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Bauernbuchstabierer

Vor zwanzig Jahren nahm eine junge Familie in der Südschweiz den abgerissenen Faden des Bergbauerntums wieder auf.

von Jochen Schilk , erschienen in 26/2014

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© Foto: Jochen Schilk

Schwerlich wird man jemanden finden, der noch größere Begeisterung für das Kleinbauerndasein aufbringt – und doch fragt sich Markus Lanfranchi auch ein Vierteljahrhundert nach seiner Entscheidung für ein solches Leben immer noch, was ihn seinerzeit davon abhielt – und weiterhin abhält –, sich einen einträglicheren, bequemeren Beruf zu suchen.
War es überhaupt eine bewusste Entscheidung gewesen – oder vielmehr eine Art innere Berufung? Seine Eltern hatten einen Bergbauernhof in der italienischen Schweiz betrieben, waren dann aber, wie so viele, ins Tal gezogen, um in der Industrie zu arbeiten. In den frühen Kindheitserinnerungen des heute Fünfzigjährigen hat die Plackerei des »Bauens« (Schweizerdeutsch für »Landwirtschaft betreiben«) nichts Schönes – nur Dreck und Kuhgeruch und »Euterhaare in der Milch«. Und doch muss damals, als er und seine Frau Sabine eines Morgens als Weltreisende in einem winzigen kurdischen Dorf vom Hufgetrappel und Glockengebimmel einer Schafherde erwachten, etwas das Bergbauern-Gen in ihm in Resonanz versetzt haben. Sabine wusste es damals freilich noch nicht, aber Markus stand bei der Geräuschkulisse schlagartig glasklar vor Augen, was er künftig tun würde.
 

Vom Erdbeben zurückgeworfen
Ihre ersten agrarischen Versuche starteten die beiden Weltenbummler in Neuseeland. Markus hatte sich zwischenzeitlich zum Landwirt ausbilden lassen. Doch nach drei Jahren machte ein schweres Erdbeben alle ihre Aufbaubemühungen zunichte. Die Prüfung offenbarte, dass sie in Ozeanien eben noch lange nicht verwurzelt waren, und so brachen sie 1991 ihre Zelte ab, um in die Schweiz zurückzukehren.  Dort verschlug es sie bei der Suche nach einem Standplatz für ihre Bienenstöcke in das Dörfchen Verdabbio in einem italienischsprachigen Tal Graubündens: steile, von früheren Generationen terrassierte Hänge auf lediglich 600 Metern Höhe. Im milden Klima gedeihen Wein, Palmen und Oliven. Einen Bauplatz für ein Haus zu bekommen, fiel der jungen Familie, nun mit zwei kleinen Kindern, nicht schwer, und mit einiger Ausdauer gelangten sie sogar an Kredite und Fördermittel für den Bau. Schwierigkeiten ergaben sich in dieser Pionierphase eher aus jener typischen Konstellation zwischen Zuzüglern mit unkonventionellen Ideen und lange gewachsenen ländlichen Sozio­topen. Die letzten Viehwirte Verdabbios hatten gerade verbittert einsehen müssen, dass sie mit Miniherden auf den kleinen Terrassenweiden am Markt nicht bestehen können – und da kommen diese jungen Leute mit ihren nicht auf Leistung getrimmten, alten Tierrassen daher und wollen ihnen weismachen, dass es doch geht! Für jene Alteingesessenen, die die Bemühungen der Neulinge sogar sabotierten, muss sich der spielerische Ansatz der Lanfranchis wie Hohn auf das eigene Scheitern angefühlt haben. Selbst wohlmeinende Dorfbewohner prognostizierten den Ökospinnern maximal sechs Monate bis zum Konkurs.
 

Geld zählt hier wenig
Zwanzig Jahre später haben sich die Beziehungen zu den Alteingesessenen normalisiert. Sabine, gebürtig aus der französischen Schweiz, fühlt sich inzwischen ganz verbunden mit der Wahlheimat. Die beiden jüngsten der fünf Kinder leben noch in dem kleinen Haus, in dem sich auch Wwoofer, Praktikantinnen und der 23-jährige Joël, der nun schon im dritten Sommer die Schafe hütet, die Klinke in die Hand geben. Ihre kleine Milchkuhherde haben sie zwar vor fünf Jahren abgeschafft, weil sie erkannten, dass diese den Boden überforderte; doch ansonsten machen die vielen Facetten des Lanfranchi-Hofs den Eindruck eines stabilen, gesunden Gesamtorganismus. Am Tag meines Besuchs habe ich Gelegenheit, in der Frühe zusammen mit Markus einen Teil der Schafherde vom unterhalb des Dorfs gelegenen Stall bei den Wollschweinen über ungezählte Terrassen-Etagen hinauf zur oberen Weide zu treiben, wo schon die Mütter mit ihren Lämmern stehen. Irgendwo auf dem unübersichtlichen Stufengewirr dazwischen weidet ein Eselpaar unter noch mehr »Engadiner Füchsen«, wie die Schafrasse heißt: Dort ist der Rest des Tages dem Bau und Aufstellen eines riesigen Holzrahmens aus geschälten Esskastanien-Stämmen gewidmet. Bis in die Dunkelheit hinein sind Markus, Joël und ein Praktikant damit beschäftigt, mittels Winden und Wagenheber die fast zehn Meter breite Konstruktion aufzurichten. Sie wird die Rückwand eines neuen Schleppdach-Stalls bilden. Ich ahne, dass es im Bergbauernbusiness wenig sinnvoll ist, Arbeitsstunden gegen das Einkommen zu rechnen. Joël, den das Leben vor drei Jahren als reichlich orientierungslosen Jugendlichen an den Hof gespült hat, sagt mir beim Abendessen, dass er die täglichen Herausforderungen weniger als Arbeit denn als Freude empfinde. Wer den in sich ruhenden jungen Mann sieht, ist geneigt, ihm das zu glauben. Auch Markus betont mehrfach, dass das physische Schaffen mit Boden, Holz und Tieren Spaß und Erfüllung bringe. Das Schöne an seiner Vorstellung von technikextensiver Familienlandwirtschaft sei ja, dass hier »zwischen Mensch und Boden nicht noch ein Traktorreifen« stecke. Offenbar ist ihm die Naturverbindung ein immenser Kraftquell – ebenso wie die Beziehung zu seiner Frau, die ihn nach all den Jahren noch immer stark fasziniert: »Wir sind so ein geiles Team!«, jubelt er am Tisch und blickt keck zu ihr: »Oder?« Sabine, deren vergleichsweise kühle Art so etwas wie eine Ausgleichsbewegung zur feurigen Begeisterungsfähigkeit ihres Liebsten sein mag, stimmt einige stille Augenblicke später mit einem Nicken zu. Ich glaube, es ist ihr ein bisschen peinlich.
Dass der Lanfranchi-Hof allen Unkenrufen zum Trotz überlebt hat, liegt wohl an der Ausrichtung auf Bio-Nischenprodukte wie Honig, Schafkäse und Lammfleisch, für die man in Zürich gutes Geld bekommen kann. Viele Produkte werden aber auch ab Hof verkauft, und die Lanfranchis sind Mitglied in einer lokalen Direktvermarktungsorganisation, die Konsumenten und Produzenten zusammenbringt sowie die Frage von Kühlung und Transport übernimmt. Die Bienen dienen nicht nur der Honigproduktion, sie bestäuben auch die zahlreichen neu gepflanzten Obstbäume; für Markus sind die Tiere zudem »Bioindikatoren«. Natürlich unterhält die Familie auch einen Gemüse-Selbstversorgergarten, und im Spätherbst werden die Trauben von 25 verschiedenen alten Rebsorten in der Allmende-Dorfdestille zu Grappa gebrannt. Der Tresterbrand der Lanfranchis aus »VerdabBIO« genießt bei urbanen Liebhabern den Ruf eines Heilmittels, weil den schmalen Flaschen Bergkristalle zugegeben sind. Auf dem Hof werden zudem Passionsblumen zur Herstellung eines Homöopathikums angebaut.
 

Erhaltenswertes schützen
Im Lauf der Jahre konnten die Neubauern immer wieder ­schmale, längst zugewucherte Terrassen der alten Dorfkulturlandschaft hinzuerwerben. Ihre kleinen Kinder hängten sie samt Tragegestell in nahe Bäume, während sie die alten Weide- und Ackerflächen in tagelanger Handarbeit vom Sukzessionsbewuchs befreiten. Heute reichen die Gründe für immerhin 40 Milchschafe; das Winterheu wird mit der Hand gewendet und eingeholt. Sabine, die mittlerweile ihre Berufung als Doula (Geburtsbegleiterin) gefunden hat, bereitet Frischkäse aus der Milch, die Joël melkt. Die Molke bekommen die Wollschweine, die wiederum dort den Boden umgraben, wo die Lanfranchis fast vergessene regionale Getreidesorten vermehren wollen, etwa einen alten Roggen mit zwei Meter hohem Halm. Vor Jahren gründeten Sabine und Markus die südschweizerische Sektion von »ProSpecieRara«, der nationalen »Stiftung für die kulturhistorische und genetische Vielfalt von Pflanzen und Tieren«, für die Sabine auch heute noch in Teilzeit arbeitet. Eindrucksvolle Geschichten bekomme ich da zu hören, zum Beispiel von der Rettung einer roten Maissorte, deren Samen sie vor vielen Jahren zur Vermehrung im Bekanntenkreis herumgaben – und von der sie nun unlängst in einem Geschäft eine Polenta entdeckten. Die beiden Ursprungskolben von damals bilden die Grundlage einer heutigen Jahresproduktion von 10 Tonnen. Oder wie sie 1997 die entlegensten Dörfer und Almen abklapperten, um die letzten fortpflanzungsfähigen Tiere der grauen Steinziege ausfindig zu machen – eine weitere Art, die heute als gerettet betrachtet werden kann.
Auch wenn am folgenden Wochenende die erste nationale Zuchtschau der »Capra Grigia« stattfinden wird, sind all dies lediglich kleine Erfolge, die – darauf legt Markus Wert – dennoch groß gefeiert werden sollten: »Mit kleinen Schritten kann man die Welt umrunden, ohne außer Atem zu geraten«, lautet sein Credo. Mit dem allgemeinen Niedergang der bäuerlichen Kultur steht jedoch noch viel mehr auf dem Spiel als nur ein paar schöne, regional angepasste alte Sorten und Rassen. Markus sorgt sich: »Wenn in absehbarer Zeit das Erdöl und Kunstdünger-Rohstoffe wie Phosphor zur Neige gehen, ist die kurze Epoche der Agrarindustrie am Ende. Dann müssen wir wieder bauen wie unsere Vorfahren – mit lokalen Grundstoffen in lokalen Kreisläufen. Das dafür nötige Wissen ist schon heute kaum mehr vorhanden, und mit jeder Hofumstellung oder -aufgabe stirbt es weiter aus. Das gilt sogar zunehmend für die Biobranche.« Er spricht aus eigener Erfahrung: »Als ich 30 Jahre, nachdem meine Eltern den Familienhof aufgegeben hatten, neu anfing, konnte ich an fast nichts mehr anknüpfen. Weil wir seinen Wert nicht erkannt hatten, war in nur einer Generation unendlich viel jahrhundertealtes Überlebenswissen verlorengegangen. Was, wenn die moderne Technik uns in Zukunft nicht mehr ernähren kann? Es ist doch schade, wenn wir uns die Methoden früherer Generationen erst wieder mühsam erarbeiten müssen!«
Eine hoffnungsvolle Beobachtung macht Markus an sich und auch an mitarbeitenden Gästen: Nach wenigen Tagen mit den Händen in der Erde oder im Zusammensein mit den Tieren springe bei den meisten Menschen so etwas wie ein bis dahin im »Stand-by-Modus« schlummerndes, intuitives Agrarwissen an – 10 000 Jahre Landwirtschaft hätten in der Menschheit eben doch Spuren hinterlassen …
 

Das Alphabet der Landkultur wieder zusammentragen
Soll man sich ganz auf diese intuitiven Fähigkeiten verlassen? Um zu retten, was zu retten ist, wird Markus gemeinsam mit Mitstreitern lieber wieder aktiv: Im Juli wollen sie mit der Internetseite »terrABC.org« online gehen, einem Forum zum Austausch des bäuerlichen Wissens der Welt, einer Datenbank für Landwirte, Gärtner, Selbstversorger und Verarbeiter. Als Vertreter der Initiative war Markus gerade erst zu Gast auf einer Konferenz im Königreich Bhutan, das ja zuletzt die Einführung von konventionellen Landwirtschaftsmethoden per Gesetz ausgeschlossen hat. In seiner Rede sprach Markus über die derzeit schwierige Lage der bäuerlich-traditionellen Landwirtschaft in den Alpen und erwähnte auch die vielen tausend jungen Leute, die heute in den krisengeschüttelten Ländern Südeuropas zurück in ländliche Gebiete und zurück in die Nahrungsproduktion drängen. Mir berichtet der Wissens-Konservator, dass sie auf ihrer Internet-Baustelle beispielhaft 60 Themen aus der großen Bandbreite der bäuerlichen Erfahrungswerte eingestellt hätten. Ich frage ihn, was er denn schätze, wie viele Aspekte die lebendige bäuerliche Kultur nur eines spezifischen Orts umfasse. Drei Sekunden Pause. Dann meint er: »Sechzigtausend. Mindestens.«
Bevor Markus die jetzige terrABC-Kerngruppe vereinigte, brachte er bereits einen frustrierenden Versuch mit den Kollegen vom Anbauverband »Bio-Suisse« hinter sich. Er hatte dort angesprochen, dass mit dem zunehmenden Erfolg der Biobranche und deren Ausrichtung auf Effizienz, Profit und Wachstum das alte Wissen auf den Höfen ebenso erodiere wie die Böden – und war sogar zunächst auf offene Ohren gestoßen. Doch dann musste er die Erfahrung machen, dass die akademische Fraktion in der ausgewogen aus Landwirten und Forschern zusammengestellten Aktionsgruppe nicht bereit war, auf Augenhöhe an der Aufgabe der Wissensbewahrung zu arbeiten; die Bauern waren lediglich als stummes Beiwerk gedacht. So begann Markus, die Idee von terrABC.org als einem breitflächig angelegten Graswurzelansatz zu verfolgen.
 

Das Leben vom eigenen Land muss kein Traum bleiben
Es tut gut, zu sehen, dass mit Markus einer am richtigen Platz gelandet ist. Er kann andere mit seiner Begeisterung für boden­ständiges Kleinbauerntum anstecken. Joël der »Hütebub«, der bei den Lanfranchis gelernt hat, die eigenen Fähigkeiten zu nutzen, ist hierfür ein eindrucksvolles Beispiel. In einer Landwirtschaft mit Maß erkennt Markus sinnvolle, erfüllende Tätigkeiten noch für Millionen, die heute ausgebrannt oder arbeitslos sind. Seine frohe Botschaft mit terrABC: Es bedeute nicht unbedingt ein bequemes Leben – aber jeder, der es wirklich will, könne ohne viel Einsatz von Geld und Technik vom eigenen Stück Land leben und dabei im Zusammenspiel mit den Elementen, Menschen, Pflanzen und Tieren fortwährend neue Wunder erleben. Das Wunder etwa, dass die Erde bei der richtigen Bebauung und Pflege von Jahr zu Jahr lebendiger und fruchtbarer wird. Bleibt zu hoffen, dass die Internetseite annähernd so geeignet ist, den Funken der Begeisterung überspringen zu lassen, wie die lebendige Begegnung mit diesem Bauernbuchstabierer und seiner starken Frau! •

Mehr Begeisterung fürs Kleinbauerntum!
www.terrabc.org (online ab Juli 2014)
www.prospecierara.ch/de

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