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Wo sind Grenzen?

Die Förderschule »Am Park« in Behrenhoff stellt Beziehung vor Erziehung. Im Rahmen staatlicher Vorgaben schafft sie Raum für emotionales Lernen.

von Anke Caspar-Jürgens , erschienen in 23/2013

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© Foto: Anna Nitz

Mein letzter Besuch an einer staatlichen Schule liegt Jahre zurück – seit bald 30 Jahren begleite ich vor allem informelle Lernprojekte. Die Vorstellung, ausgerechnet an einer Förderschule zu hospitieren, weckt in mir unbehagliche Gefühle. Doch als mir jemand die Schule »Am Park« in Behrenhoff, einem Dorf südlich von Greifswald, ans Herz legt, lasse ich mich auf einen Versuch ein. Alte Bäume und exotische Büsche säumen dort eine mächtige Kirche, die noch größer wirkt, als ich in ihrer Nachbarschaft das unscheinbare Schulhaus entdecke: ein zweistöckiger Bau, neben dem ein gleich hoher Containerbau steht. Auch der Schulhof ist zwar weiträumig, aber schmucklos. Lässt der mäßige Zustand der Gebäude auf Vernachlässigung oder auf fehlende Finanzierung schließen?
 

Alltag in Behrenhoff
Viertel vor acht. Bis in die weit geöffnete Tür des Sekretariats stehen dicht gedrängt Kinder zwischen zehn und sechzehn Jahren. Sie sind ins Gespräch mit Schulleiterin Edeltraud Schmid vertieft. Diese bittet Jan und Bernd, zwei der Kleinen, wie auch Moritz, einen kräftigen Jugendlichen, in den Nebenraum des Schulleiterinnenzimmers. Kommt jetzt eine fällige Standpauke wegen des permanenten Mobbings von Jan gegen Bernd? Nein. Die Schulleiterin erkundigt sich bei Bernd, was passiert sei. »Der Jan meint, er kann mich verhauen und erpressen wie er will, weil ja der Moritz sein Beschützer ist«, schluchzt Bernd. Frau Schmid schaut den beiden Jüngeren in die Augen und fragt: »Euch geht’s doch gleich, oder? Ihr lebt zusammen im Heim.« Sie sagt zu Jan: »Hast du eine Mutter?« Und zu Bernd: »Hast du einen Vater?« Beide verneinen. »Wäre es da nicht klüger, zusammenzuhalten wie Freunde, anstatt zu streiten?« Jan lächelt spontan zu Bernd, dem noch der Kummer ins Gesicht geschrieben steht. Die Buben schauen sich an. Zu Moritz gewendet, sagt sie: »Du hast jetzt die Verantwortung für Jan, dass er mit solchen Sachen besser zurecht kommt.« Das, was ohnehin Moritz’ Anliegen war, wird damit für ihn wie für Jan zu einer neu definierten Aufgabe. Herz und Kopf sind vorläufig wieder frei, die drei gehen in den Unterricht. »Beim nächsten Vorfall kann ich Jan am Ende vielleicht schon in den Arm nehmen«, meint Edeltraud Schmid. Heute hielt sie seine Hände. »Ohne emotionales Berührtsein, ohne tiefgehende andere Erfahrungen von Menschlichkeit, kann es keine wirkliche Änderung geben«, fügt sie an.
 

Ein beziehungsstiftendes Umfeld
Das Vorgehen der Behrenhoffer Schulleiterin entspricht den neuesten Erkenntnissen der Neurobiologie. Wie der Wissenschaftler Gerald Hüther nicht müde wird, zu vermitteln, lernt das Gehirn neues Verhalten erst, wenn es Erfahrungen machen kann, die ihm buchstäblich unter die Haut gehen. Das traditionelle Vorgehen mit Belohnung oder Strafe bewirkt lediglich Dressur: ein eher kurzfristiges Anpassen an das erwartete Verhalten der anordnenden Person. Es beschränkt sich auf spezifische Situationen und blockiert häufig das wirkliche Lernen.
Schulleiterin Edeltraud Schmid, die 1996 an die Förderschule berufen worden war, fiel bald auf, dass die Lernschwierigkeiten vieler Kinder in deren psychischen Blockaden begründet sind. Sie nahm zwölf solcher Kinder aus dem allgemeinen Lernförder­unterricht heraus und gründete eine jahrgangsübergreifende Klasse. »Mir war klargeworden, dass für diese Kinder eine ehrliche, belastbare Beziehung die Voraussetzung für ihr Lernenkönnen ist«, sagt Schmid. Mittlerweile sind es 140 Kinder. Nur 30 von ihnen hätten »echte Lernstörungen«. Alle anderen seien von ihren Schulen »aussortiert« worden, »weil sie trotz aller erdenklichen sonderpädagogischen Förderung schließlich als ›untragbar‹ galten«, erklärt die Schulleiterin. »Wenn sie hierher kommen, sind wir ihr letzter Strohhalm vor dem Abdriften ins Aus, und das wissen sie genau.« Die Schüler erlebten Missbrauch und Gewalt, Trennung oder den Verlust der Eltern. Das absorbiere ihr Denken und Fühlen und beeinträchtige sie in ihrem Lernen massiv. »Durch eine Karriere aus Misserfolgen ist bei diesen Kindern ein Urmisstrauen gegenüber Schule entstanden, resistent gegen therapeutische Maßnahmen. Wir fangen die Kinder auf, halten sie im wahrsten Sinn des Wortes fest, sind liebevoll konsequent und zeigen Grenzen auf.«
Praktisch heißt das, dass diese Schulleiterin all ihre Kraft, Intelligenz und Kreativität einsetzt, um genau solch ein Umfeld schaffen zu können, das ein Neulernen im Emotionalen, Intellektuellen und Sozialen zulässt. Das bringt den Funken der Liebe als Grundlage von Beziehung gerade auch in der Zusammenarbeit mit ihren Kollegen und Kolleginnen zum Leuchten. Kann mich da noch die Ärmlichkeit in den Räumen und Fluren und die sparsame Ausstattung stören? Offensichtlich achten die Kinder und Jugendlichen mitsamt der immer präsenten Unterstützung ihrer Lehrerinnen und Begleiter darauf, das Vorhandene zu erhalten und zu pflegen.
Edeltraud Schmid gelingt es, ein förderlich warmes und kreatives Umfeld zu schaffen, obwohl für ihre und die Arbeit ihrer Kolleginnen die Vorgaben und Richtlinien des Kultusministeriums wie für jede andere staatliche Schule auch gelten. Die Schule bewarb sich für das Modell »Selbstverantwortliche Schule«, trotz der Nachteile, die dies für die Lehrkräfte bringt, wie nicht honorierte Mehrarbeit. Sie schöpfen die neuen Möglichkeiten bis zum Rand der Legalität aus, machen Öffentlichkeitsarbeit und werben wirksam um Spender und Sponsoren. So bekommen viele Kinder, wenn sie neu an die Schule kommen, einen persönlichen Begleiter oder eine Begleiterin. Den Schultag über bleibt der Begleiter in Tuchfühlung mit diesem Kind, unterstützt es, sei es in Wissensdingen oder, viel häufiger, durch freundliche Nähe, sobald das Vertrauen des Kindes so weit reicht, dass es diese zulassen kann. Diese Begleiterinnen sind in Behrenhoff häufig Quereinsteiger und beeindrucken mich durch ihr Gespür für das ihnen anvertraute Kind.
Ob Begleiter, Lehrer oder Hausmeister – jeder neue Mensch an dieser Schule erhält zu Beginn seines Eintritts eine schulinterne Schulung. Unverzichtbar für das Entstehen dieses Geborgenheit vermittelnden Umfeldes sind auch die schulinternen Fortbildungen, wozu das Kollegium professionelle Anleitung von außerhalb einlädt. Entscheidungen werden, wenn möglich, im Konsens getroffen. Ist dies eine der Ursachen dafür, dass auch das Klima unter den Kolleginnen und Kollegen von spürbarer Herzlichkeit und Offenheit geprägt ist? Jedenfalls gelingt es ihnen, neben dem Alltag, der sie bis zum Letzten fordert, alljährlich gemeinsam Thea­ter zu spielen, für die Schüler, die Spender, die Unterstützer und die dörfliche Nachbarschaft und natürlich für sich selbst.
 

Halt, Respekt und Empathie
Zentrales Thema in den Gesprächen der Kolleginnen ist das Unterstützen eines lebensfördernden Umfelds. Sie orien­tieren sich dabei an ihrem pädagogisch-therapeutischen Konzept. Das sieht eine Halt gebende und respektvolle Erziehung vor, Verständnis und Einfühlungsvermögen, die vorbehaltlose Annahme bei aller Unterschiedlichkeit und den liebevollen und konsequenten Umgang miteinander. Ein weiterer Leitgedanke ist, junge Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, und die Beziehung zu ihnen vor die Erziehung zu stellen. Ein weiterer tragender Faktor für das Gelingen ihres Wirkens ist die kooperative Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern sowie mit Trägern der Jugendhilfe (Jugendämter, Vereine und Verbände, Wohngruppen), mit den Kinder- und Jugendpsychiatern und mit den ambulanten und stationären Psychologen und Beratungsstellen. Keineswegs immer waren die Institutionen mit diesem auf Beziehungsarbeit gründenden Konzept einverstanden, die als »Kuschelpädagogik« missverstanden wurde, wie Edeltraud Schmid erklärt. Viele von ihnen waren der Devise verpflichtet: »Die müssen erstmal zu spuren lernen!« Aber der Erfolg mit ihrem Vorgehen gibt der Behrenhoffer Schule Recht. Ein anderes Standbein für diesen Erfolg bildet die intensive Arbeit mit den Eltern beziehungsweise Pflegern. Auf das ausführliche Eingangsgespräch folgen immer wieder Telefongespräche. Die großen Elternkonferenzen mit aktuellen Themenschwerpunkten werden durch individuelle Elterngespräche ergänzt. Einige Eltern führen diesen Austausch mittlerweile in einer eigenen Elterngruppe fort.
Was aber macht die Schule so attraktiv für die angeblich hoffnungslosen Fälle, die Kinder und Jugendlichen? Sie können sich endlich als Personen mit ihren eigenen Kompetenzen für ihre Mitschüler sichtbar machen und sich mit ihrem Können vor der Öffentlichkeit präsentieren. Sie werden anerkannt dafür, wer sie sind. Seit drei Jahren organisieren die Schüler und Schülerinnen ein Schülercafé und treten mit ihrer Band »Unmusikalisch« auf. Die bekannte Band »Krach« unterstützt sie dabei. Und wer die Schule betritt, steht als erstes einem mannshohen, verglasten Wandschrank gegenüber. Rammelvoll ist er mit den silberglänzenden Siegestrophäen der Kids. Prämiert wurden sie für ihre Schülerzeitung »Kobold«, für sportliche Leistungen, für Kochen, Vorlesen auf Englisch oder auf Plattdeutsch und vieles andere mehr.
 

Modell für andere staatliche Schulen
Für das Engagement von Edeltraud Schmid und ihren Kollegen und Kolleginnen wurde die Schule vor drei Jahren mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. Mittlerweile findet ihr Konzept bundesweite Anerkennung. Abordnungen von Schulen und Unis wollen von ihren Erfahrungen für das Schulklima, den Unterricht und die Lehrerbildung lernen.
Nach den vielen Jahren ihrer eigenständig verantworteten Entwicklung auf der Grundlage von praktischen Erfahrungen und mit der Hilfe von internen und externen Evaluationen entwickelte sich diese Schule von der üblichen Förderschule zur eigenverantwortlichen Ganztagsschule mit einem Förderschwerpunkt auf emotionaler und sozialer Entwicklung. Die Schule »Am Park« vollzog eine Wandlung zu einer Schule, die allen ihrer Schüler und Schülerinnen in ihrer einzigartigen Gewordenheit gerecht werden will. Sie möchte das Lebensumfeld ihrer Schüler neu kreieren, soweit die staatlichen Vorgaben sich dafür dehnen lassen. Schüler, die als »unbeschulbar« galten, entfalten hier nicht nur ihre Begabungen, sie entdecken, was sie wirklich (werden) wollen und machen ihren Haupt- oder Real­schulabschluss. Was vielleicht viel wichtiger ist: Sie gewinnen wieder Zugang zu ihrem Selbstwert, zu ihrem Mitgefühl und ihrer Verantwortlung für ihre Mitwelt.
Für die Zukunft sieht das Team Raum für viele Weiterentwicklungen, zum Beispiel, dass die Leistungen statt durch Zensuren durch ein Portfolio dokumentiert werden, also durch eine Mappe mit repräsentativen Dokumenten des Lernens der Schülerinnen und Schüler, sowie durch Selbsteinschätzung.
Es schmerzt mich, zu sehen, dass Bildungswege zu einem liebevollen und wachen Umgang miteinander erst dann beschritten werden, wenn alles andere versagt hat. Sollte solch ein Lernen nicht selbstverständlich sein? Dieser Förderschule gebührt es, Quelle der Inspiration und Innovation für das Schulwesen in Mecklenburg­Vorpommern zu sein! 


Die Vorbildschule besuchen:
www.schule-behrenhoff.de

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