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Wieviel Erde braucht der Mensch?

In Brandenburg entsteht ein »Weltacker«. Was dort auf 2000 Quadratmetern angebaut wird, entspricht dem globalen Durchschnitt – und wirft viele Fragen auf.

von Svenja Nette , erschienen in 26/2014

Bild

© Foto: Till Runkel

Wieviel Ackerfläche benötigt die Nahrung zum Wachsen, die ich als in Mitteleuropa lebender Mensch in einem Jahr verspeise? Gibt es für sieben Milliarden Menschen auf der Welt überhaupt ausreichend Ackerfläche, damit sie sich versorgen können?
Wer hierzulande Passanten auf einer beliebigen Straße diese Fragen stellt, wird höchst unterschiedliche Antworten erhalten – und vor allem Unsicherheit erleben. Warum wissen wir so wenig über das Fundament der Lebensgrundlagen auf unserem Heimatplaneten?
Wer als Kleinbäuerin oder Kleinbauer einen Hof mit vielleicht zwei Hektar Land betreibt, davon seine fünfköpfige Familie versorgt und darüber hinaus noch Erzeugnisse auf dem regionalen Markt verkaufen kann, weiß intuitiv, wieviel Erde der Mensch braucht. Im fremdversorgten, urbanisierten Mitteleuropa ist dieses Wissen fast gänzlich verlorengegangen. Wer bepflanzt den Boden, von dem ich esse, und womit? Wo befindet er sich eigentlich? Teilt man die Ackerfläche der Welt durch die aktuelle Anzahl der Erdenbewohner, kommt man immerhin auf rund 2000 Quadratmeter pro Kopf. Kann man davon satt werden?
Ein neues Projekt der Zukunftsstiftung Landwirtschaft stellt diese Größe ins Zen­trum: Das »2000m²-Projekt« möchte Beispieläcker anlegen, die Fragen aufwerfen und zeigen, wieviel Ackerfläche jede und jeder nutzen könnte, würde das Land unter allen Menschen gerecht verteilt.
 

Die Welternte wird eingesät
Sandig ist es hier, im Brandenburgischen. An einem sonnigen Sonntag, viel zu warm für den März, stehe ich auf dem Welt­acker der solidarischen Landwirtschaft »Speisegut« im Havelland, eine knappe Reisestunde von Berlin entfernt. Heute wurden Zwiebeln gesteckt, Kartoffeln und Topinambur gelegt sowie viel Weizen gesät. Der Acker wird den Durchschnitt des globalen landwirtschaftlichen Anbaus spiegeln – also ein »Weltacker« sein. Die Hälfte ist für Getreide reserviert, kleinere Teile für Gemüse. Auch der Flächenanteil für Biosprit und Fasern, Gummi und Genussmittel ist bedacht. Obwohl 2000 Quadratmeter auf den ersten Blick erschreckend klein aussehen, könnte ich mich von dieser Fläche ernähren und ein paar weitere Grundbedürfnisse decken. Allein für meine hauptsächlich vegetarische Ernährung könnte ich mit etwa 650 Quadratmetern auskommen. Was müsste ich alles anbauen, um sicher über den Winter zu kommen? Der Acker reizt zu Fragen; er ist ein Feld der Geschichten, die aus diesem Stück Erde entstehen. Genau das ist sein Ziel.
Das 2000m²-Projekt ging aus einer Infor­mationskampagne über die neue europäische Agrarreform hervor. Es soll die heiklen Themen greifbar machen. Um politisch sinnvoll zu entscheiden, brauchen wir eine Vorstellung davon, was es eigentlich heißt, genug zum Leben zu haben. Wir sollten wissen, wie die Äcker, Felder und Beete der Welt heute aussehen, um fordern zu können, wie auf ihnen angebaut wird, so dass wir alle genug zum Leben auf ihnen wachsen lassen können. Derzeit verbrauchen wir Europäer etwa 2700 Quadratmeter Ackerland pro Kopf. Auch wenn in Europa tatsächlich rund 2000 Quadratmeter an Anbaufläche für jeden hier lebenden Menschen zur Verfügung stehen, importieren wir einen Großteil unserer Nahrungsmittel. Diese virtuelle Inanspruchnahme von Land geschieht zu einem großen Teil in Südamerika. Hauptsächlich von dort kommen die 30 Millionen Tonnen Soja, die das Protein für unsere hiesige Viehzucht bilden – nicht nur für Steaks auf deutschen Grills, sondern auch als Exportfleisch. Auch asiatisches Land macht einen nicht unerheblichen Teil der Grundlage für unsere Nahrung aus. Was heißt das in der Folge für die Menschen in Südamerika, in Asien und in allen anderen Teilen der Welt? Würde man zum Beispiel das Ackerland in China auf seine Bewohner aufteilen, würde dort jeder nur 800 Quadratmeter bewirtschaften können. Während in Europa etwa 3 Prozent der Menschen in der Landwirtschaft tätig sind und im Durchschnitt etwa 26 Hektar beackern, sind es in vielen Teilen der Welt Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die in Handarbeit viel intensiver kleinere Landstücke bebauen. Ein typischer Kleinbauer in Asien oder Afrika bewirtschaftet etwa einen Hektar, also 5 × 2000 Quadratmeter, der mehrere Menschen versorgt. Die durchschnittliche nordamerikanische Farm hingegen ist 121 Hektar groß, also 605 × 2000 Quadratmeter. Wer in den tropischen Gebieten anbaut, kann zwei Kulturen in einem Jahr beernten. Doppelte Ernte heißt allerdings auch doppelten Einsatz von Nährstoffen und Wasser, von Krafteinsatz und Planung. Jede Region fordert ihre ganz eigene Anbauweise.
 

Der Weltacker zieht globale und lokale Fäden
Einer der ersten 2000m²-Schauäcker liegt in Ytterjärna in Schweden, wo die Bäuerin Ida Johanna-Carlander zeigt, wie man mit lokalen Feldfrüchten und Getreiden einen Menschen gut über das Jahr bringen kann. Der Weltacker, den Christian Heymann vom Speisegut betreut, verdeutlicht etwas anderes: die heutige, globale Ackerwirklichkeit. Weit über die Hälfte wird von Weizen, Mais, Sojabohnen und Reis bestimmt. Da Reis nicht in Brandenburg wächst, wird er durch Hirse ersetzt. Auch bei anderen Feldfrüchten musste improvisiert werden. Wie lässt sich zum Beispiel Kautschuk repräsentieren, der im Globalacker immerhin 10 Quadratmeter einnimmt? Der Verbrauch an Textilfasern sollten zunächst durch Industriehanf gedeckt werden, doch das Zulassungsverfahren ist so komplex, dass das Vorhaben auf nächstes Jahr verschoben wurde und dieses Jahr Leinen gepflanzt wird. Tabak steht für die etwa 105 Quadratmeter, die unsere Genussmittel beanspruchen.
All diese kleinen Entscheidungen erzählen Geschichten aus der Welt. Benny Härlin, der für die Zukunftsstiftung Landwirtschaft das Projekt betreut, berichtet von der Recherche für das Linsensaatgut: »Wir sind darauf gekommen, dass sich die größte und bedeutendste Linsensammlung in Aleppo in Syrien befindet. Dort ist Bürgerkrieg, die halbe Forschungsstation liegt in Schutt und Asche. Die Menschen dort haben versucht, einen Teil der Linsensaat zu retten – dem wollen wir jetzt nachgehen.« Ersatzweise wurden Schwäbische Alblinsen besorgt, die eigentlich nur dort angebaut werden dürfen, da die 120 schwäbischen Linsenbauern auf der Regionalität ihres Produkts bestehen. Schließlich gaben sie dem Weltacker aber doch die Erlaubnis für eine 80 Quadratmeter große Parzelle, die mittlerweile als »Schwabenecke« bezeichnet wird. »Wir werden auch Wolfgang Thierse zum Linsenessen einladen«, erklärt Benny Härlin augenzwinkernd und erinnert mich an die Berliner Diskussion über den »Schwabenhass«.
Essen stiftet Identität. Dies zu verdeutlichen, gehört auch zu den Zielen des Weltackers, der zwischen Kleingärten, einem weiteren Solidar-Landwirtschaftsprojekt, einer Waldorfschule und einem Naturschutzzentrum liegt. Von dort werden ebenso wie vom Speisegut regelmäßig Helferinnen und Helfer kommen, die die erste Weltacker-Saison miterleben und ihre Geschichten und Fragen beitragen. Für Benny Härlin steht die Kopfarbeit im Vordergrund: »Wir wollen kein romantisches und idyllisches Bild zeichnen; es kann natürlich nicht jeder seine eigenen 2000 Quadratmeter hegen und pflegen. Der Acker soll etwas im Kopf bewegen. Ich kann mir klarmachen, dass mehr als diese Fläche für mich nicht verfügbar ist. Ich bin einer von 7 Milliarden, und ich sollte mich anständig und verantwortlich benehmen. Wenn es uns gelingt, uns beim Einkaufen 2000 Quadratmeter vorzustellen, entsteht ein neuer Bezug.«
 

Was wächst wo auf 2000 Quadratmetern?
Je nach Klimazone, Boden und Bewirtschaftungsweise können auf einer solchen Fläche sehr unterschiedliche Kulturen gedeihen. In Griechenland wachsen 5800 Kilogramm Auberginen auf diesem Land, in Frankreich 2500 Kilogramm grüne Bohnen. Während in Uruguay auf 2000 Quadratmetern im Durchschnitt 400 Kilogramm Saubohnen wachsen, sind es in Sierra Leone nur 187 Kilogramm. 2000 Quadratmeter sind erforderlich, um zwei Schweine über ihr kurzes Leben hinweg mit dem hierzulande angewendeten Mischfutter aus Mais, Soja und Getreide zu versorgen. Da ist das Weideschwein im Vorteil, weil eine grüne Weide nicht mit Ackerflächen, auf denen Lebensmittel wachsen, in Konkurrenz steht. In Deutschland wächst auf 2000 Quadratmetern auch Raps für 600 Kilogramm Rapsöl. Würde ich dieses als Biodiesel einem Auto füttern, könnte ich von Berlin nach Bukarest und zurück fahren – einmal im Jahr. Es stimmt bedenklich, dass schon jetzt ein Fünftel der ­europäischen Ackerfläche allein für Biosprit genutzt wird.
Der Acker kann nicht nur Energie liefern, seine Bearbeitung verbraucht auch Energie. Länder mit industrieller Landwirtschaft beeindrucken zwar mit hohen Flächenerträgen, erzeugen aber mit einem exorbitanten Energieeintrag durch Düngemittel, Pestizide und maschinelle Bearbeitung Schäden in der Flur. »Nicht unerhebliche Teile der 1,4 Milliarden Hektar globaler Anbaufläche können so in Zukunft nicht mehr bewirtschaftet werden. Wir sollten die landwirtschaftliche Fläche Mitteleuropas viel gärtnerischer nutzen, also fossile Energie durch menschlichen Geist und Handarbeit ersetzen«, erklärt Benny Härlin. »Solche Arbeitsweisen werden durch das momentan riesige Energieangebot enorm entwertet.«
 

Es fängt auf dem eigenen Teller an
Sollten wir doch zurück auf den Acker? Auf dem Speisegut können wir sehen, wie die Form der solidarischen Landwirtschaft es ermöglicht, dass viele Menschen – hier gut 100 – sich intensiv um ein Stück Erde – hier etwa 1,5 Hektar – kümmern. Bei der Frage, wieviel Erde der Mensch braucht, geht es um die Gestaltung von Beziehungen. Vertraue ich auf die Agrarindustrie und die globalen Märkte – oder möchte ich eine verbindliche, unterstützende Beziehung zu den Menschen, die sich um die Erde kümmern, die mich ernährt? Das 2000m²-Projekt, ob als Weltacker oder als Vorstellung beim nächsten Einkauf, ermöglicht den ersten Schritt zu mehr Beziehung. Inzwischen frage ich mich bei fast jedem Essen, auf welchem Acker seine Zutaten eigentlich gewachsen sind und wer ihn unter welchen Bedingungen bewirtschaftet hat. Können die Menschen, die mein Essen angebaut haben, davon leben? Sind die Zutaten durch viele Zwischenstationen gegangen? Ist der Boden, auf dem sie gewachsen sind, in der Hand derer, die ihn bewirtschaften? Erhält die Art der Bewirtschaftung den Boden gesund? Solche Gedanken führen mich immer wieder zu der Frage, welchen Beitrag ich selbst zur Verbesserung all dieser Bedingungen leisten kann. •

 

Svenja Nette (28) studierte Qualitative Forschung im Bereich Landwirtschaft und Umwelt und schrieb ihre Masterarbeit zu urbaner Landwirtschaft in Südafrika. Sie lebt seit 2011 in Berlin, wo sie in den ­»Prinzessinnengärten« aktiv ist.

 

Weitererzählen und Weltäcker anlegen!
Das Aufklärungsprojekt: www.2000m2.eu
Die solidarische Landwirtschaft mit dem Weltacker: www.speisegut.com

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