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Für ein Paradigma des Lebens

Ein ermutigendes Projekt in Ecuador zeigt neue Wege in Bildung und Wirtschaft

von Rebeca Wild , erschienen in 03/2010

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Wege aus der Krise: Nach 30 Jahren schloss die innovative Lernumgebung »Pesta« in Ecuador ihre Pforten – und gebar ein Gemeinschaftsprojekt für Leben, Lernen und Wirtschaften im Dienst des Lebens.

Kürzlich fragte uns ein Besucher aus Europa: Wieso ist ausgerechnet in der Pestalozzi-Schule in Ecuador ein neuer Ansatz für alternative Wirtschaft entstanden? Reicht es nicht, dass ihr dreißig Jahre lang mit bis zu 200 Kindern und Jugendlichen zwischen drei und achtzehn Jahren in sorgfältig vorbereiteten Umgebungen, ohne offizielles Programm und formalen Unterricht, ohne Examen und Noten gearbeitet habt und aufgrund neurobiologischer und entwicklungspsychologischer Forschungen sogar von den Behörden anerkannt wurdet? Dazu habt ihr viel Zeit und Energie auf die Arbeit mit Eltern und Mitarbeitern verwendet, damit sie auf die nicht-direktive Erziehung vertrauten und die echten Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen verstehen und respektieren lernten …

Stimmt, aber die Finanzierung dieser Schule war keine leichte Sache, und das erklärt zum Teil unser Interesse an alternativer Wirtschaft: Einerseits weil wir keine staatliche Unterstützung in Anspruch nahmen, denn die hätte zweifellos Unterwerfung unter die bestehenden Normen bedeutet. Andererseits wollten wir auch vermeiden, dass nur zahlungskräftige Eltern sich diese Alternative zum regulären Schulsystem leisten konnten. Dieser Zwiespalt motivierte uns, alternative Wirtschaftsformen auszuprobieren: zuerst eine zinslose Sparkasse, die uns half, Mitarbeitern und ­Eltern in Notfällen beizustehen. Und dann die Möglichkeit, ohne offizielles Geld mit Waren und Dienstleistungen zu handeln, die wir damals in Anlehnung an das kanadische LETS-System »SINTRAL« (Sistema de Intercambios y Transacciones Locales) nannten.

Gemeinsam anders wirtschaften
Samstags veranstalteten wir im »Pesta« einen Markt ohne offizielles Geld. ­Eltern, die sich daran beteiligten, konnten 30 Prozent, arme Eltern sogar bis zu 100 Prozent des Schulgelds in alternativer Währung bezahlen. Ebenso wie die Kinder die Atmosphäre im Pesta, erlebten nun auch die Erwachsenen diese Märkte als »entspannte Umgebung«. An jedem Samstagsmarkt nahmen sie gemeinsame Mahlzeiten ein, machten Musik, redeten viel miteinander und fanden allmählich Zugang zu ihren echten Bedürfnissen. Zum Beispiel erkannten sie die Wichtigkeit menschenwürdiger Behausung, woraus schließlich am Fuß eines Bergs, der wie ein schlafender Löwe aussieht, ein solidarisches Wohnprojekt für Mitarbeiter und Eltern entstand.

Doch diese Erfahrungen hatten bald unerwartete Auswirkungen auf ein weites Umfeld: Über mehr als zehn Jahre unterstützten wir indigene Gemeinschaften und Menschen in verschiedenen Provinzen des Landes bei der Schaffung vorbereiteter Umgebungen für ihre Kinder.

Als im Jahr 1999 Ecuadors Wirtschaft zusammenbrach, danach 2000 ­zwangsweise der amerikanische Dollar als offizielle Währung eingeführt wurde und im reichen Ecuador plötzlich 80 Prozent der Bewohner unter der Armutsgrenze leben mussten, fühlten wir im Pesta die Herausforderung, alle Bekannten, die uns darum baten, bei der Gründung von eigenen alternativen Wirtschaftsgruppen zu unterstützen. Daraus entstand ein weites Netz von Gruppen in unterschiedlichen Klimazonen und Kulturen, denn Ecuador ist ein Land, in dem außer Mischlingen und weißen Einwanderern nicht nur vierzehn verschiedene Indio­nationalitäten, sondern auch Schwarze leben, die sich einst von Sklavenschiffen hierher gerettet hatten. Dank der Unterstützung von Freunden in Europa und durch die Einnahmen aus unseren Seminaren, die wir 20 Jahre lang in verschiedenen europäischen Ländern anboten, konnten wir diese Gruppen mit drei Lastwagen und einem Minibus unterstützen. Menschen aus unterschiedlichen Kulturen konnten sich so persönlich kennenlernen und mit ihren landwirtschaftlichen Produkten aus den verschiedenen Klimazonen in alternativer Währung Handel treiben. Mehrmals organisierten wir Kongresse, damit sich die Koordinatoren und andere Mitglieder der weit voneinander entfernten Gruppen treffen, ihre Erfahrungen austauschen und sich auf gemeinsame Regeln einigen konnten.

Wege aus der Krise finden
In einigen Gruppen entstand die wichtige Frage: Wenn wir jetzt lernen, zumindest teilweise unsere Überlebensprobleme durch alternative Wirtschaft zu lösen, warum zwingen wir dann noch unsere Kinder, sich in der Schule an das normale System anzupassen und sich planmäßig aufs Überleben in der gängigen Wirtschaft vorzubereiten? So übernahmen wir neben all unseren sonstigen Verantwortungen die Aufgabe, solche Gruppen in der Gestaltung von vorbereiteten Umgebungen für die verschiedenen Entwicklungsetappen, im Gebrauch von didaktischen Materialien und in der Reflexion über die Bedeutung der nicht-direktiven Erziehung zu begleiten. Auf diese Weise entstand eine Reihe von »Zentren für autonome Aktivitäten«, kurz: Cepas, die besonders im Einklang mit der Tradition der Indianergemeinschaften stehen, Verantwortung für die eigenen Kinder zu übernehmen. In anderen Kulturen entstanden Zentren, in denen Kinder und Erwachsene nur in der Freizeit Erfahrungen bei autonomen Aktivitäten sammeln. Die gemeinsame Regel ist, dass alle Cepas mit alternativer Währung funktionieren.

Während wir diesen Gruppen beistanden, wurde auch im Pesta der Wirtschaftsdruck auf die Eltern zunehmend spürbar. Im Jahr 2000 konnten nur noch 27 Prozent der Eltern volles Schulgeld zahlen; in den meisten Familien mussten beide Eltern arbeiten gehen, um ihre Grundkosten zu decken, und konnten trotz besseren Wissens und schöner Wünsche ihrem Nachwuchs immer weniger Zuwendung geben. Unvermeidlich hatte der daraus entstehende Zustand der Kinder und Jugendlichen Rückwirkungen auf die entspannte Umgebung des Pesta: Die Kinder hatten weniger Kraft, sich den Herausforderungen ihrer echten Entwicklungsbedürfnisse zu stellen, und sie beschäftigten sich vorrangig damit, ins emotionale Gleichgewicht zu kommen. Die erwachsenen Begleiter mussten in der Schule die mangelnde Zuwendung der Eltern auffangen und mehr Zeit auf Elterngespräche verwenden, denn auch die Eltern standen unter Stress, und das Leben zu Hause wurde zunehmend konfliktgeladen. Da die meisten Mitarbeiter selbst Kinder hatten und ihnen für ihre eigene Familie immer weniger Zeit und Kraft blieb, gerieten sie in eine Art Teufelskreis.

Zusätzlich zu den wöchentlichen Elternsitzungen und Familiengesprächen organisierten wir deshalb zusammen mit allen Mitarbeitern eine Reihe von Dialog­abenden (siehe mein letztes Pesta-Buch »Genügend gute Eltern«). In der Hoffnung, gemeinsam Lösungen zu finden, wollten wir uns noch einmal intensiv mit den Grundlagen unseres Ansatzes und mit den Hindernissen der heutigen Welt, die den Respekt für Lebensprozesse verloren hat, auseinandersetzen.

Einen Neuanfang wagen
Aus diesen Gedanken erwuchs die schwerwiegende Entscheidung, den Pesta, diese erstaunlich erfolgreiche »alter­native Schule« zu schließen, das Grundstück zu verkaufen, um die Schulden für das Wohnprojekt zu begleichen, und alle Mittel und Energie auf die Schaffung des integralen Projekts »León Dormido« (schlafender Löwe) zu konzentrieren. Es sollte für alle Eltern und Mitarbeiter offen sein, die bereit waren, sich auf grundlegende Veränderungen zu einigen: Gemeinsam sollte ein soziales Umfeld geschaffen werden, in dem alle internen Interaktionen mittels einer eigenen Alternativwährung getätigt werden und auch das notwendige offizielle Geld über alternative Konten und gegenseitige Unterstützung ins Projekt eingebracht wird. Diese alternative Wirtschaftsgruppe sollte nicht nur mit persönlichen, sondern auch mit Konten für jeden Arbeitsbereich innerhalb des sozialen Umfelds funktionieren. Die entsprechende Buchhaltung sollte von allen Beteiligten geführt werden, wobei nicht mehr vom »Preis« (precio), sondern von der »Anerkennung« (aprecio) die Rede ist.

Von grundlegender Bedeutung für ­dieses soziale Umfeld ist, dass der Privatbereich jeder Familie respektiert wird, dass die Teilnehmer selbst entscheiden, in welchem Bereich des Projekts sie Verantwortung übernehmen, dass sie aber auch genügend Zeit für gemeinsame Gespräche freihalten (z. B. bei einem gemeinsamem Abendessen pro Woche oder sonstigen themenbezogenen Diskussionen), und alle wichtigen Entscheidungen im Konsens getroffen werden.

Da diese Praxis die Grundidee von ­SINTRAL erweiterte, änderten wir den Namen und sprechen jetzt von ECOSIMIA (»Das Ökosystem ist meine Verantwortung«). Denn unsere Rahmenbedingungen sollen ein Umfeld mit Lebensqualität ermöglichen, in dem die Natur respektiert wird (z. B. ökologischer Landbau, Trocken­toiletten, kein Fernsehen, Lärmvermeidung) und ein soziales Umfeld entsteht, in dem die Eltern, statt ihre Kinder an Fachkräfte zu delegieren, selbst die Verantwortung für ihren Nachwuchs übernehmen und dafür mit der Unterstützung erfahrener Nachbarn in ständiger »Weiterbildung« sind, also noch einmal selbst zu »Schülern« werden.

Trotz der Einladung an alle Eltern und Mitarbeiter des Pesta konnten sich im Jahr 2005 letztlich nur wenige Familien zu diesen radikalen Veränderungen durchringen. Aber alles Lebendige beginnt bekanntlich klein und langsam, und das hilft uns auch, die Prozesse aus der Nähe zu begleiten und verstehen zu lernen. Als vorbereitete Umgebung für Kinder von drei bis dreizehn Jahren konnten wir ein Zentrum für autonome Aktivitäten, Cepa 1, und für Jugendliche und Erwachsene das Cepa 2 ausstatten.

Anders lernen, anders leben
Das »Schulgeld« für die Kinder wie auch die Begleitung der Erwachsenen wird in alternativer Währung »gewürdigt«. Jede zweite Woche treffen sich die Erwachsenen zur gemeinsamen Arbeit mit didaktischem Material, und alle zwei Wochen zu gemeinsamen Besprechungen der Reifeprozesse der Kinder und Jugendlichen. Die Eltern selbst verfassen die pädagogischen Berichte zu den Aktivitäten und Prozessen der Kinder zu Hause, im sozialen Umfeld und in den Cepas. Auch die Erwachsenen dokumentieren regelmäßig ihre eigenen Aktivitäten. Die notwendigen Tätigkeiten im Umfeld werden auf freiwilliger Basis individuell oder in Gemeinschaft geleistet und in alternativer Währung registriert.

Die Rechtsform der Fundación Educativa Pestalozzi dient als Membran gegen­über der »Welt draußen«. Die dafür nötigen Entscheidungen werden im Koordinationsteam getroffen, das sich aus den Verantwortlichen jedes Arbeitsbereichs zusammensetzt. Die gesetzlich vorgesehenen Ämter (z. B. Präsident oder Geschäftsführer), die zu Machtstrukturen führen könnten, werden turnusmäßig gewechselt.

Einmal im Monat treffen sich alle Erwachsenen, um die Bedürfnisse des Projekts und der Familien offen darzulegen und die vorhandenen Mittel je nach Dringlichkeit zu verteilen. Am letzten Samstag jedes Monats wird ein alternativer Markt organisiert, an dem nach Möglichkeit auch andere Ecosimia-Gruppen von nah und fern teilnehmen. Solange die Mittel ausreichen, unterstützen wir diese Gruppen aus anderen Provinzen mit den vorhandenen Lastwagen und einem kleinen Bus beim Austausch von Waren und bei der Pflege von Beziehungen.

Wichtig ist für uns, bei aller Arbeit immer den lebendigen Inhalt dieser praktischen Aspekte im Auge zu behalten: dass wir eine entspannte Umgebung brauchen, um unser menschliches Potenzial aktivieren zu können, das heißt, dass wir von »innen nach außen« fühlen, denken und handeln, statt uns an die bestehende Muss-Gesellschaft anzupassen, die uns unter Druck setzt und uns von unseren echten Reifeprozessen abzulenken droht. Dieser Problematik werden die Kinder von klein an ausgesetzt, wenn sie dazu angehalten werden, zu gehorchen, um Programme zu erfüllen und die authentischen Bedürfnisse ihrer eigenen Entwicklungsetappe hintanzusetzen: »Wenn du heute nicht tust, was von dir verlangt wird, wird aus dir niemals etwas werden. Und wie kannst du dann Geld verdienen?«

Im León Dormido können wir Besucher für beschränkte Zeit aufnehmen, die unser soziales Umfeld kennenlernen möchten. Da wir uns als Großeltern in diesem Jahr entschieden haben, auf unser Alter Rücksicht zu nehmen und keine Seminarreisen in Europa mehr machen werden, haben wir nun Möglichkeiten für Menschen geschaffen, die unseren Ansatz des »Respekts für Lebensprozesse« hier bei uns in Ecuador kennenlernen oder vertiefen möchten. Diese Angebote nennen wir nicht mehr »Kurse«, sondern »Aktivierung eines Paradigmas des Lebens«.

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