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Die Landschaft verstummt

Das Buch »Der stumme Frühling« der Biologin Rachel Carson über die Wirkung von Pestiziden trat 1962 einen öffentlichen Sturm los. Bei der lapidaren Nachricht in diesem Frühling über die Bedrohung eines Drittels der einheimischen Tierarten blieb alles stumm.

von Leonie Sontheimer , erschienen in 26/2014

Der Bach neben dem Rapsfeld führt klares Wasser. Ein genauerer Blick offenbart jedoch, dass darin kaum noch etwas lebt. Ob im Wasser, im Boden oder in der Luft – der Verlust an Biodiversität geht rasant voran.

Bild

© Foto: Till Runkel

Eine im März veröffentlichte Bestandsaufnahme des Bundesumweltministeriums zur biologischen Vielfalt ergab, dass 29 Prozent aller Tierarten in Deutschland akut bedroht oder von deutlichen Rückgängen des Bestands betroffen sind. So negativ war die Lage schon seit langem nicht mehr. Verantwortlich dafür ist vor allem die indus­trielle Landwirtschaft. »Sie wirkt mit einem Faktor auf die Flora und Fauna, den wir oft vergessen: die Konkurrenz um den Lebensraum«, sagt Vera Luthardt, Vorsitzende des Brandenburger Naturschutzbeirats. Agroindustrie schafft eintönigen Lebensraum, viele Arten sind aber auf die Kombination verschiedener Naturräume angewiesen. »Eine weitere Gefährdung ist die Beeinflussung des Nachbarraums«, fährt Luthardt fort. Die Nährstoffe und Pestizide im Oberboden werden bei Regen vom Feld in die angrenzende Natur gespült. »Pestizide werden dort zum Teil abgebaut. Zwischenstufen des Abbaus sind zum Beispiel beim Totalherbizid Glyphosat noch viel giftiger und schädigen die Nachbarräume umso mehr.«
Rapsfelder werden extrem stark gespritzt. Allerdings sorgt hier der dichte Pflanzenwuchs dafür, dass weniger Gift in die angrenzende Landschaft gelangt als bei Mais, der nicht so stark gespritzt wird. Letztlich hängt die Belastung der Nachbarräume von vielen Faktoren ab, zum Beispiel, ob das Feld eben oder geneigt verläuft. Getreide wird oft noch vor der Ernte gespritzt; die Trocknung der Körner soll um den Preis einer vollen Giftdusche verbessert werden.
 

Es geht nicht nur um Nebenwirkungen
Schon 1962 rüttelte die US-amerikanische Biologin Rachel Carson die Weltgemeinschaft auf. Ihr Buch »Der stumme Frühling« offenbarte die Gefahren der chemischen Schädlingsbekämpfung. Am 14. April gedachte die Umweltbewegung des 50. Todestags ihrer Pionierin. Hat sich die Situation seither noch verschlimmert?
»Viel relevanter für die Biodiversität als die unerwünschten Nebenwirkungen sind die beabsichtigten Wirkungen«, sagt Martin Flade, Leiter des Biosphärenreservats Schorfheide-Chorin. »Herbizide zielen dar­auf ab, Unkraut zu beseitigen, Insektizide sollen Insekten beseitigen. Es ist erklärtes Ziel, die biologische Vielfalt zu reduzieren.« Dass andere Organismen mitsterben, wird in Kauf genommen. Besonders gefährdet seien Ackerwildkräuter und spezialisierte Insekten wie Heuschrecken oder Schmetterlinge, erklärt Flade.
Besonders tragisch sei das Verschwinden von Arten wie dem Rotmilan, der auf landwirtschafltichen Flächen jagt, für die wir aus globaler Sicht eine Schutzverantwortung haben. Zwei Drittel seines Weltbestands kommen in Deutschland vor. Ist der Rotmilan hierzulande bedroht, so wird die Art weltweit gefährdet.
 

Naturschutz-Landwirtschaft ist möglich
Für Martin Flade ist die indus­trielle Landwirtschaft ein Blindflug mit nicht absehbaren Konsequenzen. Die Ziele der EU, den Rückgang der Biodiversität bis 2020 zu stoppen, hält er angesichts der Macht- und Lobbyverhältnisse für unrealistisch. Aber das sei kein Grund zur Resignation. Das Biosphärenreservat Schorfheide-Chorin zeigt, dass ökologische Landwirtschaft, die Naturschutzmaßnahmen integriert, die Vielfalt fördert. Dort sind Arten wieder aufgetaucht, die längst auf der roten Liste stehen. Hilfreich für die Biodiversität ist zum Beispiel der Verzicht auf das sofortige Pflügen der Erde nach der Ernte. Ein kleiner, ungepflügter Streifen genügt, damit dort spätblühende Ackerwildkräuter noch nach der Ernte gedeihen und Insekten wie Vögeln Nahrung bieten. Freilich ist das nur sinnvoll, wenn die Fläche nicht vorher mit Herbiziden totgespritzt wurde.
Gibt es Auswege aus dem Blindflug? Martin Flade schlägt eine sofortige Still­legung von zehn Prozent der Agrarflächen vor. Derzeit wird nur ein Prozent als Brache der Natur überlassen. Vera Luthardt plädiert für eine unabhängige Beratung der Landwirte; die chemische Industrie verharmlose die Wirkungen ihrer Ackergifte.
Wenn man sich bewusst macht, dass es explizites Ziel dieser Industrie ist, die biologische Vielfalt zu verringern, wird deutlich, dass an der Wurzel des Problems angesetzt werden muss. Menschen, Tiere und Pflanzen brauchen eine Landwirtschaft, die vielfältige Lebensräume schafft und Leben­digkeit fördern will! Wie kann eine aufmerksame Zivilgesellschaft Druck auf die Politik ausüben, damit dies flächendeckend geschieht? •

 

Landwirtschaft soll Naturschutz sein:
www.schorfheide-chorin.de

www.lbv-landshut.de/Energie-Biodiversitaet.pdf

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