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Das Moor als Klimaretter

Wer Moore bewirtschaften möchte, ohne sie trockenzulegen, muss mit der Natur arbeiten – nicht gegen sie. Wissenschaftler zeigen, wie das möglich ist.

von Lübbert Anke , erschienen in 26/2014

Die Michael Succow Stiftung und die Universität Greifswald wollen in Vorpommern eine »Modellregion Moor« entwickeln. Würden Landwirte auf »Paludikultur« umsteigen, könnten ­Flächen wiedervernässt werden, was dem Klima zugute käme.

Bild

© Foto: R. Scheibe

Anke Nordt legt den Telefonhörer auf. Gerade hat sie mit dem Schweriner Landwirtschaftsministerium telefoniert; es geht um EU-Direktzahlungen für landwirtschaftliche Flächen auf wiedervernässten Mooren. Das Ministerium ziert sich mit der Zusage, schließlich handle es sich bei Paludikultur (lateinisch »palus« = »Sumpf«) nicht um Landwirtschaft. »Das ist noch eine große Baustelle«, sagt Anke Nordt. »Ob die Bauern diese Subventionen bekommen oder nicht, kann darüber entscheiden, ob sich Paludikultur für sie rechnet.« Seit zwei Jahren arbeitet Anke Nordt für das Projekt »MoorZukunft« an der Universität Greifswald. Sie macht Lobby­arbeit für die umweltgerechte Nutzung der Moore. Dass diese entscheidend für den Klimaschutz sind, ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis der Moorforschung der vergangenen Jahre. Die nassen Böden speichern Kohlenstoff. Seit Jahrhunderten sind aber viele Moore zu Grünland umgewandelt worden. Dabei kommt Luft in den Boden, der Kohlenstoff oxidiert. Fünf Prozent aller vom Menschen verursachten Kohlenstoffemissionen entweichen jährlich aus ­entwässerten Moorböden.
Wiedervernässung als Naturschutzmaßnahme hat in der Bevölkerung keine große Akzeptanz. »Deswegen forschen wir an der Paludikultur«, sagt Anke Nordt, »denn auch viele nasse Standorte lassen sich bewirtschaften.« Klar ist die Bewirtschaftung ein Eingriff in die Natur – aber ein kleiner. Auf wiedervernässten Niedermoorflächen kann man Erlen zur Holzgewinnung oder Schilfrohr zur Energieerzeugung und als Baustoff anbauen und ernten. Natur und Klima schützen und dabei trotzdem die Flächen nutzen – eigentlich ist das eine klassische »Win-win«-Situation.
Ein paar Herausforderungen sind noch zu meistern: Die Technik für die Schilfernte muss verbessert werden; sie ist noch zu teuer. Es gibt wenig Erfahrung mit dem langjährigen Anbau und der Weiterverarbeitung und keine fertige Vertriebsstruktur für die Produkte. Allgemein haben Moore nicht das beste Image; sie gelten als unwirtlich und lebensfeindlich. Dagegen wird die Umwandlung von Mooren zu Ackerland im kollektiven Gedächtnis nach wie vor als wertvolle Kulturleistung der Vorfahren assoziiert.
 

Wissenschaftler, Bauern und Unternehmer im Schilf
Wendelin Wichtmann forscht seit 20 Jahren in Greifswald zum Thema. Derzeit arbeitet er für die Michael Succow Stiftung, betreut unter anderem ein Kooperationsprojekt in Weißrussland und war auch bei der »Vorpommern Initiative Paludikultur« dabei, einem gerade ausgelaufenen, mit 3,6 Millionen Euro vom Bundesbildungsministerium geförderten Projekt, das 2013 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis in der Kategorie »Forschung« gewonnen hat. »In der Forschung sind wir mittlerweile ziemlich weit gekommen«, sagt er, »jetzt geht es um die Umsetzung.« Dafür arbeiten die Greifswalder Wissenschaftler sogar selbst an der Bewirtschaftungstechnik mit: Sie haben einen Pistenbulli zur Ernteraupe umgebaut. Mit dessen breiten Gummiketten sind auch nasse Flächen befahrbar.
In den vergangenen zwei Jahren war Anke Nordt viel im Land unterwegs. »Einige Landwirte sind wirklich interessiert«, sagt sie. »Das ist nichts für jeden, man muss schon ein Unternehmertyp sein.« So einer ist Hans Voigt, Landwirt in Neukalen bei Malchin. Voigt ist seit 2006 Kooperationspartner des Vereins DUENE e. V. und der Greifswalder Universität, die mit der Succow Stiftung die Moorforschung intensivieren und eine Fachbibliothek aufbauen. Den Schilfrohranbau in Neukalen und Bauer Voigts erste Ernte haben Wendelin Wichtmann und andere begleitet. Daten zu Verfahrenskosten, zur Produktivität und zur Ökobilanz wurden erfasst sowie Proben für die Analyse der Brennstoffeigenschaften genommen. Mittlerweile entsteht im Nachbarort von Neukalen das Heizwerk, in dem das Schilf zu Wärme umgewandelt wird. Damit andere Landwirte und Wärmeversorger sich das Neukalener Modell zum Beispiel nehmen, muss noch Überzeugungsarbeit geleistet werden. Weil die Paludikultur kaum bekannt ist, ist das nicht immer leicht. »Für die Umweltbehörden geht es dabei um Landwirtschaft, für die landwirtschaftlichen Behörden sind wir Naturschützer«, sagt Anke Nordt. Dabei ist Paludikultur beides: nachhaltige Landnutzung und pragmatischer Umwelt- und Klimaschutz. • 

www.paludiculture.uni-greifswald.de

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