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Lieber Walter …

von Albert Vinzens , erschienen in 23/2013

Von wegen »endlich leben« – per Brief bittet Albert ­Vinzens einen verstorbenen Freund um Beistand.

Bild

© Foto: parastuillustration


… ich will dir länger schon schreiben. Monatelang habe ich es versucht. Ohne Erfolg. Der Sommer ging vorüber. Eine Zeile wäre eine Zeile gewesen, mir gelang keine.
Nun sitze ich im Zug nach Süddeutschland und schaue zum Fenster hinaus. Und schreibe. Es geht also doch. Liegt es an der Zugfahrt? Oder ist es so, dass Vorsätze, treu verfolgt, früher oder später Wirklichkeit werden? Ich frage nicht, ich nutze den Augenblick. Unsere alte Nähe entsteht, Herzenswärme ist da.
Beim Sinnieren über den Tod, den Tod im Allgemeinen, bleibt diese Wärme aus. Gedanken über den Tod als Erlöser stürzen die Temperatur in den Keller. Das quasiwissenschaftliche Reden über das gleißende Licht am Ende des Tunnels bei Nahtoderlebnissen ist nichts als viel Lärm um nichts. Spekulationen über Reinkarnation lasse ich konsequent bleiben. Wie ich’s auch anpacke, der allgemeine Tod erinnert mich an kalte, steril beleuchtete Klinikräume. Erinnerungen an Beerdigungen vernebeln den Tod auf Kosten einer gesellschaftlich verordneten Heuletappe. Ich gehe ihnen aus dem Weg, wo ich kann.
Bleibt die Beschäftigung mit meinem eigenen Tod. Da kommt mir sofort ein ernsthafter Einwand. »Endlich leben« genügt mir keinesfalls: Wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich die Unendlichkeit wählen. Das ganze bisherige Leben bin ich ohne meinen Tod ausgekommen, so dürfte es ewig weitergehen. Mein Geschmack folgt dem unsterblichen Pollux. Sein Zwillingsbruder ist es, der mir Sorgen bereitet. Beim Tod, der das Leben von Castor bereits beendet hat und meins dereinst beenden wird, stürze ich in ein Denkloch. Ich kann mir zwar die allgemeine Unendlichkeit vorstellen; sie ist groß wie eine von Michelangelo ausgemalte Sixtinische Kapelle mit Wänden, die bis in die Ecken des Universums ausgedehnt sind. Wenn ich mir aber meine eigene Unendlichkeit vorzustellen versuche, erscheinen vor meinen Augen verspiegelte Fensterläden, die, an einem maroden Häuschen herunterhängend, im Wind hin und her schlagen. Meine Vorstellung und genauso auch mein Körper wehren sich gegen meine Unsterblichkeit. Und die Erotik des Todes? Ihre Faszination hört schlagartig auf, wenn ich an meinen eigenen Abgang denke.
Vielleicht sollte ich auf das Thema »Tod und Natur« ausweichen. Hier spielt der Tod seinen höchsten Triumph aus. Die Natur scheint durch den Tod a priori geadelt zu sein, auch meine Natur. Die Stimmigkeit in der Natur gilt als Beweis dafür, dass ein tiefer und ästhetischer Sinn in ihrer überbordenden Lebendigkeit liege, die den Tod zum Fundament habe. Im vergänglichen Leben, das die Natur in unendlicher Fülle hervorbringt, erreiche der Tod überzeugende Glaubwürdigkeit. Ich zweifle daran: Treu, wie die Schleimspur der Schnecke folgt, kriecht der Tod dem Leben hinterher. Wie tapfer ich auch mein Leben gestaltet haben werde, der Tod wird es mit Ruhmlosigkeit besiegeln. Wer auf dieser Welt denkt heute noch an meine Urgroßmutter, die, als Verdingkind weggegeben, als Mutter eine große Kinderschar durch den Krieg gebracht hatte: Tata Mengia, die mit fast hundert Jahren arm und bescheiden in den Bergen ihr Leben aushauchte? Dass niemand mehr an sie denkt, macht mich traurig – und rachsüchtig gegen den Tod.
Wer denkt heute noch an dich? Walter, ich werde dich um etwas bitten. Diese Bitte fällt mir schwer. Ich spüre zwar, dass ich sie äußern darf, doch die Latte steht hoch. Ich glaube, dass du die Bitte annehmen wirst, dennoch kann ich sie fast nicht in Worte fassen. Ich bin, nicht zum ersten Mal, angewiesen auf deinen Großmut, der mir von irgendwoher sozusagen zur Verfügung steht. Gerade weil die Sache, von der ich erzählen werde, so ungeheuer schief läuft, darf bei meiner Bitte nichts schiefgehen.
Im vergangenen Sommer wählten Berenike und ich als Buch, das wir uns im Urlaub vorlesen wollten, »Das Schicksal ist ein mieser Verräter« von John Green. Der Autor war uns unbekannt, das Buch ein Zufallsgriff. Auch wenn mir beim Kauf unklar war, was John Green mit dem »miesen Verräter« meinte – wir hatten das Buch gekauft, ohne den Klappentext zu lesen –, spürte ich Zustimmung. Ja, das kenne ich, dachte ich, auch in meinem Leben gibt es fiese Dinge, die mir das Schicksal zugefügt hat. Wer das Schicksal als miesen Verräter bezeichnet, legt mit dem Finger Salz in eine Wunde, die auch in meinem Leben immer wieder aufbricht. Dass du sterben musstest, Walter, ist Schicksal, verräterisches Schicksal, das leuchtet mir vollkommen ein.
Wir verbrachten den Sommer in den Bergen und ­lasen das Buch. Abgründe taten sich auf, nicht nur direkt vor unseren Augen, auch im Inneren. Das Schicksal von Hazel Grace und Augustus legte sich mir auf die Seele, die ohnmächtig zwischen Helfenwollen und Luftanhalten taumelte. Der Feind der Liebenden ist nicht wie bei Julia und Romeo das Standesdenken verfeindeter Schichten, es ist der Tod selbst. Hazel hat Lungenkrebs, bei Augustus sitzt das Ding in den Knochen. Der Tod kommt in diesem Buch als Variante daher, die um die Probleme von Shakespeare einen Bogen macht und sich platt und direkt als Bedrohung vor jedem Menschen, gleich welcher Abkunft, übergroß hinstellt.
Walter, ich will den dünnen Faden unserer Gespräche wieder aufnehmen. Das »Du« ist dabei nicht eine literarische Form, sondern du selber bist es, der bei mir ist, neben mir, mit mir – in mir. Und dies in einer Weise, wie es zwischen Lebenden nur Wunsch sein kann. Inzwischen sind viele Jahre vergangen. An deinem Todestag unterhalte ich mich jedes Jahr mit deiner Mutter. Der Rest unserer Beziehung ist nach innen gewandert. Zu dir hin denke ich mit Freude; wenigstens hier lässt mich der Tod in Ruhe.
Wenn ich an meinen eigenen Tod denke, suche ich Verbündete, die gegen die Sterblichkeit rebellieren. Weniger die von der Gegenwart besessenen Massen ewiger Jünglinge und Frauen, wie sie heute gegen den Tod aufrüsten, haben es mir angetan. Sie beziehen ja nicht wirklich Stellung gegen den Tod, sie wollen einfach nur mit viel Spaß möglichst gedankenlos leben, wie mir scheint. Nein, Nikos Kazantzakis, Nietzsche, Goethe, Johannes Tepl sind meine Mitkämpfer gegen die Zumutungen des Todes. Alle kämpften sie gegen ihn. Wenn ich darüber sinniere, reite ich mit meinem Verstand Tjosten gegen einen Feind, bei dem ich allzu leicht vergesse, wie mächtig er ist. Gerne gehe ich mit Nietzsche auf die Barrikaden, schreie mit ihm: Gott ist tot. Doch wer wirklich tot ist, das ist Nietzsche selbst. Gott und der Tod machen ewig weiter. Eins der intelligentesten Bücher über den menschlichen Tod, Hermann Burgers Tractatus Logico-Suizidalis, las ich, weil sich der Autor nach dessen Erscheinen das Leben genommen hatte. Die Presse meinte, wer ein solches Buch schreibe, habe den Tod in sich überwunden. Burger belehrte sie eines besseren. Sein Abgang legt nahe, dass ein Mensch, der das Leben liebt, erstens schweigt über den Tod, zweitens sollte er sich das Schreiben darüber verkneifen und drittens nichts, jedenfalls nichts Unnötiges zu diesem Thema lesen.
Ich sitze im Zug. Die badische Landschaft zieht an meinen Augen vorbei, ihre sanften Hügel haben etwas Versöhnliches, doch ich finde keinen Trost. Walter, zehn Minuten vor der Abfahrt erfuhr ich, dass ein junges Mitglied unserer Familie mit der ­Diagnose Krebs im Krankenhaus liegt. Dadurch ist der Kleine Hazel und Augustus auf einen Schlag um Todesmeilen nähergerückt, als ich es beim Lesen war: Elf Jahre alt und Chemotherapie! Walter, bitte nimm dich seiner an, empfange ihn, falls er von dieser Plattform abtreten müsste. Du weißt, ich glaube nicht an ein Jenseits, wo die Toten auf uns warten. Du bist der Beweis dafür, dass die Toten nicht irgendwo anders, sondern hier sind. Ich spüre dich bei mir und kann Hilfe von dir erwarten.
Von wegen »endlich leben«. Es ist bestimmt so, dass, wer den Tod ins Leben integriert, endlich voll und ganz lebt, dankbar um jeden Atemzug. Dennoch, dass das Leben endlich ist, beleidigt die Wirklichkeit. Bei einem Kind, das bis gerade eben noch spielte, besonders. Die Lebenden müssen die Toten ziehen lassen, das ist ein Schmerz, der unter den Zurückgebliebenen nur durch Solidarität auszuhalten ist. Deshalb haben Beerdigungen durchaus Sinn. Aber es kann nicht sein, dass der Tod eines Menschen nur für die Zurückgebliebenen in das Gefäß des Sozialen eingebunden ist. Es kann doch nur so gehen, dass auch die, die am Ende des Sterbens ankommen und in den Tod gehen, begleitet werden. Es kann nicht anders sein, als dass es eine Solidarität über den Tod hinaus gibt. Dass du dies bestätigst, darum bitte ich dich, Walter, und darum, dass du, flink wie die Toten sind, im rechten Moment am richtigen Ort den rechten Empfang bereitest, vielleicht irgendwann auch für mich. •

 

 

Albert Vinzens (54), Vater von vier Kindern, studierte Philosophie, Geschichte und Psychologie. Er ist Dozent am Rudolf-Steiner-Institut Kassel und lehrt Anthropologie an der Universität Innsbruck.

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