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Elektronik – bald fair und ökologisch?

Wie sich der schnelle Weg zum fairen Cradle-to-Cradle-Computer in chinesischen Fabriken verliert.

von Lara Mallien , erschienen in 24/2014

Es kann doch gar nicht so schwierig sein, Elektronik herzustellen, die nichts und niemandem schadet, sollte man meinen. Doch die Sache ist komplex …

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»Juhu, die Welt wird besser! Ihr könnt jetzt ein fair produziertes Smartphone kaufen!« Diese Meldung, die im vergangenen Sommer die Presse in Erregung versetzte, sorgte bei mir für körperliches Unwohlsein. Für das erste »Fairphone« werden Zinn und Tantal, zwei (!) von mehr als 30 Mineralien, die in Mobiltelefonen zum Einsatz kommen, aus von unabhängigen Organisationen überwachten Minen in der Republik Kongo verbaut. Außerdem entwickelt das Fairphone-Team mit der chinesischen Firma A’Hong, in der das Telefon zusammengebaut wird, einen Aktionsplan für verbesserte Produktionsbedingungen. Sehr lobenswert.

Schon 25 000 Fairphones verkauft! So ruft es von der Startseite von www.fairphone.com. Und da ist der Link: »Schau dir an, ­warum es fairer ist.« Ihm folgend, lese ich, dass die Hersteller nur »guten Stoff« in ihrem Handy haben wollen. Ich lese von den zwei konfliktfreien Minen im Kongo. Aber das, was folgen müsste – Aufklärung über eine unfassbar komplexe Produktionskette mit all ihren Abgründen, worüber die Fairphone-Gründer auch im Vorfeld ihrer Produktion gesprochen haben –, das verliert sich in schönen Worten über Ziele und Werte des Unternehmens. Offenbar folgt die Kommunikation um dieses Produkt der warenförmigen Welt: ­Erscheine so perfekt, so cool, so smart und so korrekt wie möglich.

Mäuschen gegen Goliath
Es geht auch anders: Susanne Jordan und ihr Team von ­NagerIT haben im November 2012 die erste »faire Maus« auf den Markt gebracht. Ein Blick auf die Seite erklärt, was daran fair ist und was nicht. Zusammengebaut wird sie von einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen in Süddeutschland. Die Zulieferung der Bauteile erfolgt, soweit möglich, aus Ländern mit hohen Sozialstandards. Auf einer Grafik der Webseite www.nager-it.de kann ich jeden Bestandteil der Maus anklicken und lerne zum Beispiel, dass der Chip von den Philippinen kommt. Unter »Mögliche Probleme bei der Herstellung« ist zu lesen: »Übliche Problematik: Überstunden, unzureichende Löhne, Gesundheitsgefährdung, fehlende soziale Absicherung etc.« Problematisch sei auch die Gewinnung der für den Chip verwendeten Rohstoffe wie Gold, Silizium und Erdöl. Angehängt ist ein Artikel über die Entsorgungsproblematik bei der Herstellung von Poly­silizium in China, das für Solaranlagen unverzichtbar ist. Für jede Tonne produziertes Polysilizium entstehen 4 Tonnen hochgiftiger, flüssiger Abfall, der allzuoft in der freien Natur entsorgt wird oder in Containern auf irgendeine spätere Lösung wartet.
Ja, so sieht ehrliche Kundenkommunikation aus! Als ich im Oktober versuche, Susanne Jordan zu erreichen, ist sie gerade in China. Ihr Kollege erklärt, dass sie sich dort ein Bild über die Möglichkeiten macht, ein faires Kabel produzieren zu lassen. Eine Kabelherstellung unter Bedingungen, die wir in Europa als fair bezeichnen würden, existiere nämlich nicht.
An dieser Stelle unseres Gesprächs leuchten sämtliche Kabel an elektronischen Geräten, die in den Häusern im malerischen Lassaner Winkel, meiner Heimatregion, stehen, knallrot auf. Es sind Tausende. Keines von ihnen stammt aus einer fairen Produktion. Wie naiv von mir, dass ich mir so etwas Banales nie zuvor in dieser Deutlichkeit bewusst gemacht habe. Freilich – auch ich habe 2010 die Nachrichten von der Selbstmordserie unter Arbeitern des chinesischen Apple-Zulieferers Foxconn gelesen und weiß, dass die Arbeitsbedingungen in Fernost Überstunden – schlecht oder nicht bezahlt – und fehlende Sicherheitseinrichtungen beim Umgang mit toxischen Stoffen bedeuten. All das versteckt sich hinter der Perfektion meines MacBooks so elegant, dass mir nicht schlecht wird, wenn ich mit ihm arbeite. Erst die unfairen Kabel schaffen den Einbruch der Banalität des Bösen in meine Arbeit am Guten.
Später kann ich Susanne Jordan zu ihren China-Erfahrungen befragen. »In den Firmen haben die Leute alle zwischen 70 und 85 Stunden in der Woche gearbeitet«, erzählt sie. Der Chef der Kabelfabrik, die sie als erste besuchte, war über die Europäerin mit ihrer kleinen Mäuseproduktion, die sich tatsächlich vor Ort ihr eigenes Bild machen wollte, amüsiert. Die großen Firmen wollten immer nur Papiere für ihre Kommunikation in Sachen Corporate Social Responsibility (CSR), in denen etwas zu den Arbeitsbedingungen stehe, meinte er. Nie käme da jemand selbst vorbei.
In die Fertigung eines Kabels sind mehrere Fabriken involviert, lernte Susanne Jordan. Das Anlöten der Stecker an die Kabel geschieht in Handarbeit in einer Firma weiter im Landesinneren, die Susanne Jordan ebenfalls besuchte. Mit der Arbeitszeit sah es hier etwas besser aus, doch die Löhne waren viel zu niedrig. Sie war froh darüber, dass die Verantwortlichen offen mit ihr sprachen, ihr auch den Zulieferer für das verbaute Kupferband nannten. »Wir müssen bedenken, dass die maschinelle Produktion unseres Jahresbedarfs von rund 5000 Kabeln eine Viertelstunde Produktionszeit in den Fabriken ausmacht. Obwohl wir als Kunde nicht ins Gewicht fallen, will der Schlüsselpartner bei der Kabelzulieferung kooperieren. Er will sich als guter Arbeitgeber positionieren. Ich habe in Hong Kong eine NGO gefunden, die sich für Gewerkschaften einsetzt und Trainings für Mitarbeiter und das Management anbietet. Als nächstes möchte ich erreichen, dass sich der betreffende Chef auf eine Zusammenarbeit mit dieser NGO einlässt. Interessant, zu wissen, wäre auch, woher das Kupfer eigentlich kommt. Aus einer Mine oder aus einem Recyclingbetrieb? Wie wird es dort zugehen?«

Wir haben es satt!
Was für eine mühevolle Pionierarbeit! Das Fairphone-Team ist gerade an einer Machbarkeitsstudie beteiligt, die ein Fair-Trade-System für Kobalt im Süden des Kongo aufbauen will. Ich stelle mir vor, wie weit der Weg wäre, um eine Elektronik-Produktion aufzubauen, die nicht nur »weniger schlimm« ist, sondern rundherum lebensfreundlich. Ich sehe Jahrzehnte vor mir und komme in Gedanken doch nicht ans Ziel.
Auf der Internetseite der Kampagne »MakeITfair» war Ende November in einer neuen Studie zu lesen, kein Mobiltelefonhersteller könne ausschließen, das von ihm verbaute Gold sei nicht durch Kinderarbeit aus der Erde gekommen. Zudem wird von Protestaktionen der Organisation SACOM, »Scholars Against Corporate Misbehaviour« (Wissenschaftler gegen schlechtes Verhalten von Unternehmen), gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen beim chinesischen Konzern Biel Crystal berichtet, der 60 Prozent des Weltbedarfs an Glas für Touchscreens herstellt. Was für einen ökologischen Fußabdruck diese Produktion hat, will ich mir gar nicht erst vorstellen. »Über die Ökotoxizität nicht-organischer Produkte haben wir kaum Daten«, erklärt mir Roland Hischier, der für die Organisation Ecoinvent arbeitet. Dort sammeln sich Datenberge für die Erstellung von Ökobilanzen einzelner Produkte. Am besten erforscht ist deren CO2-Bilanz, aber das ist nur ein Faktor von unüberschaubar vielen Mitwelt-Auswirkungen.
»Einer muss mit Fairtrade in der Elektronik anfangen«, sagt Susanne Jordan. Je länger ich mich mit sich sträubenden Haaren durch eine Studie des Öko-Instituts Freiburg zu sozialen Auswirkungen der Laptop-Produktion lese, umso mehr wächst meine Bewunderung für ihren Optimismus. Da sich die »Urproduktion« der Bauteile für unsere Computer inzwischen mehrheitlich in China konzentriert hat, kommt es vor allem auf die Bedingungen in jenem Land an. Wie stark müsste eine Bewegung werden, die weltweit forderte: »Wir haben es satt! Solidarische Öko-Elektronik statt Massenmenschenhaltung und Weltvergiftung!«, damit sie Wirkung zeigte? Ich vertiefe mich in die Tabellen von Ecoinvent zur Ökobilanz eines Schoßrechners und sehe die endlose Kette von Abhängigkeiten im globalisierten Kapitalismus vor mir. Alles verschwimmt vor meinen Augen. Einen Aspekt dieser Bilanz, den Materialaufwand, stellt die nächst Doppelseite dar – eine Einladung zur Meditation über den Wunsch, ein Nützling der Erde zu sein.•

Man kann ja nichts tun – oder etwa doch?
Kampagne: www.makeitfair.org
www.makeitfair.org/de
Pioniere: www.nager-it.de
www.fairphone.com
Laptop-Studie des Öko-Instituts e. V.: http://bit.ly/1jhqh9a

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