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Tote Zonen

Ein Versuch, sich mit dem Schrecklichen zu verbinden.

von Andreas Weber , Elisabeth Voß , Renate Börger , Shelley Sacks , erschienen in 27/2014

Mit einem Regenbogen oder einem entzückenden kleinen Kind verbinden sich die Menschen gerne. Mit der Verbundenheit ist es aber nicht weit her, wenn sie nicht auch das ­Grauenvolle in dieser Welt einschließt. Renate Börger, Shelley Sacks, ­Elisabeth Voß und Andreas Weber haben die Herausforderung ­angenommen, sich auf »tote Zonen« einzulassen.

Die folgenden Beiträge von Elisabeth Voß, Shelley Sacks, Andreas Weber und Renate Börger sind Ermutigungen – auf den zweiten Blick. Sie machen Mut, sich mit demjenigen zu verbinden, wovor wir ­intuitiv zurückschrecken. Angeregt zu dieser Übung hat uns das Buch »Die Rote Blume. Ästhetische Praxis in Zeiten des Wandels« der Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt und der transdisziplinären Künstlerin Shelley Sacks.
»Tote Zonen entstehen, wo wirkliches Erfahren, wirkliches Wahrnehmen verlorengehen«, schreiben die beiden Autorinnen. Sie bezeichnen mit diesem Begriff Situationen, in denen »der komplexe Horror unserer Zeit zutage tritt«. Dieser Horror, der uns täglich aus den Medien, auf jeder Straße und in jedem Supermarkt entgegenschlägt, legt sich in seiner Selbstverständlichkeit und Omnipräsenz als eine kollektive Betäubung auf die gesamte Gesellschaft. Gewiss ist der Blick auf Kräfte, die positive Veränderung stützen – und den Oya grundsätzlich und unbedingt einnimmt – ein wichtiges Gegengift. Doch es wirkt erst dann, wenn zugleich der innere Raum da ist, mit dem Schrecklichen unmittelbar in Beziehung zu treten, eben zuzulassen, dass dies die Wirklicheit ist. 
»Indem wir uns sozusagen in das Phänomen hineindenken«, schreibt Hildegard Kurt, können wir »die Wahrnehmung ent-automatisieren. Und zu Erkenntnis kommt es dann in einer Art Dialog mit dem Phänomen selbst.«
Aus diesem Dialog kann Lebendigkeit entstehen.


Am Meer
Ich stehe am Strand von Tarifa, schaue aufs Meer Richtung Afrika, so nah. Zu Tausenden sind sie hier begraben – aufgebrochen voller Verzweiflung und Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa, ertrunken, elend verreckt, weil diejenigen, die so viel mehr haben, die seit mehr als einhundert Jahren auch auf ihre Kosten leben, weil die, weil wir sie nicht hereinlassen.
Ich mache hier Urlaub, genieße die Sonne, die meine Haut streichelt, die schöne Landschaft, das frische Obst und Gemüse, schwimme in diesem Meer. An manchen Stränden sammeln sie morgens die Toten ein, bevor die Touristen kommen.
Auf der anderen Seite, in Ceuta und etwas weiter in Melilla, versuchen die Verzweifelten immer wieder, den mit messerscharfem NATO-Draht gesicherten Zaun zu überwinden. Hängen im Stacheldraht, bis sie entkräftet zu Boden fallen. Und wenn es mein Sohn wäre, der dort sein Leben ließe, verblutet an der Außengrenze des sich herzlos abschottenden Europas? Oder wenn es meine Tochter wäre, die nach tagelanger Irrfahrt im Meer ertrinkt, fast wahnsinnig vor Hunger, Durst und Angst, die ertrinkt unter den Augen von Grenzschützern, korrekten Beamten, die nicht einmal versuchen, ihr Leben zu retten? Wie könnte ich das ertragen?
Ich sehe sie jeden Tag vor mir, die Toten und die Mütter, die um ihre Kinder trauern. Täglich werden Menschen von ihrem Land vertrieben, in Kriegen oder Naturkatastrophen als Folge des Klimawandels verletzt oder getötet, verhungern, sterben an fehlender Gesundheitsversorgung – und ich schaue zu. Wie fremd muss ich mir diese Menschen machen, die doch sind wie ich, voller Sehnsucht, Hoffnung und Liebe, um trotz alledem mein Leben weiterleben zu können und nicht nur zu schreien?
Bin ich nicht auch ein Rädchen im mörderischen Getriebe, indem ich daran mitwirke, diesen Anschein von Normalität aufrechtzuerhalten? Indem ich arbeite, esse, meine Rechnungen bezahle, tanze, in Konzerte gehe und in Urlaub fahre? Manchmal gehe ich auf eine Demo, engagiere mich in geordneten Bahnen, versuche hier und dort, in kleinen Nischen, wenigstens ein bisschen die Welt, wenigstens meine kleine Luxuswelt zu verändern. Und was könnte ich mehr tun, was riskieren, oder nehme ich mich vielleicht einfach viel zu wichtig? Welch wohlfeiler Weltschmerz, den ich mir leiste, während auch mein bescheidener Wohlstand eine Blutspur auf dieser Erde hinterlässt.
All dies ertrage ich nur, weil ich mich selbst immer wieder ­abgrenze, statt mich mir und der Welt zu öffnen. Ich schäme mich meiner Privilegien, fühle mich hilflos, spende hier mal ein wenig, unterschreibe dort für eine Kampagne – moderner Ablasshandel, der mir suggeriert, ich sei solidarisch, irgendwie aktiv dran an dem Versuch, diese Welt zu verändern, ohne meine Komfortzone zu ­verlassen.
Für diese trügerische innere Sicherheit zahle ich mit einem Verlust an Empfindungsfähigkeit, an Lebendigkeit, an Lebensfreude. Aber ich komme verdammt billig weg, verglichen mit denen, die ihr Leben lassen, weil sie keine andere Wahl haben.
Elisabeth Voß


Im Tankstellen-Shop
Auf der Rückfahrt von einer Stadt der Billigläden nach einem langen Tag, an dem wir in einem Museum mit dem Kunstprojekt »Exchange-Values« die Weltwirtschaft erkundeten. Es ist sehr spät, und wir sind müde. Wir brauchen Benzin und etwas zu essen und sind froh, mitten im Niemandsland eine geöffnete Tankstelle zu finden. Es ist ein Schock, aus unserem Austausch in der Dunkelheit in das helle Neonlicht dieser merkwürdigen Oase zu treten. Während der Fahrt haben wir uns Verschiedenes vorgestellt, was unter der so gut erkennbaren »Milchstraße« geschieht, darunter auch, wie sich auf dem ganzen Planeten Billigläden mit Plastikzeug ausbreiten. Südafrika, wo Händler aus China in fast jeder kleinen Stadt selbst in der Halbwüste »One Stop«-Läden eröffnet haben, ist ein Beispiel für dieses schmerzhafte Bild.
Der Kassierer freut sich über unser Kommen. Er hat Nachtschicht, allein. Sagt, er habe seit Stunden niemanden gesehen. Wir streifen durch die Gänge mit Lebensmittelkonserven und Süßwaren. Im überhellen Neonlicht auf und ab gehend, wird mir klar, dass alles hier in Fabriken hergestellt wurde. Und entworfen. Entwickelt. In Teams diskutiert. Zahllose Menschen haben sich dafür auf Computer-Bildschirme konzentriert. Die gesamte globale Maschinerie, von den Fabriken selbst bis zu den Finanzplanungs-Teams, findet sich wieder in vakuumverpacktem Schinken, weißen Bohnen in Tomatensoße, Teddybär-Schlüsselanhängern, Nackenkissen, in Flaschen abgefülltem Wasser, Plastik-Kaffeebechern für den Automaten. Und dann sehen wir eine Orange, leuchtend wie die Sonne, in ihrem strahlenden Rund ein Widerschein unserer Quelle des Lebens.
Das ist, wie sich bald herausstellt, das einzige »Frische« in dieser Oase. Aber die sorgfältige Verpackung und Aufmachung zeigt, dass auch die Orange eine ganze Reihe von Prozessen durchlaufen hat. In dieser Tankstelle, unter dem sternklaren Himmel, starren wir auf eine Orange, die wahrscheinlich Tausende von Meilen gereist ist. Ihre makellose Haut und ihre Übergröße lassen vermuten, sie wurde für den Export produziert. Nach dem, was ich einmal gehört habe, werden große Mengen von Exportorangen irgendwo gelagert und verrotten, weil ihr Giftgehalt die europäischen Grenzwerte übersteigt. Eingeschrieben in dieses Fruchtfleisch sind die Universitätsausbildung von Chemikern und die Chemiefabriken, die für die Langlebigkeit der Orange sorgen und dafür, dass sie »toxischer Abfall« wird. Im transparenten Kokon, in dem diese giftige Schönheit liegt, sehe ich Teams beim Brainstorming, die Vakuumformverfahren und »Entwicklungs«-Strategien der petro­chemischen Industrie für »Roh«-Stoffe entwickeln. Die ohrenbetäubenden Maschinerien, Börsen, globalen Entwicklungspläne scheinen auf in der schattenlosen Fluoreszenz.
An der Kasse in dieser Oase des Nichtverfalls bin ich ergriffen vom Schweiß meines Freundes und dem Atmen des Kassierers. In dieser hochverarbeiteten Welt wirkt der Schweiß verlockend wie eine duftende Blume in der Nacht, und das ruhige Atmen des Kassierers, steigend und fallend, erinnert an den Ozean. Für einen Moment lindert das ein wenig den komplexen Horror unserer Zivilisation … dieser einzelnen Orange in ihrer Design-Schutzverpackung, die ein alarmierendes und detailreiches Bild von »Entwicklung« ist: davon, wie wir auf dem Planeten leben! Aber wem könnten wir das sagen, und wieviele Menschen wären bereit, dies als »Horror« zu beschreiben? Lässt sich das mit Atomkraft oder Genmanipulation vergleichen? Soll man es angesichts des weltweiten Hungers wagen, solche Dinge anzusprechen? Und kann man denn all den menschlichen Einfallsreichtum oder auch die »Kundenbetreuung« ignorieren, die in dieses Wachstumsmodell zum Maximieren von »Gewinn« eingeflochten sind? Vieles hier wurde sehr ­sorgfältig durchdacht. Der Service spät in der Nacht. Die Schutzverpackung aus Plastik. Die Orange im Sortiment für Leute, die vielleicht kein Knabberzeug und keine Schokolade wollen … Scheinbar alles wurde bedacht, bloß nicht wirklich wichtige Dinge wie: Was ist »Entwicklung«? Und was ist »Gewinn«?
Ich kehre zu meinen Fragen über das Ausmaß und die Wahrnehmung von »Horror« zurück. Wenn ich mir sorgfältig all die Elemente und Wechselbeziehungen vor Augen führe, dann, ja, dann ist die einsame Orange Teil der profithungrigen Zivilisation, die weltweit Hunger produziert. Meinen inneren Wünschen und äußeren Handlungen als Konsumentin folgend, sehe ich auch, dass ich die »Vertragsgeberin« bin. Ich sehe mich selbst in diesem schattenlosen Licht, das jetzt jede Ecke des Planeten erreicht. Wenn ich diese Orange kaufe, willige ich stillschweigend ein und erlaube, dass das immer weitergeht.
Shelley Sacks


Auf der gemähten Wiese
Tote Zonen. Ich muss an die Landschaft denken. An die weißen Plastikballen, die jetzt im Frühsommer auf den Wiesen liegen wie ein überdimensionales Medikament, auf der kurz geschorenen Narbe verschüttet, bis zum Horizont. Zusammengepresst darin das viel zu früh gemähte Gras, zusammen mit den Käfern, den Hummeln, den Gelegen von Lerche und Kiebitz, mit allem, was lebte. All das Potenzial des Lebens, seine Energie gärend als Silagefutter für massenhaft eingepferchte Tiere. Leichentücher aus Polypropylen, verfüttert wird der Tod, von dem auch ich mich nähre. Einmal habe ich gesehen, wie die glänzende Folie den Umriss eines Hasen abzeichnete. 
Tote Zonen. Ich sehe sie, überlege kurz, was man besser machen müsste, und will sie nicht wahrhaben. Ich hoffe, dass hinter der nächsten Kurve eine Wiese kommt, auf der das Gras noch im Wind wogt, eine Wiese, auf der das Gras zu duftenden Bahnen gemäht und zu Heu getrocknet ist. Ich versuche, den Schmerz zu vergessen. Ich versuche, den Tod der Landschaft nicht mitzusterben, der mich zu sich zieht. Ich versuche, dem Tod auszuweichen. Ich verdränge, vergesse, schaue dorthin, wo Schönes zu sehen ist, ich fange ein Gespräch an, ich versuche, mich zu verlieben.
Die Tote Zone ist in mir. Ich weiß es nur nicht. Ich spüre den Schlag nicht, der mich vernichtet, und lächle, damit ich weiter geliebt werde, damit ich weiter sein kann. Die tote Zone ist innen, bevor sie außen ist, sie ist das, wo nicht Wirklichkeit herrscht, sondern Verleugnung.
Tote Zonen sind nicht die Orte oder die Zeiten, in denen gestorben wird, sondern die Handlungen und Haltungen, in denen ich ablehne, auf dieses Sterben zu antworten. In denen ich mich ihm verweigere, damit ich es nicht fühlen muss. Weil etwas in mir es nicht fühlen will. Weil etwas in mir furchtbare Angst vor diesem Sterben hat. Das eigentliche Tote ist diese Spaltung. Die Dissoziation, in der ich einen Teil dessen, was wirklich ist, ausblende. Aber nicht, indem ich mir das fest vornehme, sondern indem ich das Gefühl einfach nicht finden kann. Ich schaue nicht mehr, ich kann nicht mehr schauen, weil ich vergessen habe, dass es da noch etwas gibt. 
Etwas ruft, aber ich höre nicht hin. Denn würde ich hören, müsste ich antworten. Ich müsste in diesem Moment verstehen, dass etwas unwiederbringlich und hoffnungslos nicht da ist. Und vielleicht noch nie vorhanden gewesen ist. Ich müsste einen Tod sterben, den ich oder dieses Etwas in mir nicht sterben will. Weil ich mich dazu zu schwach fühle. Weil es niemanden mit Vertrauen gab, als das wichtig gewesen wäre. Niemanden, der sagte: Stirb deinen Tod, stirb zur Wirklichkeit hin, stirb in dein Wachstum hinein, stirb, wie jedes Lebewesen ständig sterben muss, um geboren zu sein. Stirb. Aber ich werde da sein und dich auffangen, weil ich wünsche, dass du seist, und vertraue, dass du da sein willst und kannst.
Der polnische Arzt, Pädagoge und Kindheitsforscher Janusz Korczak, der mit den kleinen jüdischen Angehörigen seines Waisenhauses 1942 in die Gaskammern von Treblinka gegangen ist, nannte es das Recht jedes Kindes auf den eigenen Tod. Es braucht nicht viel, um eine solche Aussage misszuverstehen. Das Recht auf den eigenen Tod? Aber in diesem Recht liegt nichts anderes als der Lebens-Anspruch auf abgründiges Vertrauen. Und das ist das einzige Mittel gegen die toten Zonen. Geburt und Sterben sind die zwei untrennbaren Seiten des Lebens. Wer nicht sterben darf, um ein anderer zu werden, bleibt in der Todeszone versteinert, in der es keine Geburt mehr gibt. 
Tote Zonen. Ja, das ist es, was mich angeht. I totally buy into it. Den Schmerz nicht spüren, auch wenn er ein Killer ist. Den Engel sehen, nicht den Dämon. Ich habe sie schon früh zu bewohnen gelernt, die toten Zonen. Ich habe es nur nicht gewusst. Sie sind immer noch da, wo ich ausblende, dass gar nicht ich gemeint bin. Sie sind da, wo ich dir alles schenke, weil ich nichts bekomme. Wo ich versuche, mein Leben zu retten, indem ich deins beschütze. Sie sind da, wo ich meinem eigenen Sterben nicht vertraue, und der Geburt, die doch darauf folgen muss, und der Freiheit. Die toten Zonen sind mein Gefängnis: das, was ich nicht sehe, das, was etwas in mir mit aller Macht nicht sehen will. Was aber die Mauern dieses Kerkers sprengt, ist nicht Macht und Stärke. Sondern Verletzlichkeit. Vertrauen in das Fleisch der Welt. Lauschen auf seinen Atem. Sich dem Ruf überlassen, ohne immer wieder zurückzublicken. Nackt.
Was davon kann ich auf die Wiesen mitnehmen? Zwischen die weißen Pakete, unübersehbar, bis zum Horizont? Vielleicht das: Eine Krise des Lebens ist immer eine Krise der Verdrängung. Die Botschaft der entleerten Stoppelnarbe besteht darin, dass ich aufhöre, zu glauben, dass es eine heile Welt hinter der nächsten Ecke gäbe, die nur darauf warte, endlich entdeckt und ins Werk gesetzt zu werden. Der Glaube, dass alles gut wird, wenn wir nur das Richtige tun, ist das Gefängnis. Was aber liegt außerhalb seiner Mauern? Wir wissen es gar nicht. Erst wenn wir die Gitterstäbe wahrnehmen, können wir es ahnen.
Tote Zonen. Der Weg hinaus ist mitten hinein. Selbst lebendig sein. Selbst das Leben sein, das von niemandem geschenkt wird. Rufen, lauschen und antworten. Was immer auch geschieht.
Andreas Weber
 

Bei den Tieren
»Lust auf China to go? Heute haben sie Huhn süß-sauer im Angebot!«, fragt meine Kollegin so fröhlich, dass ich »Au ja!« sage. Zehn Minuten später sitzen wir auf der Bank im kleinen Park, haben eine Styropor-Box auf dem Schoß, mit dem knusprigen Huhn süß-sauer. Wir teilen kichernd unsere letzten Missgeschicke, und ich genieße das seltene kollegiale Verbundenheitsgefühl (mit dem Erzählen von Missgeschicken kommt es ziemlich zuverlässig). Über alles andere im Kopf muss ich jetzt freilich meine inneren Decken werfen. Über die Bilder der »Lebendware« auf dem Totenfließband, über die Afrikanerinnen, die keine Hühner mehr halten können, weil wir sie mit unseren Hühnerexporten fluten, den schlechten Hühnerteilen wohlgemerkt, denn die guten essen wir ja soeben.
Aber auch die schönen Bilder müssen jetzt weg. Noch neulich war ich bei meiner Demeter-Schwester und habe für ihre Tiere gesungen. Die Kühe auf der Weide kamen angelaufen, versammelten sich um die Gitarre und schauten, als ob sie sagen wollten: »Ach, das ist doch unser Lieblingslied, ›Lustig ist das Zigeunerleben‹!« Und abends im Stall bei den Schweinen war es zum Heulen lustig und schön, wie es plötzlich mucksmäuschenstill wurde, wie sie ihr Fressen und Grunzen unterbrachen und uns mit erhobenen Schweinsohren anschauten, als meine Schwester und ich im Kanon »Dona nobis pacem« sangen. Sie schenkten uns mit ihrem Lauschen einen magischen Moment der Verbundenheit.
Wiederum: Auf dem konventionellen Hof bei ihr nebenan sehen die Tiere nie einen Sonnenstrahl. Ich weiß nicht, wie sie das aushält, jeden Tag mehrmals daran vorbeizugehen. Ich jedenfalls greife da gedanklich immer zum Gewehr und hecke eine Befreiungsaktion aus. Aber in Wirklichkeit will ich ja ein Normalo sein und sitze jetzt hier mit der Styropor-Box, für ein kleines, niedrigschwelliges Verbundenheitsgefühl als Mitmensch. Das Styropor stopfen wir in den Mülleimer, der schon ganz voll ist. »Aggressive Achtlosigkeit« nennt Marianne Gronemeyer solches »To-Go«. »Sich mit Gegengleichgültigkeit rächen.« Die Wege des Verbraucher­lebens sind mit Gewalt gepflastert, und ich vollziehe sie mit, um dazu­zugehören. »Müll und Unrat zu hinterlassen, ist die genehmigte Spur einer Existenz als Konsument«, sagt sie in ihrem Buch »Immer wieder neu und ewig das Gleiche«.
Auf dem Rückweg ist es allerdings mit dem mühsam gehaltenen kollegialen Gefühl aus: Da erzählt meine Kollegin – wieder so fröhlich – von ihrer Motorradtour durch Sardinien. »Weißt du, du kommst da mit dem Motorrad in die letzten Winkel der Wildnis, wo du zu Fuß oder mit dem Auto nie hinkommst!« Mein inneres Deckenwerfen nützt nichts mehr, meine Aggressionen nehmen ihren Lauf. Mit Fremdausbeutungs-Spareinkäufen bei Lidl finanziert sie ihre Wildnis-Motorradtouren, toll. Ich hingegen versage mir grundsätzlich beides. Und dann noch die Aggressionen gegen mich selbst: Das Huhn hat mir geschmeckt, ich bin dem To-Go erlegen und nicht viel besser als sie. Ich hasse diese komplizierte Aggressionsbewirtschaftung. Vor allem hasse ich, dass ich den Hass nicht bei den relevanteren Tätern loswerden kann.
Mit einer höherschwelligen Art der Verbundenheitssuche ­übrigens, also mit Gesinnungsgenossinnen und -genossen, ist es leider nicht leichter, eher noch enttäuschungsanfälliger. All diese Aufsplitterungen. Kaum sitzt man nach einer Attac-Aktion (»Wow, wir haben 57 Unterschriften gegen das TTIP ergattert!«) erschöpft vereint zusammen, kippt schon wieder die Stimmung. »Das Wichtigste ist jetzt aber die Ukraine!« (dahinter weitere gefährlich dornige Aufsplitterungen). »Nein, der Irak!« (dahinter weitere höchst dornige Aufsplitterungen). »Vergesst die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa nicht! Wir brauchen ein europäisches BGE!« – »So ein Quatsch. Fairer Handel und faire Arbeit mit radikaler Arbeitszeitverkürzung wären viel besser!« …
Am Ende sitzt jeder einsam auf seiner Überzeugungsinsel.
Von einer Analytikerin habe ich gehört, die Differenzierung biege sich ungut in die Binnendifferenzierung zurück, wenn sie sich nicht in der Wirklichkeit abarbeiten könne. Ja, ich fühle mich als Teil der Zivilgesellschaft, die kein bisschen Würde in die Tierhaltung, kein bisschen Vernunft in die Finanz- und die Arbeitsmärkte bringen konnte, wirklichkeitsunterabgearbeitet. Das macht mich aggressionsdeprimiert. Und während ich Angst habe, hysterisch zu werden, überlebt der Kapitalismus all die Bürgerkriege. Vielleicht sollte man gerade über die Hysterie seine schützende Hand legen. Sie sich wechselseitig erlauben. Vielleicht ist sie ja angemessen – und überrascht uns sogar mit einem Verbundenheitsgefühl.
Renate Börger •

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