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Narr, Heiliger, Unruhestifter?

von Matthias Fersterer , erschienen in 03/2010

Es gibt ein Leben nach dem Ladenschluss! Diese frohe Botschaft verkündet Reverend Billy in seinen wagemutigen Protestaktionen. Matthias Fersterer stellt den Aktivisten, Satiriker und Laienprediger vor.

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Seine Auftritte, angesiedelt zwischen ­Aktionskunst und öffentlicher Ruhestörung, treiben auf die Spitze, was schon Walter Benjamin wusste: Der Kapitalismus ist eine Kultreligion. Damit macht sich Reverend Billy nicht nur Freunde.

Ein Mann mit wasserstoffblonder Haartolle, die Elvis alle Ehre gemacht hätte, bahnt sich seinen Weg über den Times Square. Mit ihren hektisch blinkenden ­Leuchtreklamen gilt diese New Yorker Straßenkreuzung auch heute noch als Symbol für scheinbar grenzenlosen Konsum. Statt der papierenen Flüstertüte, die sonst sein ­Markenzeichen ist, schultert der blonde Mann im weißen Anzug ein Kruzifix, auf dem eine Micky-Maus-Puppe den Kreuzestod stirbt.

William Talen, genannt Reverend Billy, ist unterwegs zum Flagshipstore der Disney-Kette. Er will die Arbeitsbedingungen in fernöstlichen Sweatshops anprangern, wo Arbeiter für wenige Cent pro Stunde Kuscheltiere für westliche Kinderzimmer herstellen. Als Aktivist lebt er gefährlich: Mehr als fünfzig Mal wurde er bereits verhaftet. Doch diesmal gelingt der Drahtseilakt – er kann seine Botschaft unters Volk bringen, bevor er des Ladens verwiesen wird.

Konsum ist eine Religion
Wenn er sich in Rage redet, könnte man ihn tatsächlich für einen Erweckungsprediger vom Schlage Billy Grahams halten. Doch der Schein trügt. Der Pastorenkragen ist falsch, sein Engagement ist es nicht. Dieser Reverend will nicht missionieren, sondern aufrütteln. Im »Glaubensbekenntnis« seiner »Church of Life After Shopping« wirbt er für Regionalwirtschaft, Schenkökonomie und partizipative Demokratie. Zu den Mitgliedern seiner »Kirche« zählen Sängerin Joan Baez, Kultautor Kurt Vonnegut oder die Journalistin Amy Goodman.

Spätestens seit er 2009 für das Amt des New Yorker Bürgermeisters kandidierte und immerhin ein Prozent der Wählerstimmen erhielt, ist er eine lokale Berühmtheit. Und auch im Londoner East End, auf der Hamburger Reeperbahn, der Wiener Donauinsel oder im krisengebeutelten Island kennt man ihn inzwischen.

Dass er sich bei religiösem Jargon und christlicher Symbolik bedient, um die Dogmen des Kapitalismus, die Heilsversprechen der Werbewirtschaft und die Kommerzialisierung der Religion zu entlarven, ist nur konsequent: »Der mächtigste Glaube der Welt ist nicht Katholizismus, Islam oder Buddhismus, sondern die Konsumkultur. Sie gleicht einer organisierten Religion, und Disney ist ihre Hochkirche.«

Mahnprediger und Narr
Zu seiner Kunstfigur wurde er durch einen echten Prediger inspiriert. Bei der gemeinsamen Arbeit an einem Theaterprojekt habe ihm der episkopale Vikar Sidney Lanier die ursprüngliche Lehre Jesu und das massenwirksame Auftreten eines Predigers nahegebracht, erklärt er im Interview mit dem Filmemacher Dietmar Post, der in »Reverend Billy and the Church of Stop Shopping« einige seiner Aktionen eindrucksvoll im Stil des Direct Cinema dokumentierte.

Ob er sich manchmal lächerlich vorkommt? »Jede Bewegung gegen Imperialmächte, so auch gegen die multinationalen Einzelhandelsketten, beginnt mit Menschen, die sich zum Narren machen und aus innerem Drang heraus auf die Barrikaden gehen.« Als Narr aus Überzeugung vollführte er etwa Exorzismen an den Registrierkassen einer US-Kaffeehauskette, um die Geister der Ausbeutung auszutreiben, während sein bunt gewandeter Gospelchor sang: »I don’t take slavery in my coffee« – »Sklaverei kommt mir nicht in die Tasse«. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Imperium zurückschlägt: Starbucks belegte den Reverend mit dem Bannfluch des weltweiten Hausverbots, und der Einzelhandelsgigant WalMart boykottierte die DVD seines Films »What Would Jesus Buy?«

Die Erde warnt uns
Wenn er seine Zuschauer sichtlich in der Tiefe ihres Selbsts berührt, wisse er oft selbst nicht genau, ob seine Arbeit künstlerisch, politisch oder spirituell sei. Seinen persönlichen Glauben will er aber nicht näher benennen. Zumindest ist es nicht der seines calvinistisch geprägten Elternhauses. Die Prädestinationslehre, wonach Gott für jeden ein Leben in Wohlstand oder Armut vorherbestimmt hat, sei eine brutale gesellschaftliche Konditionierung und integraler Teil des herrschenden Wirtschaftsethos. In einem Interview mit ­realitysandwich.com legte er dann doch ein persönliches Glaubensbekenntnis ab: »Die Erde ist die einzige authentische Predigerin unserer Zeit. Ihre Botschaft ist eindeutig. Die Dürrekatastrophen, die schmelzenden Pole und der steigende Meeresspiegel machen deutlich: Wir, als Konsumenten, müssen unser Leben ändern.« Amen. Zu diesem Credo können sich auch religiös unmusikalische Zeitgenossen bekennen.

www.revbilly.com

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