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Insellösungen oder Inspiration für alle?

Gemeinschaftsökonomie aus dem Blickwinkel von Außenstehenden.

von Julio Lambing , erschienen in 25/2014

Können Ökodörfer und vergleichbare Gemeinschaften Lebens­modelle anbieten, die auch der breiten Bevölkerung ein ökologisch und sozial nachhaltiges Leben ermöglichen? Wenn ja, wie können sich ihre Ansätze verbreiten?

Bild

© Foto: humantouch.de

Diese Fragen gehörten zu einer vom Umweltbundesamt sowie vom Bundesumweltministerium geförderten Veranstaltungsreihe, die nachhaltig ausgerichtete Gemeinschaften erforschte. Sie war von dem ökologisch ausgerichteten Wirtschaftsverband »e5« in Kooperation mit dem »Global Ecovillage Network of Europe« initiiert worden. Fünf Workshops, die sowohl in engem Kontakt mit ausgewählten Gemeinschaften im ländlichen Raum als auch mit Akteuren aus städtischen Ballungsräumen stattfanden, versammelten insgesamt rund 70 Personen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gemeinschafts- und Commonsbewegung.

Aufhänger der Veranstaltungsreihe war das Nutzen und Pflegen von Gemeingütern (englisch: »commons«) – also jene Form des gemeinschaftlichen Umgangs mit Ressourcen, das selbstverwaltet und unabhängig von Marktmechanismen des Tauschens und Verkaufens stattfindet. In diesem Sinn betrachtete das »e5«-Team, zu dem neben mir noch Projektkoordinatorin Katalin Kuse und Vorstand Sebastian Gallehr gehörten, die Bewohnerinnen und Bewohner der Ökodörfer als »ökosoziale Commoners«.
Auch jenseits der Gemeinschaftsszene hat sich durch die Möglichkeiten des Internets eine Gemeingüter-Wirtschaft verbreitet, ausgehend von digitalen Aktivisten für »freie Software«, deren Alltag und Lebenswelt umfassend durch die Nutzung der modernen Informationstechnologien geprägt ist. Für uns Organisatoren war es naheliegend, ökosoziale mit digitalen Commoners zu vergleichen und in Dialog zu bringen. Denn obwohl beide Gruppierungen verwandte politische Überzeugungen teilen und sich beide als Avantgarden verstehen, markieren sie unterschiedliche gesellschaftliche Biotope und stehen für unterschiedliche lebensweltliche Vorlieben:
Die ökosozialen Commoners orientieren sich oft an der Tatsache, dass die stofflichen Ressourcen der Erde begrenzt sind. Eine Skepsis gegenüber Wirtschaftswachstum und technischem Fortschritt ist weit verbreitet. Digitale Commoners orientieren sich am Prinzip, dass Information uneingeschränkt geteilt werden kann. Angesichts der rasanten Verbreitung von Informationstechniken überwiegt hier ein gewisser Zukunftsoptimismus. Die tendenziell jüngeren »Digitals« fühlen sich in unüberschaubaren, städtischen – auch ano­nymen – Lebenswelten bestens zu Hause und sind aktuellen, internationalen Trends des Kultur- und Medienbetriebs nahe. Dagegen schien bei ökosozialen Commons-Aktivisten das Ideal einer Selbstversorgung im ländlichen Raum mit möglichst ­wenig High-Tech prägend. Die virtuelle Welt und ihre vielfältigen Rollenspiele sehen sie skeptisch. Sie legen Wert auf physische Begegnungen und Authentizität in der persönlichen Kommunikation.
 

Open Source trifft Gemeinschafts-Wohlstand
Für eine übergreifende Konferenz in Köln, der »Cologne Commons 2013«, versammelten wir abschließend noch einmal beide Seiten. Rund 120 Interessierte folgten der Einladung. Trotz Bereitschaft zur Offenheit war die Fremdheit zwischen beiden Milieus zu spüren. Der eine und die andere »Digitale« nahm eine gewisse Überheblichkeit, Biederkeit und Betulichkeit der ökosozialen Aktivisten wahr, und belächelte dies als kulturellen Konservativismus. Von Ökodörflern war wiederum deutlicher Zweifel daran zu vernehmen, dass die digitalen Akteure wirklich sensibel für die ökologischen und sozialen Kosten ihrer technikorientierten Lebensweise seien. Zwei Phänomene aus der wirtschaftlichen Struktur von Ökodörfern machten jedoch einen großen Eindruck auf die jungen städtischen Milieus:
Mit den »gASTWERKEn« und der »Villa Locomuna« wurden im Lauf des Projekts die gemeinsame Ökonomie – also das umfassende Teilen von Eigentum und finanziellem Einkommen – vorgestellt. Die Skepsis, ob so etwas möglich sei, wich einem Staunen darüber, welches materielle Wohlstandsniveau (in Form von Wohn- und Arbeitsraum, Nahrungsqualität, Mobilität usw.) durch gemeinsame Ökonomie möglich wird und wie stabil die sozialen Strukturen dabei sind. Das Teilen des finanziellen Einkommens wird zwar nur von einem Teil der intentionalen Gemeinschaften praktiziert, doch gemeinschaftliches Eigentum an grundsätzlichen Strukturen wie Boden, Gebäuden oder zentraler Infrastruktur ist weit verbreitet. Die erheblichen Vorteile des Teilens von Gütern in sozialen Nahverhältnissen sind für die »Digitals« deshalb so interessant, weil viele als »ewige Generation Praktikum« in prekären Umständen leben. Die von ihnen entwickelten digitalen Leih- und Tauschbörsen können im städtischen Umfeld das Leben nur begrenzt erleichtern. In ökosozialen Gemeinschaften lässt sich das Netz von Möglichkeiten, im Alltag unterschiedlichste Dinge gemeinsam zu nutzen und miteinander zu kooperieren, dichter weben. So sinkt der materielle Ressourcenverbrauch, während die Abstimmung untereinander mehr Zeit erfordert.
Auch die Kommunikationskultur in Gemeinschaften stieß auf besonderes Inter­esse. Interne Entscheidungswege und innergemeinschaftliche Verständigung haben bei ihnen oft besondere Bedeutung. Dass manches Projekt von digitalen Aktivisten durch eine mangelhafte Kommunikationskultur ins Trudeln gerät, wurde unter anderem durch die Krise der Piratenpartei deutlich. Tatsächlich scheint das weitreichende Zusammenarbeiten in Gemeinschaften nicht ohne eine eigene Vertrauens- und Verständigungskultur zu gelingen. Diese lässt sich jedoch nicht ohne weiteres Außenstehenden vermitteln. Erläuterungen darüber stießen zwar auf großes Interesse, waren aber kaum geeignet, ein wirkliches Verständnis der komplexen Kommunikationsfertigkeiten und Entscheidungsstrukturen zu erzeugen. Wenn Gemeinschaftsaktivisten solche Praktiken anderen schildern, thematisieren sie gerne Authentizität und Reife. Geschah dies mit einer gewissen Überheblichkeit gegenüber anderen Kommunikationskulturen, löste dies auch Befremden und Abwehr aus.
 

Soziale Innovationen verbreiten
Neben diesen beiden zentralen Phänomenen sind noch eine Vielzahl von Einzelbeobachtungen erwähnenswert: Auffallend war zum Beispiel die große Experimentierfreude in Ökodörfern – sowohl in Bezug auf Kulturtechniken zur Förderung von Kommunikation und Sozialverhalten als auch in Hinblick auf ökotechnische Lösungen für Bauen, Wohnen, Abwasser, Energieversorgung und Landwirtschaft. Die großen nachhaltig orientierten Gemeinschaften wirken oft als Hebammen für eine breite Palette an innovativen Techniken, die zwar nicht unbedingt von ihnen originär erfunden, aber getestet, geprüft und ausgebaut werden. Nur selten werden jedoch anscheinend technische Tüfteleien in Produkte überführt, die sich am Markt verbreiten können. Wertvolle Entdeckungen drohen so verlorenzugehen. Die schriftlichen und visuellen Methoden zur Verbreitung und Dokumentation von technischem Wissen, wie sie in der Open-Knowledge- und Open-Hardware-Bewegung genutzt werden, könnten da vielleicht weiterhelfen. Dabei sind Gemeinschaften für Unternehmen durchaus eine gute Startbasis. In Ökodörfern finden sich überdurchschnittlich viele Selbständige und Unternehmer, die aufgrund der engen Solidarbande andere Existenzgründungen mit Wissen, Kontakten sowie in technischer oder wirtschaftlicher Hinsicht unterstützen können. Die Gemeinschaft bietet zudem durch ihr zwischenmenschliches Netz die Sicherheit, dass ein unternehmerisches Scheitern nicht den Absturz in ein soziales und ökonomisches Nichts bedeutet.
Wie können Ökodörfer zur ökonomischen Entwicklung von nachhaltigen Lebensstilen in den Städten beitragen? Meiner Einschätzung nach nicht zuletzt als Erzähler und Gegenstand von Ermutigungsgeschichten, deren Kern lautet, dass ein Traum von einem sozial ausgeglichenen, ökologisch-sanften Lebensstil zumindest ansatzweise Realität werden kann. Als Leuchtturmprojekte spornen sie verwandte Ansätze wie die der Transition-Town-Bewegung an. Als erfahrungsreiche Experten für ganzheitliche Lösungen können sie anderen beim Einsatz von Nachhaltigkeitstechnologien helfen – und als zunächst womöglich befremdliche Avantgarde inspirieren sie auch jene Milieus, die ihnen nicht so nahestehen: Gerade die Teilnehmer aus der etablierten nachhaltigkeitsorientierten Wirtschaft und aus digitalen städtischen Milieus waren über die Reichhaltigkeit und Originalität der Projekte verblüfft. Wie sehr die sozialen Innovationen in Gemeinschaften für die Gesellschaft fruchtbar werden können, wird sich auch daran entscheiden, wie weit ihr Wissen über Kommunikation und Entscheidungsfindung didaktisch überzeugend in die Sprachen und Mentalitäten anderer Milieus übersetzt werden kann. •


Julio Lambing (44) ist Geschäftsführer des Wirtschaftsverbands »e5«. Als Autor und Sozial­aktivist engagiert er sich für nachhaltige Lebensstile und den Umbau der Industriegesellschaft.

Mehr zum Ökodorf-Forschungsprojekt:
www.e5.org/projekte/wirtschaft-und-allmende/nachhaltige-lebensstile