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Produktive Freiheit

Welche Voraussetzungen hat eine Ökonomie der Verbundenheit?

von Hedwig Scharlipp , erschienen in 27/2014

Die kapitalistisch geprägte Gesellschaft behauptet, sich von überkommenen Bindungen befreit zu ­haben. Sollte sie stolz darauf sein?

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Ist Verbundenheit nur ein persönliches Thema? Laut Gerhard Scherhorn, einem Vordenker der Nachhaltigkeitsbewegung in Deutschland, lässt sich diese Frage klar beantworten: »Ein Ethos der Verantwortung für die Erde und die nächsten Generationen kann nur auf das Mitgefühl mit anderem Leben und auf die Einsicht in den Zusammenhang allen Lebens gegründet sein. Beide setzen ein Bewusstsein von der Einheit des Selbst und der Umwelt voraus«, glaubt er. Auch der amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin räumt der Verbundenheit eine gesamtgesellschaftliche Tragweite ein, wenn er in der Entwicklung der empathischen Fähigkeiten die entscheidende Chance sieht, den ökologischen Kollaps des Planeten abzuwenden.


Heute von der Verbundenheit allen Lebens zu sprechen, ist keine Selbstverständlichkeit, dominiert im öffentlichen Diskurs doch das Menschenbild des »Homo oeconomicus« – des egoistischen Individuums, das die Maximierung seines individuellen Nutzens anstrebt. Jeder Student der Wirtschaftswissenschaften lernt, dass durch das eigennützige Verhalten der Einzelnen ein Nutzen für die Gesellschaft entstehe: Jeder stehe mit jedem in Konkurrenz und werde dadurch zur Verbesserung seines Angebots und zur Senkung seiner Preise angetrieben. So entstünde ein Markt mit dem optimalen Angebot an Waren und Dienstleistungen, von dem wir alle profitierten. Die Schwächen und das Scheitern eines so verstandenen freien Markts sind – einige Jahre nach dem Höhepunkt der weltweiten Finanzkrise – nur an den Rändern der öffentlichen Debatte ein Thema. Das »eigennützige Individuum« ist so fest in den Köpfen verankert, dass es wie ein Filter wirkt, durch den wir die Wirklichkeit betrachten.
 

Europas Weg
Es liegt nahe, die Forderung nach einer nachhaltigen Entwicklung mit der Notwendigkeit eines tiefgreifenden kulturellen Wandels zu verknüpfen, im Zuge dessen das Menschenbild des Homo oeconomicus vom Sockel gehoben wird. Im philosophischen Diskurs sind dieser Wandel und seine möglichen positiven Folgen für die Gesellschaft und die Natur relativ leicht nachvollziehbar. Doch wie kann er sich im täglichen ­Leben verwirklichen? Dass im ­Selbstverständnis des freien Individuums das Potenzial für eine umfassende Verbundenheit liegt, scheint für mich persönlich deutlich spürbar – doch wie entfaltet es sich?
In der Vergangenheit war Verbundenheit als Zugehörigkeit zu einer Großfamilie, einer dörflichen oder religiösen Gemeinschaft erlebbar. Die gemeinsamen Traditionen und Werte sowie die gemeinschaftliche, auf Subsistenz gerichtete Arbeit gab den Beziehungen einen kohärenten Rahmen und Inhalt. Wie sich im Zug der Industriali­sierung die dörflichen Gemeinschaften und Großfamilien mit ihrer Einheit von Leben und Arbeiten aufgelöst haben, ist oft beschrieben worden. Mit der Einführung des Sozialstaats wurde der einzelne Mensch zudem unabhängig vom Wohlwollen der Familie, in die er hineingeboren worden war – und in der kapitalistischen Marktwirtschaft war es schließlich möglich, den Lebensunterhalt aufgrund unpersönlicher ökonomischer Austauschbeziehungen zu bestreiten, also die emotionalen Beziehungen von den wirtschaftlichen Notwendigkeiten zu trennen. Dieser äußeren Entwicklung entspricht der sich in der Aufklärung artikulierende Wille zu individueller Emanzipation von traditionellen Gemeinschaften. Zusammengehörigkeit wollen und können wir nicht mehr vor allem mit Blutsbanden oder wirtschaftlichen Notwendigkeiten begründen. Diese moderne Verfasstheit des Individuums eröffnet sowohl die Chance, Verbundenheit umfassender zu erfahren, als auch das Risiko, in weitgehender Isolierung zu enden.
 

Einseitige Freiheit
Als Individuen sind wir nur vermeintlich frei. Die Abhängigkeit von einer spezifischen Gemeinschaft wurde durch eine abstraktere Abhängigkeit von der staatlichen Fürsorge und den Entwicklungen des Arbeits- und des Kapitalmarkts ersetzt. Wir sind nicht mehr auf einzelne Personen existenziell angewiesen und können uns von jedem abwenden, mit dem uns ein gemeinsames Leben nicht mehr befriedigend erscheint. Desto stärker sind wir jedoch den genannten anonymen Instanzen ausgeliefert. Der Soziologe Richard Sennett beschreibt diese Entwicklungen eindrucksvoll. Er beobachtet die Entstehung eines »neuen Kapitalismus«, charakterisiert durch die zunehmende Kurzfristigkeit wirtschaftlicher und politischer Entscheidungen, Unternehmensfusionen und -umstrukturierungen, einen rasanten technischen Wandel, die omnipräsente digitale Technik und eine globale Vernetzung. Die zukünftigen Entwicklungen werden zunehmend »unlesbar«; es entstehen ein diffuses Gefühl permanenter Unsicherheit und der Zwang, jederzeit flexibel auf unerwartete und kaum mehr erklärbare Veränderungen zu reagieren. Wer nicht mobil und anpassungsfähig ist, droht zu der Gruppe jener Ausrangierten zu gehören, deren Fähigkeiten nicht mehr gebraucht werden, da sie durch die letzte Innovation irrelevant geworden sind. In der zunehmenden Automatisierung sieht Sennett die Tendenz, dass eine kleine Elite hochkomplexe Technik schaffe, die einfach zu bedienen, aber fast unmöglich zu durchschauen sei. Ihr stehe die große Masse derjenigen gegenüber, die zu reinen Anwendern der Automatisierungssoftware werden, ohne auch nur einen Bruchteil ihrer eigenen Fähigkeiten einzusetzen, geschweige denn, diese weiterzuentwickeln. Der moderne Mensch werde der Möglichkeit beraubt, aus seinem Leben eine zusammenhängende Erzählung zu machen: eine Erzählung, in der inneres Wachstum und sinngebende Erfahrungen möglich seien. Im neuen Kapitalismus bestehe das Risiko, durch den Zwang zur ständigen Mobilität in einer Art virtuellen Wirklichkeit losgelöst von konkreten Orten und Menschen zu leben. Diese stellten jedoch weiterhin die unerlässliche Basis für die Entwicklung von Verbundenheit dar.
Die große Errungenschaft der Moderne, die Freiheit des Individuums, ist auf fatale Weise einseitig als eine Wahlfreiheit zwischen den unendlichen Optionen, die der kapitalistische Markt bietet, verstanden worden. Wenn dieser Markt ein Verhalten fordert und fördert, das allein auf die Maximierung des individuellen Nutzens abzielt, wird menschliches Verhalten vorhersehbar und berechenbar – und dadurch für fremde Zwecke manipulierbar. Individueller Nutzen, verstanden als Lustgewinn aus materiellem Besitz, zieht zwangsläufig das ständige Streben nach immer höheren materiellen Lebensstandards nach sich – zur Freude der Konsumgüter­industrie.
 

Eine schöpferische Lebenshaltung
Die historisch neue Möglichkeit, das Leben an den eigenen Interessen auszurichten, birgt die Gefahr, zu vergessen, wo wir herkommen und wodurch wir das geworden sind, was wir sind: Es gehört heute zu den grundlegenden Erkenntnissen der Psychologie, dass die individuelle Persönlichkeit sich nur in Wechselwirkung mit anderen Menschen ausbildet, ja, dass es einer engen Bindung zu bestimmten Menschen bedarf, um grundlegende menschliche Fähigkeiten auszubilden. Der Philosoph Klaus Michael Meyer-Abich bringt diesen Zusammenhang auf den Punkt: »Denn es gehört zur menschlichen Natur, […] nur im Mitsein mit andern überhaupt ›von sich aus‹ denken und wahrnehmen zu können.«
Es ist herausfordernd, sich eine Gesellschaft vorzustellen, die dieser Erkenntnis folgt – auch in der Gestaltung ihrer Ökonomie. Soll die Freiheit des Individuums nicht zu Egoismus und Beziehungslosigkeit führen, sondern ganz im Gegensatz zu einem umfassenderen Verständnis von der Aufeinanderbezogenheit allen Lebens, muss sie als emotionale und geistige Freiheit verstanden werden. Eine solche Freiheit kann Menschen erlauben, gesellschaftliche Normen infragezustellen, etwa wie das heute bereits von Kindern geforderte Ideal, in der Leistungsgesellschaft möglichst »erfolgreich« funktionieren zu müssen.
Erich Fromm schreibt, dass es eine »schöpferische Lebenshaltung« sei, in der Menschen Freiheit gewönnen – Freiheit, die nicht gegeben sei, wenn sie von unbewussten Affekten getrieben würden und passiv erlitten, was ihnen geschehe. Die Verwirklichung einer solchen »produktiven Haltung« sei das Geben, denn im Geben brächten wir unseren inneren Reichtum zum Ausdruck und erführen uns in unserer vollen Lebendigkeit. Liebe bedeute, Verantwortung und Fürsorge für die geliebten Menschen übernehmen zu wollen – und zwar in dem Bemühen, sie nicht zu bevormunden und ihre Freiheit und Einzigartigkeit anzuerkennen.
Das Geben verbinden wir heute mit der Idee einer mildtätigen Handlung, nicht mit Ökonomie oder dem alltäglichen Leben. Eine gebende Lebenshaltung als Selbstverständlichkeit, als Ausdruck von Freiheit, die auf Beziehung gegründet ist – wie könnte das in der Praxis gelingen?
 

Achtsamkeit
Mir hilft als erster Schritt, mich selbst besser kennenzulernen. Durch bewusstes Atmen oder Gehen kann ich versuchen, meinen Körper von innen heraus wahrzunehmen, und mich bemühen, bei der reinen Wahrnehmung zu bleiben – im Gegensatz zu einer äußerlichen Wahrnehmung meiner selbst im Spiegel, die an Bewertungen und Urteile gekoppelt ist. Spüre ich meinen Körper, wie er lebt und sich verändert, ist die Basis für Achtsamkeit gegenüber meinen Gefühlen und Gedanken gelegt, da diese sich im Körper manifestieren.
Durch Stress oder Ärger wird der Atem flach und gepresst. Wie lassen sich dabei Gefühle und Gedanken wahrnehmen, ohne sie zu bewerten? Eine solche Übung führt weg von dem weit verbreiteten Anspruch, alles nach Kriterien der Effizenz und des Erfolgs bewerten zu müssen. Gefühle und Gedanken, die im eigenen Inneren auftauchen, wertungsfrei zu beobachten, ist ein Akt der Freiheit. Indem ich sie sein lasse, wie sie sind, lerne ich sie überhaupt erst kennen. Sicherlich ist es wichtig, destruktive Gedanken als solche zu erkennen, aber zunächst geht es darum, ihre Ursache und Existenz zu akzeptieren. Dadurch gewinne ich Abstand zu ihnen und bin nicht mehr in mich selbst verstrickt. Das scheint mir gelebte innere Freiheit zu sein: Wir hören auf, uns selbst ein Rätsel zu sein, und sind unseren Emotionen und Gedankengängen nicht mehr ausgeliefert, als handele es sich um Naturgewalten.
Praktizierte Achtsamkeit bleibt nicht bei der Introspektion stehen. Die unvoreingenommene, wertfreie Wahrnehmung dessen, was in anderen Menschen vorgeht oder zwischen mir und einem anderen entsteht, ist die Basis für tiefes zwischenmenschliches Verständnis. Dadurch, dass ich diese Wahrnehmung zulasse und nicht durch voreilige Bewertungen verzerre, erkenne ich die Essenz der Dinge und der Lebewesen um mich herum und finde zu ihnen. Ich stülpe ihnen nicht meine Absichten und Motive über, sondern lasse sie in mein Bewusstsein eintreten. Auf diese Weise finden reiche, lebendige Begegnungen statt.
 

Öffnung
Die so erfahrene Verbundenheit reicht in ihrer Tiefe und Lebendigkeit weit über jene hinaus, die in rein gewohnheitsmäßigem Zusammensein oder äußerlichen Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen erfahren werden kann. Sie ist nicht auf einen bestimmten Personenkreis, ja, noch nicht einmal auf Menschen begrenzt! Allen Wesen und Dingen, die ich bewusst wahrnehmen kann, gebe ich Raum in meinem Inneren. Ich nehme dadurch Anteil an ihnen und komme nicht umhin, ihre Bedürfnisse in meinem Handeln zu berücksichtigen. Meyer-Abich schreibt, dass sich aus solchen Erfahrungen der Verbundenheit die ethische Aufgabe ergebe, jedes Lebewesen seiner Natur gemäß zu achten und Dankbarkeit dafür zu entwickeln, dass es mein Leben ermögliche. Aus dieser Dankbarkeit folge die Bereitschaft, meinen eigenen Beitrag zum Wohl anderer Menschen und der Natur zu leisten.
Die Wahrnehmung schonungslos für die Realität zu öffnen, ist unter Umständen schmerzhaft, doch die mit der gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit wachsende innere Freiheit ermächtigt mich, dem Leben gegenüber eine produktive Haltung einzunehmen. So gelingt es, das, was ich für richtig halte, nicht nur gedanklich nachzuvollziehen, sondern mit meinem ganzen Wesen zu spüren und Freiräume für Eigeninitiative zu finden und zu nutzen. Diese Kraft gibt vielleicht den Mut, eine Ökonomie der Verbundenheit zu verwirklichen. •


Hedwig Scharlipp (26) hat Wirtschaft, Kunst und Philosophie studiert und absolviert derzeit das Traineeprogramm »Ökolandbau«.

Verwendete Literatur:
Klaus Michael Meyer-Abich: Praktische Naturphilosophie. ­Erinnerung an einen vergessenen Traum. Beck, 1997 • Erich Fromm: Die Kunst des Liebens. Ullstein, 1989 • Gerhard Scherhorn: Autonomie und Empathie. Die Bedeutung der ­Freiheit für das verantwortliche Handeln. In: Bernd Biervert, Martin Held (Hrsg.): Das Menschenbild der ökonomischen ­Theorie. Campus, 1991 • Richard Sennett: Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin, 1998

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