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Erde im Anthropozän

Der Mensch hat die Schwelle zu einer prekären Ära überschritten.

von Michael Succow , erschienen in 24/2014

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Wir beginnen allmählich zu begreifen, dass wir nicht mehr in einer Welt leben, in der Naturkatastrophen noch wirklich Natur-Katastrophen sind – immer ­öfter sind sie menschgemacht. Der in den vergangenen 200 Jahren zunehmend anthro­pogen veränderte Kohlenstoffhaushalt der Erde wird uns zur Schicksalsfrage. Die menschliche Wachstumsgesellschaft stößt an ihre Grenzen.
Für den Fortbestand unserer Zivilisation wichtige Ökosysteme sind weltweit großräumig verändert, geschädigt oder gar – in menschlichen Zeiträumen gemessen – irreversibel zerstört und nicht mehr reparierbar. Wie viele fruchtbare Oasenkulturen sind lebensfeindliche Salzwüsten, wie viele lebensvolle, Regen spendende, kühlende Urwälder sind tropische Wüsten, wie viele einst Torf speichernde Moore sind entwässert und setzen nun Kohlendioxid frei, wie viele einst produktive Steppen und Prärien sind vernutzt, die Schwarzerden aufgebraucht, wie viele der Mangroven und Korallenstöcke, dieser wichtigen Senken-Ökosysteme tropischer Meere, sind inzwischen vernichtet …?
Die natürlichen Rahmenbedingungen für unsere Zivilisation ändern sich damit rasant, einschneidende Verwerfungen sind unausbleiblich. Wir müssen begreifen: Der für den Fortbestand unserer Zivilisation so notwendige ausgeglichene Naturhaushalt – Basis der Menschheitsentwicklung der letzten 10 000 Jahre (Holozän) – ist stark beeinträchtigt. Die Konditionen des ökologisch gebauten Hauses Erde waren eine durch evolutionäre Prozesse ausgelöste, immer größer werdende Lebensfülle (Biodiversität), die auch Extremräume eroberte, immer neue Ökosysteme schuf und durch Humusanreicherung eine zunehmende Fruchtbarkeit der Böden, verbunden mit dem Vermögen, Kohlenstoffüberschuss aus dem Stoffkreislauf der Biosphäre festzulegen, zu fossilisieren.
 

Welchen Ausgang nimmt das Projekt Mensch?
Mit der industriellen Revolution, die um 1800 begann, ist ein neues Zeitalter angebrochen, das »Anthropozän«, in dem der Mensch den Zustand der Biosphäre mitbestimmt, angefangen bei der Ausbeutung der begrabenen, von der Natur aus dem Stoffkreislauf gebrachten Energieträger Kohle, Erdöl, Erdgas. Willkommen im Anthropozän! Allgemein bekannt ist, dass unser gegenwärtiger Ausstoß an klimarelevanten Treibhausgasen deutlich über dem Zuträglichen liegt. Eine Überschreitung der noch hinnehmbaren plus 2 Grad Celsius ist nicht mehr aufzuhalten, ebenso überschreitet der immense aktuelle Verlust an Biodiversität alle Vorstellungen. So rechnet man mit dem Aussterben von 30 Prozent der Wirbeltiere unserer Erde noch in diesem Jahrhundert.
Weniger bekannt ist – nach Johan Rockström und Kollegen –, dass der Stickstoffkreislauf, gemessen an der Menge atmosphärischen Stickstoffs, der in biologisch aktiven Dünger umgewandelt wird (121 Millionen Tonnen im Jahr), das akzeptable Maß der Belastung von Böden, Gewässern und Ozeanen mehr als dreifach übersteigt; dass die Phosphorbelastung der Meere und Gewässer zu einem tödlichen Zusammenbruch der Sauerstoffgehalte der Ozeane führt (der kritische Wert liegt derzeit bei 8,5 bis 9,5 von maximal elf Millionen Tonnen im Jahr); dass die Versauerung der Meere ebenfalls einen kritischen Wert erreicht hat; dass bei der Umwandlung von Wäldern und natürlichem Grasland (Steppen) in Ackerstandorte das verfügbare Flächenpotenzial nahezu ausgeschöpft ist; dass die Verschmutzung des Süßwassers, eine verminderte Grundwasserneubildungsrate, der Aufbrauch des fossilen Grundwassers und die Versalzung von Bewässerungskulturen zu bedrohlicher Wasserknappheit führen.
Die aktuelle Geo- und Klimaforschung bestätigt die befürchteten Annahmen: Die Landwirtschaft muss sich radikal verändern; weder die ohnehin nur begrenzt mögliche Ausweitung der Ackerflächen noch der gegenwärtige Einsatz von Kunstdüngern sind akzeptable Optionen; wir können uns die gegenwärtige Agrarverschwendung von Energie, Flächen, Stickstoff und Phosphor geopolitisch nicht mehr leisten.
Mag es auch niemand gern hören, keine Generation vor uns hat ihre Lebensgrundlage – und das ist vor allem der Kapitalstock Natur – derart beeinträchtigt und reduziert wie wir im vergangenen halben Jahrhundert. Was tun in diesem Dilemma? Was darf wirklich wachsen, ohne die Menschheit zu gefährden? Wir haben zu lange gegen die Natur gekämpft, sie genutzt wie einen Steinbruch, uns über sie erhoben, wollten sie beherrschen. Nun, da die Schäden unübersehbar und die Verluste unwiederbringlich sind, ergreift uns Unbehagen, auch Mitleid, vor allem aber Sorge. Sorge um unsere Zukunft. Und Zweifel. Wer ist wirklich der Stärkere? Wie weit darf sich der Mensch von der Natur entfernen, ihre Tragekapazität überfordern? Das Projekt Mensch – ist das ein Projekt mit unbekanntem Ausgang? Eine Zufallsepisode im Universum, ein interglazialer Irrtum? Mir scheint, wir schlagen das Zeitfenster, das die Evolution der menschlichen Zivilisation eröffnet hat, vorzeitig zu.
In diesem neuen Jahrhundert, gar Jahrtausend der Menschheitsgeschichte müssen wir begreifen: Wir dürfen uns nicht länger als Herrscher über die Natur aufspielen, als deren Ausbeuter und Zerstörer handeln, ihre Ressourcen nicht weiter vernutzen, verschwenden. Wir müssen uns endlich in das so wunderbar ökologisch gebaute Haus Erde einpassen, uns als Teil von ihm empfinden. Es ist das Gebot der Stunde, der durch uns Menschen ausgelösten Veränderung des globalen Naturhaushalts und der Zerstörung der Lebensfülle, dem Verlust an biologischer Vielfalt mit allen zur Verfügung stehenden Kräften entgegenzuwirken.
Das zwingt uns, die letzten noch ungenutzten, intakten Naturräume der Erde unangetastet zu lassen; bei allen Formen der Naturnutzung dem Erhalt der Funktionstüchtigkeit der Ökosysteme höchste Priorität einzuräumen; die ökologischen Leistungen der Natur – dieses immer knapper werdenden Guts – in Wert zu setzen; eine Wertediskussion zu führen, in der der Schutz der Natur (des Naturhaushalts) einen zentralen Stellenwert einnimmt; und von der Natur zu lernen, wie sie es macht, sich immer weiter zu vervollkommnen, zu optimieren und zu wachsen, ohne zu scheitern!
 

Erhalten statt reparieren, haushalten statt übernutzen
Die beiden Schlüsselworte der Michael Succow Stiftung lauten »erhalten« und »haushalten«. Zunächst möchte ich auf das Erhalten eingehen: Die Stabilität der Biosphäre der Erde – als Lebensraum von uns Menschen – wird entscheidend durch die bislang noch nicht genutzten, noch nicht wesentlich beeinträchtigten Ökosysteme gewährleistet. Zu den Grundleistungen dieser Ökosysteme gehören Recycling und Kohlenstofffestlegung, Grundwasserbildung und Kühlung, Mehrung der Fruchtbarkeit durch Humusbildung und Vergrößerung der Mannigfaltigkeit im Ergebnis evolutionärer Prozesse. Hier entfällt jedes Reparieren und Renaturieren. Als ein vielleicht entscheidender Schlüssel zur Zukunftssicherung könnte es sich erweisen, die ökologischen Leistungen insbesondere der natürlichen Ökosysteme in Wert zu setzen, das heißt, sie in unser Preissystem einzubeziehen. Da das noch nicht der Fall ist, bleibt uns vorläufig nur der Weg, die noch verbliebenen natürlichen, intakten Ökosysteme in weiträumigen Schutzgebieten, in denen bewusst auf jede materielle Nutzung verzichtet wird, zu sichern. Wir verzichten also darauf, sie unserem Herrschaftswillen unterzuordnen, lassen sie unangetastet. Hierbei haben die reichen Länder gegenüber den armen eine besondere Verantwortung, eine immense Bringepflicht. Als Instrumente haben sich dafür die international von der IUCN zertifizierten Schutzgebietsformen Nationalpark und als höchste Auszeichnung das UNESCO-Weltnaturerbe bewährt.
Zum zweiten geht es um das Haushalten: Lassen wir die Natur unverändert, ohne Naturnutzung, können wir nicht existieren; zerstören wir sie, gehen wir zugrunde. Deshalb müssen wir mit der Natur, die wir nutzen, also unseren Kulturlandschaften, haushalten. Es ist längst überfällig, in den von Menschen kultivierten Räumen generell eine dauerhaft umweltgerechte Landschaftsnutzung zu praktizieren, die sich an der Tragekapazität dieser Erde orientiert. Aber dafür ist die Hochzivilisation offenbar (noch) nicht reif. So bleibt uns vorerst nur, Beispiele für einen vernünftigen Umgang mit unseren Lebensgrundlagen zu entwickeln. Dafür bietet sich die seit 40 Jahren gewachsene Idee der Biosphärenreservate an: die Entwicklung ländlicher Wirtschaftsregionen mit hohen ökologischen und sozialen Standards, also Modellregionen mit einem Naturumgang, wie er auf der ganzen Fläche nötig wäre. Die Naturnutzung muss naturnäher werden! Deshalb ist es, wird es unabdingbar, bei allen Formen der Landschaftsnutzung die Funk­tionstüchtigkeit des Naturhaushalts in den Vordergrund zu rücken.
 

Lebensstoff Humus
Unsere Äcker dürfen nicht weiter durch unsachgemäße Bodenbearbeitung und reduzierte Fruchtfolgen erodieren und ihre natürliche Fruchtbarkeit – den Humus – einbüßen. Unter unseren Äckern hat sich trinkfähiges Grundwasser wieder in Menge und Qualität zu bilden. Zu nutzende Moore haben durch Formen nasser Bewirtschaftung (Paludi-Kultur) weiterhin Torf zu bilden. Zu nutzende Wälder müssen, um Humus bilden zu können, älter werden dürfen. Zu nutzende Steppen dürfen nicht mehr umgebrochen werden, minimale Bodenbearbeitung ist hier der einzig zukunftsfähige Pfad bei Ackernutzung, die am Humuserhalt orientiert ist. Wir könnten mit dieser Liste an Umstellungen der Naturnutzung noch lange fortfahren. Auch in Nutzungslandschaften gilt es, die erbrachten ökologischen Leistungen in die Vergütungen beziehungsweise in die Transferzahlungen (Subventionen) gebührend einzubeziehen. Die Suche nach alternativen Nutzungsformen für die einzelnen Ökosysteme hat gerade erst begonnen. Es soll in diesem Zusammenhang Friedensreich Hundertwasser zitiert werden: »Alle Zivilisationen haben so lange gedauert wie ihr Humus. Die ägyptischen, griechischen, römischen und viele andere Zivilisationen waren zu Ende, als ihr Humus zu Ende war. Unsere Zivilisation wird folgen, wenn wir nicht fähig sind, unsere unglaublich dünne Humusschicht wiederherzustellen.« Dem ist nichts hinzuzufügen.
Lasst uns die Prinzipien der Natur annehmen, lasst uns von ihr lernen, wie sie zukunftsfähig ist und bleibt. Üben wir uns im Erhalten, üben wir uns im Haushalten, gewähren wir der Natur Raum, geben wir ihr Zeit – um ihrer und unserer Zukunft willen. All das schließt tiefe Liebe zur Natur ein. Aus Liebe wächst Achtung, Verantwortung, Einsatz für ihren Fortbestand. Üben wir uns in Mäßigung, versuchen wir eine Zivilisation, eine Gesellschaft zu entfalten, die ohne das Paradigma, wirtschaftlich wachsen zu müssen, zurechtkommt und dabei freundlicher und zufriedener wird. •

Bearbeitetes Kapitel aus: Michael Succow, Lebrecht Jeschke, Hans Dieter Knapp: »Naturschutz in Deutschland«, © Ch. Links Verlag, Berlin 2012.

Michael Succow (72) ist Biologe, Agrarwissenschaftler und Bodenkundler. Er gilt als Koryphäe der Moorkunde, in der er 1970 promovierte und sich 1981 habilitierte. 1990 war Succow kurzzeitig Stellvertreter des Ministers für Natur-, Umweltschutz und Wasserwirtschaft der DDR. Auf sein Bestreben wurde auf der letzten Sitzung des ­Ministerrats der DDR das wegweisende Nationalpark-Programm beschlossen, das 4,5 Prozent des DDR-Territoriums als Nationalpark oder Biosphärenreservat unter Schutz stellte. Nach der Wiedervereinigung baute er das Institut für Botanik und Landschaftsökologie an der Universität Greifswald auf. Für sein »Engagement zur Bewahrung natürlicher Ökosysteme für künftige Generationen« wurde Succow 1997 in Stockholm der Alternative Nobelpreis verliehen. Mit dem Preisgeld begründete er die »Michael Succow Stiftung zum Schutz der Natur«, die in Deutschland und weltweit – etwa in Russland, der Mongolei, Kirgisistan, Kasachstan, Usbekistan, Turkmenistan, Aserbaidschan, Weißrussland und Äthiopien – Biosphärenreservate und Nationalparke initiiert. Auf Succows Initiative schlossen sich 2013 fünf institutionelle Landeigentümer mit insgesamt 10 000 Hektar Fläche zur »Greifswalder Agrarinitiative«  zusammen, um eine nachhaltige landwirtschaftliche Nutzung voranzutreiben.

www.succow-stiftung.de

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