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Nicht weit vom Stamm

Sollen sich heutige intentionale Gemeinschaften an Formen und Prinzipien der Stämme und Clans unserer Urahnen orientieren?

von Jochen Schilk , erschienen in 25/2014

Der Mensch ist – historisch, psychologisch und biologisch betrachtet – ein »Gemeinschaftstier«. Beim Aufbau neuer Gemeinschaften profitieren wir vermutlich davon, wenn wir sie nach jahrtausendelang bewährten Mustern anlegen.

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© Foto: humantouch.de

Der indianisch-amerikanische Intellektuelle Vine Deloria jr. veröffentlichte 1970 ein Buch, das unter dem Titel »Nur Stämme werden überleben – Indianische Vorschläge für eine Radikalkur des wildgewordenen Westens« sechs Jahre später auch dem deutschsprachigen Publikum bekannt wurde. Vine Deloria sah wegen der damals schon offenkundigen Probleme der Industriegesellschaft bereits das Ende der Hegemonie der westlichen Zivilisation und eine Welle der Unabhängigkeitsbestrebungen zahlreicher Minderheitengruppen heraufdämmern.
»Indianer sind immer ausgesprochene Individualisten gewesen«, schreibt er an einer Stelle, und so ist auch seine Definition der von ihm propagierten Gesellschaftsform erstaunlich individualistisch: »Der Stamm ist die Gruppe, in der der Mensch sich selbst zum Ausdruck bringen und sich dessen bewusst werden kann, dass er wirklich Mensch ist.« Die Art, wie Stammesmenschen zu anderen Personen Beziehung aufnähmen, sei »gewöhnlich bestimmt von tiefem Respekt gegenüber der Andersartig­keit jedes Menschen, statt von dem Versuch, Ähnlichkeiten zu suchen.«
 

»Nur Stämme werden überleben«
Konkrete Anregungen, wie etwa die im ökonomischen Wettkampf zerbröselte amerikanische Mainstreamkultur wieder in die (angeblich) rettende Form von Stämmen zurückfinden könnte, gibt Deloria nicht. Wir erfahren aber doch einiges Wertvolles zu dem Thema anhand seiner Analyse, warum die »Woodstock-Nation« der weißen Blumenkinder-Generation jener Zeit offenbar die letzten Konsequenzen nicht ziehen wollte, obwohl sie doch »an der Schwelle zur Stammesbildung« stand. So erläutert Deloria, dass Bräuche in indianischen Clans – den hochorganisierten Grundeinheiten jedes Stamms – als Problemlösungen erfunden werden. Die Hippies jedoch hätten »nur wenig stabile Clanstrukturen entwickelt, weil ihre gemeinschaftlichen Zusammenhänge zu sehr auf der Ebene von Experimenten angesiedelt waren und sie alle Arten von Bräuchen von sich wiesen«. Den Indianern sei es lächerlich erschienen, dass die Hippies sich weigerten, Prestigebegriffe und gesellschaftlichen Status in ihre Versuche, Stämme zu bilden, aufzunehmen – basieren indigene Kulturen doch gerade auf dem Ansehen: »Der Sozialstatus hängt [hier] davon ab, wie jemand sich am Gemeinschaftsleben beteiligt. [Dies] reduziert den Wettbewerb auf den zwischenmenschlichen Bereich, statt ihn auf wirtschaftliche Bereiche loszulassen«, formuliert Deloria scharfsinnig. Zwar schienen die Hippies die ökonomischen Prestigesymbole des weißen Mainstreams aufzugeben, gleichzeitig waren sie aber nicht bereit, stattdessen die der Indianer einzusetzen. Das sei ein Grund, warum hier »das Stammestum in seiner beständigsten Form nicht Fuß fassen« konnte. Ein weiterer liege in der Tatsache begründet, dass die Hippies nicht fähig schienen, die Notwendigkeit von Stammes-Landbesitz zu erkennen. Stammeskommunen begreifen »Land als den vitalsten Teil des menschlichen Lebens. Es ist ihnen zu eigen. Es unterstützt sie, gibt ihnen einen Platz zum Leben und bestimmt, wie sie leben«.


Patchwork-Clan
Weitaus umfangreichere Vorschläge zur Bildung von »symbolischen« Clanstrukturen macht die Philosophin Heide Göttner-Abendroth in ihrem Buch »Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft«, womit sie eine herrschaftsfrei-basisdemokratische Form von Gesellschaft meint. Vorbild ihres Modells sind die zahlreichen alten Völker mit matriarchalen Sozialordnungen, die sie in jahrzehntelanger Arbeit untersucht hat. Solche Gesellschaften stellen die besonderen Bedürfnisse von Müttern und Kindern ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Die blutsverwandten Clans bilden sich um eine lebenserfahrene Clanmutter, die mit ihren Kindern, ihren Schwestern, deren Kindern sowie ihren Brüdern in einem Hof lebt. Diese »Matriarchin« ist eine hochangesehene Person von natürlicher Autorität; dennoch zählt ihre Stimme im Clanrat nicht mehr als die der anderen Mitglieder. Die aus unserer Sicht vielleicht größte Merkwürdigkeit betrifft jedoch die Tatsache, dass bei diesem alten Konzept die »Liebesbeziehungen zwischen den Clans, […] aber nicht innerhalb von ihnen stattfinden«. Das heißt, die Partner bleiben in ihren Herkunfts-Clans und pflegen die Beziehung bei Besuchen. Das hat unter anderem den Vorteil, dass sie ökonomisch voneinander unabhängig bleiben. Göttner-Abendroth schließt von Völkern mit Besuchsehe, dass die Liebe ihre Spontaneität und Freiheit am ehesten behält, wenn sie »nicht mit Pflichten beladen wird«. Es sei, wie sie schreibt, zudem problematisch, eine tragfähige Gruppe auf wechselhaften Gefühlen und ständig wechselnden Beziehungen zu gründen. Für sie stellen matriarchale Kulturen – auch aus diesem Grund – innerlich stabile »Gesellschaften in Balance« von hoher sozialer Intelligenz dar.

Können aber wir gänzlich anders sozialisierten Industriekultur-Menschen uns wirklich traditionelle Ordnungen zum Vorbild nehmen? Die Autorin bejaht dies und regt an, dass in einer zeitgemäßen Form von Wahlverwandtschafts-Clans sich eine Mutter mit Kindern ihre »Schwestern« wählt: Sie beschließt also zusammen mit einigen kinderlosen Frauen, eine gemeinsame Mutterschaft zu leben. »Für die Kinder heißen alle diese Frauen ›Mutter‹, und für die Frauen sind alle diese Kinder ›Tochter und Sohn‹.« In einem nächsten Schritt würden nun von diesen »Müttern« einige Männer gewählt und in den symbolischen Clan eingeladen. Diese sind »Brüder«, nicht aber die Geliebten; es sind Männer, die »das Vertrauen der Frauengruppe genießen, weil sie einen hohen Grad an pro-sozialen Fähigkeiten besitzen«, und deshalb die Rolle von sozialen Vätern einnehmen dürfen. Wie bei den indigenen Vorbildern werden die männlichen und weiblichen Geliebten nicht Teil des Clans, sondern verbleiben in ihren sozialen Zusammenhängen.

In solchen neuen Clans ist nach Ansicht der Autorin für die größte Gerechtigkeit gesorgt: »Alle Menschen haben an der Betreuung der Kinder teil. Alle können dabei auch die damit verbundenen positiven sozialen und emotionalen Erfahrungen machen. Und alle haben gleichermaßen die Möglichkeit, ihre beruflichen und sonstigen Fähigkeiten weiterzuentwickeln. Zugleich sind die Kinder auf hervorragende Weise integriert, denn sie haben eine Vielfalt konkreter Bezugspersonen.« Um nah am Vorbild zu bleiben, ist ein Patchwork-Clan selbstverständlich aufgerufen, in seinem Organismus auch die Position von »Ältesten« mit passenden Menschen zu besetzen. Selbstredend verlangt das Experimentieren mit derart ungewohnten Patchwork-Sozialmodellen sehr viel Achtsamkeit und Einfühlungsvermögen, insbesondere den Kindern gegenüber!
 

»Have you lost your tribe?«
Manitonquat Medicine Story, ein Ältester der Wampanoag-Indianer, hält den – nicht patriarchalisierten! – Stamm für »die älteste und erfolgreichste Gesellschaftsform überhaupt«. Seit mehr als 40 Jahren lehrt der Psychologe das Wissen über erfolgreiches Gemeinschaftsleben. Eines seiner letzten Bücher heißt, auf Deutsch übersetzt: »Hast du deinen Stamm verloren?« Für den alten Geschichtenerzähler bedeutet »Stamm« letztlich einen Kreis von Leuten, in dem sich das Individuum ganz angenommen und sicher fühlen kann, wo ihm zugehört wird und wo es Wertschätzung erhält – einen Ort der gegenseitigen Unterstützung.
Dass diese Qualität irgendwann in grauer Vorzeit aus verschiedenen Gründen von manchen Stämmen nicht mehr aufrechterhalten werden konnte, schuf seiner Meinung nach die ersten Menschen, die – von Angst getrieben – ihre Umwelt unterdrückten und Hierarchiestrukturen erfanden. Die von Manitonquat propagierte Methode zur Heilung der unendlich vielen Verletzungen und Wirrungen, die seither aus diesem Unglück erwachsen sind, sei zugleich das beste Werkzeug zur Bildung und Aufrechterhaltung von Gemeinschaft – ja, die Heilung bestehe just in der Wieder-Inkraftsetzung jenes »Wegs des Kreises«, den jede lebensdienlich ausgerichtete Stammeskultur pflegt. In seinen zahlreichen Seminaren mit Gruppen lehrt der fast 85-Jährige unermüdlich, wie durch das Teilen der eigenen Wahrheit in Redekreisen oder Zweiergesprächen innere bzw. interne Spannungen und Blockaden aufgelöst und das Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt werden können. Er spricht von der Wichtigkeit einer dankbaren Haltung gegenüber den Geschenken des Lebens und der Erde; er betont die Bedeutung von dienenden »Führungs«-Funktionsträgerinnen für die Gruppe; und er preist die Vorzüge des Konsensprinzips der Kreis-Kulturen gegenüber den Mehrheitsabstimmungen der hierarchischen Systeme. Vor allem aber predigt Manitonquat eines: das respekt- und liebevolle gegenseitige Zuhören als eine Art von sozia­lem und psychologischem Allheil­mittel.


Jede kennt ihr spezifisches Geschenk
Der einzige mir bekannte Ort, an dem man sich – zumindest über eine gewisse Zeitspanne – explizit am Experimentieren mit neuen Clans eng nach altem Vorbild versucht, ist die »Teaching Drum Outdoor School« von Tamarack Song in Wiskonsin, USA. Der europäischstämmige Tamarack hat über lange Zeit das uralte Überlebenswissen von einigen Ältesten der Ojibwe-Indianer seiner Region übertragen bekommen und gibt es nun im Rahmen seines »Yearlong«-Programms weiter. In Oya 5 habe ich bereits mit zwei jungen Männern gesprochen, die bei ihm ein Jahr lang mit einer Handvoll weiterer Menschen als »Clans« im Wald verbracht hatten. Sie lebten dort praktisch ohne moderne Hilfsmittel und lernten von den Begleitern der Schule sowohl Wildbeuter-Überlebenstechniken als auch uraltes Wissen zum guten Leben in stabilen Gemeinschaften.
Zur Frage alter und neuer Clans traf ich den Yearlong-Absolventen und Wildnispä­dagogen Andreas Jade nun ein weiteres Mal. Nach Erfahrungen mit diversen Gruppen sei er zu der Einschätzung gelangt, dass heutige Gemeinschaftsprojekte unbedingt einer Mehrzahl an Menschen bedürfen, die sich ihrer Schattenanteile bewusst seien und mit ihren Verletzungen und Gefühlen selbstverantwortlich umzugehen wüssten. Andernfalls könne etwa ein starkes unbewusstes Gefühl von Mangel das Gruppenleben schnell verkomplizieren und verunmöglichen, warnt Andreas.
Ob er denke, dass für die Menschheit eine Rückbesinnung auf die ursprünglichen sozialen Ordnungen angesagt sei, formuliere ich mein Forschungsthema. Andreas’ Antwort bringt mir spontane Erkenntnis: »Nach meiner Beobachtung ähneln dauerhaft funktionierende intentionale Gemeinschaften eigentlich immer den Clangefügen der alten Völker. Dies, weil auch in neuen Gemeinschaften die Aufgaben idealerweise so achtsam verteilt sind, dass ein organisches Zusammenspiel der einzelnen Mitglieder entsteht: Jedes ist sich seiner Geschenke bewusst und bringt diese ein. Alle kennen die Bedürfnisse aller. Die alten Clans arbeiteten beständig die Besonderheiten sämtlicher Mitglieder heraus. Aus Selbstschutz scheuten sie sich gegebenenfalls auch nicht, die für den Gesamtorganismus schädlichen Verhaltensweisen einzelner Mitglieder anzusprechen. Wenn etwa in einer Gruppe einige oder sogar alle Beteiligten ihre eigenen Grenzen nicht achten und Dinge tun, die nicht ihrem Wesen entsprechen, dann wird so ein Organismus schnell fragil.«
Wie bereits von Vine Deloria festgestellt, wird auch in dieser Aussage deutlich, dass die allgemeine Annahme, in Clangemeinschaften hätten Individuation und Freiheit keine Chance, nicht zutrifft. Das Gegenteil ist wahr: Nicht-patriarchale Clans wissen die verschiedenen Eigenarten ihrer Mitglieder zum Wohle aller zu fördern.
Wichtig ist wohl auch diese Klarstellung: Die ursprünglichen Gesellschaften waren betont herrschaftsfrei und basis­demokratisch; sie kannten keine Machtstrukturen. Der Psychologe Peter Gray sagt in Oya 19 über die Jäger-Sammler-Gruppen, in denen die Menschheit 99 Prozent ihrer Geschichte verbracht hat, »Freiheit, Teilen und Gleichberechtigung« seien dort immer unhinterfragbare Grundwerte gewesen.
 

Archaische Botschaft
Wenn es so etwas gibt wie eine Botschaft aus der menschlichen Vergangenheit an die neuen Gemeinschaften, so könnte sie vielleicht folgendermaßen lauten: Achtet auf den Fluss eurer Kommunikation; haltet stets die Bedürfnisse des Einzelnen und des Ganzen im Blick; pflegt eure Dankbarkeit gegenüber dem Leben und der Erde sowie den Respekt gegenüber der Einzigartigkeit und Verschiedenheit sämtlicher Wesen; seht zu, dass eure Gruppen alle Clanfunktionen abdecken, und verteilt die notwendigen sozialen Aufgaben mit größtem Bedacht unter Kindern, Männern, Frauen, Ältesten, Jungen, Ahnen, Kinderlosen, Eltern usw.; pflegt die alten Bräuche und erfindet neue: Der Gemeinschaftsforscher Jon Young hat aus der Beobachtung verschiedenster alter Völker mehrere Dutzend universelle, verbindungsfördernde »kulturelle Elemente« identifiziert. Dazu gehören unter anderem Feste, Übergangsrituale, Geschichtenerzählen, Tanzen, Singen und Feuermachen.
Eines wird deutlich: Nur die Gemeinschaften mit deutlichen Stammes- bzw. Clan­eigenschaften werden überleben! •

 

Yes, we Clan:
Vine Deloria jr.: Nur Stämme werden überleben, Trikont, 1976
Heide Göttner-Abendroth: Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft. Drachen Verlag, 2008
Manitonquat (Medicine Story): Have You Lost Your Tribe?, Story Stone, 2011

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