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Jeder schafft sich seinen Lebensgarten

Ein Vierteljahrhundert Öko-Modelldorf Lebensgarten Steyerberg

von Petra Völker , erschienen in 03/2010

D er Lebensgarten Steyerberg bei Hannover feiert dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Wo einst NS-Zwangsarbeiterinnen schufteten, leben heute über 100 Menschen gemeinschaftlich in einer ökologischen Siedlung. Es ist ein Ort für Verständigung und Heilung geworden. Petra Völker lebt seit drei Jahren im Lebensgarten Steyerberg.

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Als ich Anfang 2007 erstmals in den Lebensgarten kam, war ich innerhalb kürzester Zeit von einer solchen Begeisterung für diese Art des Zusammenlebens erfüllt, dass ich nur noch einen Wunsch hatte: Weg aus dem schönen Wiesbaden, und nichts wie hin nach Steyerberg aufs platte Land! Ich war berauscht und fühlte mich wie frisch verliebt. Nach zwei Monaten Bedenkzeit kam ich wieder, um mir eine Wohnung zu suchen. Als mir gleich am dritten Tag jemand zu verstehen gab: »Du weißt doch, dass wir keine älteren Damen wollen, sondern junge Familien!«, war ich am Boden zerstört. Aber ich wusste doch, dass ich in den Lebensgarten gehörte! Und mit einer großen Portion Glück bekam ich eine wunderschöne Wohnung – wenn auch nicht direkt im sondern am Lebensgarten, denn die Häuser im Lebensgarten sind tatsächlich vor allem für junge Familien mit Kindern vorgesehen. Soviel zu meiner Geschichte. Aber was hat mich denn so begeistert?

Im Lebensgarten haben alle Platz: Alt-68er, »Grüne«, Landeier und Städter, Christen und Buddhisten usw. Hier leben eine Fülle von Individualisten, die sich um ein friedliches Miteinander bemühen, was freilich nicht immer leicht ist. Doch wird stets darum gerungen, einen gemeinsamen Weg zu finden, egal ob es sich um persönliche Beziehungen handelt oder um die Belange der Gemeinschaft, die in der monatlichen Mitgliederversammlung im Konsensverfahren geregelt werden.

1985 begann die Geschichte der Siedlungsgemeinschaft mit der Idee, die mehr oder weniger verfallenen 62 Reihenhäuser – 1938 als Unterkunft für rund 700 Zwangsarbeiterinnen der NS-Rüstungs­industrie erbaut – zu renovieren und eine Gemeinschaft mit ökologischem und spirituellem Anspruch zu gründen. Die schwierigen Anfangsjahre, als Menschen mit »anspruchsvollen« Berufen erst einmal ohne Arbeitsplatz ankamen und die Grundlagen für ein Gemeinschaftsleben ersonnen und gestaltet werden mussten, schweißten aber auch zusammen. Aus jener Zeit stammt der noch heute gültige Satz: Jeder schafft sich seinen eigenen Lebensgarten! Und damals wie heute ist es so, dass jeder Neuankömmling mit seiner ureigenen Vorstellung von »Lebensgarten« hierherkommt und sich dann der Realität stellen muss.

In 25 Jahren gab es natürlich auch Zeiten besonderer Schwierigkeiten und Konflikte. Ich erinnere mich daran, dass eben zu dem Zeitpunkt, als ich erstmals in den Lebensgarten kam, die erste einer Reihe von Supervisionen stattfand, um angestaute Probleme gemeinschaftlich anzusehen, neue Wege zu finden und durch Arbeitsgruppen Verantwortung auf mehr Schultern zu verteilen. Dadurch wurde das Gemeinschaftsgefühl gestärkt, und der Start in eine neue Ära war möglich.

Die ökonomische Grundlage sieht vor, dass jeder für sich und seinen Lebensunterhalt selbst sorgen muss. Ich weiß aber, dass es durchaus »inoffizielle« Unterstützungsaktionen gibt, wenn jemand Hilfe braucht. Dem gemeinnützigen Verein Lebensgarten Steyerberg e. V. gehört das große Gemeinschaftsgebäude und das sogenannte Heilhaus mit seinen Gästezimmern. Einige der Häuser befinden sich in privater Hand, der Großteil gehört allerdings der Stiftung »Paradise Now«, die der ursprüngliche Eigentümer Christian Benzin ins Leben gerufen hat. Erwähnt werden muss, dass sich der Lebensgarten unter anderem durch Mitgliedsbeiträge, viele Spenden, Zuwendungen durch Stiftungen und durch die Unterstützung eines großzügigen Sponsors finanziert.

Was haben wir alles geschafft!
Was ist in all den Jahren alles geschehen! Menschen und Denkschulen kamen und gingen. Fest etabliert ist nach wie vor der Seminarbetrieb. Es finden jährlich rund 50 Seminare sowie Tagungen und unterschiedlichste Veranstaltungen in unseren schönen Seminarräumen statt, dazu fallen über 5000 Übernachtungen an. Vieles, was im Lebensgarten einst pionierhaft angedacht und angepackt wurde, ist heute gesellschaftliches Allgemeingut. Zum Beispiel wird seit 18 Jahren bereits per Elektroauto und Carsharing gefahren, Solarenergie gewonnen und großer Wert auf biologische Nahrung gelegt. Abzulesen ist die Bedeutung des Lebensgartens in der Region daran, dass er inzwischen zu einem der größten Arbeitgeber in Steyerberg wurde. Verschiedene Unternehmen und mehrere Heilpraktikerinnen, Psychotherapeuten sowie eine Praxis für Ergo- und Physiotherapie sind hier angesiedelt.

Heute sind wir mit manch anderem Thema Pioniere, was weit über die Grenzen von Steyerberg Bedeutung hat, beispielsweise mit »MonNetA«, dem von Margrit Kennedy geleiteten Institut zur Erforschung und Entwicklung komplementärer Währungen. Auch wurde hier vor drei Jahren die »Gaia Academy« als Teil der Gaia University International gegründet.

Als ein Projekt von großer Bedeutung entsteht augenblicklich der »Permakultur Park«. Dort baut ein engagierter Kleinstunternehmer auf einem halben Hektar Land Obst und Gemüse an. Eine große Fläche wurde an Selbstversorgungsgärtnerinnen und -gärtner aus der Gemeinschaft verpachtet, und ein weiterer Teil des Geländes steht für Permakultur-Experimente zur Verfügung.

Unter der Bezeichnung »Kulturküche« organisieren wir verschiedene kulturelle Veranstaltungen und Ausstellungen. Nach der Renovierung der großen Halle vor der Teilnahme an der EXPO 2000 besitzt dieser Raum heute eine hervorragende Akustik.

In diesem Jubiläumsjahr 2010 schauen wir noch wichtigen Ereignissen entgegen: Unser bereits viertes Sommercamp läuft vom 24. Juli bis 1. August, und als Höhepunkt des Jubiläumsjahrs gibt es am 18. September ein großes Fest, zu dem wir viele Gäste erwarten.

Mit unserem innovativen, auf einer traditionellen Lebensweise basierenden Lebensstil kann ich vertrauensvoll in die Zukunft blicken. Viele Aufgaben warten noch auf Erfüllung, aber oft übersteigt die Zahl der Ideen schlicht die Tatkraft der Mitbewohner. Mit solchen Ent-Täuschungen mussten wir umzugehen lernen.

Für meinen Geschmack könnte manches hier »gepflegter« sein, gemeinsam gefasste Beschlüsse sollten konsequenter von allen umgesetzt werden, der Gemeinschaftssinn könnte noch wachsen. Aber das gute Miteinander wiegt für mich alles auf. Und: »Der Lebensgarten« konnte lernen, dass »ältere Damen« hier durchaus auch am rechten Platz sind, wenn sie neben Begeisterung und Einsatzwillen auch Zeit für die Gemeinschaft mitbringen. Ich jedenfalls möchte diese Lebensweise nicht mehr missen und liebe den Lebensgarten in seiner ganzen Vielfalt mehr denn je!

Petra Völker (64), ehemalige Chefsekretärin eines großen Unternehmens in Wiesbaden, ist mit 50 Lebensjahren »ausgestiegen«. Ihr besonderes ­Inter­esse gilt der Psychologie und der Astrologie.

Zum Lebensgarten und verbundenen Projekten:
www.lebensgarten.de, www.monneta.org, www.gaiauniversity.de

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