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Den Humus hüten

Unseren Enkelgenerationen droht wahrlich der Boden
unter den Füßen zu entschwinden.

von Andreas Schug , erschienen in 26/2014

Die fruchtbare Bodenschicht – einst durch die Wälder gewachsen – ernährt uns, sie filtert unser Trinkwasser, und sie dient als CO2-Senke. Vor allem die intensive Landwirtschaft und der Klimawandel bedrohen diese essenzielle Lebensquelle.

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© Foto: Till Runkel

Dass die Lage ernst ist, zeigen die vielen Bodenkonferenzen der letzten Monate. So trafen sich im Oktober 2013 Hunderte Fachkundige in Berlin zur »Global Soil Week« unter dem wenig erfreulichen Motto »­Losing Ground« – auf Deutsch: »Wir verlieren den Boden«. Viele Teilnehmer sprechen neben dem »Peak Oil« – dem Ölfördermaximum – vom »Peak Soil«: Es dauert hundert Jahre, um zwei Millimeter Humusschicht zu bilden, aber von der etwa 20 Zentimeter starken Nährschicht, die sich in Jahrtausenden angesammelt hat, erodiert täglich mehr Humus als neuer hinzukommt. Bislang konnte der Verlust ausgeglichen werden – durch neue Felder an den »Agrarfronten« auf Kosten von Wäldern oder Grünland. Phosphatdünger und synthetisiertes Ammoniak, für dessen Herstellung enorme Mengen an Energie notwendig sind, traten an die Stelle der bäuerlichen Bemühungen um natürlichen Humusaufbau. Diese Düngemittel lassen die Böden verarmen, so dass immer mehr davon gebraucht wird. Zudem schädigen Ackergifte das Bodenleben. Rund 12 Prozent der Landfläche sind Äcker. Laut dem Potsdamer Nachhaltigkeitsinstitut »Institute for Advanced Sustainability Studies« (IASS) stehen jedem Erd­bewohner heute noch 0,22 Hektar Land für die Ernährung zur Verfügung; 1960 war es doppelt so viel. Auch durch Versiegelung für Straßen und Gebäude geht Ackerland verloren – in Deutschland täglich rund 100 Hektar.
 

Handeln, statt nur zu warnen!
Schon 1994 formulierte der »Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen« (WBGU) eine eindringliche Warnung vor der »­Bodendegradation«. In seinem Jahresgutachten ging das Beratergremium davon aus, dass weltweit 15 Prozent der Landfläche degradiert – also entwertet – waren. Neben der Sahelzone nimmt der Bericht das »Chemiedreieck Halle-Saale-Bitterfeld« ins Visier. Nach Einschätzung der Wissenschaftler sind die Böden dieser Region durch die Intensivlandwirtschaft mit Gülle überdüngt und mit Luftschadstoffen aus Industrie und Verkehr belastet. Infolge der Deindustrialisierung seit 1990 stellte der Beirat zwar eine leichte Reduktion von Schadstoffen wie Schwefeldioxid fest – doch das höhere Verkehrsaufkommen bewirkte einen Anstieg der Stickoxide.
In den vergangenen 20 Jahren hat der Nutzungsdruck auf die Landflächen – auch auf die Wälder – in Deutschland weiter zugenommen. Wertvolles Grünland, das große Mengen Kohlendioxid bindet und so das Klima schützt, kommt allerorten unter den Pflug. Am stärksten leiden die Böden in der norddeutschen Tiefebene, wo riesige Landmaschinen kilometerweite Sandäcker in ökologisch tote Monokulturen verwandeln, ohne Schutz vor der Witterung. Die Winderosion geht so weit, dass es wiederholt Sandstürme in Mecklenburg-Vorpommern gab, zuletzt im März dieses Jahres. Weite Teile des nordöstlichen Bundeslands sind, geologisch betrachtet, bereits Wüste. Der Deutsche Wetterdienst erklärte im April 2011, Sandstürme seien »in dieser Jahreszeit und in diesem Gebiet keine Seltenheit«. In seiner Studie »Klimafolgen für Deutschland« prognostiziert das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, dass die Niederschläge in weiten Teilen Ostdeutschlands bis zum Jahr 2050 deutlich sinken werden, was die Humus­erosion weiter beschleunigt.
Es ist höchste Zeit, gegenzusteuern, um die zarte fruchtbare Bodenschicht für die kommenden Generationen zu erhalten. Einen Versuch zur Rettung des Ökolandbaus in Ostdeutschland unternimmt das »Bündnis Junge Landwirtschaft« (siehe Seite 37). Solche kleinen Bewegungen brauchen die breite Unterstützung der Zivilgesellschaft. Das meiste Land haben die Agroindustrie-Betriebe Norddeutschlands, die Tausende von Hektar bearbeiten, inzwischen nicht mehr lediglich vom Staat gepachtet, sondern in ihr Eigentum gebracht – sie werden es nicht wieder hergeben, solange sie auf dem Weltmarkt und mit EU-Subventionen reichlich Profite machen.
Hoffnungsvoll stimmen Initiativen, die dauerhaft nährstoffreiche Schwarzerden herstellen und verbreiten wollen – aber sie arbeiten oft noch im Kleingartenmaßstab (siehe Seite 24). Den größten Beitrag zur Erhaltung der Böden leistet derzeit der Ökolandbau mit Weidehaltung.
Das Fazit des WBGU kann indessen jeden Restoptimismus vernichten. Der Beirat schließt in seiner Studie, dass Bepflanzungen gegen Bodenerosion, eine Reduktion des Fleischkonsums oder die bessere Nutzung der produzierten Nahrung »für sich genommen« das Welternährungsproblem nicht lösen könnten, denn die Maßnahmen setzten entweder »einen erheblichen Wertewandel voraus« oder seien »wegen zu hoher Bevölkerungsdichte nicht durchführbar«. Die Forscher halten deshalb wachsende Flächenerträge pro Hektar für »die einzige rea­lisierbare Lösung, um die Ernährung der Menschheit langfristig zu sichern«.
Einspruch! Muss die zukunftsfähige, enkeltaugliche Antwort nicht ganz anders lauten? Wachstum war gestern. Genau jetzt ist die Zeit für den »erheblichen Wertewandel« angebrochen – und der beginnt voller Mut im Kleinen!

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