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Wovon wir alle leben

Eine Allmende ist kein Schlaraffenland, das leergefressen wird, sondern eher ein Picknick, zu dem alle etwas mitbringen.

von Silke Helfrich , erschienen in 01/2010

Gemeingüter – was soll das sein? In jüngster Zeit wird die Vokabel oft zitiert, aber nur wenige wissen damit etwas anzufangen. Mit dem Begriff sind kaum Geschichten und Bilder verknüpft. Dabei sind die Gemeingüter das, wovon wir alle leben. Oft bemerken wir sie erst, wenn ihr Schwinden die Existenz ­bedroht: wenn das Wasser versiegt, das Klima kollabiert oder uns der Zugang zu Wissen verwehrt bleibt.

Im Dezember 2009 starrte die Welt auf Kopenhagen wie das Kaninchen auf die Schlange. In der dänischen Hauptstadt kamen jene zusammen, die behaupten, unsere Interessen als Bürgerinnen und Bewohner dieser Erde zu vertreten. Es sollte um ein völkerrechtlich bindendes Abkommen mit quantifizierbaren Zielen für die Reduktion von Treibhausgasen gehen. Die sozialen Bewegungen mobilisierten, die Wissenschaftler und Nichtregierungsorganisationen analysierten, die Sicherheitskräfte observierten, und die Politiker debattierten. Doch nach dem Spektakel herrschte Katerstimmung. Die Kurzsichtigkeit, mit der auf der Weltklimakonferenz Überlebensfragen verhandelt wurden, bot Anlass zum Verzweifeln. Gemessen an der dramatischen Bedrohung durch die Übernutzung des wichtigsten globalen Gemeinguts, der Atmosphäre, kam das Versagen der multilateralen Verhandlungsstrukturen einer politischen Bankrotterklärung gleich. Die »Vertretung« unserer Interessen funktionierte in Kopenhagen nicht. Der Schutz der Atmosphäre ebenso wenig. Nur bestimmte Lobbyisten – und die Hoteliers der Stadt – ließen die Sektkorken knallen.

Das Ergebnis war vorhersagbar. »Es gibt kein internationales Regierungshandeln, das die Ressourcen der Menschheit effizient verwalten und schützen würde«, so die ernüchternde Diagnose von James Quilligan, seit Jahrzehnten als Commons-Experte in der internationalen Politikberatung tätig. Tatsächlich trug staatliches Handeln auf internationaler Ebene nur selten zum Gemeingüterschutz bei. Mitunter wird auf das Montrealer Protokoll von 1987 verwiesen, ein »­Meilenstein des Umweltrechts« zum Schutz der Ozonschicht. Das multilaterale Abkommen hat erheblich zur Reduzierung und schließlich zur vollständigen Abschaffung der Emission chlor- und bromhaltiger Chemikalien wie FCKW beigetragen. Das ist ein seltener Erfolg.

Im Kontext von Kopenhagen aber wurde die führende Gemeinguttheoretikerin Elinor Ostrom, seit Oktober 2009 Wirtschaftsnobelpreisträgerin, nicht müde, eine zentrale Erkenntnis ihrer Forschung in Erinnerung zu bringen: »Es reicht nicht aus, Regeln von oben zu setzen.« Zudem zeigen Ostrom und mit ihr Generationen von Gemein­güterforschern, dass sowohl der Staat als auch der Markt, aber auch Gemeinschaften im Umgang mit Gemeingütern einmal erfolgreich sind und ein anderes Mal scheitern. Gleich, welche These man zu bestätigen sucht, man wird immer großartige Beispiele zitieren können und zugleich von Misserfolgsgeschichten zu berichten wissen. Dadurch wird klar: Wir dürfen uns weder auf einzelne Akteure verlassen noch auf bestimmte Eigentumsformen, noch gibt es leicht kopierbare Institutionen und Regelwerke. Was in Deutschland geeignet ist, den Wald naturnah zu pflegen, wirkt in Brasilien in der Regel deplaziert. Stattdessen muss es gelingen, den Menschen die Möglichkeit zu geben, »ihre eigenen Regeln zu gestalten«, meint Ostrom. Nur dann entwickelt sich Vertrauen als grund­legende Bedingung für Kooperation.

Es gibt keine Gemeingüter ohne gemeinsames Tun
Die Über- oder Unternutzung kollektiver Ressourcen ist weder dadurch zu lösen, dass wir endliche Ressourcen mit einem Preisschild versehen, noch dadurch, dass wir Ressourcen, die sich durch ihren Gebrauch mehren, wie Sprache, Wissen oder Code, künstlich verknappen. Wir können, das zeigt Kopenhagen, diese Fragen ebensowenig den Regierungen überlassen. Der Grund ist einfach: Wie andere Akteure auch ziehen Nationalstaaten im internationalen Konkurrenzkampf ökonomische und politische Macht aus dem Zugriff auf diese Ressourcen. Warum sollten sie darauf verzichten? Zu Hause – etwa wenn es um die Sauberkeit der deutschen Flüsse geht – übernehmen einzelne Verwaltungen durchaus bemerkenswert Verantwortung für nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung. Sobald sich jedoch die Möglichkeit eröffnet, Verluste auf andere abzuwälzen und den Umweltraum der Asiatinnen oder Afrikaner zu plündern, präsentiert sich selbst eine bundesdeutsche Regierung in des Kaisers neuen Kleidern. Da wird mit nacktem Finger auf andere gezeigt: »China ist schuld!« Der Soziologe Bernd Hamm zieht aus der traurigen Bilanz die Konsequenz: »Vergessen wir Kopenhagen!« Es gibt Gründe, mit solch harschem Urteil zu sympathisieren.

Verordnete Maßnahmen sind ineffizient, »weil sich die Menschen nicht mit ihnen identifizieren«, sagt Elinor Ostrom. Zudem verlangte dies einen Staat, der willens und in der Lage wäre, eine gemeinwohl­orientierte Ressourcenpolitik zu betreiben. Dies ist in wenigen Ländern der Fall. Vielerorts regieren Korruption, massiver Lobbyismus oder Wachstumsfetischismus.

Es ist klar, was zu tun ist und wie es zu tun ist. Statt Geld, Energie, Hirn und Talente weiterhin in Sackgassenverhandlungen zu investieren, kann all dies direkt und von jedermann in dezentrale Energiegewinnung, in die Wiederbelebung des öffentlichen Nahverkehrs oder in ein Unterrichtsfach »Gemeingüter: Zukunft ist nicht (ver-)handelbar« investiert werden. Zudem könnten wir einmal wöchentlich auf Nachrichten über Konkurrenz und Katastrophen verzichten und stattdessen darüber sprechen, was Menschen miteinander gelingt, wenn sie Energieressourcen in ihre Communities zurückholen, wenn sie lebenswerte und beziehungsreiche Wohn- und Arbeitsorte schaffen oder gemeinwohlorientierte Lösungen für Bildung und Kultur entwickeln.

Es ist eine große Bewegung im Gang. Sie ist vielfältiger, als im Kontext der Klimaverhandlungen bereits sichtbar wurde. Doch diese Bewegung hat das Problem eines Neugeborenen. Sie hat sich noch nicht selbst entdeckt, und ihr fehlt die programmatische Grundlage. Dennoch ist sie da. »Das eigentlich Erstaunliche«, so Bernd Hamm, »sind die Menschen. Für viele wird das Versagen der Politiker gerade neuen Ansporn bringen. Sie, wir, werden unbeeindruckt weiter diesem Weg folgen, wir werden Häuser dämmen und Bahn fahren, wir werden […] Bürgersolarkraftwerke bauen, wir werden unseren Kommunen Beschlüsse für erneuerbare Energien abringen, wir werden …«

Trotz allem scheint es wenig sinnvoll, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Vergesst Kopenhagen nicht ganz! Wir brauchen beides. Eine starke Bewegung, die weniger verhandlungsfixiert ist, aber auch multilaterale und von den nationalen Interessen unabhängige Strukturen. Sie müssen effektiv auf den Schutz der Gemeingüter ausgerichtet sein und die zahllosen Initiativen der Menschen vor Ort direkt stärken. Das Ergebnis von Kopenhagen erinnert daran, wie dringend das Nachdenken über Gemeingüter in die Mitte der Gesellschaft zurückgeholt werden muss. Hier können wir neu aushandeln, wie der Zugriff, die Nutzung und die Kontrolle von Gemeingütern gestaltet werden sollen. Peter Linebaugh, ein bedeutender Commons-Historiker der Gegenwart, nennt diesen Prozess des Gestaltens Common­ing. Linebaugh hat recht, wenn er meint, es gäbe keine Gemeingüter ohne Commoning, ohne gemeinsames Tun.

Was sind Gemeingüter?
Gemeingüter gehören nicht einem Einzelnen, aber auch nicht niemandem. Es sind all jene Dinge, die einer bestimmten Gruppe »gemein« sind. Gemein bedeutete ursprünglich »mehreren abwechselnd zukommend«, später dann: »mehreren in gleicher Art gehörig«, woraus sich »gemeinsam« und »gemeinschaftlich« entwickelt hat. Gemeingüter sind vielfältig in ihrer Erscheinung und Funktion. Sie sichern unsere Grundversorgung mit Nahrung, Energie und Medizin. Sie sind Essenz der Umweltleistungen, die wir zur Wasseraufbereitung, Sauerstoffreproduktion und CO2-Absorption nutzen. Wir brauchen sie als Datenbank für Wissen und Informationen sowie als Quellen der Innovation und Kreativität: Kunst, Kultur, das Internet, Wikipedia oder freie Software basieren darauf, dass Menschen miteinander teilen und weiterentwickeln, was sie vorfinden oder von vorangegangenen Generationen übernehmen. Ohne Gemeingüter gibt es keine Fortbewegung und keine Kommunikation – denken wir an die Verkehrswege, die Sprache oder das elek­tromagnetische Spektrum.
Im Kern des Begriffs aber steht, dass Gemeingüter der sozialen Bindung dienen. Sozialer Zusammenhalt entsteht immer dann, wenn wir uns über den Zugang, die Nutzung und Kontrolle dieser kollektiven Dinge verständigen und wenn wir sie reproduzieren. Gemeingüter fügen sich demnach aus drei Grundbausteinen:
1: Die Ressourcen selbst. Wasser und Boden, Code und Wissen, Algorithmen und Kulturtechniken, die Zeit, die Stille und die Atmosphäre sind Gemein- oder »Allmend«-Ressourcen. Jeder Mensch hat grundsätzlich die gleiche Berechtigung, sie zu nutzen. Eine Person – ein Anteil, statt: Ein Dollar – ein Anteil!
2: Die Menschen, die diese Ressourcen in Anspruch nehmen. Gemeingüter sind ohne konkret handelnde Menschen in ihren sozialen Umgebungen nicht denkbar.
3: Die Regeln und Normen, nach denen die Ressourcen verwaltet werden. Wenn ich Wasser oder Boden nutze, mindert dies die Möglichkeiten des Gebrauchs durch andere. Teile ich hingegen Wissen oder Informationen, mehre ich die Nutzungsmöglichkeiten dieses Wissens für alle und auch für mich. Der jeweils sinnvolle Umgang mit Gemeingütern ist unter anderem von der konkreten Ressource abhängig: Ist sie endlich oder nicht? Lässt sie sich problemlos vervielfältigen, oder sind der Vervielfältigung Grenzen gesetzt? Die Regeln sind unterschiedlich, doch gemeinsam ist ihnen, dass sie von den Nutzern selbst bestimmt werden sollten. Sie entstehen aus dem direkten Bezug auf Verhaltens­einstellungen, Fertigkeiten und Werten.

Die Leistungen der Gemeingüter sind vielfach weder Bestandteil des Bruttoinlandsprodukts, noch machen sie den Wachstumsindika­toren in den Nachrichten Konkurrenz. Stattdessen werden sie erst dann wahrgenommen, wenn sie verschwinden: Wenn Saatgut nicht mehr von der Ernte einbehalten und im Folgezyklus ausgesät werden darf. Wenn Orte des Verweilens in den Städten zu Orten des Konsumzwangs geworden sind. Wenn – wie für 2048 vorausgesagt – alle kommerziell nutzbaren Fischbestände kollabiert sein werden. Wenn das Klima kippt und der Zugang zu Wissen unter Verschluss gerät, was zu überhöhten Preisen für lebenswichtige Medikamente oder für wissenschaftliche Artikel führt.
Elinor Ostrom hat unzählige Gemeingütersysteme weltweit durchkämmt und ist überzeugt: Die jeweiligen Nutzer wissen in der Regel selbst am besten, was zu tun ist. Zu den Voraussetzungen, damit sie erfolgreich zusammenwirken können, gehört der bewusst gelebte Beziehungsreichtum des einzelnen Menschen zu Orten, Ressourcen und den anderen. Überschaubare Systemgrenzen sind hilfreich. Sie ermöglichen direkte Kommunikation und klare Strukturen. Regeln und Entscheidungen müssen allen Betroffenen einleuchten, was in überschaubaren Gemengelagen eher möglich ist als in globalen Klimaverhandlungen. Auch stabiles Wissen über die langfristige Entwicklung der jeweiligen Ressourcen sowie Monitoringverfahren und Sanktionen gehören zu erfolgreichem Gemeingutmanagement. Wem im Umgang mit Gemeingütern welches Gewicht und welche Entschei­dungsbefugnis zukommt, basiert in der Regel auf eingebrachten Leistungen und Reputation. Wer sich als Trittbrettfahrer entpuppt, mit dem wird man weniger gern zusammenarbeiten. Wer als verlässlich gilt, der hat einen entscheidenden – oft auch materiellen – Vorteil. Insider wissen, wem man vertrauen kann, Einsteiger können dieses Wissen nutzen. Das System als Ganzes profitiert.

Verschiedene Gemeingüter, ähnliche Logiken
Wären Internet und Wikipedia in ihrer fortdauernden Entstehung den Regeln des Markts und nicht jenen der Gemeingüter unterworfen, würden sie heute kaum die Fülle an Innovationen und Informationen bieten, die jedem Menschen offenstehen. Doch das Internet ist als Gemeingut entstanden. 1989 schrieb Tim Berners-Lee die Seitenbeschreibungssprache HTML und das entsprechende Internetprotokoll http. Berners-Lee wollte, dass die Ergebnisse von allen frei weiterentwickelt und genutzt werden können. Die gemeinsamen Ressourcen sind der Code und das Wissen über die Netzarchitektur. Die Gemeinschaft sind all jene, die Code und Wissen weiterentwickeln, sowie jene, die die Regeln des Netzes pflegen: Netzneutralität etwa oder dass das World Wide Web Consortium nur patentfreie Standards zulässt. Kein Markt und kein Staat haben dies gewährleistet, sondern die Internet Community selbst. Grundbedingung für die Entfaltung des Internets als Gemeingut waren die Idee des Teilens und der Verzicht auf Kontrolle über andere. Aber nicht nur in der digitalen Welt sind gemeingutreproduzierende Spielregeln möglich.
Im November 2009 titelte die Berner Zeitung: »Grindelwald ist nobelpreisverdächtig«. Sie ermöglichte der kleinen Schweizer ­Gemeinde einen großen Auftritt. Der Ort erhielt seinen Namen zu Recht, denn »Grindelwald« geht zurück auf grintil, Riegel, und walt, Wald. Tatsächlich wird der Ausbeutung der Grindelwalder Flur seit Jahrhunderten ein einfacher Riegel vorgeschoben. Die von der überwältigenden Kulisse der Eiger-Nordwand geprägte Kulturlandschaft erhielt ihr Gesicht nach Regeln, die 1404 im Taleinungsbrief festgeschrieben wurden, der ersten schriftlichen Alpverfassung überhaupt. Der Brief legt fest, wie die privatrechtlich organisierten Alpkorpo­ra­tionen die Übernutzung der Alp verhindern. Dabei belegen die Bestim­mungen, wie ökologisch und beitragsorientiert die Grindel­walder Bauern schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts dachten:

Nur Tiere, die man winters in den Höfen füttern konnte, durften auf die Alp. Das Futterangebot im Winter bestimmte die Anzahl der Sommerweiderechte auf dem Gemeingut. Den Landbesitzern im Tal wurden die »Kuhrechte« nach Besitzgröße zugeteilt. Diese Rechte sind bis heute nicht an die Person, sondern an den Bodenbesitz gebunden. Und sie sind nach außen unverkäuflich. Jedes Jahr sind die Bergler zum »Tagwannen« – zur Alppflege – verpflichtet. Je mehr Kuhrechte, desto mehr Leistungen sind für die Gemeinschaft zu erbringen.

Dieses System hat die Übernutzung der Weiden verhindert, den Ausverkauf des Lands und die Konzentration des Landbesitzes erschwert sowie die Kultur der Alpwirtschaft gepflegt. Freilich sind die Bergschaften mit neuen Problemen konfrontiert. So verbringen heute immer weniger Kühe den Sommer auf den Bergweiden. Unternutzung ist offensichtlicher als Übernutzung. Doch das Ringen um den Erhalt des Systems lohnt sich, denn es bleibt ökologisch, sozial und ökonomisch sinnvoll, Milch und Käse auch künftig dort zu produzieren.

Gemeingüter verbinden Weltsichten
Klassische Indikatoren wie Wachstum oder das Bruttoinlandsprodukt sagen nichts darüber aus, ob sie der gemeinwohlorientierten Nutzung der Gemeingüter oder ihrer Zerstörung zuzuschreiben sind. Sie befinden sich mitunter auch dann im Aufwärtstrend, wenn Lebenswichtiges vernichtet wird. Daher fällt das von der Bun­desregierung im Dezember 2009 beschlossene »Wachstums­beschleunigungsgesetz« aus der Zeit. Wir brauchen nicht mehr von der Lebensqualität der Menschen weitgehend entkoppeltes Wachstum! Wir brauchen ein Potpourri an Ideen, wie Wohlstand auch dann erreichbar ist, wenn der Kuchen nicht mehr wächst.

In einer Situation, in der sich sowohl das Vertrauen auf staatliche Planung als auch auf die »unsichtbare Hand« des Markts als Illusion erwiesen haben, ist es naheliegend, die Dynamik der Gemeingüter zum zentralen Paradigma unseres Handelns zu machen. Das bedeutet auch, möglichst viel von jenen Dingen, die für ein würdevolles Leben nötig sind, jenseits des Verwertungsdrucks des Markts zu entwickeln, was Menschen auf neue Weise zueinander in Beziehung setzt: Zentral sind hier die Bezugnahme auf Kenntnisse, Bedürfnisse und Wünsche der Menschen und nicht Managerentscheidungen darüber, was auf dem globalisierten Markt noch platziert werden könnte.

Eine auf Gemeingütern basierende Wirtschaft – nennen wir sie nach Yochai Benkler vorläufig »Gemeine Peer-Produktion« (engl. commons based peer production) – steht für die Fokussierung auf den gemeinsamen Nutzen, der auch für den Einzelnen als gewinnbringend erfah­ren wird, gleich ob die Peers freie Software produzieren oder eine Enzyklopädie, ob sie Pflegeleistungen erbringen, Fahrräder, Lebensmittel oder Medizin herstellen. Unabhängig davon, ob der Begriff sich durchsetzt, geht es um eine künftige Ökonomie des Teilens und der Beteiligung, um faire Nutzung von Ressourcen für den Gewinn an Lebensqualität statt für die Akkumulation von Gütern. Das ist geldeffizienter als das, was wir bislang tun: In guten Zeiten errichten wir Mega-Infrastrukturen für Warenproduktion und -transport. In schlechten Zeiten privatisieren wir diese Strukturen oder bürden sie als Schuldschein den kommenden Generationen auf.

Gemeingüter als gemeinsame politische Plattform?
Gemeingüter bieten sich als Basis einer strategischen Plattform zum Umbau der Gesellschaft an, weil sie in allen gesellschaftlichen Bereichen vorkommen, in der sozialen, natürlichen, kulturellen und digitalen Sphäre. Der Ansatz ermöglicht eine gemeinsame Reflexion vielfältiger Praxen, in der die ökologische, die kulturelle und die soziale Dimension in organischer Weise verbunden sind.

Vermag eine moderne Commons-Debatte das lebensbejahende Prinzip der Vielfalt in den Mittelpunkt zu rücken? Vermag sie, Brücken zwischen Weltsichten zu schlagen und der großen und vielfältigen Bewegung zu einem Ich-Bewusstsein zu verhelfen? Wird es gelingen, kooperativem Handeln entscheidende Impulse zu geben? Schließlich findet Kooperation nicht dort statt, wo Stress und Konkurrenzdruck existieren, sondern dort, wo Stressoren abgebaut werden. Was kann die Wiederbelebung der Gemeingüter dazu beitragen?

Zu den Grundüberzeugungen der Debatte gehören das Vertrauen auf die schöpferischen Potenziale der Menschen und die Idee der Interrelationalität, des Aufeinander-Angewiesenseins: »Ich brauche die anderen, und die anderen brauchen mich.« Es gibt keine Notwendigkeit, die kollektiven über die individuellen Interessen zu stellen oder umgekehrt. Der Fokus auf Gemeingüter entpolarisiert. Er aktiviert eher die wichtigsten Motive politischen Handelns. Was in konservativer Sicht als Bewahrung der Schöpfung erscheint, lässt sich in linker Tradition als Verteidigung des Kollektivbesitzes gegen private Aneignung verstehen. Das ermöglicht (bündnis-)politisch neue Verbindungen in ansonsten wenig verknüpften Milieus.

Neue Technologien ermöglichen neue Kooperationsformen
Die Geschichte der Menschheit kennt drei große produktive Revolutionen. Vor über 5000 Jahren, mit dem Entstehen der Stadtstaaten, begann man, Menschen zur Schaffung von »Mehrwert« zu zwingen. Dieser Mehrwert stand der herrschenden Klasse zur Verteilung zur Verfügung. Die zweite Revolution setzte vor etwa 500 Jahren ein. Sie milderte den Zwang durch die Möglichkeit, dass Menschen ihre Produkte austauschten und Dinge zunehmend aus eigenem Antrieb herstellten. Die dritte produktive Revolution begann gestern. Vor einem Vierteljahrhundert. Sie versetzt den einzelnen in die Lage, in Netzwerken Dinge zu schaffen, die allen zur Nutzung zur Verfügung stehen, und zwar aus sich selbst heraus, weil sie eine Enzyklopädie, ein Betriebssystem oder ein Fahrzeug produzieren wollen. So wird – auf Augenhöhe – Zusammenarbeit auch zwischen Tausenden möglich. Es entstehen Artefakte von einer Komplexität, die auch großen Unternehmen enorme logistische und konzeptionelle Schwierigkeiten bereiten würden. Diese »Gemeine Peer-Produktion« hat Harvardprofessor Yochai Benkler in seinem Buch »The Wealth of Networks« als äußerst produktive Form beschrieben, Wissen und Code zu produzieren. Aber hilft uns dies im Umgang mit materiellen Dingen? Schließlich ist Wissen, anders als Materielles, beliebig reproduzierbar. Peter Lingemann und Lisa Paus bringen die Brücke zwischen beiden Sphären in ihrem Artikel »Weg von der Ressourcenfrage« in der taz vom 2. September 2006 auf den Punkt. In der Herstellung all dessen, was wir essen und trinken, anziehen und abnutzen, macht Wissensproduktion den Löwenanteil aus.

»Auch beim normalen Gebrauchsgut, etwa einem Hühnerei, ist entscheidend, durch welches Konzept man zu einem gesunden Hühnerei kommt; der Wert von Dotter, Eiweiß und Kalk ist dagegen eher gering. Der Anteil des Wissens an der gesamten Wertschöpfung beträgt heute bereits etwa 70 Prozent. Alle Waren verwandeln sich latent in Wissensprodukte. Wissen ist beliebig verfügbar, wird nicht weniger. Überfluss ist in der tradierten Markttheorie jedoch nicht vorgesehen.«

Da ist es also, das Füllhorn, in der es keine Mangelwirtschaft, sondern Überfluss gibt. Überfluss an menschlicher Kreativität, an beliebig reproduzierbaren Ideen und Konzepten, auf die Communities beliebig zugreifen können.

Gemeingut oder nicht? Ein großer Unterschied für Recht und Politik
Die Commons werfen ein neues Licht auf Altes. So ist es ein Unterschied, ob ich die Atmosphäre als Gemeingut sehe oder als Handelsware, und es ist ein Unterschied, ob Gewässer als Gemeingut begriffen werden oder nicht. Ersteres hätte so mancher ostdeutschen Kommune harte Auseinandersetzungen um die Privatisierung der Seen oder die Verbarrikadierung des Wannsee-Uferwegs erspart. Ein Gewässer als Gemeingut zu bestimmen, heißt, die Nutzungsrechte der Commoners, z. B. den Zugang zum See, zu privilegieren und sie nicht als beliebig transferierbare Nutzungsrechte an Einzelne zu übergeben. Wenn aber Gemeingüter nicht mehr gedacht werden, schwinden sie irgendwann aus der Realität. Wenn der öffentlichen Aufmerksamkeit entgeht, dass Gewässer Gemeingut sind, gibt es an der Ostsee bald Verhältnisse wie am zauberhaften Binnensee Coatepeque in El Salvador. Dort sind die Mauern der Grundstückeseigner so hoch, dass der See von der öffentlichen Straße aus nicht mehr erspäht werden kann.

Oder nehmen wir die Saatgutzüchtung. Sie ist komplex, aufwendig und teuer. Eine neue Sorte auf den Markt zu bringen, kostet in Deutschland derzeit an die 80 000 Euro über eine Entwicklungszeit von etwa zehn Jahren. Die regionale Vielfalt von Saatgut als Gemeingut ist unabdingbar, wenn wir angesichts des Klimawandels die Ernährung sichern wollen. Würde die Gesellschaft dies anerkennen, so würde der Staat die Steuermittel nicht weiter in Hybridentwicklung stecken, sondern in die Züchtung regional angepasster Sorten mit guten agronomischen Eigenschaften. Das Thema dem Markt zu überlassen, führt jedenfalls zu einem rasanten Verlust der Sortenvielfalt. Saatgut indessen als Gemeingut zu verstehen, heißt: Vielfalt und Selbstbestimmung erhalten und Ernährung sichern.

Es gibt eine Alternative
Gemeingüter, das bedeutet dreierlei: einen anderen Prozess des Produzierens – Gemeine Peer-Produktion, Care Economy, Formen des solidarischen Wirtschaftens und vieles mehr –, eine neue Form des Regierens und Regulierens – Selbstorganisation und Co-Governance – und eine Wiederauflage der Eigentumsdebatte. Hier wird die Vorstellung vom unantastbaren Privateigentumsanspruch auf Gemeinressourcen aufgeweicht. Es geht dabei nicht um ein Entweder-Oder, nicht um Privateigentum – Ja oder Nein? Es geht darum, Anspruchsrechte auf Gemeinressourcen so zu gestalten, dass eben der Zugang zum See grundsätzlich für alle erhalten bleibt. So wie der Zugang zu sauberer Luft, zu Parks, Wissen und Code. Das heißt auch, dass dieser Zugang mit Regeln und Auflagen verbunden sein kann, oft sogar verbunden sein muss. Eigentumsrechte wären demnach an zwei Bedingungen zu messen: Gemeingüter dürfen nicht in ihrem Bestand zerstört oder verbraucht werden. Und kein Anspruchsberechtigter darf von Zugang und Nutzung ausgeschlossen sein.

Die politische Ökonomie der Gegenwart kombiniert die Vorstellung von einer unendlichen Fülle natürlicher Ressourcen, an denen sich Marktakteure schadlos halten, mit dem Aberglauben, dass Innovation nur dann geschehe, wenn der Zugang zu Wissen und Kultur künstlich verknappt werde, etwa durch Kopierschutzmechanismen und die Ausweitung sogenannter intellektueller Eigentumsrechte auf immer kleinere Bausteine des Wissens und des Lebens. Doch in der Realität sorgt gerade freie, dezentrale und in Netzwerken organisierte Kooperation für Innovationsschübe. Unsere politische Ökonomie muss vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Das gelingt, wenn wir uns auf die Gemeingüter besinnen und eine Plattform entwickeln, die Orientierung für das Reprogrammieren der politischen Ökonomie bietet. Wir müssen uns Grenzen setzen und natürliche Ressourcen nachhaltig nutzen, aber mit Ideen verschwenderisch umgehen.

Wir können eine politische Ökonomie auf den Weg bringen, die von Gemeingütern ausgeht und sie für die Zukunft weiterentwickelt; eine politische Ökonomie, die der Vielfalt der Ressourcen, der Unterschiedlichkeit der Communities und dem unerschöpflichen Reservoir erfolgreicher Management- und Organisationsformen gerecht wird; eine politische Ökonomie, die die Gelingensprinzipien für erfolgreiche Gemeingüter herausschält und erstarrte Glaubenssätze auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgt.

Spannende Ansätze dafür gibt es in allen Bereichen: in der unabhängigen ökologischen Saatgutforschung, in der Bewegung für freie Soft- und Hardware, im Kampf dafür, dass Erdöl wie in den Urwäldern Ecuadors im Boden bleibt, oder im Bemühen darum, die Versorgung mit Wasser, Wärme und Strom in überschaubare Strukturen zu lenken. Überall gibt es Gemeinschaften und wegweisende unternehmerische Bündnisse, gelegentlich sogar unterstützt von der Politik. Der Staat muss seine treuhänderische Funktion für Gemeingüter ernstnehmen. Er muss soziale Innovation fördern und Ressourcenkonflikte im Interesse der Allgemeinheit lösen. Der Staat sollte seine Legitimität aus der Verteidigung der Gemeinressourcen ziehen, statt aus dem Zugriff auf diese Dinge. Es gibt eine Alternative!

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