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»Geht nicht« gibt’s nicht!

Farah Lenser sprach mit Raúl Aguayo-Krauthausen, dem Mitgründer des Vereins »Sozialhelden« und Autor des Buchs »Dachdecker wollte ich eh nicht werden«.

von Farah Lenser , Raúl Aguayo-Krauthausen , erschienen in 27/2014

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Raúl, in Ihrem Buch habe ich die Geschichte vom Bewerbungsverfahren an der »HPI-School of Design Thinking« in Potsdam gefunden, wo Sie mit einigen anderen Bewerbern im Team eine Aufgabe lösen sollten. Sie waren von Skrupeln darüber geplagt, Ihre Gruppe könnte bei der geplanten Exkursion durch Ihre eingeschränkte Beweglichkeit im Rollstuhl scheitern. Am Ende stellten Sie genau das Gegenteil fest.

Das ist eben meine Perspektive auf mein Leben: Meine Behinderung ist nicht nur ein Nachteil, sondern ermöglicht auch andere Einblicke und Perspektiven. Ich möchte das nicht verallgemeinern und generalisieren; es ist immer auch eine Frage des Annehmens der eigenen Behinderung – und ob das gelingt, hängt stark vom Umfeld ab. Ist man offen für die Erkenntnis, dass Behinderung einen Perspektivwechsel eröffnen kann oder überwiegt das Gefühl, gegen Mauern zu rennen? Ich hatte in diesem speziellen Moment das Glück, dass wir alle mit offenen Poren und Augen unterwegs waren und die Herausforderung als Bereicherung em­pfanden – nicht als Ablenkung oder Last.

In dieser Situation haben also angehende Wissenschaftler auf Kooperation gesetzt und nicht versucht, durch Konkurrenzverhalten einen begehrten Studienplatz zu erobern. Zeigt das nicht das »(r)evolutionäre Potenzial einer Kultur der Verbundenheit«, dem wir in dieser Ausgabe von Oya auf der Spur sind?

Ich hadere ein wenig mit der Eine-Welt-Idee oder mit einer Vision wie: »Alle Pro­bleme wären gelöst, wenn es kein Geld gäbe; der Kapitalismus ist an allem schuld.« Das stimmt zwar, aber das Ziel ist so weit weg, dass es schwerfällt, es auf die Frage herunterzubrechen: »Was kann ich dafür tun?« Deswegen tue ich mich schwer mit Aussagen dazu, wie »revolutionär« oder »evolutionär« etwas wirken könne. Wandel geschieht langsam und in Generationen, so dass es ein Individuum in seinem Leben kaum wahrnimmt. Der Umgang mit Behinderung hat sich sicherlich in unserer Gesellschaft in den letzten 50 Jahren verändert, aber aus der Sicht eines Einzelnen immer noch viel zu wenig. Insofern ist die Frage wichtig: »Was kann ich tun?«
Inklusion ist ein beiderseitiger Prozess der Bewältigung und Annahme menschlicher Vielfalt. Das schließt jeden von uns ein, auch Betroffene. Betroffene müssen lernen, dass es Nicht-Behinderte gibt, die Berührungsängste haben, und nicht-behinderte Menschen müssen lernen, wie man mit Behinderten umgeht. Das sollte über Lippenbekenntnisse hinausgehen. Nicht nur: »Ich hab’ ja nix dagegen«, sondern: »Kann ich mir vorstellen, dass mein Mitbewohner, mein Klassenkamerad oder Arbeitskollege eine Behinderung hat?« Daran entscheidet sich, ob sich das Zusammenleben revolutio­när ändert, oder ob alles nur reines Wunschdenken ist.

Sie haben mit dem Verein »Sozialhelden« auch das Projekt »Leidmedien.de« angestoßen, wo Journalisten Tipps bekommen, wie eine adäquate Berichterstattung aus­sehen könnte. Dort habe ich gelernt, dass die beliebte Formulierung »an den Rollstuhl gefesselt« eben nicht ausdrückt, dass der Rollstuhl für Sie ein Freiheitsgrad ist.

Richtig – oder dass Formulierungen wie: »Trotz seiner Behinderung meistert XY tapfer sein Schicksal« fehl am Platz sind.

Solch ein Satz liegt vielleicht einigen auf der Zunge, wenn sie Ihren Lebenslauf lesen. Ihnen wurde das Bundesverdienstkreuz verliehen, Sie haben zahlreiche Preise für Ihr vielfältiges soziales Engagement bekommen; mit siebzehn waren Sie schon Radiomoderator und haben mit Roger Willemsen eine große Benefiz-Gala moderiert.

Schade eigentlich, dass das immer noch als Widerspruch gilt. Ich wünsche allen, dass sie die Möglichkeit bekommen, zu tun, was sie möchten – egal, ob sie sehen, hören, gehen können oder so sind wie ich.

Sie sind in Lima geboren, Ihr Vater stammt aus Peru. Welche Rollen haben Ihre Eltern in Ihrem Werdegang gespielt?

Meine Eltern waren und sind bis heute diejenigen, die immer hinter mir stehen. Sie haben auch stets der Realität ins Auge geblickt, während ich naive Vorstellungen von meinem Leben hatte. »Mag sein, dass du gerne Pilot werden möchtest, aber vielleicht klappt das ja nicht aufgrund deiner Behinderung.« Ich kann mich auch an ein Gespräch mit meiner Mutter erinnern, in dem ich ihr erklärte, dass ich keinen Sinn mehr darin sähe, weiter zur Schule zu gehen. Damals war ich in der neunten Klasse, und meine Mutter sagte: »Du musst kein Abitur machen, aber Dachdecker kannst du auch nicht werden.« Dieser Pragmatismus, den mir meine Eltern immer vorgelebt haben, hat mir sehr gutgetan und auch das Umfeld stark geprägt. Ich war immer überall dabei. Da hieß es nie: »Das geht jetzt nicht wegen Raúl.« Meine Glasknochen brechen natürlich sehr leicht, da kann man entweder gleich ins Krankenhaus rennen oder einfach einen Verband anlegen. Meine Mutter ist Ärztin – diese Berufswahl war für sie auch eine pragmatische Wahl –, so konnte sie Brüche zu Hause verbinden. Es hieß immer: »Wie geht es weiter, wie gehen wir mit der neuen Situation um?« Da entsteht ein Lerneffekt aus der Erfahrung, dass nach zwei Wochen sowieso alles wieder vergessen ist.

Aufgewachsen sind Sie in Berlin. War hier ein besonders förderliches Klima für Menschen mit Behinderungen?

Ja, unbedingt. Wir sind in den 1980er Jahren nach West-Berlin gekommen, und die Stadt war schon immer eine Insel innerhalb Deutschlands. Hier lebten zum Beispiel viele Kriegsdienstverweigerer, denn in West-Berlin gab es keine Wehrpflicht. Das hat schon eine gewisse Ansammlung von Leuten mit einer politischen Linksorientierung angezogen. Es gab viele integrative Projekte und Initiativen; ich besuchte einen integrativen Kindergarten und eine der ersten integrativen Grundschulen.

In einem Video habe ich Sie als Teenager in den damals üblichen bunten, engen Hosen in Ihrem Elektrorollstuhl durch Berlin düsen sehen, während Leute Ihnen mit offenem Mund hinterherstarrten. Sie kommentierten das damals mit: »Mund zu, Herz wird kalt.« Wie sind Sie mit der Situation des Angestarrtwerdens umgegangen?

Ich kann da nicht sagen: Schritt eins, zwei und drei. Bei mir ist es wie bei anderen Menschen: Ich gewöhne mich an Dinge. Ich blende es einfach aus. Es gibt unterschiedliche Wege, damit umzugehen. Der eine ist, zu sagen: »Ich verändere die Welt.« Das ist ein großes, hehres Ziel. Ich kann resignieren oder lernen, damit zu leben, und ich habe es akzeptiert, auch wenn ich es nicht gut finde. Es ist nicht so, dass ich jeden Morgen weinend wach werde und weinend ins Bett gehe und mich nicht aus dem Haus traue. Es ist eben so.

Sie kämpfen aber auch für gesellschaftliche Veränderung.

Wenn die Leute einen angucken, kann man es auch nutzen. Das war mein Lerneffekt. Ich konnte diese Blicke nutzen, um auf etwas hinzuweisen. Das kann transformierend sein. Es gibt einen Unterschied, ob man die Leute beleidigt oder ertappt – was immer negative Gefühle erzeugt –, oder ob man charmant versucht, sie von seiner eigenen Sicht zu überzeugen. Das ist der Schlüssel, den ich gefunden habe. Freilich ist es nicht immer leicht, den Erklär-Bär zu machen und Verständnis zu zeigen; manchmal habe auch ich schlechte Laune.

Bekannt geworden sind Sie auch durch das Projekt »Wheelmap«, eine Internetseite, die Orte auflistet, wo man sich als Behinderter im Rollstuhl bewegen kann.

Im Verein Sozialhelden war uns aufgefallen, dass es keine wirklichen Verzeichnisse gab, um herauszufinden: »Wo kann ich als rollstuhlfahrender Mensch in meiner Umgebung ins Kino gehen oder einen Kaffee trinken?« Die Plattformen, die existierten, waren immer von oben herab entwickelt worden. Es gab einen Verantwortlichen, der versucht hat, das irgendwie systematisch zu kartografieren. Das führte dazu, dass alle Apotheken am Ku-Damm erfasst waren, aber wenn ich am Ku-Damm bin, brauche ich nur eine Apotheke und nicht alle, und wenn ich in Kreuzberg bin, habe ich nichts davon. Wir haben gesagt, wir müssen das umdrehen, den Betroffenen die Möglichkeit geben, ihre Nachbarschaft nach ihren eigenen Kriterien zu bewerten. Das macht auch den Erfolg von Wheelmap aus, dass wir den betroffenen Menschen eine Stimme gegeben haben. Heutzutage können Menschen mit Behinderung viel selbstbestimmter auftreten, auch durch die moderne Technik. Es gibt diverse Internet-Projekte, wo nicht mehr über uns als Menschen mit Behinderungen gesprochen wird, sondern mit uns.

Das betrifft sicherlich auch die Entwicklung und das Design von technischen Hilfsmitteln.

Dazu kann ich eine Anekdote erzählen: Seit 20 Jahren fahre ich einen elektrischen Rollstuhl und habe überlegt, wie ich mein Mobiltelefon am Akku des Rollstuhls aufladen könnte. Im Orthopädiefachhaus hieß es selbstverständlich: »Das geht nicht.« –­
»Dann hätte ich gerne einen Zigarettenanzünder.« Das war kein Problem, und sie haben sie mir einen Zigarettenanzünder an meinen Rollstuhl gebaut. Beim Elektrofachhändler bekam ich für neun Euro einen Auto­adapter für einen Zigarettenanzünder mit USB-Stecker – und kann nun mein Telefon laden.
Oft fehlt die Bereitschaft, einen Schritt weiter zu denken. Da sind diese mentalen Barrieren: »Geht nicht, weil …«, anstatt zu fragen: »Geht das nicht trotzdem?« Genau da fängt Innovation an – oder auch Revolution, um bei dem großen Wort zu bleiben. Wenn ich immer sage: »Geht nicht, weil …«, gibt es keinen Fortschritt.

Eines Ihrer Vortragsthemen zu barrierefreien Projekten heißt: Weiterentwicklung der sozialen Netze – ohne Zeit, ohne Geld, ohne Ahnung. Wie funktioniert das?

Als wir uns in unserem Verein mit dem Begriff »Helden« beschäftigten, habe ich diese Definition gefunden: »Helden widerstehen der Versuchung, ihre eigene Tatenlosigkeit zu rechtfertigen.« Manche sagen: Ich habe keine Zeit, ich habe kein Geld, ich habe keine Ahnung. Aber Geldmangel macht oft kreativ, und keine Ahnung zu haben, birgt das Potenzial, dass man sich in das Thema hineinarbeitet und auf ganz andere Ideen kommt als die Leute, die damit schon ewig unterwegs sind. Keine Zeit zu haben, lässt sich am einfachsten lösen, indem man Prio­ritäten setzt. Ein anderer Weg ist, sich mit Leuten zusammenzutun, die Zeit haben. Nur die Dinge zu realisieren, die wir gerne machen, und die andere Arbeit von Leuten übernehmen zu lassen, die eben diese gerne tun – das ist der Gedanke des Netzwerks.

Womit wir wieder beim Thema »Verbundenheit« angekommen sind – im Sinn des Netzwerks und der gegenseitigen Unterstützung. Lieber Raúl, ich danke sehr für das spannende Gespräch! •


Raúl Aguayo-Krauthausen (34) studierte ­Gesellschafts- und ­Wirtschaftskommunikation und Design Thinking. Er gründete 2004 den ­gemeinnützigen Verein »Sozialhelden«.

Farah Lenser (61) studierte Sozialwissen­schaften und ist unterwegs als Journalistin, ­Moderatorin und Coach. www.farah-lenser.de

Den Sozialhelden näher kennenlernen?
Internet
www.raul.de
www.sozialhelden.de
www.wheelmap.org/de
Literatur
Raúl Aguayo-Krauthausen: Dachdecker wollte ich eh nicht werden. Das Leben aus der Rollstuhlperspektive. Rororo, 2014

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