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Agrarindustrie haben alle satt

Johannes Heimrath sprach mit Jochen Fritz, dem Leiter der Kampagne »Meine Landwirtschaft«, die jeden Januar eine Großdemonstration in Berlin organisiert.

von Jochen Fritz , Johannes Heimrath , erschienen in 26/2014

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© Foto: www.humantouch.de

Jochen, du ziehst die Fäden hinter der ­Demonstration »Wir haben es satt!«, die »Bauernhöfe statt Agrarindustrie« fordert. Was ist dein beruflicher Hintergrund?

Ich habe Landwirt gelernt und Agraringenieurswesen studiert. In Süddeutschland war ich sechs Jahre lang Berater für ökologischen Landbau und hatte in dieser Zeit mehr und mehr den Eindruck, dass sich vor allem politisch etwas verändern muss. Als Jugendlicher wollte ich in die Entwicklungshilfe gehen, aber mir wurde bald klar, wie immens die negativen Auswirkungen unserer Landwirtschaft auf die Länder des globalen Südens sind. Solange wir unser Leben hier nicht regionaler und ohne Futterimporte regeln, bleibt Entwicklungshilfe hauptsächlich Symptombekämpfung.

Wie kam es zur Gründung der Kampagne »Meine Landwirtschaft«?

Am Anfang stand die Initiative vom BUND, dem Tierschutzbund und weiteren Organisationen, die während der »Grünen Woche« 2010 in Berlin eine Protestkundgebung zur Agrarindustrie organisiert hatten. Im Getriebe der Messe hat sie aber kaum Aufmerksamkeit bekommen. Deshalb wollten die Verbände etwas »Größeres« machen und hatten dazu ein Planungstreffen organisiert, bei dem auch engagierte Einzelpersonen dabei waren, zum Beispiel Robert Übler, ein Züchter Schwäbisch-Hällischer Schweine. Der hatte mich zu diesem Treffen mitgenommen. Weil ich damals Zeit hatte, ergab es sich, dass ich mich hauptamtlich für die Organisation der ersten »Wir haben es satt!«-Demo einsetzen konnte. Parallel ist aus einem ähnlichen Bündnis an Organisationen die Kampagne »Meine Landwirtschaft« entstanden. Später wurde das zusammengeführt, und ich habe die Koordination übernommen.

Ging es bei »Wir haben es satt!« am Anfang vor allem darum, die Agrarpolitik in Brüssel zu beeinflussen, oder eher darum, die Bevölkerung zu mobilisieren?

Vor allem um Letzteres. Wir haben es geschafft, Themen anzusprechen, die die Leute persönlich bewegen – Gentechnik, Massentierhaltung, Exportdumping. Aber bis zum Schluss ist es uns nicht gelungen, sie in die ganz große, breite Öffentlichkeit zu bringen. Mit »Wir haben es satt!« wollen wir die Menschen direkt aktivieren, aber natürlich auch die Politik sensibilisieren. Ich glaube nicht, dass wir im ersten Jahr 20 000 Leute für eine bessere Agrarpolitik in Brüssel auf die Straße gebracht hätten, das wäre eine zu abstrakte Forderung.

Welche Argumente und Bilder treffen deiner Meinung nach am stärksten den Nerv der Öffentlichkeit?

Die eigene Gesundheit ist der wichtigste Angelpunkt. Die Leute wollen keine Chlorhühnchen und kein Hormonfleisch auf dem Teller haben. Gentechnik lehnen die meisten immer noch wegen des Gesundheitsrisikos ab, wobei es mir vor allem um Machtstrukturen geht: Wem gehört unser Essen? Darf man Leben patentieren? Zur Auswirkung von Gentechnik auf die Gesundheit gibt es noch zu wenig Informationen, jegliche Studien dazu werden verhindert. Wissenschaftler, die versucht haben, das darzustellen, sind in ihrer Arbeit immer blockiert worden. Inzwischen stört es auch immer mehr Menschen, durch die Landschaft zu fahren und immer nur Maismonokulturen zu sehen. Das Thema Massentierhaltung ist extrem mobilisierungsfähig; wir können uns das als humane Gesellschaft nicht mehr leisten. Allgemein ist das Agrar-Thema komplexer als die Energiewende, weil es sich auf vielen Ebenen abspielt. Ein Atomkraftwerk ist ein klarer Gegner, den es so in der Landwirtschaft nicht gibt. Auch ein Kleinbauer kann seine Felder zur Abreife mit ­Glyphosat spritzen.

Ich frage mich oft: Wie lässt sich der Schrecken der Agrarindustrie vermitteln, wo doch ihre Felder »so schön grün« sind?

Wichtig ist, sich zu fragen, woher das Essen kommt. Beim Thema Energie reicht es vielleicht aus, einmal im Leben einen Vertrag an »Naturstrom« zu schicken, aber bei Nahrungsmitteln entscheide ich jeden Tag. Was ist faires Essen? Wie sieht es mit den Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft aus? Was ist mit den ökologischen und tierschutzrechtlichen Belangen? Was passiert in der Tierhaltung genau? Agrarindustrie lässt sich nicht so einfach »abschalten«, sondern man muss viele einzelne Facetten in ganz verschiedenen Bereichen verändern. Es ist leichter, Menschen durch eine Ablehnung zusammenzuführen. Einen Stall mit 37 000 Schweinen wie in Haßleben – das will niemand. Aber das »Für« – dazu kann auch »Meine Landwirtschaft« noch kein klares Bild zusammenfügen, denn das ist ein weites Spektrum. An dem Bild der Alternative müssen wir noch arbeiten, das muss sich aus vielen unterschiedlichen Ansichten her­aus noch zusammenfügen. Ökolandbau ist natürlich das allgemeine positive Bild, aber wie groß soll denn »Öko« sein, und in welchen Strukturen findet »Öko« statt?

Auch ein Konzern wie die KTG Agrar SE, die auf Tausenden von Hektar in Deutschland Sojabohnen als Monokultur anbaut, rechnet sich zum Ökolandbau. Von solchen Großstrukturen wollen wir ja weg.

Eine Grundaussage unserer Kampagne ist: Wir müssen bäuerliche, regionale Struktu­ren schützen! Wenn wir so weitermachen wie bisher, gibt es in zehn bis zwanzig Jahren keine klassischen Bauern mehr.

Schon jetzt gibt es sie in der Nordhälfte Deutschlands nur noch in Enklaven. In Mecklenburg-Vorpommern sind sie so gut wie ausgestorben.

In Brandenburg gibt es durchaus noch einige. Ein kleiner Bauer hier hat 180 Hektar – in Süddeutschland wäre das natürlich ein Großbauer. Es geht auch nicht vorrangig um die Größe der Flächen. Mein Lehrbetrieb ist in die Altmark gegangen und bewirtschaftet jetzt 1000 Hektar – aber bäuerlich mit einer hofeigenen Metzgerei und vielen Mitarbeitern. Der Hof ist in der Hand einer Familie und Teil des regionalen kulturellen Lebens. Das ist ein großer Unterschied zu einem 1000-Hektar-Betrieb, der einer Aktiengesellschaft gehört und wo nur eine Handvoll Menschen mit riesigen Maschinen arbeiten.

Ein wesentlicher Unterschied ist auch: Gelingt es einem Hof, Humus aufzubauen, oder entzieht er der Erde Nährstoffe? Selbst im Ökolandbau ist es selten, dass ein nennenswerter Humusüberschuss entsteht.

Was der Boden nicht mehr hergibt, erkauft man sich über synthetische Düngemittel. Diese Industrie ist teuer, umweltschädlich und unwirtschaftlich. Dass hier neue Wege gegangen werden, könnte meiner Meinung nach am ehesten erreicht werden, wenn Flächen, die heute noch zu vergeben sind, an junge Ökolandwirte gehen.

Wird »Meine Landwirtschaft« sich in der nächsten Zeit für eine gerechtere Flächenvergabe starkmachen?

Diese Arbeit steht eher im Hintergrund, zum Beispiel durch Kooperation mit dem »Bündnis Junge Landwirtschaft«. ­Dieses Jahr wird bei uns wieder verstärkt das Thema Massentierhaltung im Zentrum stehen. Wir wollen am 29. Juni möglichst viele Menschen nach Haßleben bringen. Außerdem unterstützen wir regionale Bündnisse in Brandenburg, Sachsen und Thüringen mit kleinen »Wir haben es satt!«-Demons­trationen anlässlich der Landtagswahlen. An Erntedank soll vom 2. bis 5. Oktober ein großer »Stadt.Land.Food.«-Kongress und ein Festival zum Thema »Landwirtschaft und Ernährung« in und um die Markthalle 9 in Berlin-Kreuzberg stattfinden.
Ein wirklich tolles Format war unser »Politischer Suppentopf«, bei dem wir in Berlin und anderen Städten Akteure rund um Landwirtschaft und aus Verbänden mit Stadtgärtnern, Imkern und Mitgliedern solidarischer Landwirtschaft zusammengeführt haben. Alle haben Zutaten mitgebracht, aus denen gemeinsam gekocht wurde. Es kam zu Begegnungen zwischen Menschen aus Aktionsfeldern, die sich sonst wenig berühren.
Insgesamt steht bei uns die Vernetzung im Vordergrund. Die inhaltliche Arbeit machen die einzelnen Verbände. Wir sind dazu da, die Themen in die Öffentlichkeit zu tragen. Es ist auch wichtig, dass es die Hinter­zimmergespräche und Lobbyarbeit gibt, die von den Verbänden vorangetrieben wird. Aber wenn wir nicht den Druck auf der Straße erhöhen, wird sich politisch nichts ändern.

Ihr holt viele Menschen auf die Straße. Wie gelingt euch das?

Mittlerweile sind über 40 Organisationen zusammengekommen, die alle mit mobilisieren. In unseren Trägerkreistreffen kommen Ideen auf, die wir dann zu Konzepten entwickeln und umsetzen. Inzwischen ist es ein Muss für viele Organisationen, bei unserer Kampagne dabeizusein. Damit sich viele mit ihren jeweils ganz eigenen Ansätzen bei uns wiederfinden, ist es wichtig, dass unsere Forderungen offen und breit sind. Je mehr wir konkretisieren, desto schneller kommt Uneinigkeit auf. Deshalb arbeiten wir mit Botschaften, nicht mit speziellen Forderungen. Es geht um Bilder, die Menschen bewegen. Du musst begeistern und an die Sache glauben, um Menschen zu bewegen. Ganz praktisch kommt es auf unsere Netzwerke an; zum Beispiel ist es wichtig, dass der BUND intensiv mitmacht. Die bei uns beteiligten 40 Verbände haben zum Teil viele Landesgruppen und Ortsgruppen, und mit möglichst vielen stehen wir in persönlichem Kontakt. Der direkte Austausch ist das Wichtigste. All diese verschiedenen Verbände haben eines gemeinsam: Sie haben Agrarindustrie satt.

Seit vierzig Jahren wird uns das Argument entgegengehalten, die bäuerliche Landwirtschaft stelle teurere Produkte her. Was antwortest du in so einem Fall?

Die industrielle Landwirtschaft ist derart subventioniert, dass sie nie die wahren Kosten trägt. Sobald wir die tatsächlichen Kosten dieser Produktionsweise für Umwelt und Gesellschaft einrechnen würden, wären Produkte der Agrarindustrie deutlich teurer. Würden die Subventionen in eine ökologischere und bäuerliche Landwirtschaft umgesteuert, wäre sie wettbewerbsfähig.

Mit der bäuerlichen Landwirtschaft verschwindet ja auch Handwerkskunst. Das ist ein Kulturschaden erster Güte!

Ich frage mich, ob sich ein Bauerntum, wie es die Kriegsgeneration noch kannte, restaurieren lässt, oder ob vielleicht eine ganz neue Herangehensweise an die Realitäten notwendig ist. Wahrscheinlich geht es dar­um, Altes und Neues zusammenzuführen. Privat habe ich mir gerade einen »Schuffelgarten« in Werder an der Havel zugelegt, das ist ein traditioneller Obstgarten in Hanglage, wo der Boden mit einer flachen Hacke – eben einer »Schuffel« – bearbeitet wird. Du pflanzt unten Erdbeeren und Kartoffeln, dann kommen Sträucher, und darüber die mittelgroßen bis großen Bäume. Zusammen mit der Waldorfschule soll der Garten wiederbelebt werden. Nur durch Praxis lässt sich traditionelles Anbauwissen erhalten, und es kann mit neuer Forschung verbunden werden. Unsere Kinder sind auch begeistert dabei. Ich denke, es gibt viele kreative Wege, Begeisterung für bäuerliche Landwirtschaft zu wecken.

Das stimmt! Hab herzlichen Dank für das angeregte Gespräch.

 

Jochen Fritz (40) ist gelernter Landwirt und studierte in Stuttgart-Hohenheim Agrarwissenschaften. Nach sechs Jahren als Ökolandbauberater in Baden-Württemberg leitet er seit 2011 die Kampagne »Meine Landwirtschaft«.

Mitmachen und auf die Straße gehen:
www.wir-haben-es-satt.de
www.meine-landwirtschaft.de

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