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Transformieren statt reparieren

Oya-Chefredakteurin Lara Mallien sprach mit ­Alexandra Schwarz-Schilling und Heike Pourian über das Spannungsfeld zwischen Verschmelzung und Identität.

von Alexandra Schwarz-Schilling , Heike Pourian , Lara Mallien , erschienen in 27/2014

Lara Mallien Gerne möchte ich mit euch das Feld zwischen den beiden Polen erkunden, zwischen denen Verbundenheit schwingt. Auf der einen Seite ist da die Sehnsucht nach einem Verschmelzen mit der Welt, auf der anderen das Gefühl für die eigene Identität. In eurer Arbeit bewegt ihr euch ja beständig in diesem Feld.
 

Alexandra Schwarz-Schilling Dieses Spannungsfeld ist für mich persönlich sehr präsent, weil ich im Coaching Menschen darin unterstütze, ihre Einzigartigkeit zu entfalten, während es in meinem derzeit wichtigsten Projekt, dem Aufbau der Gemeinschaft »Living Gaia« in Brasilien, insbesondere darum geht, Verbundenheit erfahrbar zu machen – vor allem die Verbundenheit mit der Erde. Gerade war ich eine Woche allein dort, und da kam mir ein Bild, wie alle Lebewesen im Erdkern miteinander verschmolzen sind – dass wir uns sozusagen von innen nach außen ausdifferenzieren. Dieses Bild hat mich sehr inspiriert.
 

Heike Pourian Die Sehnsucht, zu verschmelzen, erlebe ich immer wieder in der Kontaktimprovisation. Diese Spielart des zeitgenössischen Tanzes basiert auf dem wandernden Kontaktpunkt zwischen den Tanzenden. Sie ist seit den 1970er Jahren zu einer weltweiten Bewegung geworden. Das Improvisieren nimmt die Stelle der sonst vom Choreographen verordneten Schrittfolgen ein.
In dieser Praxis erfahre ich, wie sehr sich die Menschen freuen, einander berühren zu dürfen. Manchmal wollen sie sich schier auflösen. Aber dann ist keine Begegnung mehr möglich, denn Begegnung setzt Grenzen voraus; meine Grenze stellt die mögliche Kontaktfläche zu dir dar – als formloses Etwas kann ich kaum in Beziehung treten. Wir arbeiten viel mit dem Prinzip des Zueinander-Lehnens: Dann ist es nicht mehr so, dass dein Gewicht durch deine Beine in die Erde geht und mein Gewicht durch meine, sondern wir haben einen geteilten Schwerpunkt. So wird körperlich erfahrbar, dass Verbindung eine klare Selbstdefinition braucht – und auch die Wahrnehmung davon, wo ich anfange oder aufhöre.
 

AS Bei Beziehungsthemen bewegen wir uns auch in diesem Spannungsfeld zwischen Gemeinsamkeit, Zugehörigkeit und Selbstentfaltung. Das sind Grundbedürfnisse, die wir erleben möchten – in Beziehung zu sein und gleichzeitig sich selbst entfalten zu können.
 

HP Wir werden in unserem Bildungssystem ja kaum ermutigt, uns mit unseren sehr eigenen Bedürfnissen und dem eigenen Sein der Welt zuzumuten. Wenn ich mich nicht traue, mit mir selbst in Verbindung zu sein, fehlt meinen Beziehungen eine Grundlage. Vor ein paar Tagen habe ich eine Stunde zum Thema »sich zumuten« unterrichtet: Eine Person steht im Raum und ich springe sie an, will mit meiner Mitte direkt die Mittelachse der anderen treffen – mit voller Wucht. Die meisten Springenden nehmen sich kurz vor dem Aufprall zurück und verhindern die pure Begegnung. In den Pioniertagen der Kontaktimprovisation ging es genau um diese Frage: Was passiert, wenn sich zwei Körper begegnen? Wir versuchen, die Newtonschen Gesetze körperlich zu begreifen: Wie fühlt es sich an, der Apfel zu sein?
 

LM Wie konnten die Springenden den Mut fassen, den anderen ihre ganze Wucht und Kraft zuzumuten?
 

HP Wir haben auf ganz verschiedenen Ebenen Übungsräume geschaffen, in denen erlebbar wird, wo ich mich zurückhalte, wo ich höflich bin, wo ich versuche, die anderen zu schonen. Zum Beispiel legen sich jeweils zwei aufeinander, und die obere Person beobachtet, ob sie durch erhöhten Muskeltonus der unteren Person Gewicht vorenthält, oder ob es möglich ist, alles loszulassen.
 

LM Menschen machen in solchen herausgehobenen Situationen prägende Erfahrungen – und danach haben sie wieder Energie, in dieser verrückten Gesellschaft ihre Rollen zu spielen. Ich frage mich oft, wie so ein Erlebnis wirklich transformativ wirken kann und nicht Teil eines Reparatursystems für eine Kultur bleiben muss, die immer wieder Trennung und Verletzung multipliziert.
 

AS Ich denke, das ist eine Frage der Haltung. Auch im Coaching gibt es Reparaturbetriebe, aber mir geht es darum, den »ganzen Menschen« zu unterstützen – dass du mehr und mehr lernst, mit dir selbst in Kontakt zu kommen. Das führt letztlich dazu, dass du immer weniger bereit bist, Kompromisse zu machen und in den gesellschaftlichen Tretmühlen mitzuspielen. Ich habe viele Menschen durch ein Coaching in die Selbständigkeit begleitet. Selbstverständlich retten die jetzt nicht die Welt, aber sie gehen nicht in die Mühlen zurück – ein wichtiger Zwischenschritt! Wenn Menschen beginnen, ihren Tanz zu tanzen, passen sie nicht mehr in formale Abläufe.
 

HP Auf keinen Fall will ich Wellness-Oasen schaffen, sondern im Gegenteil das Bewusstsein schärfen für die gesellschaftliche Dimension und das politische Potenzial dessen, was wir tun. Die sinnliche Erfahrung im Tanzraum ist wichtig, genügt mir aber nicht. Ich möchte, dass wir den Mut aufbringen, uns ernsthaft zu fragen, wie unsere Welt aussähe, wenn wir das körperlich Erlebte übertragen würden – etwa die Gleichzeitigkeit von Geben und Nehmen. Dann erkennen wir, dass eine der Grundannahmen unseres ökonomischen Denkens – »mehr für dich« ist immer »weniger für mich« – nicht stimmt. Das kann ich als körperliche Wahrheit erfahren. Auf dieser Grundlage können wir Ökonomie völlig neu denken.
Deshalb haben meine Kurse keinen festen Preis mehr. Du kannst für null Euro teilnehmen, und ich vertraue darauf, dass alle ihrer Wertschätzung individuell Ausdruck verleihen. Letztlich ist es entspannter, und ich verdiene sogar mehr als vorher. Dabei lerne ich, auf den Fluss von Geben und Nehmen zu vertrauen.
 

AS Für meine Arbeit ist es wichtig, einen Raum des Vertrauens zu schaffen, weil in einem Coaching-Prozess so vieles transformiert wird. Dafür ist ein intimer Raum sehr wichtig, denn darin findet auch harte Arbeit für alle Beteiligten statt. Menschen erfahren ­darin, dass es sich lohnt, sich mitzuteilen, sich wirklich zu zeigen, dass ganz andere Erfahrungen möglich sind, als bisher gewohnt. Davon möchten alle mehr, und ganz oft schaffen Teilnehmer im Anschluss ihre eigenen Räume, wo Begegnungen mit anderen auf tiefere Art als bisher möglich werden. Meine Erfahrung ist: Wenn Menschen in eine Transformationsarbeit gehen, kommen sie immer an den Punkt, an dem sie überlegen, wie sie in ihrem Umfeld etwas Sinnvolles zu dieser Welt beitragen können. – Das führt tatsächlich weg von der Art und Weise, wie das konventionelle gesellschaftliche System funktioniert; das ist ein interessanter Gedanke, den ich mir bisher so nicht klargemacht habe.
 

LM Ja, es passiert wie von selbst: Je mehr ich in die eigene Mitte komme, desto größer wird der Wunsch, meine Gestaltungskraft ­positiv einzubringen. Aber wie entstehen diese Räume jenseits von »Wohlfühlblasen«, aus denen die Menschen am nächsten Tag wieder zurück in ihre ganz normalen ökonomischen Zwänge gehen?
 

HP Das frage ich mich auch. Mit einer kleinen Nürnberger Gruppe war ich kurz davor, eine leerstehende Hauptschule zu kaufen, um dort auf verschiedenste Weise damit zu experimentieren, Aspekte der Kontaktimprovisation in die Gesellschaft hineinzutragen. Aber dafür hätten wir uns stark verschulden müssen. Das war für mich kein gesunder Anfangspunkt. Ich möchte noch einen Schritt weitergehen und nicht nur aus der »Schuld« heraustreten, sondern auch die Verknüpfung von Arbeit und Einkommen auflösen. Wenn ich mit einem Jungen mit Down-Syndrom arbeite, soll das nicht in einem monetär definierten Rahmen stattfinden.
Als kleinen ersten Schritt hin zu einer zukünftigen Schenk­ökonomie haben wir neulich einen »Geben-Nehmen-Teilen-Schenken-Tag« organisiert, bei dem wir getanzt, Kleider getauscht und Essen geteilt haben – eingebettet in Gespräche über die ­philosophischen Texte von Charles Eisenstein. Es ging uns darum, zu erfahren, wie der Geist des Schenkens trägt.
 

AS Der Punkt, über den wir jetzt sprechen, hat in Bezug auf meine Arbeit zwei Ebenen. Da sind einerseits die Menschen, die für eine begrenzte Zeit in die »Coaching-Spirale« kommen, um etwas zu lernen. Andererseits ist da die Ebene unseres Teams, das hier über eine längere Zeit hinweg miteinander arbeitet. Auf dieser Ebene können wir auf Augenhöhe gemeinsam Neues entwickeln, und das schafft auch neue Räume für Begegnung mit anderen. Vor drei Jahren haben wir den »Coaching-Laden« gegründet – das war ein verrückter Versuch, aus dem formellen Rahmen einen Schritt hinauszugehen.
 

LM Wie funktioniert dieser Laden?
 

AS Zuerst war unser Gedanke, dass wir mit einem Ladenlokal an der Straße die Hemmung davor senken können, ein Coaching-Angebot in Anspruch zu nehmen. Wir haben also eine Ladenfläche angemietet, dort Bücher verkauft und viele kostenlose Vorträge und Workshops angeboten. Menschen, die bei uns eine Ausbildung absolviert hatten, konnten sich dort als Workshopleiter ausprobieren. Es war eine Experimentierfläche, mit der wir gute wie schlechte Erfahrungen gemacht haben: Wir haben uns gestritten und wieder vertragen – das ganze Programm. Mit der Zeit wurde der Ort ein Reflexionsraum für den Kiez, in dem sich Menschen treffen und über Themen sprechen, die ihnen wichtig sind. Die Distanz zwischen den Lehrerinnen und Lehrern auf der einen Seite und denjenigen, die Unterstützung suchen, auf der anderen wurde kleiner.
Wir haben im Team viel darüber gesprochen, wie wir aus dieser »Lehrer-Nummer« herauskommen. Das ist auch für mein Projekt Living Gaia wichtig. – Ich will diese Rollen irgendwie loswerden! Immer sollst du gefälligst den Projektionen entsprechen, die andere mit deiner Rolle verbinden. Das ist für mich Teil der »alten Geschichte«, wie Charles Eisenstein sagen würde.
 

HP Das beschäftigt mich auch gerade sehr: Immer wieder neu zu reflektieren, welche Rolle ich spiele, und diese Dienstleistungs­erwartung von mir zu weisen – also die Erwartung, dass ich als Lehrerin für alles eine Lösung habe. Ich versuche, einen Raum des Nichtwissens zu kultivieren. Für das Improvisieren ist das unabdingbar. Da brauche ich diesen Ort, um aus dem Moment heraus gestalten zu können. Kontaktimprovisation ist inzwischen über 40 Jahre alt, und es gab immer wieder das Bestreben, eine allgemeingültige Definition festzulegen. Zum Glück scheiterte das; es darf lebendig bleiben und sich entwickeln. Alle, die Kontakt­improvisation bewusst praktizieren, tragen zu ihrem Wesen und Wandel bei. Diese Tanzform ist auch keine eingetragene Marke, sondern ein Open-Source-System. Das liebe ich daran.
 

LM An dem Ort, wo ich lebe, forschen wir auch gerade zu der Frage, wie sich neben Seminaren und Ausbildungen – bei uns im Bereich Musik und Bewegung in unserem »Klanghaus« – Möglichkeiten ergeben, in denen Menschen ohne die üblichen Lehrer-Schüler-­Hierarchien miteinander lernen können. Das bedeutet auf eine sehr herausfordernde Weise, sich auf das Nichtwissen einzulassen.
 

AS Das Schöne am Coaching ist – und das ist auch wieder eine Sache der Haltung – dass du als Coach gar nichts für den Klienten wissen musst. Der Klient weiß seine eigenen Antworten, du bist eher Geburtshelferin – gibst eben keine Ratschläge, sondern unterstützt dein Gegenüber bei der Suche nach der ganz eigenen Wahrheit. In unserem zukünftigen »Heilungsbiotop Living Gaia« wünsche ich mir genau solche Forschungsräume zu Fragen, zu denen es keine Expertinnen oder Experten gibt, sondern in denen sich die Menschen gemeinsam einer Sache annähern können. Für mich ist gegenwärtig die Verbindung mit der Erde ein wichtiges Forschungsfeld – dort in ein kindliches, unbefangenes Verstehenwollen einzutauchen, das ist meine Sehnsucht.
 

HP Dass wir uns trauen, Forschende zu sein, hat viel mit Vertrauen zu tun. Ich erlebe oft, wie sich Menschen hinter ihrem Wissen und Können verstecken. Kürzlich habe ich mit einem Lehrer darüber diskutiert, ob es nicht sinnvoll wäre, den Lehrplan abzuschaffen. Er meinte, dann gibst du ja den Bildungs­kanon auf, auf den wir uns auf Grundlage humanistischer Ideale geeinigt haben. Da habe ich verstanden: Offenbar gibt es die Vereinbarung, dass Wissen unser Menschsein ausmacht. Aber können wir nicht auch unabhängig von geteiltem Wissen miteinander in Beziehung treten?
 

AS Das Festhalten an Wissen ist unsere Kultur. Daher kommt auch die Fremdenangst: Ich müsste mich ja auf unbekanntes Terrain begeben, um jemandem zu begegnen, der ganz andere Gedanken in sich trägt als ich! Die Kontaktfläche bildet dann nicht nur die Gedanken, sondern auch der Körper – und das kann in unserer Kultur kaum jemand zulassen. Unsere Körper sind traumatisiert. In Brasilien erlebe ich das anders. Eine Brücke scheint mir hier der Kontakt mit Steinen, mit Wasser, mit Tieren – mit der nicht-menschlichen Welt. Dann wird klar, dass die Verbundenheit unter Menschen nur ein winziger Ausschnitt von etwas Größerem ist.
 

LM Das ist doch ein schönes Schlusswort. Ich danke euch herzlich für das lebendige Gespräch! •

 

Heike Pourian (46)  ist Kulturpädagogin, Tänzerin und Mutter zweier Teenager. Sie unterrichtet seit 1992 Kontaktimprovisation in unterschiedlichen Zusammenhängen – am liebsten mit Blick auf Gemeinschaftsbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Fragen des gesellschaftlichen Wandels.
www.contact-bewegt.de

Alexandra Schwarz-Schilling (50)  ist Mutter, Großmutter, Betriebswirtin, Psychologin und Buchautorin. Als Lehrcoach mit kulturübergreifender Erfahrung gründete sie die »Coaching Spirale« in Berlin. Seit 2011 initiiert sie die Gemeinschaft »Living Gaia«, ein holistisches Heilungsbiotop in Alto Paraíso, Brasilien.
www.coaching-spirale.com

www.living-gaia.org