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Zur Sonne, zur Freiheit

Im Licht der Taschenlampe: Die dunklen Ecken in der ­Geschichte der Gemeinschaftsbewegung.

von Lara Mallien , erschienen in 25/2014

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Es gehört zum Selbstbild von Kommunen, schreibt der Soziologe Ulrich Linse in seinem Buch »Zurück o Mensch zur Mutter Erde«, dass sie sich »als Modelle für die Lösung gesellschaftlicher Probleme, ja sogar der Probleme der Gesellschaft verstehen«. Schon die sozialreformerischen Kommunen des 19. Jahrhunderts wollten der empfun­denen »Unordnung« der industriell-kapitalistischen Gesellschaft ein neues Ideal vorleben und fühlten sich jeweils als Speerspitze einer bedeutenden Bewegung. Auch in Oya findet sich zuweilen dieser Duktus: »Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch«, titelten wir kürzlich im Zusammenhang mit Ökodörfern in Südeuropa. Auf unserer Redaktionskonferenz zum Thema fragten wir uns im letzten Jahr selbstkritisch, ob wir damit nicht genau in jene Kerbe hauen, die wir lieber nicht vertiefen wollen: Die Behauptung, Ökodörfer und Lebensgemeinschaften leisteten »die Lösung« oder »den« zentralen Beitrag zur globalen Transformation, knüpft nämlich an ein problematisches Erbe der Gemeinschaftsbewegung an – ein Sendungsbewusstsein, das schnell in Dogmatismus umschlagen kann.
Zuerst etwas Geschichte: Die erste große Welle der Gründung von Siedlungen, die mit heutigen Ökodörfern und Gemeinschaftsprojekten verglichen werden können, brachte die sogenannte Lebens­reformbewegung im 19. Jahrhundert hervor. Von den Schattenseiten der Hochzeit der Industrialisierung frustrierte, stadtmüde Bildungsbürger, Demokraten, Marxisten, Anarchisten, Bodenreformer, Freigeld-Theoretiker, Genossenschaftsbewegte, radikale Konservative, völkische Germanenverehrer, Vegetarier, Naturheilkundler, Anhänger der Freikörperkultur und zahlreiche weitere Strömungen bildeten in der Lebensreform das wilde Gemisch einer folgenreichen Gegenkultur. Ihre Siedlungsbewegung entsprang dem Wunsch, der »Unnatur der Industriewelt und Großstadt« und der »seelenlosen Mechanisierung der Arbeit« die »regenerierende Kraft von Natur und Boden« entgegenzusetzen. Man glaubte nicht mehr, dass durch den Staat und die Arbeit in Parteien etwas zu verändern wäre, sondern wollte selbst zur Tat schreiten – und dieses Tun sollte in Gemeinschaft stattfinden, in genossenschaftlichen und gemeinwirtschaftlich geprägten Siedlungen wie der berühmten Obstbaumkolonie »Eden«. Es muss eine großartige Aufbruchszeit gewesen sein – und zugleich extrem anstrengend. Alle wussten ganz genau, wie die »Neue Welt« auszusehen hatte. Die Sehnsucht nach zukunftsweisenden, gesamtgesellschaftlichen Ordnungsentwürfen ließ »zahlreiche rivalisierende Weltanschauungs­gemeinschaften« entstehen, so erklärt der Historiker Ulrich Linse den grassierenden Dogmatismus jener Zeit. Der »Verteidigungskampf geistiger Werte gegenüber dem ›organisierten Kapitalismus‹ nahm heroische Züge an, wenn er in der Gestalt des Übermenschenkults und eines extremen anarchistischen Individualismus auftrat«, schreibt Linse.
 

Nährboden für das Grauen
Wie sich das ausdrückte, beschreiben beispielhaft die Beobachtungen der Schriftstellerin Anselma Heine (1855–1930) in der lebensreformerischen Siedlung »Neue Gemeinschaft« in Friedrichshagen bei Berlin: »Der Kunstdünger wird von ihnen durch die biologische Anbauweise bekämpft, Antialkoholismus und Vegetarismus werden bis in die Extremform der Vegan-Ernährung dogmatisiert, Reformkleider getragen, die den natürlichen Körper nicht einschnüren, oder man trägt das nudistische ›Lichtkleid‹ hinterm schützenden Bretterzaun – Natürlichkeit ist Trumpf. Freikörperkultur und Lichtbad lassen einen ›neuheidnischen‹ Sonnenkult entstehen. Gemeinschaftsfördernde Rituale (Feste, Spiele, Tänze) suchen die vorindustrielle Volkskultur wiederzubeleben oder neue Riten zu schaffen und den durch Urbanisierung und Industrialisierung obsolet gewordenen Natur- und Jahreskreislauf wieder für die Neu-Agrarier sinnfällig werden zu lassen. Tiefsinn und Unsinn liegen dabei immer dicht beieinander, und Experimente um den besten Weg der Abfall-Kompostierung gehen Hand in Hand mit der Suche nach dem Neuen Gott.«
Die »Neue Gemeinschaft« war aus dem Friedrichshagener Dichterkreis hervorgegangen – nach linksradikal-politischen Anfängen ein eher naturphilosophisch-spiritueller Kreis, der Ernst Haeckels Monismus, einen »poetischen Darwinismus« und vor allem die Gedankenwelt Nietzsches diskutierte. Enthusiastisch wurde die Zukunft, das Neue – der neue Mensch, die neue Gesellschaft, das neue Zeitalter – besungen. Die Protagonisten, besonders die Brüder Julius und Heinrich Hart, fühlten sich in ihrem Überschwang wie Nietzsches »Zarathustra«, der ein kommendes »Drittes Reich« verkündete. Damit ist freilich nicht das Dritte Reich der Nationalsozialisten gemeint, aber die Gedankenfigur, dass der Mensch der damaligen Jahrhundertwende endlich bereit sei, zum leuchtenden Überwesen zu werden, gehört zum Nährboden für den späteren Erfolg der nationalistischen Propaganda.
»Als wir jung waren, da haben wir Gemeinschaft erlebt!« Solche schwärmerischen Erinnerungen tragen die meisten Menschen, die heute um die 90 Jahre alt sind, in sich. Sie meinen damit etwa die Wandervogelbewegung – ein Kind der Lebensreform – ebenso wie Ausflüge und die Turnfeste der Hitler-Jugend. Auch wenn die Lebensreform an sich nicht als völkisch bezeichnet werden kann – so Uwe Puschner im ersten Band zu der großartigen Ausstellung über diese Bewegung, die 2001 in Darmstadt gezeigt wurde –, gab es ideelle Überschneidungen mit völkischer Weltanschauung. Die Obstbaumkolonie Eden war auch denjenigen Siedlungsprojekten ein Vorbild, die »den Grundstein für den angestrebten völkischen Rassestaat« legen wollten, wie Puschner schreibt. Es gab den »Deutschen Bund für rassische Siedlungen«, zu dem so absonderliche Orte wie die Siedlung Donnershag gehörten, wo eine völkisch-jugendbewegte Erlösungslehre nordische Götter verklärte und die Männer dazu anhielt, mit möglichst vielen Frauen arischen Nachwuchs zu züchten. Daneben gab es auch die weniger spirituell überhöhten, aber ebenso rassistischen Artamanen, die polnische Landarbeiter von den Gutshöfen östlich der Elbe verdrängen und möglichst viele Höfe in deutsche Hand bekommen wollten. Überall grassierte das Bild vom »Neuen Menschen«, der sich in Bildern wie denjenigen des Malers Fidus nackt, blond und blauäugig in freier Natur zur Sonne streckt – ­wenig später zum »arischen Herrenmenschen« stilisiert.
Die Gemeinschaften der Alternativbewegung in den 1960er und 70er Jahren knüpften an viele Ideale der Lebensreform an. Nach der totalen Korrumpierung des Gemeinschaftsgedankens im Nationalsozialismus war es kein Wunder, dass die kapitalistische Nachkriegszeit von Individualisierung und Anonymisierung geprägt war. So kam es zu einer ähnlichen Konstellation wie hundert Jahre zuvor: Vom Kommune-Gedanken beseelt, wollten Aussteiger zurück zu Natur und Gemeinschaft. Dass sie sich dabei auf ideologisch vermintes Terrain begaben, war den wenigsten bewusst.
 

Die Psychoterror-Kommune der AAO
Damals entstand der Typus der »psychosozialen Kommune«. Sie begriff sich als Raum, in dem sich die Menschen durch »innere Arbeit« von den negativen Verformungen, die sie in der konventionellen Gesellschaft erlitten hatten, befreien konnten, um dann im »sozialen Labor« der Kommune eine neue, gesündere Welt vorzuleben.
Auf den ersten Blick klingt das rundweg positiv, doch in diesem Ansatz ist ein Fallstrick gespannt. Er zeigt sich beispielhaft am »Friedrichshof«, der Kommune des Aktionskünstlers Otto Mühl und seiner »Aktionsanalytischen Organisation« (AAO). Im vergangenen Jahr erschien über den Friedrichshof der beeindruckende Dokumentarfilm »Meine Keine Familie«. Ein junger Mann – Paul-Julien Robert, der 1979 in diese Kommune hineingeboren wurde – arbeitet darin seine Kindheit auf.
Der Friedrichshof war seit 1972 ein Anziehungspunkt für Menschen, die mutig aus den bürgerlichen Konventionen ausbrechen wollten. Mit seiner Blut-Schleim-und-Fäkalien-Aktionskunst hatte Mühl die Kunstszene aufgerüttelt. Viele bewunderten ihn für seine Radikalität und schlossen sich der AAO an. Ausbruch aus den repressiven Strukturen der Kleinfamilie, die Befreiung der Sexualität und Auflösung des Privateigentums – all dies trieb viele Menschen um, die Wilhelm Reich ebenso gelesen hatten wie Marx und die alle Theorien in der AAO nun vermeintlich in der Praxis realisiert vorfanden. Ein Besuch des ­Friedrichshofs wurde für viele zum Erweckungserlebnis. Da saßen Menschen im Kreis, und in ihrer Mitte kehrte ein Einzelner sein Innerstes nach außen, wurde vielleicht zum wimmernden Säugling oder vollzog in Ekstase einen »Vatermord«, um als befreiter Mensch wiedergeboren zu werden. Mehr als 60 Menschen teilten einen Schlafraum, und jeder konnte, sollte, ja, musste mit jeder ins Bett gehen, um seine Sexualität aus den Klauen der Zweierbeziehung zu befreien. Es gab nichts Privates, selbst das Klosett hatte keine Türen. Die Kommunarden sollten durch »psychophysische Orgasmusfähigkeit« lernen, ihr Liebesbedürfnis auf alle Menschen auszudehnen, und so eine »genital-soziale Identität« entwickeln, wie es in den Grundlagentexten der AAO heißt. Alle Beziehungen sollten »transparent« sein – und wurden damit von allen kontrollierbar. »Anpassung an den Gruppendruck«, das beschreibt Paul-Julien als zentrale Kindheitsprägung.
Die gruppentherapeutischen Sitzungen der »Aktionsanalyse«, die Mühl entwickelt hatte, sind minutiös auf Video aufgezeichnet worden. Paul-Juliens Film enthält eine Reihe von eindrucksvollen Szenen der »Selbstdarstellung«. Ein Mensch im Kreis der Kommune folgt wie hypnotisiert den Anweisungen Mühls und versetzt sich dabei in Ekstase, schreit, weint, keucht, tanzt, lacht und zieht Grimassen. So sollten alle Ängste und alle Aggressionen aus früheren Traumata in ihm hochkommen und schließlich den eigenen »Panzer« durchbrechen. Mühl hatte die Deutungshoheit über das, was mit den Menschen, die sich vor der Kommune psychisch bis zum Äußersten entblößten, vor sich ging. Auch Kinder mussten in die Mitte kommen und sich darstellen, umhertanzen oder Theater spielen. Wer sich weigerte, wurde von Mühl persönlich fertiggemacht. Die grauen­hafteste Szene in »Meine Keine Familie«: Ein neunjähriger Junge will nicht auf der Mundharmonika improvisieren. Mühl kocht vor Wut, schließlich kippt er ihm eine Flasche Wasser über den Kopf, jagt ihn fort und ruft ihm nach: »Und morgen machen wir das wieder!« Keiner der Erwachsenen im Kreis – nicht die Mutter, keine der »frei liebenden« Bezugspersonen schreitet ein. Sie schreien auch nicht auf, wenn Mühl davon faselt, dass Freiheit nur etwas für entwickelte Menschen sei. In ihrer Hoffnung auf Heilung von gesellschaftlicher Schädigung gaben die Kommunarden ihrer Übervater-Figur absolutistische Macht.
Was klingt wie Horrorgeschichten über eine entgleiste Psychosekte, ist für die Gemeinschaftsbewegung von großer Relevanz insofern, als dass der Friedrichshof in den 1970er und 80er Jahren integraler Bestandteil des Felds war, in dem mit der Befreiung der Sexualität und der Auflösung von Privateigentum in diversen Kommunen experimentiert wurde. An keinem anderen Ort hat es derartigen Missbrauch gegeben, aber die Grundfigur der AAO, dass die Menschen therapiebedürftig in eine Gemeinschaft kämen und sich erst »befreien« müssten, war weit verbreitet. Dieses Muster, die existierende Gesellschaft für das zu Überwindende zu erklären und einen »Neuen Menschen« als Rettung zu postulieren, ist gefährlich: Nur Nuancen trennen Nietzsches Übermenschen, den arischen Helden und ­Mühls genital-sozialen Kahlgeschorenen voneinander. Wie eine Erweckungssehnsucht Faschismus fördert, zeigt auch die Geschichte der anfangs so friedlichen Osho-Kommune.
Die für heutige Gemeinschaften relevante Figur, über die es hier Klarheit zu gewinnen gilt, ist allerdings weniger der Guru, dem die Schäfchen hinterherlaufen. Totalitäre Strukturen sind, abgesehen von braunen Strömungen, in der heutigen Gemeinschaftsbewegung weitgehend geächtet worden. Unterschwellig wirkt jedoch weiterhin ein Minderwertigkeitskomplex.
Selbstverständlich gibt es Verletzungen und Traumatisierungen, die sich durch die gesellschaftliche Realität unweigerlich in fast alle Biografien einschreiben. Das Pro­blem dabei ist nicht, sich ihnen achtsam zuzuwenden, sondern sich vom Leben in einer intentionalen Gemeinschaft »Heilung« zu versprechen und sich für »änderungs­bedürftig« zu halten, bevor man ein vollwertiges Gemeinschaftsmitglied werden könne. Wer so denkt, macht sich klein, im Zweifelsfall minderwertig gegenüber denjenigen, die es vermeintlich besser wissen. Der Therapeut hat immer eine Machtposition inne: Er meint, den psychischen Zustand eines anderen Menschen definieren zu können.
 

Salutogenese statt Therapie
Solange eine Gemeinschaft eine Art »­Erlösungsstrategie« für alle Übel dieser Welt verbreitet und – meist gehört das integral dazu – offen oder verdeckt ihre Mitglieder »heilen« will, lauert die Gefahr, dass massive Machtgefälle entstehen – sei es durch Leitungspersönlichkeiten oder durch Gruppendruck nach dem Motto: Wer ist am weitesten entwickelt?
Eine ganz andere Herangehensweise als ein solcher therapeutischer Ansatz, der dennoch auf Gesundung zielt, ist derjenige der Salutogenese. Er geht nicht von kaputten Existenzen aus, sondern fragt, wodurch für die einzelnen wie für die Gesellschaft Gesundheit entsteht und was sie erhält. Anhand dieser Fragen können selbstbestimmte Menschen in all ihrer Unvollkommenheit auf Augenhöhe ihr Miteinander kultivieren. Wenn sich Menschen in heutigen Gemeinschaften individuellen wie kollektiven inneren Themen zuwenden, findet dies in aller Regel auf solche Weise statt – ganz ohne Obertherapeut oder Guru.
Ein wichtiges Gegengift für ideologischen Dogmatismus aller Art sind vor allem die Verbindungen zwischen Gemeinschaften unterschiedlichster Couleur. 1995 durch das Come-Together-Netzwerk angestoßen, sorgt dies dafür, dass man sich gegenseitig auf blinde Flecken hinweisen kann. Dennoch: Die Aufarbeitung der ideologischen Schatten der Vergangenheit hat gerade erst begonnen. In Oya wird noch mehr darüber zu lesen sein. •

 

Dokumente von Licht und Schatten:
Kai Buchholz u. a. (Hrsg.): Die Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Kunst und Leben um 1900, Band 1 und 2, ­Haeusser-Media 2001
Ulrich Linse: Zurück o Mensch zur Mutter Erde. Landkommunen in Deutschland 1890–1933, dtv 1987
Otto Muehl u. a.: Das AA Modell, AA ­Media 1976
Paul-Julien Robert: Meine Keine Familie, FreiBeuter Film, 2013