Der Inhalt dieser Webseite ist unbezahlbar!

Sie können aber dazu beitragen,
dass hier immer wieder neue Artikel zu lesen sind!

• Ja, ich möchte Oya unterstützen

• Ich unterstütze Oya bereits

• Nein, ich möchte kostenfrei weiterlesen

• Ich möchte ein kostenloses Probeheft bestellen

Bitte wählen Sie hier den Betrag, mit dem Sie Oya unterstützen möchten:



Falls Sie kein PayPal-Konto haben, können Sie natürlich
auch direkt unsere Bankverbindung verwenden:

IBAN: DE96 4306 0967 1112 9897 00 • BIC: GENODEM1GLS
Verwendungszweck: Oya-Online Beitrag

Nahrung ist keine Ware

Die Gemüsekooperative »Rote Beete« lebt die Utopie, eine Alternative zum kapitalistischen Wirtschaftssystem aufzubauen. Die Degrowth-Konferenz mit Gemüse zu beliefern, erscheint da nur folgerichtig.

von Konne Neufer , erschienen in 28/2014

Bild

© Foto: Alex Fischer

Die Frühjahrssonne scheint, als wir uns an einem Tag in einem Nachbarschaftsgarten in Leipzig-Lindenau versammeln. Inmitten der geräumigen Freifläche, umgeben von Beeten, Bäumen, einem Sandkasten und einem Lehmofen, scharen sich nach und nach gut 30 Menschen um einen langen Tisch. Dort, wo an einem Sonntag normalerweise nur gemütlich gegärtnert oder mit den Kindern gespielt wird, diskutieren die Mitglieder der Gemüse­kooperative »Rote Beete« wichtige Themen. Den Anlass dazu bietet das »Koop-Café«, ein alle sechs Wochen abgehaltenes Treffen, zu dem alle eingeladen sind, die über die Kooperative Gemüse beziehen. 300 Menschen teilen sich die 180 »Portionen« Gemüse, die jährlich gemeinsam angebaut werden.
Die Koop-Cafés sind die oberste Entscheidungsinstanz der Roten Beete, die nicht nur ökologisch und nachhaltig produziert, sondern sich obendrein als selbst­organisiertes Projekt mit politischem Anspruch versteht. Dazu gehört auch, dass wichtige Entscheidungen in einem mehrstufigen Konsensverfahren getroffen werden, bei dem sowohl die Gärtnerinnen und Gärtner als auch diejenigen, die das angebaute Gemüse erhalten, ihre Stimmen einbringen. Die Unterscheidung zwischen »Produzierenden« und »Konsumierenden« verschwimmt in einem solchen Zusammenhang. Unabhängig davon, ob bei der Roten Beete größere Vorhaben wie die Renovierung der Scheune anstehen oder tägliche Garten- und Büroarbeit – nur ein großes Maß an Eigeninitiative sowie die ehrenamtliche Hilfe aller Mitglieder lassen das Konzept einer solidarischen Landwirtschaft aufgehen.
So kommt das Gemüse vom Acker auf den Teller

Bild

© Foto: Alex Fischer

Der Garten der sonntäglichen Versammlung ist nicht zufällig gewählt. Er befindet sich im Stadtteil Lindenau, denn die sogenannte Verteilstation in der »KunterBunten 19«, einem Hausprojekt in diesem Viertel (siehe Seite 42), war diesmal an der Reihe, das Treffen zu organisieren. Lindenau ist einer von mittlerweile acht Orten, die jeden Donnerstag mit Gemüse für die im dortigen Viertel lebenden Mitglieder der Kooperative beliefert wird. Aus ganz verschiedenen Lokalitäten holen sie sich jeweils ihre Portionen ab. Aber bei der Roten Beete geht es um weitaus mehr als um das regelmäßige Abholen und Verteilen von Feldfrüchten: Alle Mitglieder sollten drei Tage pro Jahr auf dem Feld mitarbeiten. Das ist nicht nur eine willkommene Hilfe für die Gärterinnen und Gärtner, sondern stärkt auch die Verbindung der einzelnen zueinander ebenso wie zu dem Stück Land, auf dem ihr Gemüse wächst. Wer selbst auf dem Acker arbeitet und »die Kraft des Bodens spürt«, wie es im ersten Flyer der Roten Beete hieß, begreift die Verantwortung, die mit der Mitgliedschaft einhergeht, besser. Zudem entsteht durch den direkten Kontakt zu den Gärtnerinnen und Gärtnern mehr Vertrauen, als es teure Prüfsiegel jemals vermitteln könnten, wie ich als Gründungsmitglied des Projekts nun seit zwei Jahren beobachten kann.
Die Verteilstationen bilden die organisatorischen Untereinheiten des Projekts. Bei den von ihnen organisierten Treffen werden die Gegebenheiten der Räume, die dortigen Aufgaben und wichtige Anliegen im Koop-Café besprochen. Immer wieder ist zum Beispiel Thema, was mit dem übriggebliebenen Gemüse geschieht. In Lindenau geht es an die Gruppe »Essen für Alle«, die jeden Montag ­leckere vegane Mahlzeiten gegen Spende ausgibt und den Gewinn an politische Projekte verteilt. In anderen Verteilstationen gehen Überkapazitäten an eine Flüchtlingsunterkunft, ein politisches Wohnprojekt oder auch einfach an Nachbarn. Die Gemüseportio­nen wurden in den Stationen lange Zeit ohne Waage abgepackt; zwar diente der mitgelieferte Erntezettel als grobe Orientierung – wieviel Gemüse sich die Mitglieder letztlich aber nehmen, war ihrem eigenen Ermessen überlassen. Das war zu Beginn sehr ungewohnt und führte zu Aussagen wie »Ich hab’ Angst, den anderen etwas wegzunehmen, also nehm’ ich lieber weniger«. Teilweise werden inzwischen wieder Waagen verwendet, denn das Ganze drohte, zu unübersichtlich zu werden. Insgesamt hat sich die Verteilung aber eingespielt, und Spätabholer reagieren gelassen, wenn nur noch Möhren und Kartoffeln auf sie warten. Sie bedienen sich das nächste Mal einfach ein bisschen großzügiger oder bitten die anderen Mitglieder über das Forum auf der Internetseite darum, einen ordentlichen Gemüseanteil für sie übrigzulassen.
Durch solidarisches Landwirtschaften die Gesellschaft verändern
In der Regel geht das gesamte Gemüse an die Mitglieder, aber auch politische Camps und Aktionen werden immer wieder direkt vom Hof mit Gemüsespenden versorgt. Deshalb wurde die Rote Beete auch vom Organisationsteam der Degrowth-Konferenz gefragt, ob sie das Gemüse für die Verpflegung aller Teilnehmenden liefern könnte. Eine solche Situation hatte es noch nie gegeben, denn für so ein Großereignis müssten selbstverständlich eigens Feldfrüchte angebaut werden. Überdies ist Gemüse der Roten Beete nicht »käuflich«. Zuerst gab es große Bedenken – schien sich auf diesem Weg doch wieder die Logik »Ware gegen Geld« in einen bewusst anders konzipierten Wirtschaftskreislauf einzuschleichen. Im Gespräch mit dem Mitkooperanten Miguel, einem 40-jährigen Spanier, fanden wir dann eine Lösung: »Wir machen es so, dass nicht direkt für das Gemüse, sondern für den Anbau bezahlt wird – so wie es auch alle Mitglieder tun«, schlug Miguel vor. Die Konferenz wurde nicht »Kunde«, sondern teilt sich mit uns das ­Risiko eines teilweisen Ernteausfalls – oder kann sich über reiche Erträge freuen. Statt einer anonymen Verbindung über käufliche Produkte entsteht so eine direkte Kooperation mit den Erzeugerinnen – eine wichtige Dimension der solidarischen Landwirtschaft.
Bild

© Foto: Alex Fischer

Das gelieferte Gemüse nicht als bezahlte Ware zu begreifen, ist – wie manches andere in der Kooperative – ein gemeinsamer Lernprozess. Die zu verteilenden Gemüsemengen stellen meist alle Mitglieder zufrieden. Freilich schwankt die Menge mit den Jahreszeiten; der März und der April sind die magersten Monate. Das stimmt manche der »Neuen«, die mit Beginn der Saison im März einsteigen, zunächst etwas skeptisch. Doch spätestens das üppige Angebot im Sommer und Herbst zerstreut die anfäng­lichen Bedenken, so dass die Mitglieder, die die Kooperative nach einer Saison wieder verlassen, an einer Hand abzuzählen sind.
Die Rote Beete will kein Wohlfühl-Projekt sein, das dem »Greenwashing« des eigenen Lebensstils dient. Vielmehr möchten die Menschen hier ihrem Anspruch gerecht werden, eine nicht-kapitalistische Form der Lebensmittelversorgung aufzubauen, die mögliche zukünftige Krisen überdauert. Es gilt also, eine postkollapsfähige Landwirtschaft zu entwickeln. Auch deshalb will sich die Kooperative nicht auf die ordnende Funktion des Geldes verlassen, sondern stellt es allen frei, den eigenen finanziellen Beitrag selbst zu bestimmen – was regelmäßig Verwunderung bei Außenstehenden hervorruft. Mit der Orientierung an den durchschnitt­lichen Kosten von 70 Euro pro Monat legen die Mitglieder in einem anonymen »Bietverfahren« ihren Beitrag fest. Dadurch soll der Zugang zu gutem Gemüse wirklich allen offenstehen. So entsteht eine Form gegenseitiger Fürsorge, die den ökonomischen Druck auf den Einzelnen zumindest mindert. Selbstverständlich müssen die Beiträge, zusammengerechnet, den jährlichen Etat decken, der sich vor allem aus den Posten für die Acker-Auslöse, die Anschaffung von Maschinen sowie den Lohn für die Gärtnerinnen und Gärtner zusammensetzt. Damit all diese Zusammenhänge für eine Gruppe von 300 Menschen nachvollziehbar werden, sind Treffen wie das heutige in Lindenau so wichtig: Alle sitzen in einer Runde, es wird angeregt diskutiert, hinter uns hängt ein Plakat mit den Entscheidungsregeln und der Tagesordnung. Mit jedem Treffen vertieft sich das Verständnis füreinander und für das Prinzip der Solidarität.
Gemeinschaftliches Wohnen, Arbeiten und Pflegnutzen
An den »Orga-Treffen« nimmt auch immer einer der Gärtnernden teil. Fünf Stellen sorgen dafür, dass das Gemüse seine tägliche Pflege erhält. Außerdem kümmert sich das Gärtnerkollektiv maßgeblich um Verwaltung und Abrechnung und gestaltet mit den Mitgliedern der Kooperative die rechtliche Ausgestaltung und Weiterentwicklung des Projekts. Die Gärtner und Gärtnerinnen leben alle direkt vor Ort in der Kommune Sehlis, deren Existenz die Kooperative erst ermöglicht. Dem Gründungskreis der Kommune war es von Anfang an wichtig, dass Gemüseanbau zu ihrem Projekt gehört. Ein Vierseithof in Sehlis, 16 Kilometer vom Leipziger Zentrum entfernt, bot die optimalen Bedingungen dafür. Da nicht alle Kommunemitglieder für die Rote Beete arbeiten, ist es erforderlich, dass die anderen Einblick in alle Ausgaben und Vorhaben der Gemüsekooperative haben. So entsteht das Vertrauen, das für jedes Gemeinschaftsprojekt essenziell ist. ­Nadine, die seit Beginn des Projekts vor zwei Jahren dabei ist, findet es beeindruckend, wie konsequent die Gärtnernden ihre Vorstellungen von einem selbstbestimmten Wohnen und Arbeiten verwirklicht haben. Zugleich bringt die Arbeit in einem Kollektiv, das auch noch zusammenlebt, besondere Herausforderungen mit sich. Kai ist Anfang des Jahres in die Kommune gezogen, um sich als Gärtner einzubringen. Er findet sich mehr und mehr in der Kooperative zurecht, doch spürt er trotz intensiver Abstimmung mit den vielen Mitgliedern durchaus die Verpflichtung, gewisse Mengen abzuliefern. Sollte solidarisches Wirtschaften nicht solche Erwartungen zunehmend abbauen und Vertrauen in den Fluss der Dinge fördern? Kai freut sich über die neue Streuobstwiese mit alten Birnen- und Apfelsorten und über die Einhegung des Ackers durch Hecken. »Das wurde durch Subventionen der EU, aber vor allem durch den Arbeitseinsatz der Mitglieder möglich«.
Bild

© Foto: Alex Fischer

Ich erinnere mich noch genau an das spezielle Gefühl, den Stolz, gemeinsam etwas Fünf-Hektar-Großes aufgebaut zu haben, als ich zum ersten Mal »meinem Gemeineigentum« gegenüberstand. Es sind diese Eindrücke des »Neuen«, die die Kooperative für mich zu einem sehr speziellen Projekt machen und mich motivieren, weiter beizutragen. Auch wenn schon seit zwei Jahren gutes und gesundes Gemüse wächst, sind andere Aspekte noch in der Entwicklung, zum Beispiel eine gleichmäßigere Verteilung der anfallenden Arbeiten und eine sinnvolle rechtliche Form unseres »Unternehmens«. Noch ist die Rechtsform die eines Einzelunternehmers – sie war einfach einzurichten und die einzige Möglichkeit, das Ackerland zu erwerben. Das zeigt, dass rechtlich wenig Spielraum für den Aufbau gemeinschaftlicher Wirtschaftsformen besteht. Hier gilt es, kreativ zu werden: Aktuell wird im kollektiven Prozess ein Binnenvertrag erarbeitet, der die Rechte und Verpflichtungen der Mitglieder in unserem Sinn festschreibt.
Muss die Rote Beete dem Wachstum weichen?
Eine größere Herausforderung als diese langwierigen, aber zu meisternden Prozesse ist die Bedrohung unseres Ackers durch den geplanten Bau der Schnellstraße B87n. Diese vierspurige Straße soll nicht nur über das Feld der Kooperative, sondern auch durch das Landschaftsschutzgebiet des Flusses ­Parthenaue führen. Zwar war ihr Bau schon länger geplant, aber erst nach einer Änderung des Entwurfs vor zwei Jahren zieht sich die Trasse nun direkt über die »Roten Beete«. Deshalb fokussiert sich die politische Arbeit der Kooperative derzeit auf den Widerstand gegen dieses Vorhaben – darin zeigt sich deutlich, wie Wachstumswahn, Profitstreben und Beschleunigungssucht die Interessen Weniger über die Bedürfnisse Vieler stellen und natürliche Ressourcen zerstören.
Mit der lokalen Gruppe »Autobahnstammtisch Sehlis« gab es schon bunte und laute Widerstandsaktionen in der Leipziger ­Innenstadt und vor dem Straßenbauamt. Im Juli fand das zweite Protestcamp direkt in Sehlis statt, dieses Jahr mit dem deutschsprachigen Teil des internationalen Netzwerks »Reclaim the Fields« (»Erobert die Felder zurück«). Es wäre eine absurde und bittere Wendung, wenn unsere Vision einer Degrowth-Landwirtschaft am Wachstum des Straßennetzes scheitern würde. Von dieser Bedrohung lassen wir uns aber nicht entmutigen – verdeutlicht sie doch einmal mehr, wie wichtig unser Engagement für die Verwirklichung alternativer Wirtschaftsweisen ist.
Kein Wandel ohne Einsatz von Zeit und Kraft
Doch wenn wirklich der Weg in eine andere Gesellschaft erprobt werden soll, ist eine größere Beteiligung an den kollektiven Strukturen der Kooperative unabdingbar. So repräsentierten die 30 Anwesenden beim Treffen im April leider nur etwa ein Zehntel aller Mitglieder. Die Gründe für die Abwesenheit sind so vielfältig wie die Menschen und ihre Lebensentwürfe: Ob intensive Lohnarbeit oder das Engagement in anderen Initiativen – viele finden wenig Zeit für ihren Gemüseanbau. Karina zum Beispiel, eigentlich ein engagiertes Mitglied, konnte sich in den letzten Monaten kaum einbringen, da sie sich in der Endphase ihres Dissertationsverfahrens befand. Zum Abschluss des Treffens wirbt sie für das gemeinsame Engagement: »Wir brauchen dringend motivierte Menschen, die die liegengebliebenen Aufgaben der ›AG Kommunikation‹ wieder aufnehmen! Es ist so wichtig, dass sich jemand um die ­Internetseite, das Forum und den Informationsfluss innerhalb der Kooperative kümmert!« Der Aufruf fand leider nicht viel Resonanz – nur eine Person kam danach zum vereinbarten Treffen. Damit die Arbeit nicht an einigen wenigen Menschen hängenbleibt, müssen auch hier gemeinschaftlich kreative Lösungen gefunden werden.
Eine solidarische Landwirtschaft zu betreiben, bedeutet viel Arbeit, aber sie lohnt sich. Neben wertvollen sozialen Verbindungen und neuen Erfahrungen bekomme ich obendrein noch das beste Gemüse, das ich mir wünschen kann! •


Konne Neuffer (31) lebt seit fünf Jahren in Leipzig. Er arbeitet an Selbst­organi­sation und kritischer Philosophie. Bei der Degrowth-Konferenz ist er für das Catering mitverantwortlich.

Lust auf gemeinsames Gärtnern?
www.rotebeete.org
www.schmiede4.net
www.reclaimthefields.org/de
www.autobahnstammtisch-sehlis.blogspot.de