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Wagenleben wagen

Auf der Scherbelburg in Leipzig wird Degrowth praktisch.

von Leonie Sontheimer , erschienen in 28/2014

Wie lebt es sich in einem Bau­wagen? Was bewegt ­Menschen dazu, ihren Lebensmittelpunkt auf einem Wagenplatz einzurichten?

Bild

© Foto: Hannes Heise

Für Hannes Heise hat das Wohnen im Bauwagen viel mit einer ­Degrowth-Gesellschaft zu tun. Hannes, 36 Jahre alt, lebt mit elf Erwachsenen und einigen Kindern auf der »Scherbelburg«, einem Wagenplatz in Leipzig. Er schätzt hier die Möglichkeiten, seinen Wohnraum selbst zu gestalten und dabei Gebrauchsgegenstände zu recyceln und zu teilen. Auch das Leben in Gemeinschaft ist ihm wichtig. Bevor er in seinen ersten Wagen – einen ausgebauten alten Mercedes-Transporter – gezogen ist, war er Teil eines Hausprojekts des »Mietshäuser Syndikats« (siehe Seite 42). »Aber manches hat mir dort noch nicht gereicht«, erzählt Hannes. Er wollte noch mehr selbst bestimmen, selber machen und mehr Platz für sich haben.

Jetzt lebt er in einem 8 mal 2,5 Meter großen, rehbraunen DDR-Bauwagen. Eine Metalltreppe führt zum Eingang hoch; irgendwann möchte Hannes hier eine kleine Terrasse anbauen. Im Inneren des Wagens befinden sich: eine Küche, die sich an einen naturbelassenen Baumstamm schmiegt; ein Holzofen; ein kleiner Schreibtisch; zwei Clubsessel; ein Couchtisch. Hinter einem himmelbettartigen Vorhang ist ein Schlafbereich vom Rest des Raums abgegrenzt. »Das einzige Möbelstück, das seit Jahren mitwandert, ist der Schreibtischstuhl«, sagt Hannes und wundert sich darüber. »Dabei passt er hier gar nicht so recht hinein.« Es ist ein klassisches Exemplar: schwarz-grau, Plastik und Stoff, Rollen unter den Füßen. Die kleine Sitzecke mit den Clubsesseln schmückt ein Buntglasfenster, eingebaut vom Vorbesitzer. »Eigentlich ist ein solches Fenster der letzte Quatsch«, kommentiert Hannes. »Man kann nicht rausgucken, es kommt wenig Licht hinein, dafür umso mehr Kälte.« Aber schön sei es schon, deswegen baut Hannes es nicht aus. Ansonsten achtet er auf die Energieeffizienz seines Bauwagens und ist überzeugt, ökologisch sinnvoll zu wohnen: »Ich beschränke mich aufgrund der geringen Wohnfläche auf das Wesentliche. Ein Bauwagen ist leicht zu reparieren: Wenn ich die Bretter von der Wand schraube, sehe ich, was sich dahinter befindet. Mit dem Fensterputzen bin ich viel schneller fertig als bei einem Haus. Dadurch habe ich mehr Zeit.«
Bahn frei für Bauwagen
Hannes und die anderen wohnen erst seit einigen Monaten auf der Scherbelburg. Die Wagen stehen auf einer Anhöhe im Südwesten Leipzigs, die einen weiten Blick auf die Dächer einer Schrebergartenkolonie und eine Gruppe alter Eichen bietet. Das Gelände gehörte früher der Bahn und lag lange brach. Ab und an rauscht noch ein Güterzug über die nahen Gleise. Um das Grundstück kaufen zu können, gründeten Hannes und die anderen Wagenbewohnerinnen den Verein »Bahnfrei« und sammelten darüber Direktkredite. »Es war uns wichtig, dass Geld kein Kriterium dafür ist, ob Menschen dabeisein können oder nicht«, betont Hannes. Einmal im Jahr gibt es eine »Bietrunde«, bei der jeder selbst einschätzt, was sie oder er an monatlicher Miete zahlen kann. Im Schnitt sind es knapp 50 Euro, von denen auch die Kredite zurückbezahlt werden. Die erste Bietrunde war bereits erfolgreich. »Wir haben die nötige Summe zusammenbekommen«, freut sich Hannes.
Die Scherbelburg ist eine lose Gemeinschaft. Die Wagenbewoh­ner teilen sich eine Gemüsekiste und weitere Grundnahrungsmittel, wie es in vielen Wohngemeinschaften üblich ist. Es gibt einen Gemeinschaftswagen, der Küche und Aufenthaltsraum vereint. »Manche sind fast jeden Abend dort, andere ziehen sich gerne in ihre eigenen Räume zurück«, erläutert Hannes. »Es geht auf dem Platz ganz oft um die Frage ›Machen wir dieses oder jenes gemeinsam oder allein?‹« Hannes ist gespannt, wie es im Winter auf dem Platz sein wird. »Wir sind eine gemischte Gruppe: Studierende, Promovierende, Kleinkünstler und Handwerkerinnen, manche arbeiten Vollzeit, andere nur ein bisschen.« Er selbst hat gerade seinen Job als Grundschullehrer gekündigt und will eine Weile »erwerbslos tätig« sein.
Dreimal im Monat finden Plenen auf der Scherbelburg statt. Vorrangig geht es dabei derzeit um Organisatorisches: Wäre ein Hund auf dem Platz vielleicht doch in Ordnung? Wie werden Wasser und Strom angeschlossen? Wer kümmert sich darum, dass die Mülltonnen abgeholt werden? Die Gruppe ist sensibel für ihre Dynamik und das Befinden jeder einzelnen. »Viermal im Jahr nehmen wir uns Zeit für ein Sozialplenum, wo der ›Orgakram‹ mal beiseitegelassen wird. Dabei schauen wir ausschließlich auf uns als Gruppe und als Individuen.«
Während wir sprechen, klopft es an der Tür. Es gibt Eis.
Am meisten Spaß macht Hannes das gemeinsame Bauen: »Die Leute haben Lust darauf, es gibt immer Werkzeug, und es liegt unendlich viel Material herum.« Für die letzte Party haben die Scherbelbürger einen feuerspeienden Drachen zusammengeschweißt, und neulich wurde Hannes von der Planung eines Bade­häuschens überrascht, das im Winter einen frostfreien Ort zum Wasserholen und Waschen bieten soll. »Es passiert immer mal etwas Schönes, ohne dass ich es mitkriege«, freut er sich.
Die rechtliche Situation von Wagenplätzen ist schwierig, denn Rechtsgrundlagen wie die Sächsische Bauordnung wurden in Hinblick auf Häuser entwickelt. Manche Stadtverwaltungen legen die Verordnungen so eng aus, dass das Leben im Wagen praktisch unmöglich wird. Glücklicherweise scheint die Stadt Leipzig den Wert alternativer Wohnformen zu erkennen. Die Bewohner der Scherbelburg wollen langfristig bleiben und ein ähnliches Modell wie das des Mietshäuser Syndikats auch auf Wagenplätze anwenden. Seit anderthalb Jahren basteln drei Leipziger Wagenplätze an einer Rechtsform, die es ermöglichen soll, Grundstücke für ebendiesen Zweck zu kaufen und zu entprivatisieren. Das ist nicht leicht: »Die bestehenden Gesetze ergeben auf Bauwagen angewandt oft Unsinn. So bleiben Wagenplätze vielerorts illegal.« Hannes möchte seine Wohnform verbindlich legalisieren, so dass die Wagenplätze nicht mehr der wechselnden Stimmungslage der Politik ausgesetzt sind. Deshalb ist er Mitbegründer des »Haus- und WagenRat e. V. – Verein für selbst­organisierte Räume in Leipzig«. Hier haben sich Hausprojekte und Wagenplätze zusammengeschlossen, um Menschen zu beraten, die Anschluss an bestehende Gruppen suchen oder ein neues Projekt aufbauen wollen – sei es in Sachen Konzeptentwicklung, Finanzen, Rechtsformen, Stadtpolitik oder in Bezug auf ökologisches Bauen und Wohnen sowie Entscheidungsfindungsprozesse.
Während der Degrowth-Konferenz wird Hannes mit seinem Bauwagen in der Innenstadt »hausieren«. Er möchte anderen die Gelegenheit geben, seine Wohnform kennenzulernen und Aspekte der Konferenz damit zugleich ins Stadtzentrum holen. Auf der Wiese neben der Moritzbastei können Interessierte in den Wagen schauen, den er auch zu dieser Zeit ganz normal bewohnen wird.
Vor einem Jahr hörte Hannes einen Vortrag des Postwachstums-Ökonomen Niko Paech und stellte fest, dass dessen Visionen auf dem Wagenplatz an allen Ecken und Enden umgesetzt werden: »Paech liefert die Theorie zu dem, was wir tun.« In Leipzig gibt es Menschen im Stadtrat und in der Verwaltung, die solche Praxis wohlwollend ermöglichen. Es stellt sich die Frage, was andere Städte und Gemeinden dazu bewegt, diese sozial und ökologisch sinnvolle Wohnalternative zu illegalisieren. Leonie Sontheimer (22) studiert in Berlin Philosophie und Biologie. Das Leben im Wagen kennt sie aus ihrem Praktikum bei der Oya-Redaktion.

Haus- und WagenRat gesucht?
www.kollektivratleipzig.blogsport.de

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