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Alles auf ein Rad gesetzt

Den Verkehr einer Stadt wie Leipzig weitgehend auf Lastenräder umzustellen – eine utopische Idee?
Eric Poscher von »rad3« lebt für diese Vision.

von Lara Mallien , erschienen in 28/2014

Die Ware stammt nicht nur aus Öko-Anbau – sie ist auch fair transportiert: Das unmotorisierte Frachtschiff »Tres Hombres« hat sie aus der Karibik hergesegelt. Beim Traditionsschiff-Festival »Hanse Sail« in Rostock haben Eric Poscher und weitere Freunde des Fahrradtransports die kostbare Fracht aufgeladen und radeln sie zu Kunden in Leipzig. Unsinniger Sport?

»Nein«, meint Eric. »Wenn ich zum Beispiel unterwegs Leuten die Schokolade zum Verkosten anbiete, merke ich, wie sie ganz anders wertgeschätzt wird. Wer davon probiert hat, mag kaum noch eine Tafel Supermarkt-Schokolade in sich hineinstopfen.«

Erste Erfahrungen mit Transporträdern sammelte Eric anfangs der 1990er Jahre bei einem Fahrradkurierdienst in Salzburg und mit selbstgebauten Anhängern fürs Fahrrad. Nach einer »Critical Mass«-Demonstration, mit der sich Fahrradfahrer weltweit für kurze Zeit die Straßen zurückerobern, entstand die Idee, Fahrrad und Kultur zusammenzubringen und ein Transportrad auch als ­Infostand oder als mobile Bar zu nutzen. So machte sich Eric auf die Suche nach einem passenden Fahrzeug und fand das »Bullitt«, ein neue, leichtere, schnellere Variante des altehrwürdigen stählernen »Long-John-Modells«. Mit seiner »rad:bar« war Eric in Vorarlberg mit verschiedenen Initiativen unterwegs, bis es ihn 2010 ins dynamische Leipzig zog. Bald war hier mit zwei Mitstreitern ein Plan geschmiedet – im Leipziger Westen ein Ladenlokal für Lastenräder zu eröffnen. Schließlich fanden sie einen Raum, durch dessen Türen auch große Räder mühelos passen. Eric ist der einzige im Team, der sich bei »rad3« in Vollzeit einbringen kann. »Reich werden lässt sich mit so einem Laden nicht«, lacht er, »aber darum geht es nicht. Wir wollen einen Beitrag zur Energie- und Verkehrswende leisten.« Damit die Bewegung für Pedalkraft-Transport in die Breite gehe, dürfe es nicht bei Selbstbau-Workshops bleiben, meint Eric, sondern auch Läden mit professionellen, zuverlässigen Produkten seien wichtig.
Die Organisation der Degrowth-Konferenz wird von »rad3« zwei Lastenräder mieten. Damit sollen zum Beispiel von den Verkehrsbetrieben Pläne für das Nahverkehrsnetz abgeholt werden. Die Konferenzgäste können es ausweislich ihres Teilnehmer-Armbands gratis nutzen. Außerdem wird »rad3« denjenigen, die auf dem Campingplatz übernachten, erlauben, ihre Rasierapparate, Handys oder sonstige der Wachstumsökonomie entsprungene Elektronik nach Degrowth-Manier aufzuladen. Wie das? »Ich fand es immer schon faszinierend, was mit Pedalkraft möglich ist – eben auch elektrische Energie zu erzeugen«, erzählt Eric. »Vor einigen Jahren wollte ich selbst so einen Generator entwickeln, aber dann habe ich in ­Leipzig Tim Baudermann getroffen, der den ›Ökotrainer‹ baut. Seitdem vermieten wir das Gerät.« Wer als campender Konferenzgast sein Handy laden will, tritt also während der Ladezeit wie auf einem Hometrainer in die Pedale. So entsteht eine körperliche Beziehung zur Ressource Strom. »Aber schon für den Betrieb eines Kühlschranks ergibt so etwas wie der Ökotrainer wenig Sinn«, sinniert Eric. »Da sind Solarzellen geeigneter.« In einer Solaranlage steckt allerdings Elektronik, die unter menschenunwürdigen und ökologisch bedenklichen Bedingungen in Fernost gebaut und nach Europa eingeflogen wird ... Ließe sich davon träumen, dass Frachtschiffe wie die Tres Hombres auch die für Solartechnik nötigen Rohmaterialen nach Europa segeln und sie dann mit Lastenrädern zu einer lokalen Manufaktur gefahren werden? Das Spannungsfeld zwischen Lowtech und Hightech und eine konsequente Degrowth-Perspektive führen immer wieder zu seltsamen Szenarien im Kopf.
Vielleicht werden solche Fragen diskutiert, wenn Eric während der Degrowth-Konferenz eine Fahrrad-Stadtführung zu den kultur­kreativen Projekten im Leipziger Westen anbietet. »Ich möchte auf dieser Tour vor allem darüber nachdenken, ob so eine Dichte von alternativen Hausprojekten, Unternehmen aus dem Spektrum der Gemeinwohlökonomie und offenen Begegnungsräumen der drohenden Gentrifizierung lebendiger Stadtviertel etwas entgegensetzen kann«, erklärt der Lastenrad-Aktivist. – Ja, gewiss, wenn sich die engagierten Leute bewusstmachen, dass sie die Häuser in ihrem Viertel in ­Gemeingüter verwandeln müssen … • 


www.rad3.dewww.radbar.info
www.fairtransport.eu

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