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Evolution einer gemeinsamen Idee

Aus Kommunen entstehen ökologisch-solidarische Wirtschaftsprojekte.

von Malte Cegiolka , erschienen in 25/2014

Im Ökozentrum Verden sind neben anderen Organisationen auch »Campact« und die »Bewegungsstiftung« angesiedelt. Kaum zu glauben, dass das alles ursprünglich aus einer anarchistischen Initiative hervorgegangen ist. Wie hat sich das Gemeinschaftsprojekt in fast 20 Jahren gewandelt?

Bild

© Foto: malte cegiolka

Als ich bei der Hofgemeinschaft Stedorf eintreffe, habe ich noch keine Vorstellung davon, wie viele Menschen in der Verdener Umgebung mit ihren Projekten dem guten Leben auf die Beine helfen.
Im Garten hinter dem schön restaurierten Bauernhaus treffe ich die Bewohnerinnen und Bewohner, die gerade im Zug des regelmäßigen Hofarbeitstags die Baumhecke stutzen. Während einige die Äste kappen, ziehen andere sie aus dem Dickicht und stapeln sie zu einem immensen Wall am Zaun entlang. Ich muss aufpassen, dass ich nicht von einer der langen Peitschen erwischt werde, die von Hand zu Hand durch das Gebüsch gereicht werden. Die Hecke hatten die Stedorfer vor einigen Jahren gemeinsam als Lebensraum für Vögel angelegt. Nun ist es an der Zeit, sie zu beschneiden, damit sie dichter wächst und ihren Bewohnern noch besseren Schutz bietet, erfahre ich von Vogelliebhaber Christoph Bautz. Er ist einer der drei Köpfe des Aktions-Netzes »Campact« und wohnt mit seiner Familie auf dem Gemeinschaftshof, der einer Wohngenossenschaft gehört. Seine Partnerin Rebecca lädt mich auf eine Tasse Tee ins Obergeschoss ein, in der die zwei mit ihrem kleinen Sohn Milo wohnen. Im Erdgeschoß treffe ich auf Karin Walther, eine der Initiatorinnen des Weiterbildungsprogramms »Zukunftspiloten« für junge Umweltengagierte. Mit ihr war ich ursprünglich verabredet, doch wegen Kopfschmerzen und Schniefnase hatte sie sich jetzt nur aus dem Bett gewagt, um sich einen Tee zu machen. Ich wünsche ihr gute Besserung und folge Rebecca die Wendeltreppe hoch. Während neben uns der kleine Milo mit Buntstiften eine Fantasiewelt malt, weiht Rebecca mich in die wichtigsten Bestandteile des Öko-Nests ein und umreißt die Anfänge einer neuen Lebenskultur, die sich in Verden Schritt für Schritt etabliert.
 

Es begann mit einer »Großraumkommune«
In der Anfangszeit, um 1993, war ein Netzwerk von über hundert jungen Menschen, die »anders leben« wollten, über ganz Deutschland als »Großraumkommune« verteilt. Auf Treffen, Jugend­umweltkongressen und in Rundbriefen wurde über solidarischere und ökologischere Lebensentwürfe diskutiert. Das Wohnen auf ­Wagenplätzen und in Kommunen, eine gewisse Selbstversorgung mit diversen Gütern sowie gemeinsame Ökonomien waren Teil der vielen Ideen. Inspiration dafür gab unter anderem das »Projekt A« des Anarchisten Horst Stowasser in Neustadt an der Weinstraße und das gleichnamige Buch, in dem er beschrieb, wie ein lebensfördernder Anarchismus real in der Gesellschaft verankert werden könnte. Die Ortswahl der Großraumkommune fiel auf Verden an der Aller, weil es im nahegelegenen Bremen eine akzeptable Universität gab – die Initiatoren waren meist Studierende. Wichtig war ihnen auch die Anbindung der Kleinstadt an den ländlichen Raum, wo es bereits Kommunen wie die »Finkenburg« gab. Nach dem Kfz-Kennzeichen nannten sich die Pioniere »VERbunt-Projekt« und zogen in ein verfallenes Bauernhaus in Scharnhorst. Bald kamen weitere Höfe dazu, wie Stedorf, wo ich nun meinen Tee schlürfe.
Statt den Hof zu Privatbesitz zu machen, wurde die Genossenschaft »AllerWohnen« gegründet. Sie sollte es ermöglichen, kostengünstig gemeinschaftlich verwaltete Häuser zu erwerben und zu beleben. Heute gehören noch drei weitere Wohnprojekte in der Region zur Genossenschaft, erklärt ­Rebecca, die derzeit ehrenamtlich im Vorstand tätig ist und seit fünf Jahren in Stedorf lebt.
 

Vom Kasernengebäude zum Ökozentrum
Wie auch Karin und Christoph arbeitet Rebecca im Herzstück des Verdener Netzwerks: dem Ökozentrum. Aus einem Kasernengebäude ist hier seit 1996 ein Knotenpunkt für ökologisches Gewerbe und politischen Wandel entstanden. Als die Idee aufkam, einen ökologischen Baustoffhandel zu gründen, schien das ungenutzte Gebäude dafür ideal geeignet. Da es für einen Laden allein zu groß war, wurden weitere Initiativen ermutigt, sich zu beteiligen, und so war das Ökozentrum geboren.
Nach einer Viertelstunde Autofahrt von Stedorf aus erreiche ich den dreigeschossigen Bau im Verdener Stadtzentrum, der zum Teil von einer hohen, mit weißen Planen verhangenen Baustelle auf dem anliegenden Grundstück verdeckt wird. Auf dem Weg vom Parkplatz zum Eingang kann ich links einen Blick auf die idyllisch anmutende Pflanzenkläranlage und rechts auf ein kleines Infozentrum werfen, das aus Strohballen erbaut ist. Insgesamt sind derzeit 18 Betriebe und Initiativen im Ökozentrum ansässig, zu denen auch eine Kindertagesstätte, ein Bio-Restaurant und ein experimenteller Waldgarten gehören.
Über einen Nebeneingang komme ich zur Bewegungsstiftung, wo ich Geschäftsführer Matthias Fiedler treffe. Wie Campact ist die Stiftung mit der angegliederten Bewegungsakademie, die Lehrgänge zum Aufbau wirksamer Kampagnen anbietet, eine der politischen Initiativen im Haus. »Wir fördern da, wo andere aufhören«, erklärt Matthias, der ebenfalls auf dem Hof in Stedorf lebt. »Das bedeutet, dass besonders die noch kleinen oder noch ganz am Anfang stehenden Organisationen profitieren sollen.« Gegründet wurde die Stiftung von Menschen, die selbst in sozialen Bewegungen aktiv waren und etwas dafür tun wollten, dass sinnvolle ethisch-ökologische oder politische Aktionen nicht an Geldmangel scheitern.
Neben den politischen Projekten ist Bauökologie der zweite Schwerpunkt im Ökozentrum. Uli Steinmeyer, Geschäftsführer des Baustoffhandels »Biber GmbH«, ist einer der alten Hasen. Der »Biber« besteht aus einem Team von Handwerkern, die auf den Baustellen vor Ort den größten Teil der Außen- und Innenarbeiten vornehmen, und einem Laden mit breitem Angebot von umweltverträglichen Farben über Dämmmaterialien bis zu verschiedenen Bodenbelägen. Die kann man laut Uli nach Gebrauch »im besten Fall komplett kleinhäckseln und unterpflügen«. Er klärt mich über das große, verpackte Bauwerk vor der Tür auf: In Zusammenarbeit mit dem bauökologischen Fachbereich des Ökozentrums, zu dem auch ein Architekturbüro, ein Schadstoffmessungs- und Wohnraumberatungsverein und der Hauptsitz des Fachverbands Strohballenbau gehören, entsteht hier ein fünfstöckiges Strohballengebäude. Es soll bald das »Norddeutsche Zentrum für nachhaltiges Bauen« werden. Das Ausstellungs-, Bildungs- und Seminarzentrum, das sich mit ökologischen Baualternativen beschäftigen wird, ist sicherlich das größte Projekt, das die Verdener Szene auf die Beine gestellt hat. Die Investition von mehreren Millionen Euro wurde zum Großteil mit EU-Fördergeldern finanziert. Auch der Landkreis und die Stadt haben zur Realisierung beigesteuert.
 

Selbstverwaltung und Solidarität
Spätestens jetzt wird mir deutlich, wie sehr die Verdener Ökoprojekte mit der Stadt und der übergeordneten Politik verbunden sind. So gut das alles klingt, frage ich mich, wieviel vom Geist der Kommunarden, die hier alles aufgebaut haben, noch in diesem Ort steckt und ob die Ideale des ursprünglichen VERbunt-Projekts noch lebendig sind. Bei meinem Besuch in Stedorf hatte ich den Eindruck, in eine große Visions-Gemeinschaft geplatzt zu sein, doch nun wirkt das Ganze eher wie ein Konglomerat umweltpolitischer Einzelbetriebe, wo die meisten Menschen in Arbeitsverhältnissen zueinander stehen. Matthias von der Bewegungsstiftung schätzt die Situation ähnlich ein. Es gibt zwar die Überschneidung von Leben in der Wohngemeinschaft Stedorf und Zusammenarbeit im Ökozentrum. Es gebe jedoch kein Gesamtkonzept mehr wie in den Anfängen. Die Beteiligten seien vor allem auf die Arbeit in ihrem jeweiligen Projekt fixiert.
Dennoch finden sich viele Strukturen gemeinschaftlichen Zusammenwirkens, die das Ökozentrum von einem konventionellen Gewerbehof abheben. Selbstverwaltung beispielsweise, also Arbeiten ohne den Druck übergeordneter Hierarchien, ist nach wie vor ein wichtiges Thema. Die Nutzerinnen und Nutzer des Gebäudes zahlen ihre Miete an den Verein »Ökologisches Zentrum e.  V.«, in dem sie alle Mitglied sind. Im monatlichen Vereinsrat werden die wichtigen Entscheidungen nach dem Konsensprinzip gefällt. Das Tagungszentrum und verschiedene Bildungsangebote werden innerhalb des Vereins von allen Initiativen gemeinsam getragen. Jedes Jahr wird die Höhe der einzelnen Mieten für die ansässigen Unternehmen nach dem Solidaritätsprinzip gemeinsam beschlossen. Es gehört immer noch zum guten Ton, dass prosperierende Projekte andere Gruppen entlasten.
Die hier kooperierenden Unternehmen pflegen eine demokratische Struktur. Selbst die Betriebsstruktur von Biber ist eher eine Genossenschaft im GmbH-Kostüm und spiegelt in der Unternehmenskultur den Geist der Gründer wider. Beispielsweise bekommen alle Mitarbeiter den gleichen Lohn und halten Anteile an der Firma.
 

Wieviel Radikalität ist geblieben?
Auf dem Papier sehe das zwar alles sehr fortschrittlich aus. Der Geist von früher sei aber in Gefahr, zur bloßen Hülle zu werden; damals habe es eine viel größere Fülle an dezentralen und verbindenden Strukturen gegeben, erfahre ich von einer der Mitbegründerinnen des Ökozentrums, als wir uns am nächsten Tag im Bio-Restaurant treffen. In den Anfängen des VERbunt-Projekts wollten die jungen Menschen ein Gegenmodell zum Kapitalismus vorleben, das ohne die Verwerfungen der modernen Konsum- und Arbeitswelt wie Bürokratie, Hierarchien, Zentralisierung und ­Anonymisierung auskommen und stattdessen für mehr Miteinander sorgen sollte. Heute kämen die Menschen weniger wegen ideeller Nähe oder Gemeinschaftssuche ins Ökozentrum, sondern durch Jobanzeigen. In den monatlichen Vereinssitzungen tausche man sich nicht mehr persönlich aus, sondern es seien organisatorische Beratungen der Geschäftsführer. Ein ehemaliger Tauschring mit Gemeinschaftsdiensten im Ökozentrum sei nicht mehr existent, basisdemokratische Strukturen in den Betrieben bröckelten. Von Uli hatte ich dazu erfahren, dass die Einheitslöhne im Biber seit längerem schon zur Diskussion stehen.
»Vor 18 Jahren waren wir ja alle noch jünger und hatten viele gute Ideen«, entschuldigt sich Uli. Wenn man sich mit der Umsetzung beschäftige und zehn Jahre im Betrieb sei, falle einem vieles auf, was einen behindert. »Wenn du von dem, was du machst, nicht leben kannst, nützen dir auch deine schönen Ideen nichts. So läuft man Gefahr, immer konventioneller zu handeln.«
Die »Konventionalisierung« scheint ein Effekt zu sein, mit dem sich alle großen Ideen auseinandersetzen müssen. Die Verdener Pioniere hatten sich vorgenommen, die Bevölkerung einzubinden – so wurden sie auch selbst von ihr beeinflusst. Dass sich eine marktwirtschaftliche Denkweise im Ökozentrum ausbreiten konnte, hat in der Initiatoren-Generation zu Resignation geführt. Je mehr die einzelnen Projekte ihre Konturen schärften, desto mehr verschwamm der Geist fürs Gemeinsame.
 

Rücken frei für Wirksamkeit
Christoph Bautz hat die Gründungsphase nicht miterlebt. Er glaubt nicht daran, dass eine komplexe Gesellschaft wie die unsere allein dadurch umzukrempeln sei, dass in der Hoffnung, andere würden es übernehmen, ein ideelles Modell vorgelebt werde. Es sei genauso wichtig, politisch auf höherer Ebene mitzumischen. Dazu sind seiner Meinung nach starke Instanzen und Stabilität vonnöten, auch in finanzieller Hinsicht. Stabil sind die Strukturen, die in Verden entstanden sind, auf jeden Fall. Alle Projekte können vollen Einsatz fahren, weil sie den Aktivistinnen und Aktivisten einen sicheren Broterwerb bescheren. Sie sprechen ein breites Publikum an, ohne befremdlich zu wirken – wie es beim Wort »Anarchismus« häufig der Fall ist. Der aus Strohballen entstehende Meilenstein für ökologisches Bauen käme nicht zustande, hätte man sich nicht auf eine Kooperation mit der Handwerkskammer und konventionellen Baufirmen eingelassen.
Vor Jahren hatte Christoph auf der Suche nach einem Lebensort mehrere Zusammenhänge besucht und war immer wieder enttäuscht worden. Erst in Verden fand er, was er suchte: die Möglichkeit, in einer selbstverwalteten Hofgemeinschaft mit Menschen ähnlicher Ausrichtung zu leben und sich gleichzeitig durch die Institution des Ökozentrums auf politisches Handeln konzentrieren zu können. Oft hatte er erlebt, dass Gemeinschaften vor allem damit beschäftigt waren, interne Dinge zu klären. Sie hatten wenig Zeit und Kraft für politisches Wirken nach außen. In der 15-köpfigen Hofgemeinschaft Stedorf erfordert die Selbstverwaltung und Entscheidungsfindung nach dem Konsensprinzip zwar auch seine Zeit, bleibt aber überschaubar.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Lüer, einem der Stedorfer, der wie Uli Urgestein der Verdener Alternativszene ist. In der Anfangszeit von VERbunt hat er mit zwei Kollegen Bio-Kisten ausgefahren. Abends hätten sie das, was vom herumkutschierten Gemüse übriggeblieben war, oft wegwerfen müssen, weil es verwelkt war. Mit zwei gekühlten Lieferwagen sowie der Bestellung und Abrechnung übers Internet funktioniere das heute besser, gibt der eingefleischte Anarchist zu. Das erfolgreiche Unternehmen ist heute einer der größeren Gemüsekisten-Dienste in Deutschland. Da wird mir eine Verbindung bewusst: Schon seit vielen Jahren beziehen meine Eltern im 30 Kilometer entfernten Thedinghausen auch diese Bio-Kisten. Solidarisches Handeln kann auf so vielen Wegen mitten in die Gesellschaft hineinwirken … •

 

Malte Cegiolka (21) studiert nach einem Freiwilligenjahr in Argentinien an der Fachhochschule Eberswalde Naturschutz.

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www.allerwohnen.de
www.oekozentrum.org
www.biber-online.de