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Ent-Bindung und Gemeinschaft

Im »Geburtskreis am Bodensee« wagen Frauen, das zu tun, was sie rund um eine Geburt als richtig empfinden.

von Xenia Richard , erschienen in 27/2014

Geschichten über Einsamkeit und Überforderung im Wochenbett können viele Mütter erzählen. Ein Kreis von Frauen am Bodensee schreibt eine andere Geschichte.

Bild

 

Acht Frauen und zwei Mädchen sitzen am Boden im Kreis, eine von ihnen ist hochschwanger. Die Frau links neben der Schwangeren hält eine Schnur in ihrer rechten Hand und in ihrer linken eine Perle aus Holz. Sie hält kurz inne und spricht einen Wunsch für das Kind und die Gebärende aus, während sie die Perle auffädelt. Danach gibt sie die Schnur weiter. Die Frau neben ihr hat schon eine Perle in ihrer Hand, hält ebenfalls inne und spricht einen weiteren Wunsch. So geht es im Kreis weiter und weiter, und eine Geburtskette entsteht. Sie soll die Gebärende während und nach der Geburt an diesen Kreis erinnern.
Die Frauen verbinden zum Teil langjährige Freundschaften, aber auch aktuelle Begegnungen. Alles fing damit an, dass Monate zuvor vier junge Frauen zusammensaßen und feststellten, dass sie sich eine Initiation ins Frausein wünschen, einen Platz für die Feier der Übergänge im Frauenleben. Sie erkannten, dass so etwas nicht eine alleine »machen«, sondern dass es nur aus einem Netz verbundener Menschen lebendig entstehen kann. Als dann eine von ihnen unerwartet schwanger wurde, war allen klar: »Wann, wenn nicht jetzt?« Ein Termin wurde gefunden, und die Frauen reisten aus Nah und Fern an, um den festlichen Übergang zu gestalten.
Die Schwangere ging allein hinaus, wie früher im Märchen, und holte sich für Stunden Rat von »Mutter Natur«. Sie wurde feierlich vom Kreis empfangen, gehört und gewürdigt als Mutter.
Seit diesem Ritual wob sich das Netz der Frauen angesichts des wachsenden Bauchs dichter. Jetzt sitzen sie in der Zeit vor der Geburt wieder zusammen.
 

Eine zarte Zeit
Manchmal wird im Kreis der Frauen und ihrer Töchter gelacht, ein andermal fließen Tränen. Die Gesichter spiegeln innere Bewegung. Ab und zu beginnt eine Frau zu erzählen: Erinnerungen aus der Zeit, in der sie selbst geboren hat; Erfahrungen, die sie im Kontakt mit Gebärenden und neugeborenen Kindern machte. Die Kette wird weitergereicht und wächst.
Im Wunschkreis wird es still. Jede sinkt in eigene Innenwelten. Auch Trauer braucht ihren Raum. Eine Mutter erinnert sich an das eigene Sehnen nach einem solchen Frauenkreis bei der Geburt ihres Kindes. Sie muss daran denken, wie viel inneres und äußeres Alleinsein sie damals rund um die unbeschreibliche Erfahrung der Geburt und besonders in der Zeit danach erlebte. In dieser Phase am Lebensbeginn sind Langsamkeit und feines Spüren wichtig. Die Alltagswelt tickt für eine Wöchnerin in einem viel zu hohen Tempo, und die »normale« Art, auf Dinge zu schauen, erscheint oft völlig skurril. Da ist es heilsam, wenn andere staunend mit ihr sind und sich von diesem besonderen Zustand beschenken lassen. So können alle gemeinsam lernen, denn es ist das Wissen über das Leben, das sich neu gebiert. Nicht verstanden zu werden oder gar in der eigenen Wahrnehmung angezweifelt zu werden, ist in diesem – dem Lebenskern so nahen – Zustand extrem schmerzhaft; noch mehr, wenn sich die werdende Mutter ganz zart neue Wege bahnt und diese auch noch verteidigen muss, obwohl eine Geburt überhaupt kein Platz für Verteidigung und Kampf ist. Vielmehr öffnet sie einen Raum zum Lauschen und Spüren, der behutsam eine Atmosphäre von Vertrauen und Innigkeit schafft, die mit dem Kind gelebt werden kann. In diesem Raum braucht die Frau all ihre Kraft, um ihrer Intuition zu vertrauen und die Grenzen des bisherigen Lebens zu überschreiten. Wenn ihr dann von außen mit »gutem Willen« überkommene Werte und Normvorstellungen aufgedrückt werden, die solch ein neues, zartes Leben nicht verstehen, verletzt das. Der Schmerz, der entsteht, ist immens, und es ist wichtig, ihn ernstzunehmen. Denn in diesen verstörenden Momenten, in denen die Verbundenheit und Bezogenheit von Mutter und Kind unterbrochen werden, entstehen Traumata. Das neue Leben wird nicht beantwortet. Aber genau darum geht es jetzt …
Eine Frau im Kreis der Perlenkette erzählt: »Ich wollte diese Trauer wegdrücken, bis mich eine Ältere lehrte, dass jede Entwicklung von etwas Neuem den Mut erfordert, das Fehlende zu betrauern, weil so erst der Raum für Veränderung entstehen kann.« Hier, im geschützten Kreis, hat sie dieser Trauer Raum gegeben, in die Wunde geschaut und ihre Wurzeln gesehen. Sie hat den Mangel benannt und ist aus der Opferrolle herausgetreten, so dass sich das Leben wieder weiter und freudig entfalten kann.
 

So ist es stimmig
Ebenso wie Erinnerungen steigen auch Zukunftsbilder auf. Wird eines ausgesprochen, nicken die anderen – beinahe greifbar stehen sie im Raum. Eine sieht eine Mutter mit ihrem Neugeborenen vor sich, die voller Freude das Stillen entdeckt und staunend das neue Wesen kennenlernt; wie sie von ihr nahen Menschen versorgt wird – und daraus Freiraum ensteht für den Vater, nach neun Monaten der Außensicht endlich mit seinem Kind Kontakt aufnehmen zu können, anstatt zu kochen und zu putzen. Die Frauen unterschiedlichen Alters staunen, welch ein Feld von Wissen in ihrem Kreis entsteht. »Ich habe das Gefühl, dass wir jetzt so zusammen sind, wie Frauen vor Urzeiten zusammengesessen haben«, sagt eine im Kreis. Eine andere ergänzt: »… und zukünftig zusammensitzen werden«. Das fühlt sich richtig an.
Die hochschwangere Frau greift nach einer Perle. Die werdende Kette in der Hand, erzählt sie von ihren Erwartungen und Ängsten rund um die Geburt, bis sie selbst einen Wunsch findet. Die Kette geht weiter. Nun halten sie die Töchter in ihren Händen, wählen die Perlen und sprechen für das Kind Wünsche aus. Dann wird die Schnur zusammengeknotet. Eine wunderschöne Geburtskette aus bunten Kugeln verschiedenster Herkunft wird mit leuchtenden Gesichtern der werdenden Mutter übergeben.
Jetzt holt eine ein langes, rotes Band hervor. Die Frauen und Mädchen wickeln sich den Faden um eines ihrer Hand- oder Fußgelenke und müssen lachen, wenn sie sich dabei verheddern. Jede durchtrennt das Band und knotet sich daraus ein Arm- oder Fußbändchen. Dieser Schmuck wird alle in den nächsten Wochen verbinden. Jede soll bei Beginn der Geburt dort, wo sie gerade ist, das Bändchen als Zeichen für die »Ent‑Bindung«, die zwischen Mutter und Kind geschieht, lösen – ein einfaches Ritual, das über die kommenden Wochen und in der Zeit der Geburt wirken wird. Als alle ihre Bändchen geknotet haben, nehmen sie die Schwangere in ihre Mitte und singen. Wieder breitet sich das Gefühl aus, dass es sich genau so gehört, wie sie es gerade tun.
 

Wer hilft wann?
Nach der Feier wird geplant. Eine der Frauen erklärt sich bereit, alle zu informieren, wenn die Geburt beginnt. Anders als zu Urzeiten soll am Tag der Geburt eine »Doodle-Liste« angelegt werden, in der sich alle für die Aufgaben rund ums Wochenbett eintragen. So wird geklärt, wann welche Frau gekochtes Essen bringen, im Haushalt helfen, einkaufen oder das tun wird, was gerade getan werden muss. Zwei verabreden sich, eine Geburtssuppe zu kochen, wie es in vielen Kulturen Praxis ist. Eine der Frauen wird dabei helfen, zu entscheiden, welcher Besuch am Wochenbett guttut und welcher zuviel wird.
Während alle nach dem Perlenketten-Kreis essen, trinken und erzählen, bemalen die beiden Mädchen der Schwangeren den Bauch. Geschichten zum Stillen sprudeln, Tipps zu Trage-Techniken. Ob Babys überhaupt Windeln brauchen?
Als die Frauen mit den Mädchen am Abend schließlich aufbrechen und unten vor dem Haus noch einmal zusammenstehen, drückt eine aus, was alle fühlen. Sie sagt, dass sie mehr und mehr begreife, warum es so wichtig sei, an den großen Lebensschwellen wie Geburt und Tod fürein­ander dazusein, damit sich das Potenzial dieser Übergänge entfalten könne. Beides braucht selbstverständlich Gemeinschaft! Sie sagt, dass in der Begleitung des Gebärens und des Sterbens in jedem selber etwas sterbe und neu geboren werde. Dann gehen und fahren sie ihrer Wege.
Inzwischen ist ­Clarissa geboren …
… und zwei weitere Frauen aus dem Kreis erwarten Kinder. •


Xenia Richard (47), Mutter einer Tochter und Visions­suche-Leiterin, engagiert sich als Netzwerkerin rund um die Schwellen des weiblichen Lebens.

Weitere Kreise ziehen:
Der »Geburtskreis am Bodensee« ist mit den Kreisen von »wirundjetzt« und »circlewise« verbunden:
www.wirundjetzt.org
www.verbindungskultur.org