das Feedback der Anderen sein – das ist eben auch ein vortreffliches Organisationsprinzip. »Wenn einer einen Vorschlag über die Mailingliste schickt und dann an ein paar kritischen Antworten merkt, dass es vielleicht doch keine so gute Idee war, wird er sich schon überlegen, ob er sie wirklich umsetzt.« Wahrscheinlich lässt sich das nur nachvollziehen, wenn man weiß, wie Hacker ticken. Was macht sie aus? »Spaß an Zweckentfremdung«, sagt Marvin. Alles wird also aus seinem vorgegebenen Rahmen gelöst, auseinandergenommen und anarchisch wieder zusammengesetzt. Es gibt mittlerweile eine verbreitete »Biohacking«-Bewegung, die mit Lebendmaterial experimentiert, etwa im Hinterzimmer Bakterienkulturen kreuzt. Wenn die Sublabler für Freunde kochen, läuft das unter »Foodhacking« – Kochen ohne Rezept. Trotzdem gebe es auch Prinzipien, die in der »Hackerethik« kodifiziert sind, fügen die beiden hinzu. Eines der wichtigsten: »Öffentliche Daten nutzen, private Daten schützen.« Angesichts der aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich nicht den Mut und Humor zu verlieren, macht die ­Hacker aus: Auf dem Kühlschrank neben der Bar prangt ein Aufkleber »NSA-überwacht« – der Staat muss eben selbst Foodhacker im Blick behalten. »Disuse, misuse, abuse« (nicht mehr nutzen, umnutzen, missbrauchen) – der Hackergrundsatz lasse sich auch im Sublab spüren, sagt Alexander. »Es kann gut und gerne passieren, dass du ins Lab gehst und nicht mal das Licht anbekommst, weil wieder jemand an der Lichtanlage rumgebastelt hat.«
Auf mich wirkt das Sublab vor allem wie ein Prozess, als »Work in progress« – eine dreidimensionale Benutzeroberfläche, die ebenso quelloffen ist wie die Programmiercodes, die den Raum virtuell bevölkern. Davon strahlt auch etwas nach außen: Schon kurz nach dem Einzug warfen die Hacker ihre erfinderischen grauen Zellen an, um die seit Jahren stillstehende Uhr des Westwerks wieder in Gang zu setzen. Die faszinierende Konstruktion lässt sich im Sublab an der Innenseite der Wand bewundern, wo ein uralter WLAN-Router die Uhrsteuerung übernimmt und damit den vorbeieilenden Passanten auf der Karl-Heine-Straße die Zeit verkürzt.

Free/Libre Open Source: Wie bitte?
Gleich zu Beginn werde ich aufgeklärt: Open Source, also das Offenlegen des »Quellcodes« einer Software, reiche noch längst nicht aus. Emanzipierte Software müsse weitere Bedingungen erfüllen: Jeder Mensch sollte sie verstehen, verwenden, verbessern und verbreiten dürfen. Um auszudrücken, dass die fertige Software beliebig oft kopiert und dass kostenlos auf sie zugegriffen werden kann, sprechen die Hacker von »Free/Libre Open Source«. Mit »free« meinen sie kostenlos, mit »open« transparent und mit »libre« freiheitsfördernd – der Name weist auf gemeinnützige Zwecke hin. Diese Definition trifft auch auf das Sublab zu: Sich dort aufzuhalten ist kostenlos; es geht um digitale Selbstbestimmung, die Regeln und Inhalte des Raums werden von allen gemeinsam ausgehackt. Sind Hacker uneigennützige Vorzeigemenschen? Jein: Auf die Frage, was die Motivation der Aktivisten hier ausmache, gibt Alexander ein Potpourri an Gründen: »Scratch your own itch« (etwa: »Hilf dir selber«) ist einer der vielen Anglizismen, die mir heute um die Ohren fliegen. Was an technischen Geräten ärgerlich ist, weil sie nicht funktionieren, wird selbst behoben. Außerdem gehe es um die Teilhabe an Möglichkeiten, die das Leben vieler Menschen schöner und praktischer machen. Zudem finden Open-Source-Programmierer heute nicht selten gut bezahlte Aufträge, wenn etwa ein Unternehmen im »Github« – einem sozialen Netzwerk für Hacker – die Codes eines Programmierers als Referenzen heranzieht. Irgendwo geht es auch um »Ruhm«. Was es unter Gleichgesinnten bedeutet, etwas Code zum Linux-Kern beigetragen zu haben, kann sich ein Laie kaum vorstellen. Das Ganze ist ein Prozess, der auf verschiedenen Ebenen nach Reziprozität schmeckt: Allein dadurch, dass sich jeder hie und da vom Basar ein Stückchen Code nimmt, wird das Bedürfnis gefördert, auch wieder etwas zurückzugeben.

Die Geräte befreien
Im Sinn des Degrowth-Gedankens stärkt das Sublab – obwohl es in der vom Kapitalismus geschaffenen Glasfaserwelt zu Hause ist – lokale Infrastruktur. Über das »Westnetz« werden zum Beispiel eine Reihe Leipziger Hausprojekte mit Internet versorgt. Auch das Vorbereitungsteam der Degrowth-Konferenz in den nahen Räumen des »Konzeptwerks Neue Ökonomie« (siehe Seite 46) bezieht sein Internet über das Westnetz.
Damit nicht-kommerzielles Internet von Top-Qualität aus dem Sublab strömt, wurden viele Router so umgemodelt, dass sie untereinander kommunizieren können; das macht die Wege effizienter und das Internet schneller. Das sei eigentlich nicht vorgesehen. »Die Geräte befreien!«, lautet daher die Parole, der sich die Hacker verschrieben haben. Synergien zwischen dem Technikturm und seiner Mitwelt bedürfen einer beiderseitigen Annäherung: »Wir wollen umsetzen, was in der Nachbarschaft gebraucht wird«, meint Alexander. »Techies erfinden schnell mal etwas, ohne ein Gefühl dafür, was wirklich gebraucht wird.« Das könne verhindert werden, wenn sie sich mit den Projekten in ihrer Umgebung verbänden. Jede Begegnung mit lokal engagierten Menschen scheint dem Sublab ein Anliegen zu sein – niemand brauche sich zu scheuen, wenn er oder sie keine große Technikaffinität habe. »Auch die Zusammenarbeit mit Medienkünstlern ist immer wieder großartig«, freut sich Alexander.
Diese Zeichen der Öffnung klingen in meinen Ohren nach einem notwendigen Schritt in die Richtung von Techniken, die das menschliche Leben weniger durch vorgefertigte Konsumgüter gefangennehmen, als ihm zur Entfaltung zu verhelfen. Trotzdem wäre auf dem Weg dorthin auch eine ökologische Selbstkritik nötig, denn auch vorerst »befreite« Router lösen nicht von selbst das Grunddilemma des Mensch-Natur-Verhältnisses, über das Ernst Bloch passend gesagt hat: »Unsere bisherige Technik steht in der Natur wie eine Besatzungsarmee in Feindesland.«
Wieder in der Lounge, starre ich die Diskokugel an, während neben mir einer wie wild programmiert. Daneben wird noch wilder getanzt. So viel raumgewordene Freiheit und die vorgerückte Stunde umrauschen mein analoges, neuronales Netzwerk. Als ich, um etwas Luft zu schnappen, auf die Toilette gehe und die Spültaste betätigen möchte, ist die Verschmelzung von Cyperspace und Realität perfekt: Es ist tatsächlich eine Enter-Taste – glasfaserklar! •


Alexander Capistran (23) lebt in Leipzig und beschäftigt sich mit Philosophie, Theater und Musik. Er ist aktiv im Youth Future Project e. V. und im Team von www.lebenswege.info.

Tiefer in die Hackerwelt eintauchen:
www.sublab.org
www.zeit.de/­wissen/2013-12/biohacking-erbinformation-code-des-lebens-programmierung
www.konvivialetechnologien.blogsport.de

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